Archiv der Kategorie: Kelly Copper

Berlinale 2019: Day 3

By Sascha Krieger

Der Goldene Handschuh (Competition / Germany, France / Director: Fatih Akin)

Fatih Akin’s new film is based on Heinz Strunk’s novel about Fritz Honka, a notorious serial killer in the Hamburg of the 1970s. Disfigured by an accident, Honka drifts along the lowest echelons of society, the drinkers and prostitutes, the drifters and the down-and-out, the cast-away and the forgotten. Akin dives into this hidden world, this underbelly of affluence, this sewer of flushed-out people with all he has. He recreates it, particularly the eponymous Hamburg pub and Honka’s apartment, with a love for detail that is only outweighed by an obsession with ugliness. Drearier, dirtier, grittier interiors have rarely been seen. And then, there’s Jonas Dassler, a 22-year-old rising star transformed into slouching, leering 35-year-old Honka. His sweaty, greasy-haired face in the film’s beacon, in it, all the lust, the cruelty, the misogyny, the insecurity, the despair of this collateral damage of German post-war reconstruction. The film opens with a long-drawn-out to get rid of a body, contains several acts of violence, including various very graphic murder. Doing so, it touches on the horrifying as well as on the absurd and the funny. The inhabitants of the pub are mostly caricatures and even Honka’s crimes contain an element of the blackest of humours. In its better moments, the film paints an impressive portrait of a stratum of society that pays the price for others‘ affluence as well as an intriguing profile of a man driven by uncontrollable impulses and fueled by a sense of entitlement not totally absent in today’s men either. Unfortunately, the film is also a little too much in love with its extremes, the ugliness, the violence, the show effects which blur the perspective and increasingly turn a brightly coloured study into more of a circus act, dragging out the spectacular far longer than necessary and at times coming close to betraying some of its characters, especially the women, in the process. The half-heartedly added side story about a teenage boy’s adolescent struggles and his attempts to charm a girl he fancies, in the book, a mirror of the main story, are wasted here. In the end, Der Goldene Handschuh does not quite live up to the high expectations, mostly because it wants to please, impress and entertain too much.

Der Goldene Handschuh (Image: © Gordon Timpen / 2018 bombero int./Warner Bros. Ent.)

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Das Leben – welch ein Drama! (Teil 2)

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: Life and Times – Episodes 1-5, Episode 6 (Work in Progress), Koproduktion mit Burgthater Wien (Episodes 1-4) (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Episodes 3+4: Die Pubertät – ein Thriller

Nach dem Episode 2 mit einem emphatischen „Um“ geendet hat, könnte der Bruch kaum größer sein: Als das Licht angeht für die zu einem Abend verbundenen Episoden 3 und 4, blickt der Zuschauer auf ein aufgemaltes viktorianisches Interieur, vervollständigt durch passendes Mobiliar. Es handelt sich um kopierte Kulisse des Agatha-Christie-Klassikers Die Mausefalle, der seit 1937 ohne Unterbrechung in London gespielt wird. Während der Proben hat das Ensemble mit dem Originaltext gearbeitet, erst bei der Premiere wurde er durch die beiden  Telefonate ersetzt. Der Spielgestus entspricht dem eines Mystery-Thrillers: weit aufgerissene Augen, frontales Spiel, permanente Anspannung, abrupte Auftritte und Bewegungen. Ein Detektiv im Trenchcoat macht Notizen, die anderen Figuren verdächtigen einander und machen sich verdächtig, immer wieder klingelt das Telefon und lässt die Anwesenden erstarren, alles ist plakativ und ein wenig zu dick aufgetragen und atmet den Geruch bedeutungsvoller Erwartung und ständiger Bedrohung. Ein Geheimnis gilt es aufzudecken, bevor es zur Katastrophe kommt.

Episodes 3+4 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Episodes 3+4 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Weiterlesen

Das Leben – welch ein Drama! (Teil 1)

