Archiv der Kategorie: Konzerthausorchester Berlin

Bitte recht freundlich

Das Konzerhausorchester Berlin, András Schiff und Ivan Fischer mit Werken von Strauss, Brahms und Schubert im Rahmen der Hommage an die Wiener Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Wenn man sich Gäste einlädt, gebührt es sich, sie zunächst einmal angemessen zu begrüßen. Das hält auch das Konzerthaus Berlin so, das sich für seine jährliche Hommage in diesem Jahr ein ganzes Orchester ausgesucht haben: die altehrwürdigen Wiener Philharmoniker, die im vergangenen Jahr ihr 175-jähriges Bestehen feierten. Sie verbindet eine lange und enge Geschichte mit dem Haus: Nur drei Wochen nach der (Wieder-?)Eröffnung im Oktober 1984 gastierten sie hier zum ersten Mal, gut ein Dutzend Auftritte folgten, zuletzt waren sie vor wenigen Wochen in einer Art Hommage-Vorspiel mit einem besonderen 360-Grad-Konzert im Haus. Doch wie gesagt: Zunächst wollen die Gäste begrüßt werden, bevor sie in der kommenden Woche zwei weitere Gastspiele bestreiten. Das übernimmt natürlich der Hausherr, das Konzerthausorchester, geleitet von Ivàn Fischer, der bis zur vergangenen Spielzeit Chefdirigant war und als Ungar eine gewisse KuK-Note in die Feierlichkeiten bringen könnte. Ähnliches gilt für Solist András Schiff, derzeit Artist in Residence am Konzerthaus.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Der Geist aus der Holzkiste

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Mahlers fünfter Symphonie beim Musikfest Berlin 2017

Von Sascha Krieger

Gäbe es einen Preis für den ungewöhnlichsten Konzertbeginn, das Gastspiel des Konzerthausorchesters Berlin im Rahmen des Musikfests Berlin hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Das Orchester ist vollständig versammelt, auch Chefdirigent Iván Fischer ist da und setzt sich neben sein Pult. Davor steht ein Flügel und vor diesem ein hölzerner Kasten. Es ist ein Welte-Mignon-Apparat, ein um die vorletzte Jahrhundertwende entwickelter Vorläufer moderner Tonaufnahmetechnologien. Bevor sich Töne wirklich aufnehmen und abspielen ließen, entwickelte die Freiburger Firma Welte & Söhne ein Verfahren, mit dem es möglich war, das Klavierspiel inklusive Anschlagstechnik, Dynamik und Tempo nach dem Lochkartenprinzip aufzuzeichnen und mit Hilfe besagten Apparats auf einem echten Klavier wieder abzuspielen. Zu denen, die im Leipziger Aufnahmestudio derartige Aufnahmen einspielten, gehörte Gustav Mahler. An einem Novembertag des Jahres 1905 spielte er unter anderem den Kopfsatz seiner 5. Symphonie auf dem Klavier ein. Diese Aufnahme ist nun in der Philharmonie zu hören, bevor sich Fischer und sein Orchester dem Werk widmen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Schubert in der Volkshochschule

Iván Fischer dirigiert ein reines Schubert-Programm beim Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Mit Marathons kennt man sich am Konzerthaus Berlin bestens aus. Die Strecke des „richtigen“ führt jeden September am Haus vorbei und auch künstlerisch hat man sich vom  Langstreckenrennen inspirieren lassen. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen (und jetzt bald wieder ehemaligen) Chefdirigenten Iván Fischer, einen ganzen Tag einem Komponisten zu widmen. Den Anfang machte Beethoven, Mozart, Bach und Dvořák haten seitdem die Ehren und nun also Franz Schubert. Kernstück des „Marathons“ ist stets ein Konzert des Konzerthausorchesters unter Leitung seines Chefdirigenten, das sich auch schon vorab zweimal hören lässt, bevor es am Marathon-Tag (in diesem Jahr Sonntag, der 20. November) zum letzten Mal erklingt. Für die Schiubert-Ausgabe hat sich Fischer zwei programmatische Eckpfeiler gesetzt: Erstens sollten es nicht die ganz bekannten Werke des Wieners sein, zweitens sollte das Programm das gesamte Spektrum des Komponisten reflektieren. Am Ende stehen fünf Werke: eine Tanz-Suite, ein Lied, ein solistisches Konzertstück, eine Ouvertüre und eine Symphonie. So weit, so repräsentativ.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Am Boden geblieben

