Archiv der Kategorie: Koninklijk Concertgebouworkest

Der Klang der Ehrlichkeit

Philippe Herreweghe dirigiert Bachs h-Moll-Messe beim Weihnachtskonzert des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Es geht schlicht zu im großen Saal des Amsterdamer Concertgebouw bei der diesjährigen Weihnachtsmatinee des nach dem Gebäude benannten Orchesters. Gegenüber früheren Jahren ist der saisonale Schmuck auf das Notwendigste reduziert. Lediglich links und rechts stehen zwei Kästen mit Weihnachtssternen, die sich leicht übersehen lassen. Protestantisch nüchtern gibt sich der Saal – passend zum Werk, das hier erklingt. Nachdem das Orchester in den beiden Vorjahren das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach spielte, steht diesmal dessen „Hohe Messe“ in h-Moll auf dem Programm. Als Dirigent hat das Orchester sich den belgischen Bach-Spezialisten Philippe Herreweghe, einer der renommiertesten Vertreter der historisch-informierten Aufführungspraxis samt dem von ihm gegründeten Chor Collegium Vocal Gent an die Seite geholt. Und so schlicht und unspektakulär wie es im Saal aussieht, geht es dann auch musikalisch zu. Dabei erweist sich Herreweghe keinesfalls als Purist. Während es bei anderen „historisch informierten“ Dirigenten schon mal sehr trocken zugehen kann, findet Herreweghe einen Weg, der seiner Bach-Lesart ebenso entspricht wie dem Orchester, vor dem er hier steht. Das Ergebnis ist ein hochkonzentrierter, analytisch scharfer und aufs Wesentlicher reduzierter, doch zugleich ungeheuer gefühlswarmer und klanglich geschliffener Bach, der auf die bestmögliche Weise zwischen den Welten wandelt.

Das Concertgebouw Amsterdam (Bild: Sascha Krieger)

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Der Klang der Behauptung

Musikfest Berlin 2017 – Das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam  unter Daniele Gatti mit Werken von Weber, Rihm und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wie folgt man einem Dirigenten wie Mariss Jansons nach – allseits geschätzt, von vielen als der beste seiner Zunft gefeiert, einer, der wie kein anderer analytische Schärfe, klangliche Perfektion und emotionale Tiefe zu verknüpfen vermag und die von ihm geleiteten Orchester regelmäßig an die Weltspitze führt. Gerade vierzehn Jahre stand er dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor, die nach dem Gründungsdirigenten des Orchesters Willem Kes Ende des 19. Jahrhunderts zweitkürzeste Amtszeit eines Chefdirirenten. Und doch schaffte er es, dass der Klangkörper schon bald im gleichen Atemzug mit den Berliner und Wiener Philharmonikern genannt wurde, wenn es darum ging, welches das beste Orchester der Welt sei. In einem entsprechenden Ranking des altehrwürdigen Gramophone Magazine landete das RCO schon 2008, vier Jahre nach Jansons‘ Amtstantritt auf Platz eins. Schwerer könnte es also kaum sein, das Erbe, das Daniele Gatti, selbst ein Schwergewicht der Dirigentenszene, antritt. Da heißt es, Akzente zu setzen, die neue Ära schnell zu definieren. Also startet Gatti mit einem Großprojekt. „RCO Meets Europe“ heißt es und führt das Orchester zwischen 2016 und 2018 in alle 28 Mitgliedsstaaten der europäischen Union. Ein wunderbares Symbol der kulturellen Verbundenheit eines Kontinents, der derzeit eher durch Zerrissenheit Schlagzeilen macht.

Daniele Gatti dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Kai Bienert)

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Kosmische Klänge

Dresdner Musikfestspiele 2016 – Semyon Bychkov dirigiert das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam

Von Sascha Krieger

Wäre er nicht so bescheiden, müsste man Mariss Jansons in Amsterdam irgendwann ein Denkmal aufstellen. Am besten direkt vor das Concertgebouw, in dem er das dort ansässisge Orchester während der 12 Jahre als Chefdirigent zum in den Augen nicht weniger Experten besten der welt geformt hat. In Sachen Klangkultur und interpretatorischer Genauigkeit reichen bestenfalls noch die Berliner Philharmoniker an den „königlichen“ Klangkörper heran. Nun ist Jansons weg und so mancher in Amsterdam fürchtet, dass ich das Erreichte nicht halten lässt. Noch zumindest besteht keinerlei Grund zur Besorgnis, zieht man das Gastspiel im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele  um heran. Die unvergleichliche Mischung von geschliffenem Klang, höchster Klangdichte und größter Transparenz, so etwas wie die Quadratur des Kreises in der Welt orchestraler Musik, ist unüberhörbar nach wie vor präsent. Wenn man dann noch einen Dirigenten wie Semyon Bychkov am Pult hat, der wie kein zweiter in seinen Interpretationen Leidenschaft und Analyse zu paaren vermag, darf sich der Zuhörer auf Außergewöhnliches freuen. Das Publikum in der Semperoper zumindest wurde nicht enttäuscht.

