Archiv der Kategorie: Klassik

Auf ein Wiedersehen

Musikfest Berlin 2020 – Der zweite Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Solokonzerte sind intime Affären. Da exponiert sich ein einzelner Künstler, als Unterstützung nur das eigene Instrument, dem Publikum schutzlos ausgeliefert, ein Austausch, wie er direkter kaum sein könnte. Findet ein solches Ereignis in einem großen Konzertsaal statt, wird es schon schwierig, die notwendige Atmosphäre aufzubauen, die solche Konzerte über das „War-ganz-schön“-Niveau hebt. Wenn dann auch noch Covid-19-bedingt nur etwa ein Fünftel der Plätze besetzt werden können, die Zuschauer*innen den Saal weniger füllen als dass sie seine Leere unterbrechen, scheint es kaum möglich, hier ein Konzerterlebnis zu erschaffen. Nun ist Igor Levit allerdings auch kein gewöhnlicher Pianist. Dass ausgerechnet er es war, der vor ein paar Tagen die Philharmonie nach Monaten der Schließung wiedereröffnete, war kaum Zufall. Kaum ein anderer Künstler ist derzeit so in der Lage, eine Verbindung zu denen aufzubauen, die ihm zu zuhören, sie als Dialogpartner zu begreifen, als Mitstreiter*innen auf Augenhöhe, als Menschen, die er mindestens ebenso braucht, wie sie ihn. Die tröstende, Hoffnung spendende Wirkung seiner gestreamten Hauskonzerte zu Beginn des Corona-Lockdowns lässt sich gar nicht überschätzen. Sie gehörten für viele – auch für diesen Rezensenten – zum wichtigsten, das ihnen half, mit der Situation zurechtzukommen. Wenn jemandem das Wunder gelingen kann, aus dieser Leere Gemeinschaft durch Musik zu erschaffen, dann ihm.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Am Boden geblieben

Musikfest Berlin 2020 – Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim spielt Mozarts letzte drei Symphonien

Von Sascha Krieger

Eigentlich hätte an diesem Abend das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester das diesjährige Musikfest Berlin eröffnen sollen – standesgemäß im Beethoven-Jahr unter anderem mit dessen „Eroica“. Dank Corona müssen Orchestergastspiele in diesem Jahr leider entfallen. Dass das Festival überhaupt stattfinden kann und die Philharmonie nach sechs Monaten wieder geöffnet ist, ist wohl das wichtigste an der diesjährigen Ausgabe. Zumal mit Daniel Barenboims Staatskapelle ein Klangkörper das nun inoffizielle Eröffnungskonzert bestreitet, dass diese Aufgabe in den vergangenen Jahren regelmäßig innehatte. Manches ist anders: Nur gut 50 Musiker*innen nehmen mit Abstand auf dem Podium Platt, vielleicht ein Fünftel der Zuschauersitze sind besetzt, Es herrscht Maskenpflicht (außer während des Konzerts) und es gibt keine Pause. Aber es wird wieder gespielt und es kann wieder live Musik gehört werden. Wie diese in die Leere hineinklingt, ist eine andere Frage.

Daniel Barenboim (Bild: Christian Mang)

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Im Bunde mit der Musik

Das Konzerthausorchester Berlin unter Christoph Eschenbach spielt Beethovens fünfte Symphonie auf dem Gendarmenmarkt

