Archiv der Kategorie: Klassik

Klangliche Weltenreise

Musikfest Berlin 2019 – Sir Simon Rattle dirigiert das London Symphony Orchestra mit Werken von Abrahamsen und Messiaen

Von Sascha Krieger

Die Rückkehr ist abgeschlossen: Nachdem der langjährige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle nach Ende seiner Amtszeit seine Berlin-Rückkehr mit der befreundeten Staatskapelle feierte und in der vergangenen Spielzeit auch wieder am Pult „seiner“ Philharmoniker stand, gibt er nun im Rahmen des Musikfests Berlin sein Debüt mit seiner „neuen“ Liebe, dem London Symphony Orchestra, dem er seit nunmehr zwei Jahren vorsteht. Und Liebe weht ihm entgegen, vor und nach dem Konzert in der (fast?) ausverkauften Philharmonie. Was allein schon eine Meldung wert ist, denn gut gefüllt sind die Gastspiele beim Musikfest nicht immer. Erst recht nicht bei diesem Programm, das ausschließlich aus dem besteht, was man gemeinhin als „zeitgenössische Musik“ bezeichnet.  Werke aus den Jahren 1992 und 2013 kommen zu Gehör – in der Regel „Kassengift“ bei Symphoniekonzerten. Wenn jedoch Sir Simon am Pult steht, nimmt das Berliner Publikum auch eine solche Programmierung hin, was deutlich macht, welchen Stellenwert der Engländer in dieser Stadt genießt.

Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra (Bild: Doug Peters)

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Kein Zurück

Musikfest Berlin 2019 – Sakari Oramo dirigiert das BBC Symphony Orchestra

Von Sascha Krieger

Weit ist der Weg, den Sakari Oramo und sein BBC Symphony Orchestra zurücklegen an diesem Abend in der Berliner Philharmonie: Er beginnt in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, als die Romantik ebenso fest im Sattel schien wie das „alte Europa“. Und er endet im Jetzt, im Jahr 2019, viele Menschheitskatastrophen später, knapp 150 Jahre, die auch in der Musik keinen Stein auf dem anderen ließen. Da gilt es, Kontrolle zu bewahren, die Zügel in der Hand zu lassen. Und so eröffnet Oramo sein Gastspiel mit Modest Mussorgskys populärer Eine Nacht auf dem kahlen Berge, in einer Lesart, die alles im Griff zu behalten bemüht ist, ein Verlangen, das das ohnehin reichlich dramatische Werk noch expressiver zu machen versucht, dynamische Kontraste verstärkt, Pausen ausweitet, Kanten schärft, Klangbilder verdichtet, Rhythmen härtet. Alles scheint ein bisschen schärfer in den Fokus zu rücken, als es gut wäre, der Hang zur Überdeutlichkeit nimmt dem musikalischen geschehen den Eindruck natürlicher Entwicklung, eine gewisse Verkrampfung setzt sein, ob bei den Fanfarenrufen der Blechbläser oder dem betont behutsamen Gesang von Klarinette und Flöte nach getanem Hexenwerk. Der kompakte Klang erlaubt kaum innere Unruhe und schon gar kein reiches Farbenspiel, sodass das werk eher einem Schwarz-weiß-Bild in HD gleicht, das zugunsten vermeintlicher Klarheit jegliche Gedankenspielräume schließt.

Sakari Oramo (Bild: Benjamin Ealovega)

