Archiv der Kategorie: Klassik

Wogende Welten

Sir Simon Rattle dirigiert die Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Er ist wieder hier. War nie wirklich weg. Hat sich nur… ok, lassen wir das. Natürlich wird der erste Auftritt eines Dirigenten, der über lange Jahre nachhaltig die Musikszene der Stadt geprägt hat, nach Ende seines offiziellen Engagements, besonders aufmerksam beobachtet. Und interpretiert. Dass Sir Simon Rattle, der neugierigste und enthusiastischste aller dirigierenden Musikvermittler, an die man sich in Berlin erinnern kann, für sein ersten Dirigat nach seiner Zeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am Pult eines anderen Orchesters steht und noch dazu in einem anderen Saal (die Philharmonie beehrt er am zweiten Abend mit gleichem Programm), ist sicher kein Zufall, zu sehr ist der Brite Marketing- und PR-Profi. Die Staatsoper, geleitet von dem mit ihm und „seinem“ Orchester eng verbundenen Daniel Barenboim, war lange sein zweites Zuhause – dass er hier seine Rückkehr feiert, ist vielleicht Zeichen der neu gewonnenen Unabhängigkeit, mehr aber noch Ausdruck der engen Verbundenheit mit dieser Stadt, die längst auch und weiterhin die seine ist. zumal er hier, Unter den Linden, noch etwas zu erledigen hat. Leoš Janáček, einer der autonomsten, eigenwilligsten Komponisten der Moderne, hat es ihm angetan. Zwei seiner Opern hat er an diesem Haus schon geleitet – warum also sollte er sein Konzert-Comeback nicht mit einem Werk des Tschechen bestreiten?

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

Weiterlesen

Advertisements

Die Stunde der Stars

Festkonzert 120 Jahre Deutsche Grammophon mit Staatskapelle Berlin, Manfred Honeck, Anne-Sophie Mutter und Lang Lang in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Sie gilt als das älteste Schallplattenlabel der Welt: 1898 von Emil Berliner, dem Erfinder des Grammophons gegründet, schrieb die Deutsche Grammophon Kulturgeschichte. Das heute zum Medienkonzern Universal gehörende Label gilt bis heute in der Klassikwelt als „Goldstandard“ in Bereichen wie künstlerischer Qualität, Aufnahmetechnik und Produktinnovation. Dass etwa die CD so schnell im Klassikbereich Fuß fasste, war maßgeblich DG-Star Herbert von Karajan und der Unterstützung durch sein Label zu verdanken. Bis heute ist es der Marke mit dem charakteristischen gelb-schwarzen Logo trotz zunehmend Tonträger-loser Musikrezeption und Orchester-eigener Labels gelungen, Synonym für qualitativ hochwertige klassische Musik zu bleiben. Das ist Grund genug, auch einen nicht ganz so runden Geburtstag wie den 120. zu feiern. Zumal die Gelegenheit, mit Sonderkonzerten und vor allem speziellen Editionen Aufmerksamkeit zu generieren und Geld zu verdienen, keine unwesentliche Motivation gewesen sein mag.

Anne-Sophie Mutter, Manfred Honeck und die Staatskapelle Berlin beim Festkonzert 120 Jahre Deutsche Grammophon (obs/Universal Music Entertainment GmbH/Stefan Höderath)

Weiterlesen

Musik, die Leben rettet

Gustavo Dudamel dirigiert Bernsteins erste und Schostakowitschs fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Manchmal fällt es dem dauerskeptischen Konzertgänger und stirnrunzelnden Kritiker leicht zu vergessen, was ihn einst in den Konzertsaal zog. Da doziert er (mal mehr, meist weniger) schlau über Klangbilder und Interpretationsansätze, bemäntelt sein seltenes schwelgen in pseudo-objektiver Überlegenheitslyrik und freut sich darüber, wenn er das Konzept eines Dirigenten (es sind ja doch fast immer noch Männer) zu durchdringen oder – besser noch – seine Ideenlosigkeit zu entlarven glaubt. Und dann sitzt er bequem mit wissender Miene in dem Zuschauerstuhl und weiß nicht, wie ihm geschieht. weil das, was er hört, ihn mit einer Unmittelbarkeit anfasst, von der er sich nur vage erinnern konnte, dass die Erwartung einer solchen ihn einst in Säle wie diesen geführt hat. Dabei deutet sich diese Art der Erfahrung vor der Pause bestenfalls an. Leonard Bernsteins Jeremiah  betitelte erste Symphonie steht auf dem Programm, ein Werk, das sich – wie Bernsteins gesamte Symphonik – mit dem menschlichen Ringen um den Glauben befasst.