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe

Von Sascha Krieger

Es war 1818, 16 Jahre vor der Uraufführung des kompletten Werks in der Berliner Singakademie, da nannte der Schweizer Musikhistoriker Hans-Georg Nägeli Johann Sebastian Bachs Messe i-Moll BWV 232 „das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Das Programmheft der Aufführung durch das Berliner Konzerthausorchester enthält das Zitat mehrfach. Das ist auch bitter nötig, denn das, was Chefdirigent Iván Fischer mit dem Werk anstellt, lässt diesen Schluss nicht zu. Da ist es nur fair, darauf hinzuweisen, dass das beileibe nicht am Komponisten liegt. Bachs Musik strebt – auch da, wo sie vermeintlich nur sich selbst genügt – immer nach Höherem. Sie ist Feier der Welt, Stimme des menschlichen Loses und Huldigung eines höheren Schöpfers. Das gilt nirgendwo mehr als in der h-Moll-Messe, ein Werk, das alle Dimensionen liturgischer Musik sprengt, das asketisch klar ist und allumfassend zugleich, innig und pathetisch, das Universum umarmend und in der Einsamkeit der menschlichen Seele wohnend. Bachs Musik will immer nach oben, am meisten wohl hier. Doch wenn Iván Fischer den in diesem Fall imaginären Taktstock hebt, bleibt sie fest am Boden. Und rührt sich nicht von der Stelle.

Iván Fischer (Foto: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Foto: Marco Borggreve)

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In zwei Welten

Dmitri Kitajenko dirigiert ein russisches Programm beim Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn Werke der beiden Sergejs, Prokofjew und Rachmaninow, auf dem Programm stehen und dann neben einem Orchester auch ein Klavier im Spiel ist, darf man in der Regel davon ausgehen, dass ein Klavierkonzert des Letzteren gepaart ist mit einer Symphonie des Ersteren. Dass es diesmal genau umgekehrt ist, darf als erste Überraschung dieses russischen Abends gelten, den neben dem Konzerthausorchester Berlin mit Dirigent Dmitri Kitajenko und Pianistin Elisabeth Leonskaja zwei Landsleute der Komponisten gestalten. Auch ansonsten gibt es derer einige: Die betreffen weniger die Musik, der Kitajenko und Orchester wenig Neues entlocken und das wohl auch nicht wollen. Überraschend ist eher, wie variabel das Konzerthausorchester mittlerweile zu spielen vermag, wie sehr es in der Lage ist, Klang und Spiel dem jeweiligen Werk anzupassen. Fast scheint es, als erlebten wirr an diesem Abend zwei unterschiedliche Klangkörper: ein schlanker, sachlicher, detailscharfer und ein schwelgerisch romanischer mit vollem, voluminösem Ton. Überzeugen können sie beide.

Dmitrij Kitajenko (Foto: Gert Mothes)

Dmitrij Kitajenko, Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Gert Mothes)

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Auf schwerem Fuß

Ein Brahms-Abend mit Arcadi Volodos und dem Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer

Von Sascha Krieger

Brahms „Zweite“ gelten gemeinhin als, heitere, lichte, freundliche Werke. Das gilt für seine zweite Symphonie ebenso wie für sein zweites Klavierkonzert. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Weg von „leicht“ zu „leichtgewichtig“ jedoch oftmals nicht sehr weit. Wenn sich jetzt das Konzerthausorchester Berlin mit Chefdirigent Iván Fischer und „Artist in Residence“ Arcadi Volodos diesen beiden Werken widmen, wird schnell eines klar: Das Risiko, den Werken fehlende Substanz vorwerfen zu lassen, wollen sie unter keinen Umständen eingehen. Und so geht Volodos sogleich sehr energisch, zuweilen fast ruppig zu Werke, wählt einen festen, oft regelrecht harten Anschlag, setzt starke rhythmische Akzente und beäugt jeglichen melodischen Fluss eher kritisch. Das Orchester dagegen verschleppt, zieht sich zurück in einen intransparenten, nie strahlenden, gerade am Anfang streckenweise dumpfen Klang zurück und überlässt dem Solisten das Feld. Das geht auf Kosten der Energie, gerade der Kopfsatz wirkt über weite Strecken richtiggehend blutleer. Ist Kraft gefordert, zieht Fischer die Zügel an. Das Ergebnis ist zumeist jedoch ein noch engeres Korsett, das die Lebendigkeit weiter einschnürt. Das bleibt auch im zweiten Satz so: Das Orchester wirkt unentschlossen – mal bremst es, dann überbetont es dynamische Kontraste und auch der Klang hat mit mancher Unwucht zu kämpfen, während Volodos auf sein Instrument einhämmert, wie man es bei Brahms selten erlebt.

Arcadi Volodos (Foto: Marco Borggreve)

Arcadi Volodos (Foto: Marco Borggreve)

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Musikalisches Familienerbe

Michael Sanderling dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Beethoven und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, denen ist die Affinität zu bestimmten Komponisten bereits in die Wiege gelegt. Bei Michael Sanderling und Dmitri Schostakowitsch ist das sicherlich der Fall: Vater Kurt war seit seiner Zeit bei den Leningrader Philharmonikern eng mit dem Komponisten befreundet, Halbbruder Thomas durfte die deutschen Erstaufführungen seiner 13. und 14. Symphonien dirigieren. Da verwundert es nicht, dass auch der 47-jährige Michael längst als ausgewiesener Schostakowitsch-Spezialist gilt. Dass diese Einschätzung gerechtfertigt ist, zeigt er eindrucksvoll bei seinem Gastspiel mit dem Konzerthausorchester, das unter seinem früheren Namen Berliner Sinfonie-Orchester maßgeblich von Kurt Sanderling geprägt wurde, der hier 17 Jahre lang Chefdirigent war. Die gemeinsame Einspielungen fast aller Schostakowitsch-Symphonien zählen bis heute zu den Referenzaufnahmen. Ausgesucht hat sich der Sohn mit der Fünften ein besonders schwieriges Exemplar: nachdem Schostakowitsch mit seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk bei Stalin in Ungnade gefallen war – sie sperrige und hochkomplexe Vierte wurde erst nach dem Tod des Diktators uraufgeführt – und um sein Leben fürchten musste, galt seine Fünfte lange als Bekehrung des verlorenen Sohns zum sozialistischen Realismus, das Finale als Jubelfeier des Sozialismus.

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

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Raum nach oben

Das Konzerthausorchester Berlin spielt Brahms unter Leitung von Iván Fischer

Von Sascha Krieger

Die Symphonien von Johannes Brahms erfreuen sich bei den führenden Berliner Orchestern derzeit großer Beliebtheit. Gleich zwei Klangkörper haben in dieser Spielzeit komplette Zyklen im Programm. Den Anfang machten die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle, die im vergangenen Herbst Brahms‘ Symphonien denen seines Mentors und Bewunderers Robert Schumann gegenüberstellten. Iván Fischer und das Konzerthausorchester ziehen jetzt nach und haben im Dezember ihren Zyklus mit der 1. Symphonie begonnen. Herz- und Mittelstück ist jetzt ein Abend mit den Symphonien drei und vier. Vergleiche zu den Aufführungen der Philharmoniker verbieten sich, zu unterschiedlich sind die Charaktere und, das sollte man auch im Auge behalten, will man wirklich ehrlich sein, die Entwicklungsstände der Klangkörper. Fischer hat ein vergleichsweise junges Orchester vorgefunden, das er langsam zurück in die Spitzengruppe des Berliner Musiklebens zurückführt. Wie weit er bereits gekommen ist, ist auch an diesem Abend zu hören. In Sachen Klangkultur und Spieldisziplin hat das Konzerthausorchester bereits ein beeindruckendes Niveau erreicht.

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

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Tasten in der Dunkelheit

Konzerthausorchester Berlin und Dresdner Kreuzchor spielen Haydns Oratorium Die Schöpfung

Von Sascha Krieger

Zweifellos gehört Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung  heute zu den populärsten Werken des ältesten der Wiener Klassiker. Etwas seltsam anmutet es jedoch bis heute. Das hat sicher damit zu tun, dass Haydn hier unverblümt zurückblickt und sich an einem musikalischen Konzept versucht, das zum Entstehungszeitpunkt schon längst der Vergangenheit anzugehören schien. Die Blütezeit der großen protestantischen Oratorien lag im Barock, bei Bach und Händel, die aufgeklärte Zeit der Wiener Klassik hatte wenig dafür übrig. Zumal Haydn das Genre auch nicht wirklich in seine Gegenwart holt – immer wieder fällt Die Schöpfung in barocke Klangmuster, insbesondere die Polyphonie der großen Chorpassagen haben mit Händel viel mehr gemein als mit Mozart oder gar Haydns eigenem Werk. Den Schmerzensgestus der Bachschen und in geringerem Maß auch der Oratorien Händels will er nicht wiederholen, stattdessen sucht er sein Heil in volkstümlichen Weisen, dessen Tendenz zur Lautmalerei heute irritiert. Und so so ganz will auch der Händelsche Jubel nicht gelingen. kurz und gut: Haydns Schöpfung ist ein Werk, das mit sich ringt, aus der zeit gefallen und doch in seine Zeit drängend wirkt, ohne dort anzukommen. Für heutige Interpreten erleichtert das den Zugriff nicht gerade. Da kommt Roderich Kreile, seit 1997 Leiter des Dresdner Kreuzchors vielleicht gerade recht, ein Dirigent, der aus der kirchlichen wie der chorischen Tradition kommt und musikalisch fest verankert ist. Und der Haydns Großwerk die Intimität zurückgibt, die Kirchenmusik zumeist eigen ist, ohne ihn in Ernst und Strenge versauern zu lassen. Diese Genesis-Vertonung ist eben zu allererst eine Feier des Lebens.

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

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Mahler, der Entdecker

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Bach, Ligeti und Mahler beim Musikfest Berlin 2014

Von Sascha Krieger

Gustav Mahler erste Symphonie hat es ihren Publikum nie leicht gemacht. Der musikalische Raum, den sie durchschreiten, von den vermeintlich niederen Sphären volksmusikalischer Tradition bis an die und zuweilen über die Grenze der Tonalität, die Nähe von tiefem Ernst und greller Überzeichnung, deren Grenzen fließend sind und zur Verunsicherung des Zuhörers beitragen, haben nicht nur das Publikum der Uraufführung vor den Kopf gestoßen. Das erste Statement des Symphonikers Mahler ist eines, das Traditionen über den Haufen wirft und Türen nicht nur eintritt, sondern gleich die umgebende Wand mit einreißt. Auch für die Interpreten bleibt Mahlers Erste schwierig: Fokussiert man das Volkstümliche oder das Moderne, blickt man zurück oder voraus oder sicht man die Balance beider und wenn ja, wo ist diese zu finden? Doch damit enden die Probleme vielleicht, sie beginnen weit früher und schließen die Programmgestaltung ein. Mahlers erste ist ein Monstrum, das nichts neben sich duldet, mit einer Länge von etwa einer Stunde aber zu kurz ist, einen Abend allein zu füllen. was aber stellt man ihr an die Seite? Iván Fischer und sein Konzerthausorchester versuchen es mit dem ganz weiten musikhistorischen Bogen, mit Johann Sebastian Bach und György Ligeti. Das geht gründlich schief.

Iván Fischer, seit 2012 Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Iván Fischer, seit 2012 Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Marco Borggreve)

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