Semyon Bychkov (Bild: Sheila Rock)

Semyon Bychkov (Bild: Sheila Rock)

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Mit Pauken und Trompeten

Weihnachtskonzert des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit Bachs Weihnachtsoratorium

Von Sascha Krieger

Weihnachten ist die Zeit, zu der Orchestermusiker ein paar freie Tage genießen können. Nicht viele, schließlich wollen die Konzerte zum Jahreswechsel vorbereitet sein. Nicht so in Amsterdam: Was für andere Klangkörper das Silvester- oder Neujahrskonzert, ist für das Royal Concertgebouuw Orchestra die Weihnachtsmatinee am 1. Feiertag. Dabei steht beileibe nicht nur Weihnachtliches auf dem Programm, im vergangenen Jahr etwa gab es Mahlers 4. Symphonie. Das diesjährige Konzert ist wirklich eine Ausnahme, hat das Orchester doch zum ersten Mal sein Jahrzehnten Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium auf dem Programm, genauer gesagt dessen erste drei Teile. Damit es nicht zu weihnachtlich wird, lässt Dirigent Jan Willem de Vriend das werk denn auch nicht mit dem berühmten Freudenruf „Jauchzet! Frohlocket“ beginnen. Stattdessen singt der Chor der Cappella Amsterdam „Tönet ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“, die ersten Worte der dem ersten Stück zugrunde liegenden weltlichen Kantate. Hier soll es also nicht um den Lobpreis des Herrn gehen, sondern ganz um die Musik. Keine schlechte Idee.

Das Concertgebouw Amsterdam (Foto: Sascha Krieger)

Das Concertgebouw Amsterdam (Foto: Sascha Krieger)

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Zwischen den Zeilen

Weihnachtskonzert von Mariss Jansons und dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit Mahlers vierter Symphonie

Von Sascha Krieger

Ein bisschen Wehmut glaubt der Besucher schon zu verspüren, die den Saal erfüllt, wenn Mariss Jansons zum letzten Mal als Chefdirigent das Weihnachtskonzert des Royal Concertgebouw Orchestra im altehrwürdigen Amsterdamer Concertgebouw leitet. Vor allem ist da aber jede Menge Dankbarkeit, Sympathie, Liebe fast, die sich in sofortigen und vollständigen stehenden Ovationen entlädt, sobald das etwa einstündige Konzert vorbei ist. Man wird ihn vermissen, den feingeistigen, bescheidenen stillen Letten, wenn er zum Ende der laufenden Spielzeit seine Position verlassen wird. Und das obwohl seine Amtszeit mit elf Jahren die zweitkürzeste eines Chefdirigenten dieses Orchesters gewesen sein wird – sein Vorgänger Riccardo Chailly etwa blieb 16 Jahre, dessen Vorgänger Bernhard Haitink mehr als 20. Und doch hat Jansons das Orchester mindestens ebenso geprägt wie sie. Übernahm er bereits ein Orchester der Spitzenklasse, formte er es zu einem Klangkörper, das es in Sachen Flexibilität, Virtuosität und Klangkultur nicht nur mit jedem Orchester der Welt aufnehmen kann. Sein schlanker, transparenter, ungeheuer klarer Klang, seine Verbindung höchster Flexibilität, wie sie etwa die Berliner Philharmoniker auszeichnet, mit bestechender klanglicher Schönheit – sein Streicherklang steht dem der Wiener in nichts nach – suchen ihresgleichen. Nicht wenige Experten – darunter auch jene Kritiker, die es schon 2008 auf Platz 1 des weltweiten Orchester-Rankings des Gramophone Magazin hoben, hielten das Orchester heute für das beste der Welt, wäre eine solche Behauptung nicht weitgehend inhaltsleer. Wie Perfektion klingt -– und das sie alles andere als steril sein muss – beweisen Orchester und Chefdirigent regelmäßig.

Das Concertgebouw in Amsterdam (Foto: Sascha Krieger)

Das Concertgebouw in Amsterdam (Foto: Sascha Krieger)

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Die Glücklichmacher

Mariss Jansons und das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam zu Gast beim Musikfest Berlin 2014