Dudamel-Gustavo_(c)_Adam Latham

Gustavo Dudamel (Bild: Adam Latham)

Weiterlesen

Im Raum der Klänge

360 Grad Wiener Philharmoniker: ein immersiver Konzertabend mit Werken von Staud, Cage und Schönberg

Von Sascha Krieger

Zu den zahlreichen Dingen, die man gemeinhin den Wiener Philharmonikern nachsagt, gehört gesteigerte Innovationsfreude eigentlich nicht. Die Wiener, Großmeister des Schönklangs, gelten als vergleichsweise konservatives und überaus traditionsbewusstes Orchester. Eines, das erst dann mit der zeit geht, wenn es nicht mehr anders möglich ist. Eigenwillig ist der Klangkörper, der es als einziges Spitzenorchester konsequent ohne Chefdirigenten aushält, ohnehin. Da erscheint es schon als ein bewusst gesetztes Zeichen, wenn er zum Auftakt einer Hommage (selbst ja ein eher rückwärtsgewandtes Format) im Berliner Konzerthaus mit einem überaus ungewöhnlichen Abend aufwarten. Das angehimmelte Großorchester war seinen Zuhörer*innen wohl noch nie so nah: Die Musiker*innen sitzen verteilt inmitten des eigentlichen Zuschauerraums, das Publikum um sie herum, neben ihnen, einige mittendrin. „360 Graf“ nennen es die Macher*innen, es erinnert an das „Mittendrin!“-Format des ehemaligen Konzerthausorchester-Chefs Iván Fischer. Auf Augenhöhe begegnen sich Musiker*innen und Publikum, dazu passt auch, dass es keinen Dirigenten gibt. Konzertmeister Reiner Honeck, selbst ein Taktstock-Veteran, ist der Primus inter pares.

Die Wiener Philharmoniker beim 360-Grad-Konzert im Konzerthaus Berlin (Bild: Markus Werner)

Weiterlesen

Ansteckungsgefahr

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Leonard Bernstein wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, sein zwischen den musikalischen Welten wanderndes, gerade in Deutschland mit seiner U- und E-Obsession lange schwer verdautes Oeuvre wieder auf die Konzertpodien und Bühnen dieser Welt zu bringen – von denen es fairerweise nie verschwunden war. Und weil Bernstein nicht nur ein wichtiger Komponist, sondern auch ein vielleicht noch bedeutenderer Dirigent war, zweifellos einer der einflussreichsten des vergangenen Jahrhunderts, ergibt das Programm, das sich Gustavo Dudamel für die erste von zwei Konzertserien mit den Berliner Philharmonikern – mit denen er auch sogleich auf Tour gehen wird – ausgesucht hat, jede Art von Sinn. Bernsteins dem 100. (!) Jubiläum des Boston Symphony Orchestra gewidmetes Divertimento paart er mit Gustav Mahlers fünfter Symphonie. Bernstein war es, der Zeit seines Lebens Partei für Mahler ergriff, ohne ihn hätte es dessen Wiederentdeckung vermutlich nie gegeben, ohne ihn wäre die Musik des kosmischten aller Komponisten heute nicht Kernrepertoire in allen Konzertsälen unserer Welt. Bernstein gilt bis heute als führender Mahler-Interpret – dass der Venezolaner das auch gern täte, ist auch an diesem Abend zu spüren.

