Archiv der Kategorie: Karin Beier

Der Westen ist ein Hanswurst

Michel Houellebecq: Unterwerfung, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Am 7. Februar 2015 erschien in Frankreich ein Roman. Nein, nicht irgendeiner, sondern das neue Buch von Michel Houellebecq, zerrissenes Genie, Enfant terrible der internationalen Literatur, Provokateur, einer, der genüsslich Finger in Wunden legt, mit vermeintlichen Tabus spielt, Chronist des Lebens- und Weltekels des westlichen Intellektuellen, Endzeitprophet einer ob ihrer selbstgewählten Schwäche kollabierenden Gesellschaft. In Unterwerfung tut sie genau dies: Sie fällt in sich zusammen, kapituliert gegenüber einem klar umrissenen Wertesystem, einfachen Antworten, einer Weltsicht, die attraktiv scheint, weil sie das Unübersichtliche einer postmodernen Welt in ein leicht konsumierbares Erklärungskorsett presst. Dass es sich dabei um den Islamismus handelt, ist da beinahe zweitranging. Oder doch nicht. Der Roman wurde als Schreckensvision gelesen oder als Sehnsucht nach einer Rückkehr der Werte, als liebäugelnd mit einem „gemäßigten“ Islamismus und als islamophob. Zumal am 7. Febriar 2015 noch etas anderes passierte: Islamistische Attentäter ermordeten elf Menschen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, deren gerade erschienene Ausgabe eine Karikatur Houellebecqs zierte. Ein Angriff auf die offene westliche Gesellschaft und die Meinungsfreiheit.

Bild: Klaus Lefebvre

Bild: Klaus Lefebvre

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Europa im Spiegel

Nach Federico Fellini: Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Beier) – eingeladen zum Theatertreffen 2016

Von Sascha Krieger

Federico Fellinis Film E la nave va (deutsch: Fellinis Schiff der Träume) ist ein Abgesang auf das alte Europa, ein in Realitätsverweigerung und Selbstgerechtigkeit erstarrter Kontinent, der blinden Auges in die Katastrophe steuert und sich dabei auch noch auf der guten Seite wähnt. Fellinis Film spielt am Vorabend des ersten Weltkriegs: Eine bunte Künstlergesellschaft hat sich zur Seebestattung einer Operndiva versammelt, als das Schiff serbische Schiffbrüchige aufnimmt, die sich als fliehende Nationalisten entpuppen. Am Ende werden diese einem österreichisch-ungarischen Kriegsschiff übergeben und der Luxusdampfer geht unter. Nicht wenige meinen, dass Europa auch heute wieder am Scheideweg steht, der Kontinent, wie er in den letzten siebzig Jahren wieder aufgebaut wurde, dem Untergang geweiht sei. So ist es wohl zu erklären, dass so manches deutschsprachiges Theater Fellinis Film als Vorlage wiederentdeckt. Karin Beier hat am Deutschen Schauspielhaus den Anfang gemacht, was ihr eine wohlverdiente Einladung zum Theatertreffen eingebracht hat. Sie reinterpretiert Fellinis Weltkriegsparabel vor dem Hintergrund der so genannten Flüchtlingskrise und Europas Unfähigkeit, die behaupteten eigenen Werte zu verteidigen.

Gastiert im Mai beim Theatertreffen 2016: Schiff der Träume (Bild: Matthias Horn)

Gastiert im Mai beim Theatertreffen 2016: Schiff der Träume (Bild: Matthias Horn)

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Theatertreffen 2011 – eine Nachlese

Was war das für ein Theatertreffenjahrgang! Nachdem sich 2010 die großen Häuser und die Starautoren der vergangenen Jahre die Klinke in die Hand gaben und die Hauptaufgabe für den Zuschauer darin bestand, angesichts der immer gleichen Regietheaterroutine nicht im Theatersessel einzuschlafen, blieben diesmal die Augen weit aufgerissen und die Zuschauer hell wach. So große Vielfalt, so viel Relevanz, so viel Gegenwart, so viel Wirklichkeit waren lange nicht mehr. Es war natürlich das Jahr der kleinen Bühnen, der freien Szene, des postmigrantischen Theaters und des Performance-Theaters. Es war auch das Jahr eines 60-jährigen Nachwuchsregisseurs, Herbert Fritsch, dem die Sympathien des Publikums ebenso zuflogen wie unverhohlene Abneigung. Er schien beides zu genießen.