Von Sascha Krieger

Was macht einen Dirigenten eigentlich zu einem großen seiner Zunft? Vielleicht liegt die Antwort in der Entwicklung der Orchester, denen er – oder sie – als Chefdirigent oder Musikdirektor leiten. Im Falle von Mariss Jansons in die Bilanz beeindruckend: Zwei zuvor weitgehend unbekannte Orchester – die Osloer Philharmonie und das Pittsburgh Symphony Orchester formte er zu Klangkörpern von internationalem Rang, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks steht heute auf einer Stufe mit den bedeutendsten Orchestern Europas und Amerikas und das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester gilt manchem Experten als bestes der Welt. Um zu erkennen, dass das nicht grundlos ist, genügen schon die ersten Takte seines wohl letzten Gastspiels mit dem Concertgebouw-Orchester als dessen Chef – zum Ende der gerade beginnenden Spielzeit wird Jansons seine Amtszeit in Amsterdam beenden. Und so schwingt ein klein wenig Abschiedsschmerz mit, wenn der Lette den Taktstock erhebt. Und verschwindet doch gleich wieder: So zwingend zieht die musikalische Eintracht von Dirigent und Orchester von der ersten Sekunde an das Publikum in seinen Bann. Vielleicht braucht es eine simple, möglicherweise gar etwas plumpe Beschreibung, um einen Eindruck davon zu geben, was passiert, wenn dieser Dirigent am Pult dieses Orchesters steht: Konzerte von Mariss Jansons und dem Concertgebouw-Orchester machen einfach glücklich.

Leonidas Kavakos und Mariss Jansons mit dem Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Kai Bienert)

Leonidas Kavakos und Mariss Jansons mit dem Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Kai Bienert)

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Aus dem Nichts

Musikfest Berlin 2013: Das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam mit Werken von Lutosławski, Bartók und Prokofjew

Von Sascha Krieger

Man muss von „Rankings“ und „Hitlisten“ im künstlerischen Bereich ja nicht viel halten, könnte einwenden, Kunst sei kein Sport und die Fragen nach „dem Besten“ verbiete sich. Das ist alles nicht falsch und gilt sicherlich auch für Orchesterrankings. Ein solches führte das angesehene Gramophone Magazine vor fünf Jahren durch, die zwanzig „besten“ Orchester weltweit sollten gefunden werden. Platz eins war eine Überraschung: Nicht die Berliner oder Wiener Philharmoniker erklommen den Thron, nein, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam kürten die Gramophone-Experten zum besten der Welt. Wie gesagt, das muss man nicht allzu ernst nehmen und doch ist ein Gastspiel des Orchesters immer wieder eine gute Möglichkeit, selbst zu ergründen, was die Juroren damals so begeistert haben mag. Und dazu muss nicht einmal Chefdirigent Mariss Jansons selbst am Pult stehen: Das Konzert im Rahmen des Musikfests Berlin unter dem italienischen Maestro Daniele Gatti bot Gelegenheit zu erfahren, was den Klangkörper so besonders macht: Diese einzigartige Mischung aus perfekter Klangkultur, atemberaubender Präzision, höchster Transparenz und unverwechselbar kompaktem Klang machte auch dieses Konzert zum Ereignis – wie so viele zuvor.

Daniele Gatti dirigiert das Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin. (Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele)

Daniele Gatti dirigiert das Koninklijk Concertgebouworkest beim Musikfest Berlin. (Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele)

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Der Klang der Moderne – Teil 1

Das Koninklijk Concertgebouworkest zu Gast beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Von überall tönt und klingt es. Fast möchte man meinen, man stünde im Wald und hörte von überall seine vielfältigen, faszinierenden und rätselhaften Geräusche.Und je länger man lauscht, desto mehr lässt sich vernehmen. Doch der Wald, der hier klingt und tönt und pocht und rauscht ist ein menschengemachter, die „Natur“, die hier hörbar wird, ist eine zweite künstliche, es ist die Welt der modernen Großstadt, der industriellen Moderne, es ist der Klang  jenes wundersamen Riesenwaldes, der das New York zu Beginn des letzten Jahrhunderts gewesen sein muss. Der gebürtige Franzose Edgar Varèse hat in der Urfassung von Amériques das zum Klingen bringen wollen, was er für die Zukunft hielt. Und so singen hier keine Vogelstimmen, zirpen keine Grille und quaken keine Frösche, sondern pfeift, klopft und rasselt es, ertönen Sirenen und schrille Fanfaren, schöpft Varèse daraus eine ganz eigene, auf den ersten Blick vollkommen unromantische Erhabenheit, die doch ihren Ursprung in der Naturverehrung der Romantiker hat. Nur dass hier eben eine vollkommen andere Art der Natur Verehrung findet. Und wenn Mariss Jansons und seine Königliches Concergebouw-Orchester Amsterdam Varèses Mammutwerk spielen, wird diese Faszination wieder voll und ganz lebending. Es ist eine Abenteuerreise in das Land der Tüne, eine Klangexplosion, die sich aus jedem einzelnen Ton formt, die das Orchester hörbar und greifbar macht. Jeder Ton zählt und aus allen zusammen entsteht das Ganze, entsteht dieses funkelnde Klangmeer, das seinen Herzschlag im Rhythmus des industriellen Zeitalters hat und in dem auch Gefahren lauern. Diese Ambivalenz zwischen Faszination und der Bedrohung durch die alles verschlingende Moderne macht Jansons hörbar, in dem er ein subtiles Glöeichgewicht herstellt, dass sich eben aus dem Einzelnen zusammenfügt. Bestünde dieser Abend aus diesem einen Sück, er wäre an sich schon ein musikalisches Wunder.

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