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Durchatmen

Musikfest Berlin 2019 – Tugan Sokhiev dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Einfach sind die Zeiten, die das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam durchlebt nicht: Vor elf Jahren votierten Kritiker*innen den Klangkörper im Grammophone Magazine zum weltbesten Orchester, vor vie Jahren landete es in einer ähnlichen Umfrage von Bachtrack auf Rank zwei. Da war noch Mariss Jansons Chefdirigent. Sein Nachfolger Daniele Gatti sorgte nicht nur künstlerisch für Missstimmungen – glaubwürdige Berichte über sexuelle Übergriffe führten vergangenes Jahr zu seiner Demission. Glücklicherweise verfügen die Amsterdamer über viele Freunde, die gern und kompetent aushelfen. Das ist auch an den jährlichen Gastspielen in Berlin abzulesen: Hinterließ Gattis Dirigat vor zwei Jahren Enttäuschung bis entsetzen, konnte Manfred Honeck 2018 wieder deutlich mehr überzeugen, bevor Iván Fischer im März im Konzerthaus zu begeistern vermochte. Knapp zwei Stunden Klangglück hat nun Tugan Sokhiev, als Ex-Chef des DSO und regelmäßiger Philharmoniker-Gast ein oft und gern gesehenes Gesicht in Berlin, im Gepäck. Dabei bringt er keine „Crowd Pleaser“ mit, die Philharmonie weist, wie beim Misukfest leider immer wieder zu beobachten, denn auch etliche freie Plätze auf.

Tugan Sokhiev (Bild: Patrice Nin)

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Feier der Neugier

Sir John Eliot Gardiner, das Orchestre Révolutionnaire et Romantique und der Monteverdi Choir eröffnen das Musikfest Berlin 2019 mit Berlioz‘ Oper Benvenuto Cellini

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist nicht dafür bekannt, es seinem Publikum besonders leicht zu machen. Sperrige Programme, die auch mal Überlänge haben können, ambitionierte Themen- und Komponisten-Schwerpunkte (das Gendersternchen ist hier leider nicht angebracht), die den Mainstream gern weit hinter sich lassen, in der Folge nicht selten halbleere Säle – im internationalen Festivalbetrieb ist Berlin das Arthouse-Fest, die unabhängige Alternative. Da passt es gut, mit einem echten außenseiter zu starten. Sir John Eliot Gardiner, Protagonist der historisch informierten Aufführungspraxis und als solcher nicht zuletzt Barockspezialist, hat vor ein paar Jahrzehnten begonnen, deren Prinzipien auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts auszudehnen. Mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique schuf er das Orchester Nummer ein in diesem Bereich – ein Ensemble exzellenter Musiker*innen, die auf historischen Instrumenten sich vor allem den vielen Facetten romantischer Musik widmet. Vor allem das Werk Hector Berlioz‘ hat es Gardiner angetan, jener idiosynkratischen Gestalt, die der Dirigent nach wie vor für unterschätzt hält. Das gilt insbesondere für dessen erste Oper Benvenuto Cellini, ein damals bei Kritik und Publikum durchgefallenes Werk, basierend auf der aberwitzigen Autobiografie des Renaissance-Bildhauers, eine Geschichte um Liebe, Intrigen und die Unbedingtheit echter Kunst. Ein Künstlerportrait, das wohl auch einiges mit dem Komponisten selbst gemeint hat.

Sir John Eliot Gardiner und das Orchestre Révolutionnaire et Romantique (Bild: Chris Christodoulou)

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Leistungsschau zum Auftakt

Christoph Eschenbach gibt seinen Einstand als Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin mit Mahlers achter Sinfonie

Von Sascha Krieger

Wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass etwas kein Thema oder gar ein Problem sei, kann frau getrost davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall ist. Laut war nach der Entscheidung für den neuen Chefdirigenten des Konzerthausorchesters dessen Alter kommentiert worden. Und d tatsächlich gehören die Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag zu den Höhepunkten von Christoph Eschenbachs erster Spielzeit. Wenn nun die Redner*innen vor dem Saisoneröffnungskonzert, insbesondere Orchestervorstand Karoline Bestehorn und Kultursenator Klaus Lederer beinahe unisono abstreiten, dass man das Alter des Berufenen überhaupt thematisieren solle, zeigen sie vor allem eines: dass die ungewöhnliche Wahl Diskussionsstoff ist und bleiben wird. Während andere Orchester Chefs berufen, die sich (auch) für Größeres empfehlen wollen oder – wie im Fall Kirill Petrenkos, der in der vergangenen Woche endlich sein Amt bei den Berliner Philharmonikern antrat – eine lange künstlerische Beziehung anstreben, geht man im Konzerthaus einen anderen Weg. Hier, wo der mit 68 Jahren vergleichsweise jugendliche Iván Fischer, das Orchester revitalisiert hat, steht künftig ein Mann am Pult, der hier wohl seine letzte Station antritt. Einer, dessen zweifellos bedeutende Karriere weitgehend hinter ihm liegt, ein großer Name, den bekommen zu haben Lederer immer noch nicht recht glauben kann, aber eben einer auf der Zielgeraden seiner Laufbahn.

