Archiv der Kategorie: Kirill Serebrennikov

Liebe als Flickwerk

Kirill Serebrennikov nach Motiven von Giovanni Boccaccio: Decamerone, Deutsches Theater, Berlin / Gogol-Center, Moskau (Regie: Kirill Serebrennikov)

Von Sascha Krieger

Am Ende stehen sie wieder da, Ensemble, Crew, alle in den weißen „Free Kirill“ T-Shirts, die man von jeder Premiere des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov außerhalb seines Heimatlandes in den letzten Jahren kennt. Auch wenn der Hausarrest, des – wohl zweifellos zu Unrecht – wegen Veruntreuung von Geldern seines Moskauer Theaters Gogol-Center vor Gericht stehenden Künstlers aufgehoben ist, das Land darf er nach wie vor nicht verlassen. Und so fand ein Großteil der Proben seines lang erwarteten und bereits mehrfach verschobenen DT-Debüts in Moskau statt, besorgten Assistent*innen die Einrichtung auf der Berliner Premierenbühne. Natürlich schwingt die Entstehungssituation mist und beeinflusst die berechtigte Sympathie für den seit Jahren Repressalien ausgesetzten Theatermachers auch seine Rezeption in Deutschland und trägt sicher zum lang anhaltenden Applaus an diesem Abend bei. Zumal das Sujet, Giovanni Boccaccios Zyklus um 10 junge Menschen, die sich (freiwillig) in einem Haus verbarrikadiert haben, um der grassierenden Pest zu entgehen, nicht ohne Berührungspunkte zum (nicht freiwilligen) Eingeschlossensein des Regisseurs ist. Die „Pest“ im Sinne eingeschränkter Kunst- und Meinungsfreiheit, eines Systems, das eingrenzt, beschränkt, mundtot machen will, bestimmt auch Serebrennikovs Leben. In seiner Inszenierung findet sich davon jedoch nichts.

Bild: Ira Polyarnaya

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Im Zirkus des Größenwahns

Autorentheatertage 2019 / Radar Ost – Kirill Serebrennikov nach einem Gedicht von Nikolai Nekrasov: Who Is Happy in Russia, Gogol Center, Moskau (Regie: Kirill Serebrennikov)

Von Sascha Krieger

Nikolai Nekrasovs ab 1869 erschienenes Gedicht Кому на Руси жить хорошо? ist mit seinen ca. 500 Seiten nicht nur einer der längeren Genrebeiträge der Literaturgeschichte und gilt vielen als Hauptwerk von Dostojewskis Zeitgenossen, sondern auch ein Schlüsselwerk russischer Literatur auf der Schwelle zu einer Moderne, die für viele nur Versprechen blieb. Verfasst kurz nach der Abschaffung der Leibeigenschaft lässt der Autor eine Gruppe Bauern durch ihr Land ziehen auf der Suche nach einem glücklichen Menschen. Spoiler Alert: Sie werden ihn nicht finden. Der große Zivilisationssprung des Endes faktischer Sklaverei entpuppt sich als Illusion, als Strohfeuer in einem Land, das sich von althergebrachten Machtstrukturen, religiös verbrämter Leidensmoral und einem daraus resultierten tief verankerten Pessimismus nicht zu lösen vermag. Als sich alles änderte, änderte sich nichts. Auch der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der sich dieses Riesenwerks angenommen hat, hat wenig Grund zum Optimismus. Der unbequeme Künstler ist dem zunehmend autoritären Putin-Regime schon länger ein Dorn im Auge. Gerade wurde er aus mehr als zweijährigem Hausarrest entlassen – der nach Meinung fast aller Beobachter fingierte Vorwurf der Veruntreuung und das damit verbundene Verfahren stehen weiterhin im Raum.

Bild: Sascha Krieger

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