Archiv der Kategorie: Konzerthausorchester Berlin

Im Bunde mit der Musik

Das Konzerthausorchester Berlin unter Christoph Eschenbach spielt Beethovens fünfte Symphonie auf dem Gendarmenmarkt

Von Sascha Krieger

„Endlich wieder live“ steht auf den Transparenten links und rechts der großen Freitreppe, die ins Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt führt. Oder eben nicht, denn der weg zu den verschlossenen Türen ist versperrt – von einer großen Open-Air-Bühne. Die Kunst muss draußen bleiben in Zeiten der Pandemie, also findet sie hier statt. Draußen, fast im Vorübergehen. Mit dem nötigen abstand versehen, auf markierte Kreise aufgeteilt oder auf Campingstühlen hinter der Absperrung auf den Treppen der benachbarten Dome oder an Cafétischen, stehen und sitzen die Kultur-, die Musikhungrigen oder auch die, die zufällig da sind und sich wundern mögen, dass hier gespielt wird und wie viel das bedeutet. Den Ausführenden, den Hörenden, dieser Stadt. Es ist Kunst im Vorübergehen, eine gute halbe Stunde Musik, dann ist diese kurze Auszeit von der Normalität, die keine ist, fast vergessen. Und klingt doch nach. Denn wer hier ist, absichtlich, freiwillig, erwartungsfroh, hat es vermisst, dieses andere Normale, dieses nie nur Nützliche, dieses nicht mit einem bezifferbaren Wert zu Belegende. Kunst, Kultur, Luft zum Denken, Fühlen, Atmen. Die, die hier stehen – im Regen am ersten, in der Sonne am zweiten Abend, sind dankbar für diesen Augenblick des gemeinsamen Erlebens, Hörens, Fallenlassens. Dies hat gefehlt und es fehlt noch immer.

Bild: Sascha Krieger

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Leistungsschau zum Auftakt

Christoph Eschenbach gibt seinen Einstand als Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin mit Mahlers achter Sinfonie

Von Sascha Krieger

Wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass etwas kein Thema oder gar ein Problem sei, kann frau getrost davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall ist. Laut war nach der Entscheidung für den neuen Chefdirigenten des Konzerthausorchesters dessen Alter kommentiert worden. Und d tatsächlich gehören die Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag zu den Höhepunkten von Christoph Eschenbachs erster Spielzeit. Wenn nun die Redner*innen vor dem Saisoneröffnungskonzert, insbesondere Orchestervorstand Karoline Bestehorn und Kultursenator Klaus Lederer beinahe unisono abstreiten, dass man das Alter des Berufenen überhaupt thematisieren solle, zeigen sie vor allem eines: dass die ungewöhnliche Wahl Diskussionsstoff ist und bleiben wird. Während andere Orchester Chefs berufen, die sich (auch) für Größeres empfehlen wollen oder – wie im Fall Kirill Petrenkos, der in der vergangenen Woche endlich sein Amt bei den Berliner Philharmonikern antrat – eine lange künstlerische Beziehung anstreben, geht man im Konzerthaus einen anderen Weg. Hier, wo der mit 68 Jahren vergleichsweise jugendliche Iván Fischer, das Orchester revitalisiert hat, steht künftig ein Mann am Pult, der hier wohl seine letzte Station antritt. Einer, dessen zweifellos bedeutende Karriere weitgehend hinter ihm liegt, ein großer Name, den bekommen zu haben Lederer immer noch nicht recht glauben kann, aber eben einer auf der Zielgeraden seiner Laufbahn.

