Archiv der Kategorie: Junges DT

Spielverderber

Nach William Golding: Herr der Fliegen: survival mode, Deutsches Theater/Kammerspiele (Junges DT), Berlin (Regie: Robert Lehniger)

Von Sascha Krieger

Das ist doch alles nur ein Spiel, oder? Mit dieser Frage, in der ein gerüttelt Maß Selbstberuhigung steckt, endet William Goldings Roman Lord of Flies. Gestellt wird sie von einem Marineoffizier, der als Deus ex machina erscheint, und den Spuk beendet. Gerade wurde noch ein Junge von einer aufgepeitschten Meute Gleichaltriger gejagt, schon scheint alles vorbei. Und vielleicht ist es das ja auch, ein Spiel, eines, das gehörig schief geht, aus dem Ruder läuft und davon handelt, was Menschen einander antun können. Dass es sich hierbei um Kinder handelt, macht den Roman bis heute umso verstörender. Es ist auch die Mischung aus Welt- und Gesellschaftsaufbau und deren brutale Zerstörung, die Lord of the Flies bis heute nicht seiner Faszination beraubt hat. Eine kurze Geschichte der Menschheit, abgehandelt auf einer einsamen Insel und mit ein paar Dutzend Jungen vor der Pubertät. Eine Mischnung, die vielen ihrer heutigen Altersgenossen nicht fremd ist, denn es ist eine Welt, die sich in den Computer- und Onlinespielen wiederfindet, mit denen diese Generation einen guten Teil ihrer Zeit verbringt. Spiele wie Minecraft, ein verpixelter Weltenbausatz, den über 70 Millionen weltweit spielen und in dem sich dieser Kreislauf aus Aufbau und Zerstörung beobachten lässt.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Krieg der Flaschen

Jugend.Erinnerung 1945/2015, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

Bei Jugend.Erinnerung 2015 ist der Weg das Ziel. 18 Jugendliche – je sechs aus Deutschland, Polen und Russland – haben sich gemeinsam auf die Suche gemacht nach ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Wie haben Gleichaltrige den vor 70 Jahren zu Ende gegangenen Krieg erlebt und was bedeutet das für uns heute? Mit diesen Ausgangsfragen hat man in der eigenen Familie recherchiert, Zeitzeugen befragt und ist gereist: nach Wolgograd, nach Krakau, nach Berlin. Man hat Orte der Geschichte besucht. Das Stalingrad-Denkmal. Die Bunker von Berlin. Auschwitz. Man hat sich ausgetauscht über den Umgang mit der Geschichte. In Russland, Polen, Deutschland. Und hat Unterschiede gefunden, etwa zwischen Polen und Russen, wenn es um die Einschätzung der russischen Rolle im Krieg und danach geht. Oder zwischen Deutschen und Russen, die mit Stalingrad ganz unterschiedliche Narrative verbinden. Und weil das Ganze als Theaterprojekt startete, musste dann auch noch etwas für die Bühne entwickelt werden. Dem Abend, der jetzt in Berlin Premiere hatte, merkt man die Schwierigkeit an, aus dem Erfahrenen und Erlebten etwas zu machen, was sich im Bühnenraum jenen vermitteln lässt, die diese Erfahrungen nicht teilen.

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Theatertreffen der Jugend 2015: Die Teilnehmer stehen fest

Die Jury des Theatertreffens der Jugend hat die Preisträger der 36. Ausgabe des Festivals bekannt gegeben. Acht Gruppen aus Schulen, der freien Szene und Jugendclubs an Theatern wurden aus insgesamt 125 eingereichten Produktionen ausgewählt, ihre Inszenierungen vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele vorzustellen.

Die Teilnehmer des 36. Theatertreffens der Jugend sind:

  • Junges DT, Berlin
    Alice
  • Junges Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main
    Anne
  • Hajusom NEUE STERNE, Hamburg
    das gender_ding
  • Theatergruppe „Wo ist Zukunft“ der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte, Königs Wusterhausen
    Die Unberührbaren
  • Die Bürgerbühne im Staatsschauspiel Dresden
    Katzelmacher
  • Jugendclub „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Berlin
    Kritische Masse
  • EMAtheater, Theater-AG des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums, Remscheid
    Late in the night
  • Ein Theater Mobil Projekt, Junges Schauspielhaus, Düsseldorf
    SÖHNE WIE WIR – MACH DIR KEINE SORGEN, MAMA!

(sk / Berliner Festspiele)

Aufräumen mit Kafka

Nach Franz Kafka: Die Verwandlung, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Miriam Scholl)

Von Sascha Krieger

Vielleicht steht ja der wichtigste Satz klein gedruckt im Programmflyer: Das dankt das Team einem Online-Händler für Betten und Matratzen für seine „freundliche Unterstützung“. Und ja, die verschiedentlich gemusterten, durchgängig treckt scheußlichen Matratzen, die gegen Ende des Abends die Bühne bedecken, verlangen den jugendlichen Darstellern einiges ab und bringen das ansonsten recht komfortabel stabile Konstrukt im Wortsinn ein wenig ins Rutschen. Denn wenn etwas überrascht and dieser Bearbeitung der surreal unter- und abgründigen Parabel vom Aussteiger, der zum Ausgeschlossenen wird, vom Funktionierenmüssen im Getriebe der Gesellschaft, dann ist es, wie harmlos die Geschichte unter den Händen von Miriam Scholl, Leiterin der Dresdner Bürgerbühne, gerät. Sechs Jugendliche hat sie zusammengetrommelt, die nicht nur schauspielerisch, sondern auch musikalisch einiges draufhaben sollten. Das ist ihr gelungen: Die je drei Mädchen und Jungen, oder besser: junge Frauen und Männer, sind allesamt talentierte Musiker und können auch darstellerisch beeindrucken, wobei insbesondere die Wandelbarkeit von Yanina Surimana Cerón Klever und die Mischung aus betont körperlichem Spiel und gestochen klarer Artikulation bei Maximilian Padovani herausstechen. Wenn es dem Abend über weite Strecken gelingt, kurzweilig zu bleiben, liegt das vor allem am engagierten und kompromisslosen Spiel des jungen Ensembles und insbesondere der beiden genannten „Rampensäue“ (auch Fabiola Kuonen wäre hier zu nennen).

