Archiv der Kategorie: Kay Voges

Im Anfang war die Currywurst

Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay Voges: Die Parallelwelt. Eine Simultanaufführung, Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Das vielleicht Wichtigste zuerst: Es hat alles geklappt. Die Glasfaserleitung zwischen Berlin und Dortmund stand, die Simultanübertragung in beide Richtungen funktioniert, die bildlichen Verzögerungen blieben im akzeptablen Rahmen. Die großangekündigte Weltpremiere, eine Simultanaufführung an zwei Theatern, über 400 Kilometer von einander entfernt, fand statt und endete nach zwei Stunden in beidseitigem großen Jubel. Die Erweiterung des Theaterraums, die den Macher*innen um Regisseur Kay Vogels vorschwebte, ist erfolgt, der virtuell-reale Theaterort erstmals bespielt. Bald wird die Frage des „Was nun?“ folgen, doch zunächst ist eine andere zu klären: „Was war?“ Oder auch: „War was?“ Letztere lässt sich emphatisch bejahen und das ist schon eine gute Nachricht. Denn bei einer Arbeit, bei welcher der Fokus so sehr auf der Einzigartigkeit des Projekts lag und die, Aussagen Voges‘ zufolge, ihren Ursprung in der Raumidee hatte und sich erst danach über Inhalte Gedanken machte, bestand die Gefahr, dass sie künstlerisch wenig substanziell ausfallen könnte. Nach der doppelten Premiere ist klar: Zu wenig Substanz ist ihr Problem nicht.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Gleichzeitig hier und dort“

Kay Voges und sein Team stellen die gleichzeitig Berlin und Dortmund stattfindende Simultanaufführung Die Parallelwelt vor

Von Sascha Krieger

Neues, so weiß man, entsteht oft aus Alltäglichem, Bahnbrechendes aus Banalem. Das ist auch der Fall, wenn am 15. September Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund Theatergeschichte schreiben, indem sie gemeinsam eine Inszenierung an zwei unterschiedlichen Standorten zeigen, die in Echtzeit miteinander kommunizieren und spielen. Die Idee, so erzählt es Regisseur Kay Voges beim  ebenfalls verdoppelten Pressegespräch, bei dem sich Berliner und Dortmunder Presse zunächst zuwinken dürfen, entstand beim Gastspiel seiner bejubelten Inszenierung Die Borderline Prozession beim letztjährigen Theatertreffen. Da das Bühnenbild fest in der damaligen Dortmunder Ausweichspielstätte Megastore installiert war, musste es für das Gastspiel in den Berliner Rathenau-Hallen originalgetreu kopiert werden. Das Erlebnis, im gleichen Raum und doch an einem anderen Ort zu sein, war, so Voges, der Ausgangspunkt, darüber nachzudenken, ob die Art, wie wir Raum und Zeit und Individuum denken – einzigartig und eindeutig definiert – unserer Realitätserfahrung überhaupt noch entsprechen. „Der Raum hat sich verschoben“, erinnert er sich, „und auch die Zeit hat sich verschoben“.

Kay Voges (3. von rechts) und sein Team bei den Proben (Bild: Birgit Hupfeld)

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Theater als Niemandsland

Thomas Bernhard: Der Theatermacher, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges Mondtag)