Geht man nur nach den eingeladenen Inszenierungen, müsste man sich um den Zusatnd des deutschsprachigen Theaters keine Sorgen zu machen. Eine nach der anderen Inszenierung arbeitete sich an der Gegenwart, an der Wirklichkeit ab und das auf so erfrischen unterschiedliche Weise, dass es auch den erfahrensten und abgebrühtesten Theaterbesucher immer wieder in den Zuschauersessel presste. Dabei reichte das ästhetische Spektrum von der abgedrehten Comic-Ästhetik Herbert Fritschs bis zu Vontobels elegant psychologisierendem Schiller,von Karin Beiers keine Mittel auslassenden Jelinek-Kraftakt bis zur brillianten Wirklichkeitsfarce eines Nurkan Erpulat.

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Theatertreffen 2011 – Elfriede Jelinek: Das Werk / Im Bus / Ein Sturz, Schauspiel Köln (Regie: Karin Beier)

Am Anfang steht Thomas Loibl vor dem noch geschlossenen Vorhang und erklärt, eine Baustelle sei immer auch ein Kampfplatz, nicht zwischen Menschen, sondern zwischen Mensch und Natur. Was passiert, wenn sich der Mensch über die Natur erhebt und die Natur zurückschägt, zeigt Elfriede Jelinek in Das Werk, dessen Wiener Uraufführung 2003 bereits zum Theatertreffen eingeladen war, und in ihrem neuen Stück Ein Sturz. Als Brücke dient im Bus, eine Passage aus Jelineks Arbeit Tod-krank. Doc, ein Text von 2008, den sie dem damals schon schwerkranken Christoph Schlingensief widmete.

Bauprojekte stehen im Mittelpunkt aller drei Teile, und der Glaube, die Natur bezwingen oder zumindest beherrschen, dem Menschen dienstbar machen zu können: Jelinek erzählt drei Geschichten: die des österreischischen Speicherkraftwerks Kaprun und die zweier Unflücke beim U-Bahn-Bau: 1994 stürzt ein Bus in einen Krater, der sich in Sekundenschnelle aufgetan hatte, drei Menschen sterben, 2009 führen Arbeiten an der Kölner U-Bahn zum Einsturz des Stadtarchives und zum Tod zweier Menschen. In Kaprun starben beim Staudammbau offiziell 160 Menschen – allerdings erst nach Kriegsende. Wieviele der vor 1945 eingesetzten Zwangsarbeiter, KZ-Insassen und Kriegsgefangenen ums Leben kamen, werden wir wohl nie erfahren.

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Theatertreffen 2010 – Ettore Scola, Ruggero Maccari: Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen, Schauspiel Köln (Regie: Karin Beier)

Ein Wellblechcontainer, darin 15 Menschen (fast) jeden Alters. In Unterwäsche, „Ballonseide“. Im Fernsehen läuft ein Shoppingsender. Unterschicht, Prekariat. Sie sehen fern, machen sich zurecht, langweilen, beschimpfen, streiten sich. Die Aufführung beginnt fließend, ohne merklichen Unterschied zwischendem Eintritt der Zuschauer und dem „eigentlichen“ Beginn. Wir platzen hinein in das Leben dieser Menschen und werden sie fast zwei Stunen lang begaffen. Fast wie bei Big Brother. Dürfen wir hier sein, dürfen wir das sehen?

Es ist eine voyeuristische Situation, in die uns Karin Beier bringt. Wir schauen durch das Fenster Menschen beim Leben zu. Es ist ein trostloses Leben, Menschen, die einander wehtun, unfähig oder unwillig zu kommunizieren, ein brutaler, alles unterdrückender Patriarch, hoffnungslose, resignierte Menschen, abgestumpft die meisten, hilflos die anderen.

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