Archiv der Kategorie: Katie Mitchell

Die Rache des schönen Scheins

Elfriede Jelinek: Schatten (Eurydike sagt), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Katie Mitchell und Elfriede Jelinek: Gäbe es ein Spiel, die unpassendsten Regisseur*in-Autor*in-Kombinationen zu finden, stünde diese zumindest auf der Shortlist. Ja, beide Künstlerinnen sind glühende Feministinnen, womit ihre Gemeinsamkeiten auch schon zu Ende sind. Auf der einen Seite die assoziationsstarke Wortwanderin, die mäanderne Sprachakrobatin, deren Texte sich selbst über die Seiten jagen, in den Schwanz beißen, ins Wort fallen und ins Straucheln bringen, abschweifen, in Sackgassen enden und ihre eigenen Grenzen niederreißen, bevor sie ganz anderswo landen, ohne genau zu wissen, wie sie dort hingekommen sind. Auf der anderen die Meisterin der Bilderzeugung, deren Theater in erster Linie visuell ist, über das Bild und dessen Verfertigung spricht. Wie soll das zusammen gehen?

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Das Theater als Wartezimmer

Ophelias Zimmer. Mit Texten von Alice Birch, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Fünf Szenen hat sie in Hamlet. Sie ist Objekt (von Hamlets Schwärmerei und später dessen Wut), Spielball (ihres Vaters, der sie als Spionin missbraucht) und Opfer (eines vermeintlichen und in den Suizid führenden Wahnsinns). Der britische Mahler John Everett Millais hat sie später als schöne, blumenumspülte Wasserleiche endgültig zur Ikone gemacht. Die schöne Frau als Objekt der Begierde und als passives Opfer, in der Liebe und Tod, die zwei großen Obsessionen der Menschheitsgeschichte zusammenkommen. Autorin Alice Birch und Regisseurin Katie Mitchell haben jetzt Ophelia, die Projektionsfläche, die Stumme, vom Mann zu Beschreibende, zur Hauptfigur gemacht. Doch statt sie zu emanzipieren, ihr eine Stimme zu verleihen, schreiben sie die Ikonographie der Figur nur weiter. Wenngleich unter verkehrten Vorzeichen, als Anklage gegen eine Gesellschaft, die Frauen eine dienende, passive Rolle zuerkennt. Im Resultat bleibt sie aber eben doch das Opfer, der Spielball, das Objekt.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

Weiterlesen

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Duncan Macmillan: The Forbidden Zone, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Salzburger Festspiele (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Eine Frau steigt in einen Zug ein, er führt sie, nicht ohne Hindernisse, an ihr Ziel. Doch er selbst ist nicht am Ende. Ganz am Schluss, die Bühne ist menschenleer, gehen die Lichter wieder an und er setzt sich erneut in Bewegung. Er wird weiterfahren, bis ihn, vielleicht, eines Tages jemand stoppt. Ein zweifach teilbarer Waggon dominiert die Bühne von Katie Mitchells Meditation über Krieg und Mensch und er ist zugleich ihre stärkste Metapher. Die passiven Passagiere, die sich dahin transportieren lassen, wo es denen, die die Fahrt kontrollieren gefällt – es sind all jene, die im Jahrhundert der Kriege gefolgt sind, oft in ihr eigenes Verderben, oder die zumindest nicht aufbegehrten. The Forbidden Zone spannt den Bogen vom ersten zum zweiten Weltkrieg, ohne zu vergessen, dass er sich mühelos ins Heute fortsetzen ließe. Wer aussteigt aus diesem Zug, mag protestieren, nicht mehr mitmachen wollen, sich entziehen. Der Zug jedoch rollt weiter.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Weiterlesen

Das vervielfachte Nichts

Samuel Beckett / Morton Feldman: Footfalls / Neither, Staatsoper im Schiller Theater, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Schon der Titel ist programmatisch: Neither heißt das kurze, 16-zeilige Gedicht Samuel Becketts, dass der amerikanische Komponist zur Grundlage seiner gleichnamigen Oper gemacht hat. Dieses Wort, zu Deutsch „weder“, deutet ein Dazwischen, ein schweben zwischen Sein und Nicht-Sein an, wie es in Becketts Werk immer wieder vorkommt. Das gilt für die frühen, bis heute beliebten Stücke, für Warten auf Godot etwa oder Endspiel, für Glückliche Tage ebenso wie für Das letzte Band. Becketts Figuren bewohnen ein Zwischenreich, in dem Zeit keine Rolle mehr spielt, das keine Vergangenheit hat, weil es keine Zukunft gibt, eine Welt des Stillstands, die sich ein Außen, ein Universum außerhalb des abgegrenzten Spiel-Raums nicht mehr vorzustellen vermag. Beckett beschreibt die moderne Wirklichkeit ebenso wie das emanzipierte Ich als essenziell undurchdringbar, jeder Versuch, das komplexe, widersprüchliche Draußen zu durchdringen, ist zum Scheitern verurteilt. Es ist eine Weltsicht, die sich in seinem Spätwerk noch verstärkt, indem er sie verdichtet, abstrahiert, entmenschlicht. Footfalls ist ein Beispiel: Eine einsame Frau wiederholt immer und immer wieder die gleiche Schrittfolge, kommuniziert mit einer Off-Stimme, die Mutter offenbar, später mit sich selbst, um am Ende ganz zu verschwinden. Bewegung wird hier zum Instrument und Ausdruck des Stillstands, zum Selbstzweck, der keinerlei Ziel mehr dient.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Weiterlesen

