Archiv der Kategorie: Klassik

Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

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Wenn Tod und Leben sich die Hand reichen

Mit Verdis Requiem gibt Teodor Currentzis sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Bei den Berliner Philharmonikern debütieren zu dürfen ist für jede*n Dirigent*in etwas ganz Besonderes. Neben den Wiener Philharmonikern zählt das Orchester zum Höchsten, was sich erreichen lässt, wer hier am Pult steht, ist in der Spitzenklasse angekommen. Da ist es egal, wie sehr man vielleicht schon ein „Star“ sein mag – ohne ein Dirigat in der Philharmonie oder im Wiener Musikverein fehlt etwas. Ein Star ist Teodor Currentzis zweifellos. Der gebürtige Grieche hat sich in der russischen Provinz einen Namen gemacht, er gibt als extrovertierter Revolutionär, der – in Interpretation, Aufführungspraxis, auftreten – gern Dinge anders machen will als andere. Und der sich der Verantwortung, die Berliner Philharmoniker dirigieren zu dürfen, bei seinem Debüt durchaus bewusst ist. Die Stiefel mit den roten Schnürsenkeln bleiben denn auch zugunsten des schwarzen Lackschuhs im Schrank, die Musiker*innen dürfen sitzen, äußerlich passt sich Currentzis seinem Orchester an, nicht umgekehrt. Das ist auch ein Zeichen. Dafür, dass er diesen Einstand ernst nimmt – nicht dafür, dass er sich nicht treu bliebe.

Teodor Currentzis dirigiert Verdis Requiem bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

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Keine Ruhe

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Bruckners achter Symphonie

Von Sascha Krieger

Allein physisch ist dieser Abend ein Kraftakt: 85 Minuten ist Bruckners Achte lang, übertroffen in der Gattungsgeschichte nur durch ein paar von Gustav Mahlers Werken. 83 Jahre alt ist Zubin Mehta mittlerweile, benötigt einen Stuhl zur Unterstützung, und doch lässt ihn die Liebe zu diesem Werk nicht los. Auch als das Orchester es vor sieben Jahren zum letzten Mal spielte, dirigierte das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker. Es ist ein Liebes-, ein Seelenwerk für den in Bombay geborenen und das spürt man auch an diesem Abend in fast jedem Moment. Mehta dirigiert ohne Partitur, doch von Routine oder abgeklärter Glättung keine Spur. Stattdessen stürzt er sich mit einer Neugier in diesen musikalischen Ozean, die sein Alter Lügen zu strafen scheint. Erdig klingt das, die Füße ganz auf dem Boden verhaftet, die durchaus ins Universelle strebende Musik des gläubigen Katholiken Bruckner tief im Irdischen wurzelnd. Überraschend der raue Klang, der sich über die fast eineinhalb Stunden hält und der die vielen Verschiebungen von Registern, Klangbild und Ausdruck zusammenhält.

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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„Kinder, macht Neues!“

Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Walton und Mahler

Von Sascha Krieger

Vielleicht haben das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und sein Chefdirigent Robin Ticciati an Richard Wagner gedacht, als sie ihr aktuelles Konzertprogramm konzipierten. Getreu dem Motto „Kinder, macht Neues!“ probieren sie etwas, wofür zumindestest dieser Rezensent noch keinen Beleg fand, dass es schon einmal probiert wurde: eine freie Orchesterimprovisation: Da stehen die Musiker*innen locker verteilt auf der Bühne und warten. Erste Geräusche entstehen, jemand probiert eine Melodie, man stimt ein, antwortet auf einander, versucht sich zusammenzufindet, strebt auseinander. Es ist durchaus spannend zu beobachten, wie die Musiker*innen einander beäugen, neugierig auf die anderen lauschen, scheu Eigenes vorschlagen.  Musikalisch ergibig ist das nicht, auch wenn die Idee, dieses freie Suchen direkt in William Waltons mit dem Eindruck des Improvisatorischen spielenden Violoncellokonzert übergehen zu lassen – noch während improvisiert wird, betreten Ticciati, Solist Nicolas altstaedt und die restlichen Musiker*innen die Bühne und sortiert man sich in herkömmlicher Sitzordnung – durchaus Charme hat. Aber auch schnell vergessen ist.

Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

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Hoffnungsmusik

Musikfest 2019 – Zubin Mehta, Gil Shaham und das Israel Philharmonic Orchestra mit Werken von Pártos, Mendelssohn Bartholdy und Berlioz

Von Sascha Krieger

Abschiedstourneen sind Orte der Nostalgie, des Schwelgens in Erinnerung, der Rückschau. Dafür ist auch genug Raum, wenn Zubin Mehta nach 50 Jahren Zusammenarbeit, nach über 40 Jahren Amtszeit als erster und bislang einziger Chefdirigent nun ein letztes Mal am Pult des Israel Philharmonic Orchestra stand, einst von einem polnischen Immigranten als Palestine Symphony Orchestra gegründet und stets ein Spiegel der konfliktreichen Geschichte seines Landes. Als Mehta den Klangkörper zum ersten Mal dirigierte, stand er noch vor so manchem Überlebenden der Shoa, später würde das Orchester von Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion bestimmt, heute hinterlässt er seinen Nachfolgern ein Ensemble weitgehend in Israel aufgewachsener Musiker*innen und damit erstmals ein der unmittelbaren Migration ent-, man mag fast sagen, erwachsenes. Ein guter Zeitpunkt, den Stab weiterzureichen, was Mehta mit der gleichen selbstverständlichen Ruhe und Bescheidenheit tut wie alles andere. Und die ihn auch auszeichnen, wenn er nun vor diesem Orchester sitzt – das Alter und so manches gesundheitliches Problem hat bei dem 83-Jährigen zumindest körperliche Spuren hinterlassen – ausgerechnet in Berlin, einer dritten oder vierten künstlerischen Heimat Mehtas, aber auch der Ausgangspunkt des größten aller Menschheitsverbrechen, das die persönlichen Geschichten fast aller Musiker*innen bestimmt hat.

Zubin Mehta, Gil Shaham und das Israel Philharmonic Orchestra in der Berliner Philharmonie (Bild: Monika Karczmarczyk)

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Klangliche Weltenreise

Musikfest Berlin 2019 – Sir Simon Rattle dirigiert das London Symphony Orchestra mit Werken von Abrahamsen und Messiaen

Von Sascha Krieger

Die Rückkehr ist abgeschlossen: Nachdem der langjährige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle nach Ende seiner Amtszeit seine Berlin-Rückkehr mit der befreundeten Staatskapelle feierte und in der vergangenen Spielzeit auch wieder am Pult „seiner“ Philharmoniker stand, gibt er nun im Rahmen des Musikfests Berlin sein Debüt mit seiner „neuen“ Liebe, dem London Symphony Orchestra, dem er seit nunmehr zwei Jahren vorsteht. Und Liebe weht ihm entgegen, vor und nach dem Konzert in der (fast?) ausverkauften Philharmonie. Was allein schon eine Meldung wert ist, denn gut gefüllt sind die Gastspiele beim Musikfest nicht immer. Erst recht nicht bei diesem Programm, das ausschließlich aus dem besteht, was man gemeinhin als „zeitgenössische Musik“ bezeichnet.  Werke aus den Jahren 1992 und 2013 kommen zu Gehör – in der Regel „Kassengift“ bei Symphoniekonzerten. Wenn jedoch Sir Simon am Pult steht, nimmt das Berliner Publikum auch eine solche Programmierung hin, was deutlich macht, welchen Stellenwert der Engländer in dieser Stadt genießt.

Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra (Bild: Doug Peters)

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Kein Zurück

Musikfest Berlin 2019 – Sakari Oramo dirigiert das BBC Symphony Orchestra

Von Sascha Krieger

Weit ist der Weg, den Sakari Oramo und sein BBC Symphony Orchestra zurücklegen an diesem Abend in der Berliner Philharmonie: Er beginnt in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, als die Romantik ebenso fest im Sattel schien wie das „alte Europa“. Und er endet im Jetzt, im Jahr 2019, viele Menschheitskatastrophen später, knapp 150 Jahre, die auch in der Musik keinen Stein auf dem anderen ließen. Da gilt es, Kontrolle zu bewahren, die Zügel in der Hand zu lassen. Und so eröffnet Oramo sein Gastspiel mit Modest Mussorgskys populärer Eine Nacht auf dem kahlen Berge, in einer Lesart, die alles im Griff zu behalten bemüht ist, ein Verlangen, das das ohnehin reichlich dramatische Werk noch expressiver zu machen versucht, dynamische Kontraste verstärkt, Pausen ausweitet, Kanten schärft, Klangbilder verdichtet, Rhythmen härtet. Alles scheint ein bisschen schärfer in den Fokus zu rücken, als es gut wäre, der Hang zur Überdeutlichkeit nimmt dem musikalischen geschehen den Eindruck natürlicher Entwicklung, eine gewisse Verkrampfung setzt sein, ob bei den Fanfarenrufen der Blechbläser oder dem betont behutsamen Gesang von Klarinette und Flöte nach getanem Hexenwerk. Der kompakte Klang erlaubt kaum innere Unruhe und schon gar kein reiches Farbenspiel, sodass das werk eher einem Schwarz-weiß-Bild in HD gleicht, das zugunsten vermeintlicher Klarheit jegliche Gedankenspielräume schließt.

