Archiv der Kategorie: Karin Henkel

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Das Furzen der Untoten

Eugène Labiche: Die Affäre Rue de Lourcine, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Der Bestsellerautor und Populär-, nun ja, -Philosoph Richard David Precht hatte 2009 einen Bestseller mit dem Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, ein Titel, der seitdem seinen Weg in unseren Sprachgebrauch gesucht und vielerorts auch gefunden hat. Das ist nicht verwunderlich, ist doch die Definierbarkeit einer unteilbaren wie einzigartigen Identität des Einzelnen das letzte Glaubensbekenntnis unserer Zeit – während gleichzeitig der Zweifel an ihrer Möglichkeit so tief sitzt, dass die Grenze zur Überzeugung, einer Illusion aufgesessen zu sein, nicht selten nicht mehr sichtbar ist. Karin Henkel hat die postmoderne Identitätsverwirrung zuletzt zu ihrem Thema gemacht. Mit dem  Eugène Labiche hat sie sich nun einen Autor ausgesucht, dem solches Denken fremd schien, einen Akkordarbeiter der Boulevardkomödie, bei dem alles harmlos ist und kein Abgrund gähnt. Doch ist die selbstbesoffene Bürgerseligkeit, die seine stücke erdet, nicht dieser Abgrund selbst, eine Fassade, von der man schon bei Labiche nicht mehr wirklich annehmen kann, dass sich dahinter Substanz verberge?

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

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Jesus in der Geisterbahn

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Henkel) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

In einen Betonbunker haben sie sich zurückgezogen, die Vergangenen, Zurückgelassenen: der gefallene Bankdirektor, seine sich in Fantasien unmöglicher Rettung verlierende Frau, ihre dem Sterben ins Gesicht blickende Schwester. Die massive Treppe, die Katrin Nottrodts Bühne noch enger, noch erdrückender erscheinen lässt, kennt nur ein Ziel: den Tod, das Verschwinden des scheinbar so bedeutenden, unersetzlichen Ichs, die Auflösung im Vergessen. Umtote sind sie bei Karin Henkel, Gespenster, längst unfähig zu leben, weil ihnen lange schon alles genommen wurde, was sie für Leben halten: die Jugend. Und so zittert sich Lina Beckmann grotesk als Ella über die Bühne, verwittert Josef Ostendorfs Borkman im Riesenstrampler, klammert Julia Wieninger als Gunhild mit einer Brutalität, die, wen sie nicht halten kann, doch zumindest in die eigene Dunkelheit mitzureißen entschlossen ist. Hegels Inszenierung könnte man, wenn man wollte, als Parabel auf den Jugendwahn unserer Zeit lesen. Jeder klammert sich an das Junge, will, so man selbst nicht mehr dazugehört, ihm das Lebendige aussaugen, um das eigene Leben zu füllen. Der Unterschied zwischen den Ellas und Gunhilds auf der einen und Fanny Wilton (Kate Strong) auf der anderen Seite liegt lediglich darin, dass letztere sich dem, was sie tut, vollkommen bewusst ist und dies auch verkündet. Und auch den Jungen geht es kaum besser: Wie ein bockiges Kind klammert sich Borkman-Sohn Erhart (Jan-Peter Kampwirth) ans eigene Jungsein als einzigem Lebensinhalt, sein „Ich will leben“ klang noch nie so leer und traurig.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Ich? Ach!

Theatertreffen 2014 – Nach Heinrich von Kleist: Amphitryon und sein Doppelgänger, Schauspielhaus Zürich (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Ich. Ein kurzes Wort, seine Bedeutung so eindeutig, selbstverständlich, nicht zu hinterfragen. „Ich bin Sosias“, sagt die Gestalt im grauen Trenchcoat. „Was für ein Ich?“, schallt es ihr aus vier identischen Trenchcoats entgegen? Heinrich von Kleist hat aus Molières Verwechslungskomödie über den Feldherren Amphitryon, der aus dem Krieg zurückkehrt, um festzustellen, dass er bereits die vorige Nacht mit Gattin Alkmene verbracht hat, in Form des Göttervaters Zeus nämlich, der Amphitryon Gestalt angenommen hatte, ein gar nicht mehr so harmloses Drama der Identitätsverunsicherung gemacht, das Karin Henkel, Dauergast beim Theatertreffen, jetzt zum existenziellen Taumel der vollständigen Identitätsauflösung weiterspinnt. Denn hier ist Ich nicht nur ein anderer, sondern viele, die ständig wechseln, sich vermischen, verschwimmen und zur trüben Identitätensuppe werden, aus der kein Entrinnen mehr ist. Hier gibt es keine mobilen Endgeräte, keinen Hinweis auf Twitter oder Facebook und doch drängt sich schnell der Eindruck auf, Henkel hätte nur die Ich-Multiplikation und Rollenvervielfältigung moderner Kommunikation gespiegelt.