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie (Bild: Stephan Rabold)

Weiterlesen

Just like Johnny Cash

Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms und Lutosławski

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, bei denen es schwer ist, unter all der Show die Substanz zu entdecken. Es gibt die Sachlichen, Trockenen, die ernsthaften Partiturarbeiter, bei denen unter lauter Tiefenschürfen die Freude an der Musik zu verschwinden droht. Es gibt solche, die mit großer Gestik auf den maximalen Effekt zielen und jene, die tief schürfen, analysieren, die Partitur zum Forschungsobjekt machen und den Konzertsaal zum Labor. Und dann gibt es Paavo Järvi. Der Este ist einer, der zum Punkt kommt, nicht lange fackelt, für den Effekt und Analyse einander bedingen, ein Wirkungsdirigent, der in der Partitur gräbt, und für den es nur eines nicht gibt: alles, was keine musikalische Funktion erfüllt. Ein „no-bullshit conductor“, könnte man im für solche nicht beleidigende Direktheit besser geeigneten Englisch sagen. Und nein, „Bullshit“ gibt es an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern nicht zu hören. Keine zwei Stunden, das mittlerweile fast obligatorische Limit, dauert er. Dann ist alles gesagt. „When my song’s done, it’s done“, hat Johnny Cash einmal gesagt. Paavo Järvi, der Johnny Cash unter den Dirigenten? Ja, vielleicht auch das.

Paavo Järvi (Bild: Julia Bayer)

Weiterlesen

Musik in 3D

Chefdirigent Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Debussy, Auerbach und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wenn Robin Ticciati eines gezeigt hat in seiner kurzen Amtszeit als Chefdirigent des DSO, dann, dass er in der Lage ist, wohldurchdachte und sinnige Konzertprogramme zusammenzustellen. Das ist auch beim zweiten Konzert seiner zweiten Spielzeit nicht anders. Es ist ein Blick zurück auf einen Wendepunkt der Musik, mit dem Augen der Gegenwart. Nur gut zehn Jahre sind sie auseinander, die Werke, die den Abend rahmen: Doch während Anton Bruckners siebte Symphonie ein Höhepunkt der Spätromantik ist, Kulminationspunkt der symphonischen Entwicklung seit Haydn und zugleich der Ort, an dem der Wagnerismus endgültig mit der symphonischen Traditionslinie zusammenfließt, gilt Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune als ein Stück, das die Tore zur Moderne weit aufstieß. Dazwischen steht, praktisch als Standpunkt des Abends, ein sehr heutiges Werk: die deutsche Erstaufführung von Lera Auerbachs viertem Klavierkonzert, uraufgeführt im vorjahr vom New York Philharmonic Orchestra mit Widmungsträger Leonid Kavakos als Solisten, der das Werk auch hier in der Philharmonie interpretiert. Und der Blick aus dem Hier und Jetzt, aus der konkreten Realität der Gegenwart, ist in jedem Moment des Abends zu spüren. Keine Verklärung, keine Mystifizierung, kein ehrfurchtsvoller, distanzierter Blick. Ticciati wuchtet die Werke auf diese Bretter, stellt sie in diesen Raum und betrachtet sie mit den wachen Augen eines Künstlers, der die gut 100 Jahre Musikgeschichte, die seitdem vergangen sind, mit im Gepäck hat.

Robin Ticciati mit dem DSO (Bild: Kai Bienert)

Weiterlesen

Bis zum Atemstillstand

Musikfest Berlin 2018 – Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev spielen letzte Werke von Zimmermann und Bruckner