Sakari Oramo (Bild: Benjamin Ealovega)

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Durchatmen

Musikfest Berlin 2019 – Tugan Sokhiev dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Einfach sind die Zeiten, die das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam durchlebt nicht: Vor elf Jahren votierten Kritiker*innen den Klangkörper im Grammophone Magazine zum weltbesten Orchester, vor vie Jahren landete es in einer ähnlichen Umfrage von Bachtrack auf Rank zwei. Da war noch Mariss Jansons Chefdirigent. Sein Nachfolger Daniele Gatti sorgte nicht nur künstlerisch für Missstimmungen – glaubwürdige Berichte über sexuelle Übergriffe führten vergangenes Jahr zu seiner Demission. Glücklicherweise verfügen die Amsterdamer über viele Freunde, die gern und kompetent aushelfen. Das ist auch an den jährlichen Gastspielen in Berlin abzulesen: Hinterließ Gattis Dirigat vor zwei Jahren Enttäuschung bis entsetzen, konnte Manfred Honeck 2018 wieder deutlich mehr überzeugen, bevor Iván Fischer im März im Konzerthaus zu begeistern vermochte. Knapp zwei Stunden Klangglück hat nun Tugan Sokhiev, als Ex-Chef des DSO und regelmäßiger Philharmoniker-Gast ein oft und gern gesehenes Gesicht in Berlin, im Gepäck. Dabei bringt er keine „Crowd Pleaser“ mit, die Philharmonie weist, wie beim Misukfest leider immer wieder zu beobachten, denn auch etliche freie Plätze auf.

Tugan Sokhiev (Bild: Patrice Nin)

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Feier der Neugier

Sir John Eliot Gardiner, das Orchestre Révolutionnaire et Romantique und der Monteverdi Choir eröffnen das Musikfest Berlin 2019 mit Berlioz‘ Oper Benvenuto Cellini

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist nicht dafür bekannt, es seinem Publikum besonders leicht zu machen. Sperrige Programme, die auch mal Überlänge haben können, ambitionierte Themen- und Komponisten-Schwerpunkte (das Gendersternchen ist hier leider nicht angebracht), die den Mainstream gern weit hinter sich lassen, in der Folge nicht selten halbleere Säle – im internationalen Festivalbetrieb ist Berlin das Arthouse-Fest, die unabhängige Alternative. Da passt es gut, mit einem echten außenseiter zu starten. Sir John Eliot Gardiner, Protagonist der historisch informierten Aufführungspraxis und als solcher nicht zuletzt Barockspezialist, hat vor ein paar Jahrzehnten begonnen, deren Prinzipien auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts auszudehnen. Mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique schuf er das Orchester Nummer ein in diesem Bereich – ein Ensemble exzellenter Musiker*innen, die auf historischen Instrumenten sich vor allem den vielen Facetten romantischer Musik widmet. Vor allem das Werk Hector Berlioz‘ hat es Gardiner angetan, jener idiosynkratischen Gestalt, die der Dirigent nach wie vor für unterschätzt hält. Das gilt insbesondere für dessen erste Oper Benvenuto Cellini, ein damals bei Kritik und Publikum durchgefallenes Werk, basierend auf der aberwitzigen Autobiografie des Renaissance-Bildhauers, eine Geschichte um Liebe, Intrigen und die Unbedingtheit echter Kunst. Ein Künstlerportrait, das wohl auch einiges mit dem Komponisten selbst gemeint hat.

Sir John Eliot Gardiner und das Orchestre Révolutionnaire et Romantique (Bild: Chris Christodoulou)

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