Christoph Eschenbach dirigiert das Konzerthausorchester Berlin beim Saisoneröffnungskonzert (Bild: martin Walz)

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Fein gewebt

Iván Fischer, Renaud Capuçon und das Konzerthausorchester Berlin eröffnen das Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Die roten Rosen von der Dame im roten Blazer in der ersten Reihe gibt es immer. Eine für den Solisten, der Rest des Straußes für den Dirigenten. Man weiß am Gendarmenmarkt, was man an Iván Fischer, dem stets freundlichen Ungarn, hatte. In seinen sechs Jahren als Chefdirigent des Konzerthausorchesters hat er den Klangkörper hörbar vorangebracht, auf Augen- und Ohrenhöhe mit dem RSB, dem DSO, der Staatskapelle. Und er hat aus dem Konzerthaus einen  Ort musikalischen Lebens gemacht, der sich mit der übermächtigen Philharmonie messen kann, nicht zuletzt mit seinen innovativen Konzertformaten – vom Überraschungskonzert bis zur immersiven „Mittendrin!“-Reihe – und seinen Schwerpunkten und Festivals, den jährlichen Hommagen, die auch internationale Spitzenkünstler- und -ensembles ins Haus bringen. Das bleibt auch nach seinem Abschied so: Der heutige Ehrendirigent leitet auch zukünftig vier (!) Programme pro Spielzeit und kehrt jetzt einfach mal so mit einem sechstägigen Strawinsky-Festival zurück. „Absolut Strawinsky!“ heißt das – der Ungar liebt seine Ausrufezeichen – und sieht Fischer gleich dreimal am Pult – mit drei Orchestern, die ihm am Herzen liegen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Ins Totenreich

Juraj Valčuha dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Schubert und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Es gibt Konzertprogramme, die Fragezeichen auslösen. Ein solches dirigiert jetzt Juraj Valčuha beim Konzerthausorchetser, dessen erster Gastdirigent der Slowake seit der vergangenen Spielzeit ist. Franz Schuberts jugendlich leichtes Frühwerk seiner dritten Sinfonie gepaart mit Dmitri Schostakowitschs blut- und angstgetränkter 13. – wie geht das zusammen? Vielleicht stellten sich auch viele potenzielle Konzertgänger*innen diese Frage – zumindest am ersten Abend bleiben doch etliche Plätze unbesetzt. Das ist schade, denn es gelingt, aus dieser zunächst ungewöhnlich wirkenden Mischung einen starken und stimmigen  Konzertabend zu machen. Das hat auch damit zu tun, dass Valčuha Schostakowitsch klar ins Zentrum des Programms rückt und ihn zu dessen Ausgangs- und Fluchtpunkt macht. Das hat natürlich Auswirkung auf Schuberts Dritte.

Juraj Valčuha (Bild: Konzerthaus Berlin)

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Bitte recht freundlich

Das Konzerhausorchester Berlin, András Schiff und Ivan Fischer mit Werken von Strauss, Brahms und Schubert im Rahmen der Hommage an die Wiener Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Wenn man sich Gäste einlädt, gebührt es sich, sie zunächst einmal angemessen zu begrüßen. Das hält auch das Konzerthaus Berlin so, das sich für seine jährliche Hommage in diesem Jahr ein ganzes Orchester ausgesucht haben: die altehrwürdigen Wiener Philharmoniker, die im vergangenen Jahr ihr 175-jähriges Bestehen feierten. Sie verbindet eine lange und enge Geschichte mit dem Haus: Nur drei Wochen nach der (Wieder-?)Eröffnung im Oktober 1984 gastierten sie hier zum ersten Mal, gut ein Dutzend Auftritte folgten, zuletzt waren sie vor wenigen Wochen in einer Art Hommage-Vorspiel mit einem besonderen 360-Grad-Konzert im Haus. Doch wie gesagt: Zunächst wollen die Gäste begrüßt werden, bevor sie in der kommenden Woche zwei weitere Gastspiele bestreiten. Das übernimmt natürlich der Hausherr, das Konzerthausorchester, geleitet von Ivàn Fischer, der bis zur vergangenen Spielzeit Chefdirigant war und als Ungar eine gewisse KuK-Note in die Feierlichkeiten bringen könnte. Ähnliches gilt für Solist András Schiff, derzeit Artist in Residence am Konzerthaus.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Der Geist aus der Holzkiste