Von Sascha Krieger

Feuerlöscher sind reichlich, überreichlich vorhanden, Feueralarmschalter ebenso. Dabei stellt sich die Frage, was hier brennen sollte, in dieser Halle aus Sichtbeton, leer, bestenfalls funktional, alles, nur nicht einladend. Hier, in einer Lagerhalle, die offenbar niemand braucht (Bühne: Daniel Roskamp), soll er Theater spielen, der große Staatsschauspieler Bruscon, entsorgt wie auf dem Sperrmüll, das Theater als unnötiges Anhängsel, das nur dann und dort noch Platz findet, wenn und wo es nicht im Wege steht. Da überrascht es nicht, dass Bruscon schnell die Hutschnur platzt. Andreas Beck spielt den tyrannischen Choleriker zunächst als kontrollierten Effektversteher, der genau weiß, wann es sinnvoll ist, zu brüllen und wann, das gegenüber zu umschmeicheln. Einer, der den spielt, der er ist. Hohe Kunst. Regisseur Kay Voges lässt Bernhards Stück, das auf einem eigenen Erlebnis mit einer Peymann-Inszenierung (nachzulesen auf dem Programmzettel) fußt, zunächst vom Blatt spielen, als im Realismus grundierte Boulevardkomödie. Und baut schon hier kleine Verzerrungen ein. Uwe Rohrbeck etwa ist ein übertrieben serviler, großäugig schmachtender Wirt, dessen ausgestellte Unterwürfigkeit sich erst später auflöst, die vom Protagonisten als „Antitalente“ gebrandmarkte Familie sind lächerliche Karikaturen, treudoof dreinschauende Comedy-Versatzstücke.

Bild: Sascha Krieger

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Bilder von Ihm

Das 1. Evangelium. Frei nach dem Matthäus-Evangelium, Schauspiel Stuttgart (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Der sterbende Erlöser am Kreuz, die Mutter mit dem Kind, der beweinte Leichnam, das Abendmahl: Die Ikonografie des christlich geprägten Teils unserer Welt ist ohne Bilder Jesu nicht zu denken. Das Leiden des Gottessohnes ist die (reichlich späte) Urschrift unseres, nun ja, Kulturraums, die Idee einer über die Generationen hinweggetragenen kollektiven Schuld keine neue, die Idee des Lebens als Leidensweg auch nicht. Kaum ein Narrativ der so genannten westlichen Welt (auch in Teilen der „östlichen“ ist das kaum anders) ist ganz ohne Jesus zu lesen, schon gar nicht in der „hohen“ wie der „populären“ Kultur. Ob Heldengeschichten, Kämpfe zwischen gut und Böse, Narrative individueller Bewusstwerdung, Selbtopferungen, persönliiche Erlösungsgeschichten, aber auch solche von gesellschaftlicher Erneuerung, von Revolution und ihrer Zurückschlagung, vom Status Quo und dessen Hereuaforderung: Ob bewusst oder nicht – die vier Evangelien stehen stets zumindest als Urquellen Pate. Dass Kay Voges irgendwann bei diesem Urnarrativ des „Abendlandes“ landen würde, war zu erwarten. Der Dortmunder ist ein Theatermacher, der sich intensiv damit, welche Bilder uns prägen, welche uns zu dem machen, was wir zu sein meinen, wie diese Bilder entstehen und warum, wer sie macht und wozu er sie einsetzt und welche Bilder wir nicht sehen, weil andere sie überlagern und verdrängen.

Bild: JU

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Lucy in the sea with James Bond

Anne-Kathrin Schulz nach einer Recherche von Correct!v: Die schwarze Flotte, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

2015, die so genannte „Flüchtlingswelle“ erreichte gerade ihren Höhepunkt. Zehn-, hunderttausende kamen meist übers Mittelmeer nach Europa, die meisten aus dem kriegsgebeutelten Syrien, viele starben auf dem Weg. Das Fernsehen zeigte Flüchtende in überfüllte Schlauchbooten. Doch es gab auch andere Bilder, die in der Öffentlichkeit fast unbemerkt blieben. Bilder alter Frachtschiffe, 70, manche gar 100 Meter lang, die hunderte Refugees transportierten. Den Journalisten des unabhängigen Recherchekollektiv Correct!v fielen sie auf und führten zur Frage: Wie kamen die Flüchtenden an kommerzielle Frachtschiffe? Wer stellte sie bereit, wer steckte dahinter? Zwei Jahre recherchierten die vier deutschen und italienischen Journalist*innen – Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz und Regisseur Kay Voges, Intendant des Schauspiel Dortmund, formten aus den Ergebnissen einen Theaterabend. Ein Solo für den Schauspieler Andreas Beck. Ihn steckten sie in eine Recherchehöhle: außen Maschendrahtzaun, innen ein Sammelsurium aus vollgemüllten Schreibtischen, Büchern, vollgekritzelten Schultafeln und Globen. An einer Wand eine zerfetzte Europafahne, an einer anderen ein Skelett. Und Fernsehbildschirme, dutzende davon. Recherchearbeitsplatz und assoziationsreiches Metaphernfeld.

