Archiv der Kategorie: Kay Voges

Acht Zahlen für ein Universum

Robert Wilson, Philip Glass: Einstein on the Beach, Oper Dortmund / Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

„Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.“ Damit überschrieb Kay Voges seine bahnbrechende Inszenierung Die Borderline Prozession, die gerade erst beim Berliner Theatertreffen nicht nur aber vor allem begeisterte. Es ist ein Motto, das auch auf Einstein on the Beachin einer bejubelten Tournee passen würde, die legendäre Kollaboration der Großkünstler Robert Wilson und Philip Glass, die beide erst vor drei Jahren wiederbelebten. Ein minimalistisches Bilder- und Assoziationsgewitter, das keine Geschichte erzählt, keine Figuren kennt, keinen Sinn vorschreibt. Dass besagter Satz nun auch in den Übertiteln auftaucht, die vor dem Beginn von Kay Voges Inszenierung erscheinen – der ersten, an der weder Wilson noch Glass beteiligt waren – ist daher kein Zufall, zumal auch das Programmheft schwer bemüht ist, den Zuschauer vom Interpretieren abzuhalten. Bloß keinen Sinn suchen, schreit es ihm entgegen – und löst damit beim kritischen Beobachter erst einmal eine Reihe von Alarmglocken aus. Was will uns dieser Abend verbergen? Eine Leere und Oberflächlichkeit, die sich nur durch den künstlichen Gegensatz des „Erlebens statt Verstehens“ bemänteln lässt? Ein perfider Trick des Regisseurs also, den so mancher schon bei der Borderline Prozession vermutete?

Bild: Thomas Jauk, Stage Picture

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Das Bild, das wir uns machen

Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin: Die Borderline Prozession, Schauspiel Dortmund (Megastore) (Regie: Kay Voges) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Bild, das wir uns von der Welt machen, ist nie ein vollständiges. Wir sehen immer nur einen Ausschnitt, einen den wir vorgesetzt bekommen oder selbst auswählen. Einer, der andere Ausschnitte ausschließt, andere Blicke, andere Perspektiven. Die Undurchdringlichkeit der (post)modernen Welt gepaart mit einer unaufhörlichen Bilderproduktion, die mehr zudeckt als sie erschließt – Kay Voges, Intendant eines der derzeit zweifellos spannendsten deutschsprachigen Stadttheater, jenem in der Ruhrgebietsmetropole Dortmund, hat daraus einen Theaterabend gemacht. Nein, das trifft es nicht. Die Borderline Prozession ist, ja , was eigentlich? Versuchslabor, Erfahrungsraum, Tableau vivant, eine Übung im Sehen- und Hörenlernen? Das Wort vom Gesamtkunstwerk schleicht sich ein und wird doch gleich wieder vom Hof gejagt. Nein, der Abend ist tatsächlich Theater in vielleicht seiner reinsten Form, Live-Kunst im realen Raum, getragen von Gesichtern, Körpern, Stimmen, entstehend wie vergehend im Hier und Jetzt des kurzen Moments einer seltsamen Gemeinschaft von Zuschauern, Schauspielern, Künstlern. Manches von dem, was hier entsteht, hat man schon gesehen, oft drängen sich Vergleiche auf, Namen anderer Theatermacher, aber das führt nicht weit. Und es ist auch unerheblich. Wenn es nach hunderten Jahren Theatergeschichte tatsächlich noch etwas Originäres – ja, verwenden wir einfach das furchtbarste aller Schlagwörter: etwas Neues –geben kann, dann passiert das gerade in Dortmund. Ja, Dortmund. Im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund. Welch wunderbare Fügung.

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Eingeladen zum Theatertreffen 2017: Die Borderline-Prozession (Bild: Marcel Schaar)

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