Christoph Eschenbach dirigiert das Konzerthausorchester Berlin beim Saisoneröffnungskonzert (Bild: martin Walz)

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Auf dem Boden der Tatsachen

Kirill Petrenko eröffnet seine Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit Beethovens Neunter – und Alban Berg

Von Sascha Krieger

Nein, das ist kein „normales“ Saisoneröffnungskonzert. Die Spannung ist mit den sprichwörtlichen Händen zu greifen und der versammelten Presse wird schon vor Beginn Sekt gereicht, vielleicht, um sie milder zu stimmen. Endlich ist der da, der neue Chefdirigent, vier Jahre nach seiner Wahl, eine neue Ära beginnt bei den Berliner Philharmonikern. Und auch wenn Kirill Petrenko als einer der bescheidensten Vertreter*innen seiner Zunft gilt – zum Antritt wagt auch er zu klotzen, nicht zu kleckern. Nicht weniger als Beethovens Neunte darf es sein, das universellste aller universellen Werke, das beste wie das schlechteste der Menschheit umfassend, wie Petrenko vor ein paar Monaten bei seiner Vorstellungspressekonferenz sinngemäß sagte. Doch er wäre nicht er, wenn er gleich mit der Tür ins Haus fiele und so beginnt der Abend widersprüchlicher, sperriger, herausfordernder, nämlich mit Alban Bergs Symphonischen Stücken aus der Oper Lulu, kein Material für stehende Ovationen oder Jubelchöre.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2019/20 (Bild: Stephan Rabold)

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Der Neugierige

Herbert Blomstedt und Yefim Bronfman zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Kurz vor Spielzeitende haben die Berliner Philharmoniker noch einmal einige gute alte Freunde zu Gasst, wobei das „alt“ durchaus wörtlich zu nehmen ist. Nachdem mit seinen 83 Jahren geradezu jugendlichen Zubin Mehta gastierte zuletzt der 90-jährige Bernard Haitink, gefolgt von Herbert Blomstedt, der im Juli seinen 92. Geburtstag feiern wird. Und doch wirkt der stets freundlich lächelnde Schwede wie der jüngste der drei, verzichten auf den unterstützenden Hocker, erklimmt die Stufen zum Podium mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die auch sein Konzertprogramm auszeichnet. Altersweise sind seine Interpretationen durchaus, aber auch von einer erstaunlichen Frische, einer geradezu optimistischen Lebendigkeit. Und Neugier: Auch mit über 90 treibt es Blomstedt noch um, seinem Publikum Werke und Komponisten nahe zu bringen, die diesem bislang vollkommen unbekannt waren. Erst mit Mitte 80 hat er begonnen, die zweite Symphonie seines Landsmanns Wilhelm Stenhammar, ein Zeitgenosse und Freund von Jena Sibelius und Carl Nielsen, seinerzeit eher als Dirigent verehrt, zu dirigieren. Jetzt erlebt das mehr als 100 Jahre alte Werk seine später Erstaufführung bei den Berliner Philharmonikern.

