Archiv der Kategorie: Kaserne Basel

Welt aus Nebel

Theatertreffen 2019 – Thom Luz: Girl from the Fog Machine Factory, Gessnerallee Zürich / Théâtre Vidy-Lausanne / Kaserne Basel / Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg / Theater Chur / Südpol Luzern (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wir weisen darauf hin, dass bei der Vorstellung genebelt wird.“ Bei Kennern der Arbeiten von Thom Luz rufen die Hinweisschilder im Haus der Berliner Festspiele einiges Schmunzeln hervor. Weiß man doch, dass Nebelmaschinen und Trockeneis zu den liebsten Mitteln gehören, die der Schweizer Theatermacher einsetzt. Und doch ist an diesem Abend einiges anders: Die fragile temporäre Undurchsichtigkeit is nicht mehr nur theatrales Instrument und erzählerisches Mittel, sondern das Thema dieses weniger als eineinhalbstündigen Abends selbst. Bei Thom Luz hängen fast immer Nebelwände in der Welt, schaffen Übergänge in und aus flüchtigen Wirklichkeiten, zu Traumwelten, Erinnerungsräumen, Gespensterreichen. Die Realität ist kein Ort, dem zu trauen ist, die zerbrechlichste aller Erfahrungsdimensionen des Lebens, die engste auch, die einschnürendste. Nebel macht sichtbar, indem er verdeckst und die physische Welt dem Blick entzieht. Er eröffnet andere Räume, solche des Traums, des  Denkens, der Imagination, der Erinnerung, der Trauer, er dehnt die Zeit, hält sie an, wie er Räume, Welten, Realitäten verschwinden und aus dem Nichts, im Nichts und als Nichts neu entstehen lässt.

Bild: Sandra Then

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Ins Netz gegangen

Gilliéron / Koch / Wey: Homo Digitalis, Kaserne Basel / Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Zino Wey)

Von Sascha Krieger

Steve klickt. Steve preist an. Steve verkauft. Was? Sich. Er ist ein „Homo Digitalis“, er lebt im, mit dem, durch das und vom Internet. Bekommt er fünf Sterne, geht es ihm gut, gehen die Bewertungen runter, gähnt der Abgrund. So lange er ein „Top Seller“ bleibt, hat er eine Existenzberechtigung, verliert er den Status, verschwindet er. „Ich löse mich auf“, sagt er einmal. Ohne seine Netzidentität ist er nichts. Beim Basler Kollektiv Gilliéron / Koch / Wey gibt es ihn gleich vierfach: Klone eines scheinbaren Individuums, gekleidet in Jeans und Rollkragenpullover, verwechselbar, verzichtbar. Um die Lebenswirklichkeit in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft soll es in diesen 70 Minuten gehen und darum, was die Anonymität, Verfügbarkeit und Schnelligkeit der(post)modernen Arbeitswelt mit dem auf Individuum trainierten Menschen machen. Eine enge Box bevölkern die vier Steves, ein Stuhl, ein Tisch, eine Matratze – und vier Laptops. Sie leben online, arbeiten online, denken online und existieren online. Ihren Körper, ihre Hände brauchen sie nicht mehr. Sie sind Pixel und Likes und Klicks. In radebrechendem Denglish preisen sie sich an, bieten ihre Dienste feil und sich selbst, werden gepriesen und verstoßen, verlieren jegliche Kontrolle über das, was sie Leben nennen, weil ihnen ein passender Begriff dafür fehlt.

Bild: Brigitte Fässler

Bild: Brigitte Fässler

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