Von Sascha Krieger

„Endlich wieder live“ steht auf den Transparenten links und rechts der großen Freitreppe, die ins Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt führt. Oder eben nicht, denn der weg zu den verschlossenen Türen ist versperrt – von einer großen Open-Air-Bühne. Die Kunst muss draußen bleiben in Zeiten der Pandemie, also findet sie hier statt. Draußen, fast im Vorübergehen. Mit dem nötigen abstand versehen, auf markierte Kreise aufgeteilt oder auf Campingstühlen hinter der Absperrung auf den Treppen der benachbarten Dome oder an Cafétischen, stehen und sitzen die Kultur-, die Musikhungrigen oder auch die, die zufällig da sind und sich wundern mögen, dass hier gespielt wird und wie viel das bedeutet. Den Ausführenden, den Hörenden, dieser Stadt. Es ist Kunst im Vorübergehen, eine gute halbe Stunde Musik, dann ist diese kurze Auszeit von der Normalität, die keine ist, fast vergessen. Und klingt doch nach. Denn wer hier ist, absichtlich, freiwillig, erwartungsfroh, hat es vermisst, dieses andere Normale, dieses nie nur Nützliche, dieses nicht mit einem bezifferbaren Wert zu Belegende. Kunst, Kultur, Luft zum Denken, Fühlen, Atmen. Die, die hier stehen – im Regen am ersten, in der Sonne am zweiten Abend, sind dankbar für diesen Augenblick des gemeinsamen Erlebens, Hörens, Fallenlassens. Dies hat gefehlt und es fehlt noch immer.

Bild: Sascha Krieger

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Am Rand

Sir Simon Rattle, Jonathan Kelly und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven

Von Sascha Krieger

Das Schöne an Jubiläumsjahren ist, dass man auch einmal Werke zu Gehör bekommt, um die Dirigent*innen wie Orchester meist einen Bogen machen. Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge ist eines dieser Werke, das nun im Beethoven-Jahr mal wieder auf Spielplänen auftaucht. Die Berliner Philharminiker haben es in ihrer Geschichte nur einmal gespielt, im Jahr 1970. Nun erbarmt sich Ex-Chefdirigent Sir Simon Rattle und führt das frühe Werk gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin auf. Und siehe da: es langweilt nicht. Das liegt vor allem am Einsatz der Beteiligten: Rattle pumpt sein Ex-Orchester voll mit Energie. Jede dynamische Wendung, jeder Tempiwechsel, jede rhythmische Nuance ist klar ausgestellt, ohne effekthascherisch zu wirken, vielmehr arbeitet Rattle das Grundprinzip des auf dramatischen Kontrasten aufgebauten werkes klar heraus. Das gibt ihm Lebendigkeit und betont seine Anklänge an die Oper (theamatisch und motivisch bedient sich Beethoven ja auch vor allem bei Mozarts Musikdramatik).

Jonathan Kelly, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (Bild. Monika Rittershaus)

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Auflösung und Neuanfang

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Man kann Kirill Petrenko, seit dieser Spielzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wahrlich nicht vorwerfen, sich dem Erbe „seines“ Orchesters nicht zu stellen. Die Werke Gustav Mahlers gehören spätestens seit der Amtszeit Claudio Abbados zum Kern des Klangkörpers. Abbado, einer der größten Mahler-Dirigenten überhaupt, hat das Orchester auch zu einem der besten Interpreten des Spätromantikers geformt, und sein Nachfolger Sir Simon Rattle versuchte sein möglichstes, die Tradition fortsusetzen: Nicht nur bildete sein großer Mahler-Zyklus so etwas wie das Herzstück seiner Amtszeit, er gab einst seinen Einstand mit Mahlers Sechster und verabschiedete sich mit eben diesem Werk auch als „Chef“. Wenn Petrenko nun ausgerechnet dieses Werk in seiner Debüt-Saison auf den Spielplan hievt und damit seinen Mahler-Einstieg als Chefdirigent gibt, ist das sicher kein Zufall, sondern sagt: Ich führe die Tradition fort und scheue den Vergleich mit meinen Vorgängern nicht. Ein durchaus mutiger Schritt, der dem Selbstbewusstsein eines Dirigenten entspricht, der das vielleicht beste Orchester der Welt über Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus leiten will.

Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Lebensexplosion

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes mit Werken von Mozart und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Abend in Es-Dur – und in rot-weiß-rot. Und ein nordischer: 92 Jahre alt ist Herbert Blomstedt mittlerweile, ein Alter, dass man dem ewig lächelnden Schweden nicht ansieht, vor allem dann nicht, wenn er mit der Energie eines viel Jüngeren seiner Leidenschaft nachgeht: seinen Teil zu leisten, das Besondere zu erzeugen, Musik, die Lebt, den Raum füllt, nachklingt. An seiner Seite diesmal ein Norweger, Leif Ove Andsnes, ein Pianist, bei dem man, hört man ihn, nie versteht, warum er nicht zu den medial hochgelobten Superstars seiner Zunft gehört. Wohl weil er, wie Blomstedt, auch ein Meister des Understatements ist. Er schwitzt und schüttelt und tanzt sich nicht durch die Tastatur, ihm ohne Ton zuzuschauen, muss zum Langweiligsten gehören, das man sich antun jkann. Aber was er seinem Instrument entlockt, ist atemberaubend – nicht in virtuoser Überwältigung, aber in analytischer Schärfe und intellektueller wie emotionaler Wirkung. Das gilt auch für Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, das eigentlich wegen seiner Bedeutungsverschiebung der Holzbläser als musikgeschichtlicher Meilenstein gilt.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Frederike van der Straeten)

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Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

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Wenn Tod und Leben sich die Hand reichen

Mit Verdis Requiem gibt Teodor Currentzis sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Bei den Berliner Philharmonikern debütieren zu dürfen ist für jede*n Dirigent*in etwas ganz Besonderes. Neben den Wiener Philharmonikern zählt das Orchester zum Höchsten, was sich erreichen lässt, wer hier am Pult steht, ist in der Spitzenklasse angekommen. Da ist es egal, wie sehr man vielleicht schon ein „Star“ sein mag – ohne ein Dirigat in der Philharmonie oder im Wiener Musikverein fehlt etwas. Ein Star ist Teodor Currentzis zweifellos. Der gebürtige Grieche hat sich in der russischen Provinz einen Namen gemacht, er gibt als extrovertierter Revolutionär, der – in Interpretation, Aufführungspraxis, auftreten – gern Dinge anders machen will als andere. Und der sich der Verantwortung, die Berliner Philharmoniker dirigieren zu dürfen, bei seinem Debüt durchaus bewusst ist. Die Stiefel mit den roten Schnürsenkeln bleiben denn auch zugunsten des schwarzen Lackschuhs im Schrank, die Musiker*innen dürfen sitzen, äußerlich passt sich Currentzis seinem Orchester an, nicht umgekehrt. Das ist auch ein Zeichen. Dafür, dass er diesen Einstand ernst nimmt – nicht dafür, dass er sich nicht treu bliebe.

Teodor Currentzis dirigiert Verdis Requiem bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

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Keine Ruhe

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Bruckners achter Symphonie

Von Sascha Krieger

Allein physisch ist dieser Abend ein Kraftakt: 85 Minuten ist Bruckners Achte lang, übertroffen in der Gattungsgeschichte nur durch ein paar von Gustav Mahlers Werken. 83 Jahre alt ist Zubin Mehta mittlerweile, benötigt einen Stuhl zur Unterstützung, und doch lässt ihn die Liebe zu diesem Werk nicht los. Auch als das Orchester es vor sieben Jahren zum letzten Mal spielte, dirigierte das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker. Es ist ein Liebes-, ein Seelenwerk für den in Bombay geborenen und das spürt man auch an diesem Abend in fast jedem Moment. Mehta dirigiert ohne Partitur, doch von Routine oder abgeklärter Glättung keine Spur. Stattdessen stürzt er sich mit einer Neugier in diesen musikalischen Ozean, die sein Alter Lügen zu strafen scheint. Erdig klingt das, die Füße ganz auf dem Boden verhaftet, die durchaus ins Universelle strebende Musik des gläubigen Katholiken Bruckner tief im Irdischen wurzelnd. Überraschend der raue Klang, der sich über die fast eineinhalb Stunden hält und der die vielen Verschiebungen von Registern, Klangbild und Ausdruck zusammenhält.

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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