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team  (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

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Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip

Das Theatertreffen 2014 feiert das großstädtische Stadt- und Staatstheater

Von Sascha Krieger

Wie war das noch einmal mit den Totgesagten? Nachrufe auf das klassische Stadttheater gab es in den letzten Jahren, Monaten, ja, Wochen genug, landauf landab drohen finanzielle Kürzungen, Theaterschließungen, an einer Stelle treffen sich ein aktueller Intendant und sein Vorgänger wohl in Kürze vor Gericht, andere fordern lautstark eine grundlegende Reform, die sich an Modellen und Strukturen der Freien Szene orientieren sollte. Eine Finanz- und Strukturkrise wird immer wieder diagnostiziert, aber auch der Vorwurf künstlerischen Stillstands zieht sich wie ein roter Faden durch Zustandsbeschreibungen und Abgesänge. Und was macht das theatertreffen, die Leistungsschau der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Theaterjahres und jährliches Schaufenster eines ansonsten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung existierenden Theaterbetriebs? Es feiert das deutschsprachige Staats- und Stadttheater, proklamiert dessen künstlerische Meinungsführerschaft und stellt mal eben seinen Führungsanspruch zu dem, was Theater heute ist und sein kann, wieder her. Neun von zehn Inszenierungen des Theatertreffen-Jahrgangs 2014 kommen aus diesem System und auch unter den Partnern der zehnten Inszenierung, einer Ko-Produktion, finden sich gleich zwei Stadttheater. Das mag man als politisches Statement lesen, als Aufforderung an die Politik, die Stadttheaterlandschaft nicht auf dem Altar von Sparzwängen und Effizienzbestrebungen zu opfern. Und doch hinterlässt diese behauptete Hegemonie ein mulmiges Gefühl.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

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Geburtswehen

Theatertreffen 2013 – Gerhart Hauptmann: Die Ratten, Schauspiel Köln (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Programmheft ein guter Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Karin Henkels Kölner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Die Ratten. Dort wird ausgiebig Friedrich Nietzsche zitiert, auch ein kurzer Textauszug des Philosophen selbst findet sich dort. Und so erlebt der Zuschauer hier vielleicht nicht „Die Geburt der Tragödie“, aber womöglich so etwas wie die Geburt des Wahrhaftigen aus dem Theater. Und geht es nicht in beiden Hauptthemensträngen des Stücks um das Gebären, das Entstehen neuen Lebens? Wirklichen Lebens in der Geburt des Kindes, das am Ende gleich zwei tote Mütter hat, aber auch gespielten Lebens in der Kunstwelt des Theaters? Bei Henkel sind die Ebenen der Frau Maurerpolier John und des Theaterdirektors Hassenreuter zu einer verschmolzen, das Oben und Unten, das im Text auch im Wortsinn zu verstehen ist, existiert hier nicht. Hier ist alles Theater und aus ihm erhält der Abend seine Kraft, die das Etikett „bemerkenswert“ mehr als angemessen erscheinen lässt.