Bild: Birgit Hupfeld

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Acht Zahlen für ein Universum

Robert Wilson, Philip Glass: Einstein on the Beach, Oper Dortmund / Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

„Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.“ Damit überschrieb Kay Voges seine bahnbrechende Inszenierung Die Borderline Prozession, die gerade erst beim Berliner Theatertreffen nicht nur aber vor allem begeisterte. Es ist ein Motto, das auch auf Einstein on the Beachin einer bejubelten Tournee passen würde, die legendäre Kollaboration der Großkünstler Robert Wilson und Philip Glass, die beide erst vor drei Jahren wiederbelebten. Ein minimalistisches Bilder- und Assoziationsgewitter, das keine Geschichte erzählt, keine Figuren kennt, keinen Sinn vorschreibt. Dass besagter Satz nun auch in den Übertiteln auftaucht, die vor dem Beginn von Kay Voges Inszenierung erscheinen – der ersten, an der weder Wilson noch Glass beteiligt waren – ist daher kein Zufall, zumal auch das Programmheft schwer bemüht ist, den Zuschauer vom Interpretieren abzuhalten. Bloß keinen Sinn suchen, schreit es ihm entgegen – und löst damit beim kritischen Beobachter erst einmal eine Reihe von Alarmglocken aus. Was will uns dieser Abend verbergen? Eine Leere und Oberflächlichkeit, die sich nur durch den künstlichen Gegensatz des „Erlebens statt Verstehens“ bemänteln lässt? Ein perfider Trick des Regisseurs also, den so mancher schon bei der Borderline Prozession vermutete?

Bild: Thomas Jauk, Stage Picture

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Das Bild, das wir uns machen

Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin: Die Borderline Prozession, Schauspiel Dortmund (Megastore) (Regie: Kay Voges) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Bild, das wir uns von der Welt machen, ist nie ein vollständiges. Wir sehen immer nur einen Ausschnitt, einen den wir vorgesetzt bekommen oder selbst auswählen. Einer, der andere Ausschnitte ausschließt, andere Blicke, andere Perspektiven. Die Undurchdringlichkeit der (post)modernen Welt gepaart mit einer unaufhörlichen Bilderproduktion, die mehr zudeckt als sie erschließt – Kay Voges, Intendant eines der derzeit zweifellos spannendsten deutschsprachigen Stadttheater, jenem in der Ruhrgebietsmetropole Dortmund, hat daraus einen Theaterabend gemacht. Nein, das trifft es nicht. Die Borderline Prozession ist, ja , was eigentlich? Versuchslabor, Erfahrungsraum, Tableau vivant, eine Übung im Sehen- und Hörenlernen? Das Wort vom Gesamtkunstwerk schleicht sich ein und wird doch gleich wieder vom Hof gejagt. Nein, der Abend ist tatsächlich Theater in vielleicht seiner reinsten Form, Live-Kunst im realen Raum, getragen von Gesichtern, Körpern, Stimmen, entstehend wie vergehend im Hier und Jetzt des kurzen Moments einer seltsamen Gemeinschaft von Zuschauern, Schauspielern, Künstlern. Manches von dem, was hier entsteht, hat man schon gesehen, oft drängen sich Vergleiche auf, Namen anderer Theatermacher, aber das führt nicht weit. Und es ist auch unerheblich. Wenn es nach hunderten Jahren Theatergeschichte tatsächlich noch etwas Originäres – ja, verwenden wir einfach das furchtbarste aller Schlagwörter: etwas Neues –geben kann, dann passiert das gerade in Dortmund. Ja, Dortmund. Im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund. Welch wunderbare Fügung.

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Eingeladen zum Theatertreffen 2017: Die Borderline-Prozession (Bild: Marcel Schaar)

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