Archiv der Kategorie: Kristo Šagor

Im digitalen Regen

Junges DT – Nach dem Roman von John von Düffel: Klassenbuch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

When it rains, it pours, sagt ein englischsprachiges Sprichwort. Man kennt das aus der Pubertät, wenn jede noch so kleine Krise, die schlechte Note, der erste Liebeskummer, der Streit im Freundeskreis, das verlorene Fußballspiel, apokalyptische Züge annehmen kann. Doch was, wenn der Regen nurmehr digital ist, im Zwischenraum des passend so genannten Inter(!)-Nets stattfindet? Was, wenn zur ohnehin schon unmöglich erscheinenden Identitätsfindung in der realen Welt eine solche, die eher einer Identitätserschaffung ähneln mag, im digitalen Raum hinzukommt, wenn sich die eigene Welt unendlich erweitert, die Echokammer, in der man sich befindet riesengroß und zugleich winzig klein wird? Im Laufe der Inszenierung von John von Düffels Roman Klassenbuch mit dem Ensemble des Jungen DT fällt er tatsächlich, der digitale Regen. Fahl und weiß ziehen seine Fäden über die Rückwand und bilden digitale Pfützen auf der angeschrägten Spielfläche, die eigentlich weiß ist, wie das Blatt, welches das junge Leben der Protagonist*innen dem Klischee nach darstellt? Diese Pfützen sind schnell laufende und sich multiplizierende Counter, Leben im digitalen Zeitalter werden zu Datenmengen reduziert, aus- und verwertbar.

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Bild: Arno Declair

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Verheddert im Leben

David Paquet: 2 Uhr 14, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

Das Leben, ein verschwommenes Bild. In 2 Uhr 14 widmet sich der kanadische Dramatiker David Paquet der wohl seltsamsten aller Lebensphasen: dem Erwachsenwerden. Wie schwer ist es doch, klar zu sehen: sich selbst, die Anderen, die Zukunft. Oder auch die eigenen Kinder. Regisseur Kristo Šagor inszeniert die Berliner Erstaufführung des Stücks im Rahmen des Jungen DT mit zwei erwachsenen Schauspielern und vier Jugendlichen. Und er hat dafür ein zwingendes Bild gefunden. Eine Wand aus weißen, elastischen Bändern spannt sich über die gesamte Bühnenbreite und erschweren den Blick auf das, was dahinter liegt, machen es zu einem Schattenspiel mit verzerrten Konjunkturen, gesellen dem Sehen ein Vermuten und Erraten hinzu. Geraten die Bänder in Bewegung, verschwimmt das Bild vollends in einem verwirrenden Vexierspiel, in dem nichts mehr sicher ist. Was für eine Metapher. Im Mittelpunkt des Stücks stehen vier Jugendliche und ein Abwesender, dazu dessen Mutter und ein Lehrer, so verloren wie die, welche er zu unterrichten hat. Katrina wütet gegen sich und die Welt, Josi will schön sein und opfert dafür sich selbst, Linus will „normal“ werden und Norbert glaubt, dass er vorgeben müsse, jemand anderes zu sein, um Erfolg zu haben. Sie alle sind nicht bei sich, suchen das, was sie nicht haben und sind, aber sein zu müssen glauben. Sie wollen Türen, viele Türen, die sich öffnen – wie in Linus‘ drogeninduzierten Träumen – doch sie zeigen keine Auswege, nur Fallen, wenn sie nicht gar verschlossen bleiben. Am Ende bleibt nur der Versuch, mit sich selbst zu leben. Doch wie, wenn man dieses selbst nur bestenfalls verschwommen sieht?

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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