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Selbstporträt mit Schweinen

Nach Lewis Carroll: Alice, Deutsches Theater/Kammerspiele (Junges DT), Berlin (Regie: Nora Schlocker) – eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2015

Von Sascha Krieger

Welches ist denn nun das Wunderland? Sicherlich der quietschrosa Bühnenkasten, in den sich aus ein schwarzen Papploch sukzessive 16 Alices schälen, große und kleine, weibliche und männliche, solche, die ihre Pubertät noch vor und andere, die sie bereits hinter sich haben. Doch dann erhellt sich eine andere Dunkelheit, die des Zuschauerraums, plumpst das Publikum quasi durch das Carrollsche Loch und sieht sich bestaunt von den sechzehn, die sich mit großen Augen wundern über die seltsamen Gestalten, die scheu  und frech unsere Gesten und Haltungen nachahmen und ausprobieren, die im Gegenüber das eigene Selbst suchen. Sind wir Alice oder sie, sind wir Herzkönigin und Humpty Dumpty oder jene auf der Bühne, sind wir gar die Bühne und sie der Zuschauerraum? Oder sind alle potenziell alles und damit zunächst einmal nichts? Es ist ein ganz starker Anfang, der das Thema des Abends, das sich in der nur einfach klingenden Frage „Wer bin ich?“ zusammenfassen lässt, vollkommen wortlos durchdekliniert und als kaum durchdringbares Dickicht erscheinen lässt, jenes Dickicht, durch das sich jeder kämpft, der den langen Weg ins Erwachsensein antritt.

Alice wurde eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2015 (Foto: Arno Declair)

Alice wurde  zum Theatertreffen der Jugend 2015 eingeladen (Foto: Arno Declair)

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„Vergib mir meine Perfektion!“

Tod. Sünde. 7, Eine Stückentwicklung des Jungen DT, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Wojtek Klemm)

Von Sascha Krieger

Professionell wirft sich der Junge im enganliegenden blauen Pulli und den knöchelfreien Hosen in Pose und wirft selbstbewusste Blicke in den Zuschauerraum. „Vergib mir meine Perfektion!“, sagt er und dreht seinen Körper in Position, als wäre er hier bei einem Cover-Shooting. Ohne Zweifel: Hier ist einer, der im täglichen Ringen um die Selbstoptimierung zu den Gewinnern zählt. Das Ich als attraktiv verpacktes Produkt, der Körper als frei formbares Baumaterial, das Leben als Wettstreit der bunten Hüllen im Supermarktregal der Schönen und Attraktiven: Das ist das Thema der 15 Jugendlichen, die sich hier auf den Trümmern dessen, was von den sieben Todsünden übrig blieb, rekeln und in Positur werfen. Auf der zweistöckigen Holzkonstruktion der Bühne prangt ganz oben ein Jesus-Graffiti, mehr als Dekoration ist es nicht. Wenn gleich zu Beginn ein Mädchen beichten will wird es an die Seite gedrängt: In Zeiten, in denen die schöne Hülle, das positive Image, das Ich als Marke zählen, ist für moralischen Humbug keinen Platz. Und so sind Neid und Zorn und Völlerei (oder besser ihr rauschhaftes Gegenteil) und Hochmut zentrale Markenbestandteile, USPs, mit denen sich das eigene Produkt von Wettbewerb abheben kann. Wer nicht mithält, ist raus und kann nur noch mit aufgesetzt schmerzhaftem Lächeln innere Werte proklamieren. Gehört wird das nicht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Stereotype mit Drehwurm

Joël Pommerat: Dieses Kind, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Lily Sykes)

Von Sascha Krieger

„Keine Beziehung ist so existenziell, prägend, so tief- und auch abgründig wie die zwischen Eltern und Kindern“: Mit diesem Satz legt das Programmheft schon einmal das Themenfeld fest, welches in den folgenden 75 Minuten abzuarbeiten ist. Der französische Theatermacher Joël Pommerat hat für Dieses Kind zehn Szenen geschaffen, welche die so „ideologisch aufgeladene“ (auch dies ein Zitat aus dem Programmheft und mystifizierte erste zwischenmenschliche Beziehung im Leben der meisten Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven durchleuchten sollen. Da gibt es die junge überforderte Mutter und das kinderlose ältere Ehepaar, zwei aufeinanderprallende Vätergenerationen, die besitzergreifend übergriffige Mutter, das passiv-aggressive, die eigenen Lebensvorstellungen auf die Tochter projizierende Exemplar, den rebellierenden Teenager, der Wochenendvater. Gesammelt hat Pommerat seine Geschichten in einem sozialen Brennpunkt Nordfrankreichs, eine Herkunft, die Lily Sykes‘ Inszenierung nicht anzumerken ist.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Mit Cola im Spielzeugladen

2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Willem Wassenaar)

Von Sascha Krieger

Neun Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren entwickeln gemeinsam ein Stück. