Archiv der Kategorie: Klassik

Existenziell

Sir Simon Rattle kehrt mit Bachs Johannes-Passion zurück zu den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

So eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte ist eine heikle Sache. Man will nicht zu sehr in Nostalgie baden, aber doch die Ovationen seiner langen Tätigkeit auskosten. Zugleich gilt es, nicht den Nachfolger in den Schatten zu stellen und nicht als Ego-Monster zu erscheinen. Nachdem Sir Simon Rattle im vergangenen Sommer nach 18 Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker seinen Abschied nahm, ist er sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. So erfolgte sein erstes Berliner Dirigat nach dem Abschied nicht bei „seinem“ Orchester, sondern mit Daniel Barenboims Staatskapelle, noch dazu zunächst an deren Haus und danach erst in der Philharmonie. Eine Woche bevor er nun tatsächlich wieder am Philharmoniker-Pult steht, durfte der Nachfolger ran und in der Begeisterung des Publikums baden. Und für die Rückkehr hat er sich ein Programm ausgesucht, bei dem er so wenig im Mittelpunkt steht, wie es einem Dirigenten nur möglich ist, noch dazu einen „alten Hit“ aus der Spätphase seiner Amtszeit, ein bisschen Nostalgie, ein wenig Schön war’s“, mehr Besuch eines alten Freundes als triumphale Rückkehr. Dass dabei nur ein kleiner Teil des Orchesters vor ihm sitzt, hilft sicher auch, den Übergang in die neue Ära, in der er einmal im Jahr als Gastdirigent am Pult steht, so unspektakulär wie möglich zu machen.

Sir Simon Rattle (Bild: Oliver Helbig)

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Der Geist des Widerspruchs

Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra beim Festival Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn Iván Fischer sein Herzensprojekt, das von ihm vor über 35 Jahren gegründete und seitdem geleitete Budapest Festival Orchestra, dirigiert, gibt es so machen ungewöhnlichen Moment. Vor Jahren wohnte dieser Rezensent einmal einem der jährlichen Weihnachtskonzerte des Orchesters teil, bei dem sich der Maestro zu Ravels Boléro eine Tänzerin auf den Leib binden ließ. Auch beim Berliner Gastspiele ist so manches anders als sonst: Wenn Fischer das Podium betritt, spielt das Orchester bereits, das erste Stück ist passenderweise „Intrada“ betitelt. Später, bei einem Werk namens Tango, verwandeln zwei Spieler*innen der zweiten Geigen die Bühne in eine Tanzfläche und zur Zugabe spielt das Orchester nicht, sondern singt. Igor Strawinskys Ave Maria, schlicht und überaus berührend. Das gemeinsame Musizieren soll Spaß machen, einander und dem Publikum. Es soll eine lustvolle Entdeckungsreise sein, auf die jeder, der will, mitgenommen wird. Das ist das Credo von Dirigent und Orchester und das Konzert, mit dem Fischer sein sechstägoiges Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin beschließt, wird dem Anspruch voll uns ganz zurecht.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Licht im Kopf, warm ums Herz

Iván Fischer, Emanuel Ax und das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam beim Festival „Absolut Strawinsky!“ im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

„Absolut Strawinsky!“ heißt „Absolut Iván Fischer!“. Nun gut, nicht ganz, aber beim sechstägigen „Orchesterfest“ im Konzerthaus Berlin dreht sich alles um den Mann, der hier sechs Jahre lang Chefdirigent war und das ansässige Orchester zurück in dei erste Liga brachte. Jetzt darf er das Haus noch einmal „besetzen“ und dabei drei Orchester dirigieren, die ihm, so die Pressemitteilung, besonders am Herzen lägen. Zwischen „seinen“ Klangkörpern, dem Konzerthausorchester und dem von Fischer gegründeten Budapest Festival Orchestra steht ein Auftritt mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Seit vielen Jahren steht er am Concertgebouwplein am Pult, nach dem ebenso abrupten wie unfreiwilligen Ende der Ära Daniele Gatti (den das Programmheft übrigens mal eben zum immer noch amtierenden Chefdirigenten erklärt) gehörte er zu den Auserwählten, die mit Gatti geplante Programme übernehmen durften. Wie sehr im Einklang er mit den Niederländern, spätestens seit Mariss Jansons‘ Ägide eines der besten Orchester der Welt, zeigt der Ungar jetzt auch im Berliner Konzerthaus, das sich nicht nur vom Namen her sondern auch baulich in der Traditionslinie des (was den Konzertsaal betrifft) deutlich älteren Pendants in der Grachtenstadt sieht.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Auf dem Drahtseil

Der zukünftige Chefdirigent Kirill Petrenko und Patricia Kopatchinskaja zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Schönberg und Tschaikowsky