Von Sascha Krieger

Hach, Bruckners Neunte. So langsam entwickelt sie sie zu einem Sorgenkind des Musikfest Berlin. Verblüffte der mittlerweile nach Missbrauchsvorwüfen geschasste Daniele Gatti im vergangenen Jahr im Gastspiel des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit einer eigentlichen Unmöglichkeit, einem langweilenden Bruckner, setzt Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern in der diesjährigen Ausgabe fast noch einen drauf: eine Bruckner 9, die mit expliziter Beliebigkeit dahinplätschert, bis der verwunderte Zuhörer die Augen reibt. was, schon vorbei? War was? Nein, eigentlich nicht. Obwohl das Programm auf dem Papier überzeugt: zwei letzte Werke gläubiger Katholiken, beide stark religiös geprägt (Bruckner widmete die Neunte „dem lieben Gott“), beide sich den letzten und größten Dingen widmend. Leben, Tod, Menschsein. Doch unterschiedlicher könnten sie kaum sein: Dort die ozeanische Musik des Kosmos-Komponisten Bruckner, hier Bernd Alois Zimmermanns beinahe zum Hörspiel reduziertes Vokalwerk, in dem das Orchester nahe daran ist, sich überflüssig zu machen. Am Ende steht ein Abend, der weder vor noch nach der Pause Türen öffnet zum Nachdenken über Sein und Existenz, zu dem beide Werke doch einladen wollen (Zimmermann) oder nach gängiger Expertenmeinung sollen (Bruckner).

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker (Bild: Kai Bienert)

Weiterlesen

Gegen die Dunkelheit

Musikfest Berlin 2018 – Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra zu Gast mit Mahlers dritter Symphonie

Von Sascha Krieger

Der Abend, an dem das Boston Symphony Orchestra, unter ihrem seit 2014 agierenden Chefdirigenten Andris Nelsons so reisefreudig wie nie, beim Berliner Musikfest gastiert, beginnt mit einer guten Nachricht: Nachdem Spitzenorchester wie das Rotterdam Philharmonic und selbst das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor fast leerem Haus gespielt hatten, bleiben nur wenige Plätze in der Philharmonie frei. Nelsons, der bei der Wahl zum Rattle-Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern als Favorit galt, ist in der Stadt immer noch gern gesehen. Insbesondere, wenn er sein Kernrepertoire im Gepäck hat, zu dem zweifellos die Symphonien Gustav Mahlers zählen. An diesem Abend steht die monumentale Dritte auf dem Programm, ein Monster von mehr als eineinhalb Stunden Länge, das genau die Mischung aus positiver Grundeinstellung, Zuversicht und Selbstvertrauen erfordert, die Andris Nelsons mitbringt.Ein Monster, das der Lette nicht nur zu zähmen imstande sondern auch gewillt ist.

mfb18_boston_symphony_orchestra_andris_nelsons_c_kai_bienert_01

Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2018 (Bild: Kai Bienert)

Weiterlesen

Inneres Leuchten

Musikfest Berlin 2018 – Manfred Honeck dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es her, da führte das ehrwürdige eine Kritiker-Umfrage durch, um das nach Ansicht der Experten beste Orchester der Welt zu ermitteln. Ein wenig überraschend erklommen die üblichen Verdächtigen, die Philharmoniker aus Berlin und Wien zwar das Podium, aber nicht den Spitzenplatz. Dieser ging nach Amsterdam, ans Royal Concertgebouw Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons. Eine Wahl, die trotz überraschter Reaktionen, kaum jemand für wirklich falsch hielt. Viel ist seitdem passiert: Jansons hat seine Amtszeit beendet, sein Nachfolger Daniele Gatti nicht nur ein schweres Erbe anzutreten, sondern auch mit Vorwürfen eines künstlerischen Niedergangs zu kämpfen. Dass diese nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein könnten, musste auch das Berliner Publikum beim Musikfest Berlin 2017 erfahren. Und nun, kurz vor Beginn der neuen Spielzeit, der Super-GAU: Nach zahlreichen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs handelte das Orchester und warm Gatti mit sofortiger Wirkung raus. Unmittelbar vor Saisoneröffnung stand der Klangkörper ohne Chefdirigenten dar. Der Tiefpunkt. Ersatz musste her: Ex-Chef Bernard Haitink übernahm einige Konzerte und wurde bejubelt, Manfred Honeck, als ehemaliges Mitglied der Wiener Philharmoniker auch ein Insider, was die Dynamiken in einem Spitzenorchester angeht, andere.

Manfred Honeck (Bild: Felix Broede)

Weiterlesen

Advertisements