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Mahlers fünfter Symphonie beim Musikfest Berlin 2017

Von Sascha Krieger

Gäbe es einen Preis für den ungewöhnlichsten Konzertbeginn, das Gastspiel des Konzerthausorchesters Berlin im Rahmen des Musikfests Berlin hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Das Orchester ist vollständig versammelt, auch Chefdirigent Iván Fischer ist da und setzt sich neben sein Pult. Davor steht ein Flügel und vor diesem ein hölzerner Kasten. Es ist ein Welte-Mignon-Apparat, ein um die vorletzte Jahrhundertwende entwickelter Vorläufer moderner Tonaufnahmetechnologien. Bevor sich Töne wirklich aufnehmen und abspielen ließen, entwickelte die Freiburger Firma Welte & Söhne ein Verfahren, mit dem es möglich war, das Klavierspiel inklusive Anschlagstechnik, Dynamik und Tempo nach dem Lochkartenprinzip aufzuzeichnen und mit Hilfe besagten Apparats auf einem echten Klavier wieder abzuspielen. Zu denen, die im Leipziger Aufnahmestudio derartige Aufnahmen einspielten, gehörte Gustav Mahler. An einem Novembertag des Jahres 1905 spielte er unter anderem den Kopfsatz seiner 5. Symphonie auf dem Klavier ein. Diese Aufnahme ist nun in der Philharmonie zu hören, bevor sich Fischer und sein Orchester dem Werk widmen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Schubert in der Volkshochschule

Iván Fischer dirigiert ein reines Schubert-Programm beim Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Mit Marathons kennt man sich am Konzerthaus Berlin bestens aus. Die Strecke des „richtigen“ führt jeden September am Haus vorbei und auch künstlerisch hat man sich vom  Langstreckenrennen inspirieren lassen. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen (und jetzt bald wieder ehemaligen) Chefdirigenten Iván Fischer, einen ganzen Tag einem Komponisten zu widmen. Den Anfang machte Beethoven, Mozart, Bach und Dvořák haten seitdem die Ehren und nun also Franz Schubert. Kernstück des „Marathons“ ist stets ein Konzert des Konzerthausorchesters unter Leitung seines Chefdirigenten, das sich auch schon vorab zweimal hören lässt, bevor es am Marathon-Tag (in diesem Jahr Sonntag, der 20. November) zum letzten Mal erklingt. Für die Schiubert-Ausgabe hat sich Fischer zwei programmatische Eckpfeiler gesetzt: Erstens sollten es nicht die ganz bekannten Werke des Wieners sein, zweitens sollte das Programm das gesamte Spektrum des Komponisten reflektieren. Am Ende stehen fünf Werke: eine Tanz-Suite, ein Lied, ein solistisches Konzertstück, eine Ouvertüre und eine Symphonie. So weit, so repräsentativ.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Am Boden geblieben

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe

Von Sascha Krieger

Es war 1818, 16 Jahre vor der Uraufführung des kompletten Werks in der Berliner Singakademie, da nannte der Schweizer Musikhistoriker Hans-Georg Nägeli Johann Sebastian Bachs Messe i-Moll BWV 232 „das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Das Programmheft der Aufführung durch das Berliner Konzerthausorchester enthält das Zitat mehrfach. Das ist auch bitter nötig, denn das, was Chefdirigent Iván Fischer mit dem Werk anstellt, lässt diesen Schluss nicht zu. Da ist es nur fair, darauf hinzuweisen, dass das beileibe nicht am Komponisten liegt. Bachs Musik strebt – auch da, wo sie vermeintlich nur sich selbst genügt – immer nach Höherem. Sie ist Feier der Welt, Stimme des menschlichen Loses und Huldigung eines höheren Schöpfers. Das gilt nirgendwo mehr als in der h-Moll-Messe, ein Werk, das alle Dimensionen liturgischer Musik sprengt, das asketisch klar ist und allumfassend zugleich, innig und pathetisch, das Universum umarmend und in der Einsamkeit der menschlichen Seele wohnend. Bachs Musik will immer nach oben, am meisten wohl hier. Doch wenn Iván Fischer den in diesem Fall imaginären Taktstock hebt, bleibt sie fest am Boden. Und rührt sich nicht von der Stelle.