Von Sascha Krieger

Es ist ja fast schon beängstigend: Da ist Kirill Petrenko noch ein halbes Jahr gar nicht im Amt als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und schon wird er hier längst als Messias gefeiert, als Lichtbringer nach der alles andere als dunklen Rattle-Ära, bekäme er wohl bereits stehende Ovationen, wenn er sich einfach nur in den leeren Raum stellte. Aber was soll man machen, gerät doch jeder seiner bislang raren Auftritten am Pult seines zukünftiges Orchesters zum Triumph, zuweilen gar zur Offenbarung. Das ist auch bei seinem zweiten und letzten Programm dieser Spielzeit nicht anders. Klug programmiert wie immer: Zweite Wiener Schule gepaart mit russischer Hochromantik, Kernrepertoire und vermeintliches Nebenwerk, Deutsch(sprachig)es und Russisches. Am Ende steht das Publikum wieder, Petrenko lächelt scheu, beinahe ein wenig verlegen. Alles wie immer. Ein Vorgeschmack, eine Verjheißung.

Die Berliner Philharmoniker mit Patricia Kopatchinskaja und Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Fein gewebt

Iván Fischer, Renaud Capuçon und das Konzerthausorchester Berlin eröffnen das Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Die roten Rosen von der Dame im roten Blazer in der ersten Reihe gibt es immer. Eine für den Solisten, der Rest des Straußes für den Dirigenten. Man weiß am Gendarmenmarkt, was man an Iván Fischer, dem stets freundlichen Ungarn, hatte. In seinen sechs Jahren als Chefdirigent des Konzerthausorchesters hat er den Klangkörper hörbar vorangebracht, auf Augen- und Ohrenhöhe mit dem RSB, dem DSO, der Staatskapelle. Und er hat aus dem Konzerthaus einen  Ort musikalischen Lebens gemacht, der sich mit der übermächtigen Philharmonie messen kann, nicht zuletzt mit seinen innovativen Konzertformaten – vom Überraschungskonzert bis zur immersiven „Mittendrin!“-Reihe – und seinen Schwerpunkten und Festivals, den jährlichen Hommagen, die auch internationale Spitzenkünstler- und -ensembles ins Haus bringen. Das bleibt auch nach seinem Abschied so: Der heutige Ehrendirigent leitet auch zukünftig vier (!) Programme pro Spielzeit und kehrt jetzt einfach mal so mit einem sechstägigen Strawinsky-Festival zurück. „Absolut Strawinsky!“ heißt das – der Ungar liebt seine Ausrufezeichen – und sieht Fischer gleich dreimal am Pult – mit drei Orchestern, die ihm am Herzen liegen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Farbenspiele im Zirkus

Zubin Mehta und Martin Grubinger zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

In der Berliner Philharmonie ist im März so etwas wie Familientreffen angesagt: Kurz bevor der Ex (Sir Simon Rattle) vorbeischaut, kommt der Neue (Kirill Pretrenko) vorbei. Da dürfen auch alte Freunde nicht fehlen: Also macht zunächst Zubin Mehta, seit einigen Tagen (endlich – die Staatskapelle machte ihn schon vor Jahren zum Ehrendirigenten) Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker, seine Aufwartung. Als er erstmals an deren Pult stand, war Rattle sechs Jahre alt und Petrenko noch mehr als eine Dekade von seiner Geburt entfernt. 82 ist der Maestro mittlerweile und nach einer Operation im vergangenen Jahr nicht mehr gut zu Fuß, weshalb er derzeit im Sitzen dirigiert. Einen neuen Freund hat er auch dabei, Martin Grubinger, den österreichischen Star-Schlagzeuger. Dass er zuvor noch nie mit dem Orchester konzertierte, ist wohl das Überraschendste an diesem Abend, der zunächst voll und ganz im Zeichen des Perkussiven steht. Die Vorspeise stammt von Edgar Varèse, einer der aufregendsten und radikalsten Komponistenstimmen der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts. Wo andere sich weiter mit Tönen und Noten und deren Anordnung befassten, nahm der Franko-Amerikaner einen lange vernachlässigten Aspekt der Musik ins Visier: den Klang. Hierfür entdeckte er die Potenziale des Schlagzeugs, zuvor bestenfalls Beiwerk, dienende Instrumente, keine Kandidaten für Hauptrollen.