Herbert Blomstedt (Bild: Peter Adamik)

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Beethovens Museale

Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy und Strauss

Von Sascha Krieger

Wie lange Vladimir Jurowski noch am Pult des RSB zu erleben sein wird, steht in den Sternen. Der 47-Jährige ist derzeit auf dem besten Wege, sich in die Riege der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit zu arbeiten. In zwei Jahren wird er Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper beerben und spätestens dann wird der gebürtige Russe den Geheimtipp-Status abgestreift haben. Auch weil es ihm in seinen knapp zwei Spielzeiten mit dem RSB gelungen ist, sich einen Ruf als mutiger Programmgestalter, waghalsiger Interpret und kühner Forscher, der sich dem vermeintlichen Konsens gern verweigert und Beethoven-Symphonien schon mal in ihren nicht ganz zu Unrecht weniger geschätzten Mahler-Bearbeitungen spielen lässt, wenn nicht zu erarbeiten, dann doch zumindest zu festigen. Seine Konzerte werden mittlerweile auch in der Hauptstadt auf beinahe messianische Weise gefeiert. Das sollte man mitdenken, wenn man sich seinem aktuellen Programm widmet – denn nichts von all diesen Vorschusslorbeeren wird auch der geneigteste Zuhörer hier wiederfinden.

Vladimir Jurowski (Bild: Kai Bienert)

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Baustelle Bruckner

Bernard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Das Berliner Konzert Publikum ist als sehr kritisch bekannt, aber es weiß auch Lebensleistungen zu schätzen und Respekt zu zollen, wo dieser gerechtfertigt ist. Wenn sich am Ende von Bernard Haitinks Konzertprogramm mit den Berliner Philharmonikern die Zuschauer*innen erheben, hat das weniger mit den vorangegangenen und eher durchwachsenen gut zwei Stunden zu tun als mit dem Lebenswerk des stillen Holländers, der vor wenigen Wochen seinen 90. Geburtstag feierte. Sichtlich erschöpft und auf einen schwarzen Gehstock gestützt, steht er auf dem Podium, die Spannung ist von ihm abgefallen, ein alter Mann, der alles am Pult gelassen hat. Auch an diesem: 55 Jahre lang war er den Berliner Philharmonikern eng verbunden, ist mittlerweile deren Ehrenmitglied. Es sieht nach Abschied aus: In der kommenden Spielzeit wird Haitink eine Pause einlegen, will danach wieder dirigieren. Aber dann wäre er 91. Dass er zum letzten Mal vor diesem Orchester steht, ist alles andere als unwahrscheinlich.

Bernard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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„Ein besonderer Moment“

Auf einer Pressekonferenz stellt Kirill Petrenko seine erste Spielzeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker vor

Von Sascha Krieger

„Ein besonderer Moment“ sei es, sagt Kirill Petrenko gleich zu Beginn seiner ersten Spielzeitpressekonferenz bei den Berliner Philharmonikern. Auch Intendantin Andrea Zietzschmann, Orchestervorstand Alexander Bader und Medienvorstand Olaf Maninger nutzen später diese oder ähnliche Worte. Bader berichtet von „Enthusiasmus und Hingabe“ in der bisherigen Zusammenarbeit und fügt hinzu: „Da fehlen einem eigentlich die Worte.“ Und Maninger berichtet: Es ist in der Chemie so unglaublich stimmig, so schockverliebt vom ersten Moment an.“ Gerade drei Programme hatte Petrenko dirigiert, als ihn das Orchester – im zweiten Versuch – 2015 als Nachfolger Sir Simon Rattles zu ihrem siebten Chefdirigenten wählten. Eigentlich viel zu wenig, um eine solche Langzeitbeziehung einzugehen. Doch wer den Dirigenten und die beiden Musiker hört, ahnt, dass hier etwas Außergewöhnliches entstanden ist. Etwas, das gerade erst beginnt. Ein Jahr später als ursprünglich gewünscht tritt Petrenko sein Amt an. Das hatte er sich ausbedungen, um seinen bisherigen Posten als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper mit dem nötigen Respekt zu Ende zu bringen. Nur eine Spielzeit, die kommende, wollte er beide Positionen bekleiden.

Kirill Petrenko bei der Spielzeitpressekonferenz der Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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