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: Life and Times – Episodes 1-5, Episode 6 (Work in Progress), Koproduktion mit Burgthater Wien (Episodes 1-4) (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Die Verhandlung der Realität durch das Theater ist spätestens seit Ibsen und dem deutschen Naturalismus ein grundsätzlicher Streitpunkt von Theatertheorie und -praxis. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben Strömungen wie das dokumentarische Theater an Bedeutung gewonnen, gerade in den letzten Jahren haben Theatermacher wie Rimini Protokoll oder Milo Rau auf unterschiedliche Weise versucht, Realität auf die Bühne zu bringen und im Medium Theater zu reflektieren, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Bühne zu verwischen oder zumindest immer wieder zu hinterfragen. Einen ganz eigenen Umgang mit dieser Frage pflegt die die New Yorker Theatergruppe Nature Theater of Oklahoma, deren Arbeiten sich stets an der Grenze von Realität und Kunst bewegen sollen, Arbeiten, in denen die Realität ebenso eine zentrale Rolle spielt wie der Zufall. Real geführte Telefongespräche bilden seit Romeo and Juliet oft die Grundlage ihrer Stücke, deren Regieentscheidungen aber gern auch durch Würfel oder Spielkarten getroffen, der Text über Kopfhörer eingesagt oder auf Tafeln angezeigt wird. Es ist ein Spiel aus Wirklichkeit und Kunst, Kontrolle und Kontrollverlust, Form und deren Aufhebung sowie die Reibung von Text und Inhalt auf der einen, der Form auf der anderen Seite, die ihre Arbeiten zum Aufregendsten gehören lassen, was derzeit auf den Bühnen dieser Welt zu sehen ist.

Episode 1 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Episode 1 (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Weiterlesen

Vom Glück des Scheiterns

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: „Das große Nature Theater of Oklahoma ruft Euch! – A Movie“ (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Drei Wochen lang prangte an dem Haus, das früher Hebbel-Theater hieß und seit einigen Jahren als „HAU 1“ bekannt ist, ein großes, rot-weißes Plakat und verkündete: „Das Große Nature Theater of Oklahoma ruft euch! Es ruft nur, heute nur einmal! […]  Jeder ist willkommen!“  Nein, das war kein normales Gastspiel, welches die New Yorker Theatergruppe im Rahmen des Festivals Foreign Affairs in Berlin geben würde: eher ein Arbeitsaufenthalt unter Einbeziehung der Berliner. Ganz getreu dem Vorbild aus Kafkas Roman Der Verschollene waren sie aufgerufen, sich dem Theater anzuschließen, gab es ob-Interviews nach Vorbild von Andy Warhols Screen Tests, wurde der Jugendstilbaum zur temporären Heimstatt einer äußerst aktiven Künstlerkolonie. Die hier auch lebte: Pavol Liska und Kelly Copper hatten ihr Domizil im Foyer des 2. Rangs aufgeschlagen, so dass man sie spätabends schon mal in ihren Pyjamas herumlaufen sehen konnte.

Kelly Copper und Pavol Liska (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Kelly Copper und Pavol Liska (Foto: Nature Theater of Oklahoma)

Weiterlesen

Es war der Spatz und nicht die Taube

Foreign Affairs 2013 – Nature Theater of Oklahoma: Romeo and Juliet (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Alles auf Anfang: Als im April das Programm der zweiten Ausgabe des internationalen Theater- und Performancefestivals Foreign Affairs vorgestellt wurde, saßen die Pressevertreter auf der Bühne des großen Saals des Hauses der Berliner Festspiele – auf Rollrasen und Biergartenbänken. Und schnell war klar: Das zweite Festival würde ein erstes sein. Nachdem Frie Leysen die erste Ausgabe kuratiert hatte, ist nun Matthias von Hartz verantwortlich und der Stempel, den er der Veranstaltung aufdrückt, ist deutlich sichtbar. Ein Sommerfestival soll es nun sein, mitten im Beginn der Theaterferien – und der Touristensaison – gelegen und auch inhaltlich hat sich einiges getan: Zum einen wurde das Festival neben den Säulen Theater und Tanz um eine dritte erweitert und bietet nun ein umfangreiches Musikprogramm. Programmatisch gibt es eine klare Schwerpunktbildung, die neben dem Themenschwerpunkt „Die Wette“ vor allem mit Fokuskünstlern arbeitet, in diesem Jahr dem Choreographen William Forsyth und der Theatergruppe Nature Theater of Oklahoma. Und noch etwas ist neu: Das Festival soll stärker Festivalcharakter haben und so liegt ein Augenmerk darauf, ein durchgehendes Festivalgefühl zu kreieren – durch ein vollgepacktes Eröffnungswochenende etwa oder ein Performancewochenende zum Thema Wette. Der Anspruch ist klar: Foreign Affairs soll als eines der führenden Theater- und Performancefestivals Europas etabliert werden – und das möglichst schnell.

Foto: Peter Nigrini

Foto: Peter Nigrini

Weiterlesen

Werbeanzeigen