Archiv der Kategorie: Kampnagel

Welt aus Nebel

Theatertreffen 2019 – Thom Luz: Girl from the Fog Machine Factory, Gessnerallee Zürich / Théâtre Vidy-Lausanne / Kaserne Basel / Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg / Theater Chur / Südpol Luzern (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wir weisen darauf hin, dass bei der Vorstellung genebelt wird.“ Bei Kennern der Arbeiten von Thom Luz rufen die Hinweisschilder im Haus der Berliner Festspiele einiges Schmunzeln hervor. Weiß man doch, dass Nebelmaschinen und Trockeneis zu den liebsten Mitteln gehören, die der Schweizer Theatermacher einsetzt. Und doch ist an diesem Abend einiges anders: Die fragile temporäre Undurchsichtigkeit is nicht mehr nur theatrales Instrument und erzählerisches Mittel, sondern das Thema dieses weniger als eineinhalbstündigen Abends selbst. Bei Thom Luz hängen fast immer Nebelwände in der Welt, schaffen Übergänge in und aus flüchtigen Wirklichkeiten, zu Traumwelten, Erinnerungsräumen, Gespensterreichen. Die Realität ist kein Ort, dem zu trauen ist, die zerbrechlichste aller Erfahrungsdimensionen des Lebens, die engste auch, die einschnürendste. Nebel macht sichtbar, indem er verdeckst und die physische Welt dem Blick entzieht. Er eröffnet andere Räume, solche des Traums, des  Denkens, der Imagination, der Erinnerung, der Trauer, er dehnt die Zeit, hält sie an, wie er Räume, Welten, Realitäten verschwinden und aus dem Nichts, im Nichts und als Nichts neu entstehen lässt.

Bild: Sandra Then

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Zu träumen wagen

Theatertreffen der Jugend 2015 – das gender_ding, NEUE STERNE / Hajusom, Hamburg, in Kooperation mit: Kampnagel, Hamburg / FFT Düsseldorf / Pumpenhaus, Münster

Von Sascha Krieger

Nein, was da Wort „Gender“ bedeutet, muss man uns gebildeten aufgeklärten Westeuropäern wirklich nicht erklären. Die Hinterfragung von Geschlechteridentitäten, der Diskurs über Rollenverhalten und die Öffnung der Wahrnehmung jenseits der künstlichen Polarität „männlich“ – „weiblich“ sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und nähern sich ihren Rändern, nicht ohne zu ideologischen Stellungskriegen der Diskursverweigerer zu führen. Dass das in anderen Teilen der Welt – und auch mitten in diesem Land – noch vollkommen anders ist, dass dort alte Rollenmuster einbetoniert, geschlechtsspezifische Machtstrukturen zementiert und alles, was nicht ins Schwarz-Weiß-Schema passt, ausgeschlossen wird, ja, dass die Möglichkeit eines Diskurses, wie wir, die wohl fälschlich so genannte „Mehrheitsgesellschaft“, ihn führt, als vollkommen absurd, ja, unvorstellbar angesehen wird, vergessen wir gern. Wenn sich nun junge Darsteller*innen, allesamt mit Fluchthintergrund, aus dem Iran, Afghanistan und Westafrika stammend, auf der Bühne mit diesem Thema befassen, ist es wichtig, sich diese Tatsache vor Augen zu führen, denn wer die fundamentalen Unterschiede des gesellschaftlichen Gender-Diskurses in westlichen und vor allem muslimisch geprägten Gesellschaften nicht im Kopf behält, wird den Abend schnell als banal und oberflächlich abtun – auch dem Rezensenten ist diese Reaktion nicht fremd. Dass hier zunächst klar gestellt wird, es gehe um „Gender“ und nicht das Farsi-Wort „jende“, das Prostituierte bedeutet, passt ins Bild.

Foto: Arne Thaysen

Foto: Arne Thaysen

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Theatertreffen 2011 – Christoph Schlingensief: Via Intolleranza II, Festspielhaus Afrika gGmbH / Kampnagel, Hamburg / Kunstenfestivaldesarts, Brüssel / Bayerische Staatsoper, München

Natürlich ist da eine Leerstelle, klafft eine offene Wunde. Christoph Schlingensief ist immer präsent an diesem Aben, seinem letzten Theaterprojekt, entstanden aus dem großen Kraftakt seiner letzten Lebensjahre, dieser fixen Idee, in einer der ärmsten Regionen Afrikas, in Burkina Faso, ein Operndorf zu errichten. Eine Auseinandersetzung mit diesem Projekt ist der Abend, mit seiner Unmöglichkeit auch, seiner Absurdität, mit den Widersprüchen von privatem Engagement wie staatlicher Entwicklungshilfe, den Vorurteilen, die sich allzu oft als guter Willen tarnen und die zuweilen wenig mehr sind, als die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Es ist ein vielseitiger, vielschichtiger, zwischenzeitlich aus demRuder laufender Abend geworden, der als Parodie, als Satire beginnt und in einer manchmal in die Kakophonie Kippende Vielstimmigkeit endet, die den Zuschauer bewusst überfordert und gerade dadurch eine unentrinnbare Energie entwickelt, die das Publikum auf den Sitzen hält, auch wenn das Stimmengewirr zum unverständlichen Lärm zu werden droht.

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Theatertreffen 2011 – She She Pop: Testament, Hebbel am Ufer, Berlin / Kampnagel, Hamburg / FFT, Düsseldorf

Testament, ein Wort wie ein Grabstein, unverrückbar, sperrig, abweisend, final. Ein strenger, harter, einschüchternder Titel. „Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ lautet der Untertitel des Abends, den die Theatergruppe She She Pop gemeinsam mit ihren Vätern erarbeitet haben, durchlässiger, Interpretationen erlaubend, Spiel zulassend. Um Shakespeares tragischen, am verfehlten Generationswechsel gescheiterten, alternden König geht es, aber natürlich ist er nur der Aufhänger, der Katalysator und Reibungspunkt eines zutiefst heutigen Stücks Theater. Auch ein Fluchtpunkt, zu dem man sich zurückziehen kann, wenn es zu persönlich wird, zu tief geht, zu schmerzhaft wird, oder wenn es schlicht einmal nicht weitergeht.

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