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Lärmoyant

Ingo Metzmacher dirigiert das DSO mit Werken von Messiaen und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Man kann es so oder so sehen: Wenn bestimmte Werke immer uns immer wieder auf den Konzertprogrammen auftauchen, lässt sich das, nicht ganz zu Unrecht, als Einschränkung des Repertoires interpretieren, als Vernachlässigung der Vielfalt aufführenswerter Musik, als Kotau vor dem Publikumsgeschmack. Oder man nimmt es als Chance, freut sich – so man denn Konzertgänger in Klassikmetropolen wie Berlin, München oder Wien ist, darüber, unterschiedliche Lesarten des gleichen Werks erleben zu dürfen. Ein Erlebnis , das in Berlin nicht selten ist. Und doch kommt es nicht oft vor, dass zwei Spitzenorchester innerhalb nur einer Woche ein und dasselbe Opus aufs Programm setzen. So jetzt geschehen mit Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 13, seiner düsteren Vokalsymphonie über fünf Gedichte des einstigen sowjetischen Dichtersuperstars Jewgeni Jewtuschenko. Und der Unterschied ist vom ersten Moment zu hören: Wo Juraj Valčuha mit dem Konzerthausorchester Berlin vor Wochenfrist auf Reduktion setzte, den Schrecken sich subkutan hervorwühlen ließ, die Ambivalenz des Werkes, das auf einem schmalen politischen Grat zu wandern hatte, deutlich machte, wählt  Ingo Metzmacher beim DSO den entgegengesetzten Weg: Bei ihm ist vom ersten Takt an alles an der Oberfläche und deutlich sichtbar, die Dunkelheit, der Schrecken, die menschlichen Abgründe – alles im Bildvordergrund.

Ingo Metzmacher (Bild: Harald Hoffmann)

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Zutiefst menschlich

Marek Janowski dirigiert ein Bruckner-Programm bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Eigentlich passen sie ja gar nicht zusammen: der immer griesgrämig dreinschauende, radikal rationale Sachlichkeitsfanatiker und Partituranalytiker Marek Janowski und der Wagner-Verehrer, kosmische Bögen Spanner und Personifizierung der Hochromantik Anton Bruckner. Und irgendwie tun sie es denn doch: hier der alle Schnörkel rückstandslos wegätzende Disziplin- und Genauigkeitspädenat, dort der streng gläubige Katholik, der Großmeister heiligen musikalischen wie geistigen Ernstes, sich selbst wie seinem Werk gegenüber so streng wie menschlich überhaupt möglich. Janowskis Bruckner-Abende sind fast immer etwas besonderes. Das war schon beim RSB so, das er, konsequent wie er ist, nach Ende seiner Zeit  als Chefdirigent nicht mehr dirigiert, und das gilt nun auch für seine neue Berliner Gastwohnung, die ortsansässigen Philharmoniker höchstselbst. Und weil ihm Bruckner so wichtig ist, bestreitet er diesmal ein Programm ganz mit Werken des Linzer Meisters. Dass er dabei Sakrales mit Weltlichem verschränkt, ist dem Weltenwanderer Bruckner mehr als angemessen.

Marek Janowski dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Ins Totenreich

Juraj Valčuha dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Schubert und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Es gibt Konzertprogramme, die Fragezeichen auslösen. Ein solches dirigiert jetzt Juraj Valčuha beim Konzerthausorchetser, dessen erster Gastdirigent der Slowake seit der vergangenen Spielzeit ist. Franz Schuberts jugendlich leichtes Frühwerk seiner dritten Sinfonie gepaart mit Dmitri Schostakowitschs blut- und angstgetränkter 13. – wie geht das zusammen? Vielleicht stellten sich auch viele potenzielle Konzertgänger*innen diese Frage – zumindest am ersten Abend bleiben doch etliche Plätze unbesetzt. Das ist schade, denn es gelingt, aus dieser zunächst ungewöhnlich wirkenden Mischung einen starken und stimmigen  Konzertabend zu machen. Das hat auch damit zu tun, dass Valčuha Schostakowitsch klar ins Zentrum des Programms rückt und ihn zu dessen Ausgangs- und Fluchtpunkt macht. Das hat natürlich Auswirkung auf Schuberts Dritte.

Juraj Valčuha (Bild: Konzerthaus Berlin)

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Im Labor

Mariss Jansons und Jewgenij Kissin zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons am Pult der Berliner Philharmoniker: Einmal im Jahr, meist nahe seines Anfangs, hat das Berliner Publikum Ehre und Freude, den Letten, der schon lange mindestens zu den besten seiner Zunft zählt, zu erleben. Und es sit fast so etwas wie ein Familientraffen: Bald 48 Jahre ist es her, dass Jansons erstmals hier gastierte, seit letztem Jahr ist der schüchtern lächelnde Herr Ehrenmitglied des Orchesters. Auch sein Solist ist ein alter Bekannter: Mit 17 spielte Jewgenij Kissin erstmals mit den Philharmonikern – Karajan selbst hatte das „Wunderkind“ eingeladen. Auch das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Auch wenn die Besuche rarer geworden sind – zuletzt war Kissin Silvester 2011 zu Gast – eine solche Konstellation ist wie ein Treffen alter Freunde. Bei dem man auch schon mal von etablierten Regeln abweichen kann. So stellt Jansons das längste, bekannteste (und jüngste) Werk an den Anfang und beendet das Programm mit dem kürzesten, einer Ouvertüre zudem. Mariss Jansons‘ Humor ist so fein wie seine Subversivität – kaum merklich, doch umso wirkungsvoller.

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Mariss Jansons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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