Radeln für die Welt

Duncan Macmillan: Atmen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Keine Frage, Ort und Zeitpunkt sind etwas unglücklich gewählt: Sie, ein Paar Ende zwanzig, sind gerade bei IKEA einkaufen, als er die Frage, ob sie denn vielleicht ein Kind kriegen sollten, in den Raum stellt. Sie reagiert panisch, überfordert, ganz nah am Rand der Hysterie. Ein Zustand, der sich auch nach längerer Reflexion eher noch verstärkt. Denn Gründe, kein Kind in diese Welt zu setzen, gibt es viele. Klimawandel, Atomkraft, Überbevölkerung: Verantwortungsvolle Menschen wie sie können doch kein neues Leben in diese bevorstehende Apokalypse bringen. Und überhaupt sei ein Kind doch völlig umweltunverträglich, schließlich produziere es mehr CO2,a ls wenn man sieben Jahre lang täglich von Berlin nach New York flöge und zurück. Duncan Macmillan hat die Frage, wie und ob eine Familiengründung in die Welt passt, wie sie ist, als Anlass genommen, eine Zustandsbeschreibung zu erstellen unseres Zeitgeistes, anhand zweier als repräsentativ zu geltender wohlmeinender, politisch korrekter, alles hinterfragender und ausdiskutierender intelligenter junger Menschen zwischen individuellem Glücksbedürfnis und diffus verstandener Verantwortung gegenüber dem Planeten.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Weiterlesen

Schlaflos im Räderwerk

Theatertreffen 2013 – Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht, Schauspiel Köln (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Das Theater der Katie Mitchell ist ein Theater der Ebenen. Dies gilt zunächst im Wortsinn: unten eine Mischung aus Kulisse, Tonstudio und Filmset, oben eine Video-Leinwand, unten wird produziert, oben das Produzierte gezeigt. Im Zusammenspiel zwischen der handwerklichen Mechanik der Filmproduktion und dem perfekt geschnittenen Ergebnis, das in Echtzeit zu sehen ist, entsteht im Idealfall so etwas wie eine Erzählung, die gleichzeitig von ihrer Entstehung berichtet. Das Paradoxe ist, dass in Mitchells besseren Arbeiten gerade diese Offenlegung der Erzähltechnik, diese konsequente Dekonstruktion der Vortäuschung von Realität eine Direktheit entsteht, eine Berührung des Zuschauers, die auf Empathie abzielendes Theater nur selten erreicht. Es ist dieses instabile, ambivalente Verhältnis von Verfremdung und Distanzierung auf der einen, Illusion und Durchbrechung der Distanz auf der anderen, aus dem sich die Wirkung von Katie Mitchells Theater entfaltet. Denn paradoxerweise ist es die reale Ebene der agierenden Figuren, die durch all die herumwuselnde Technik, die Ortswechsel zwischen den Szenen, das Hinein- und Herausschlüpfen aus den Rollen für die Distanz sorgt, während das Produzierte, die Vermittlung +über das bewegte Abbild Nähe suggeriert. In seinen besten Momenten erzeugt dieses Theater eine faszinierend komplexe wie fragile Theater- und Wirklichkeitserfahrung, in seinen schwächeren ist das mechanisch abgespulte Routine, eine Wiederholung des Immergleichen. Reise durch die Nacht, Mitchells Adaption einer kaum bekannten Erzählung Friederike Mayröckers hat ein wenig von beidem zu bieten.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Weiterlesen

Sehen lernen

Die gelbe Tapete nach Charlotte Perkins Gilman, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Katie Mitchell ist so etwas wie ein Solitär in der heutigen Theaterwelt: Sie hat eine ganz eigene theatrale Sprache, eine eigene Erzählweise entwickelt, die das Theatermachen als Prozess wie als Ergebnis gleichermaßen vergegenwärtigt, sein Gemachtsein ebenso vorführt wie sein Gemachtwerden und gerade durch diesen multiperspektivischen Ansatz, dieses Sezieren des Theatermomentes, durch sein Zerlegen und Wiederzusammensetzen den Zuschauer in seinen Bann zieht, zur Auseinandersetzung mitder so erzählten Geschichte wenn nicht zwingt, so doch auf einringliche Weise ermuntert. In ihrer neuen Arbeit hat sich Mitchell eines frühen Schlüsseltextes der feministischen Literatur, Charlotte Perkins Gilmans Die gelbe Tapete, angenommen und etwas Unerhörtes getan: Wo Perkins Gilman von einer entrechteten und aus dem Leben abgeschobenen Frau erzählt, die ihren letzten Ausweg im Verrücktwerden findet, erzählt Mitchell die Geschichte einer unter einer postnatalen Depression leidenden Frau, auf welche die Umwelt mit Verständnis, aber auch Hilflosigkeit reagiert und die den Weg zurück in das, was wir als Gesellschaft Leben nennen, nicht mehr findet. Keine Frage: Dieser Vergegenwärtigung fehlt die politische Brisanz des Originals, angesichts einer immer lauter werdenden Debatte darüber, was die High-Speed-Welt, in der wir leben, mit uns macht, ist dieser Ansatz aber auch alles andere als irrelevant.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Weiterlesen

Werbeanzeigen