Foto: Klaus Lefebvre

Foto: Klaus Lefebvre

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Trauma mit Knallchargen

Theatertreffen 2012 – William Shakespeare: Macbeth, Münchner Kammerspiele (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Man könnte es kurz – und sich als Rezensent leicht – machen. Das klänge dann in etwa so: Karin Henkels Münchner Macbeth wirft allerlei hübsche Regieeinfälle zusammen, mischt die im Stück angelegte Gender-Problematik (ein weiblicher Macbeth!) mit einer passend relevanten Kriegsheimkehrergeschichte, bricht das Ganze noch ein bisschen ironisch – schließlich sind wir in Sachen Heldenverehrung und Geschlechterrollen heute viel weiter – kürzt das blutrünstige Stück auf massenkompatible zwei Stunden und voilà: Schon haben wir einen zuschauerfreundlichen Macbeth, der schön anspruchsvoll ist und keinem richtig wehtut. Natürlich greift das zu kurz und  ist doch leider dem Abend nicht vollkommen unangemessen. Man darf davon ausgehen, dass Henkel, die schon auf dem letzten Theatertreffen mit einem recht uninspirierten Kirschgarten weitgehend  langweilte, einiges vorhatte mit dem „schottischen Stück“. Nur kam dabei wenig mehr heraus als ein zerfahrener, Stückwerk bleibender Abend mit vielen Ansätzen, die in die Leere laufen und sich zum Teil gegenseitig negieren. Man darf den Kammerspielen gern zu den beiden Einladungen nach Berlin gratulieren, so recht nachzuvollziehen ist jedoch keine der beiden.

Macbeth Muenchner Kammerspiele

Jana Schulz als Macbeth (Foto: Julian Röder)

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Theatertreffen 2011 – eine Nachlese

Was war das für ein Theatertreffenjahrgang! Nachdem sich 2010 die großen Häuser und die Starautoren der vergangenen Jahre die Klinke in die Hand gaben und die Hauptaufgabe für den Zuschauer darin bestand, angesichts der immer gleichen Regietheaterroutine nicht im Theatersessel einzuschlafen, blieben diesmal die Augen weit aufgerissen und die Zuschauer hell wach. So große Vielfalt, so viel Relevanz, so viel Gegenwart, so viel Wirklichkeit waren lange nicht mehr. Es war natürlich das Jahr der kleinen Bühnen, der freien Szene, des postmigrantischen Theaters und des Performance-Theaters. Es war auch das Jahr eines 60-jährigen Nachwuchsregisseurs, Herbert Fritsch, dem die Sympathien des Publikums ebenso zuflogen wie unverhohlene Abneigung. Er schien beides zu genießen.

Geht man nur nach den eingeladenen Inszenierungen, müsste man sich um den Zusatnd des deutschsprachigen Theaters keine Sorgen zu machen. Eine nach der anderen Inszenierung arbeitete sich an der Gegenwart, an der Wirklichkeit ab und das auf so erfrischen unterschiedliche Weise, dass es auch den erfahrensten und abgebrühtesten Theaterbesucher immer wieder in den Zuschauersessel presste. Dabei reichte das ästhetische Spektrum von der abgedrehten Comic-Ästhetik Herbert Fritschs bis zu Vontobels elegant psychologisierendem Schiller,von Karin Beiers keine Mittel auslassenden Jelinek-Kraftakt bis zur brillianten Wirklichkeitsfarce eines Nurkan Erpulat.

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Theatertreffen 2011 – Anton Tschechow: Der Kirschgarten, Schauspiel Köln (Regie: Karin Henkel)

Der Kirschgarten als Zirkus – eigentlich eine hübsche Idee. Das zeitlich begrenzte Paralleluniversum als Sinnbild fü+r die Scheinwelt, das lägst Verlorene, dessen Nichtexistenz nicht eingestanden, nicht akzeptiert werden kann, ohne den eigenen Lebensentwurf, das Selbstbild, das gesamte Existenzgebäude in Frage stellen zu müssen. Dunkel ist der Manegensand, verbrannte Erde, in der Mitte ein kleines rundes drehbares Podest, umgeben von billigen Lämpchen. Ein schäbiger Rest des vergangenen Glanzes.

Wie gesagt eine hübsche Idee. Ebenso plausibel wie die, Teschechows letztes Stück mit seinem Autor als Komödie zu begreifen. Genug Potenzial bieten die Virtuosen des Scheins in all ihrer Lächerlichkeit. Die Fallsüchtigen, immer wieder zu leblosen Puppen Erstarrenden, auf dem Podestchen ihre letzte Rolle spielenden. Hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen sind sie alle, kindisch in ihrer Realitätsverweigerung.

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