Iván Fischer (Foto: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Foto: Marco Borggreve)

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In zwei Welten

Dmitri Kitajenko dirigiert ein russisches Programm beim Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn Werke der beiden Sergejs, Prokofjew und Rachmaninow, auf dem Programm stehen und dann neben einem Orchester auch ein Klavier im Spiel ist, darf man in der Regel davon ausgehen, dass ein Klavierkonzert des Letzteren gepaart ist mit einer Symphonie des Ersteren. Dass es diesmal genau umgekehrt ist, darf als erste Überraschung dieses russischen Abends gelten, den neben dem Konzerthausorchester Berlin mit Dirigent Dmitri Kitajenko und Pianistin Elisabeth Leonskaja zwei Landsleute der Komponisten gestalten. Auch ansonsten gibt es derer einige: Die betreffen weniger die Musik, der Kitajenko und Orchester wenig Neues entlocken und das wohl auch nicht wollen. Überraschend ist eher, wie variabel das Konzerthausorchester mittlerweile zu spielen vermag, wie sehr es in der Lage ist, Klang und Spiel dem jeweiligen Werk anzupassen. Fast scheint es, als erlebten wirr an diesem Abend zwei unterschiedliche Klangkörper: ein schlanker, sachlicher, detailscharfer und ein schwelgerisch romanischer mit vollem, voluminösem Ton. Überzeugen können sie beide.

Dmitrij Kitajenko (Foto: Gert Mothes)

Dmitrij Kitajenko, Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Gert Mothes)

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Auf schwerem Fuß

Ein Brahms-Abend mit Arcadi Volodos und dem Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer

Von Sascha Krieger

Brahms „Zweite“ gelten gemeinhin als, heitere, lichte, freundliche Werke. Das gilt für seine zweite Symphonie ebenso wie für sein zweites Klavierkonzert. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Weg von „leicht“ zu „leichtgewichtig“ jedoch oftmals nicht sehr weit. Wenn sich jetzt das Konzerthausorchester Berlin mit Chefdirigent Iván Fischer und „Artist in Residence“ Arcadi Volodos diesen beiden Werken widmen, wird schnell eines klar: Das Risiko, den Werken fehlende Substanz vorwerfen zu lassen, wollen sie unter keinen Umständen eingehen. Und so geht Volodos sogleich sehr energisch, zuweilen fast ruppig zu Werke, wählt einen festen, oft regelrecht harten Anschlag, setzt starke rhythmische Akzente und beäugt jeglichen melodischen Fluss eher kritisch. Das Orchester dagegen verschleppt, zieht sich zurück in einen intransparenten, nie strahlenden, gerade am Anfang streckenweise dumpfen Klang zurück und überlässt dem Solisten das Feld. Das geht auf Kosten der Energie, gerade der Kopfsatz wirkt über weite Strecken richtiggehend blutleer. Ist Kraft gefordert, zieht Fischer die Zügel an. Das Ergebnis ist zumeist jedoch ein noch engeres Korsett, das die Lebendigkeit weiter einschnürt. Das bleibt auch im zweiten Satz so: Das Orchester wirkt unentschlossen – mal bremst es, dann überbetont es dynamische Kontraste und auch der Klang hat mit mancher Unwucht zu kämpfen, während Volodos auf sein Instrument einhämmert, wie man es bei Brahms selten erlebt.

Arcadi Volodos (Foto: Marco Borggreve)

Arcadi Volodos (Foto: Marco Borggreve)

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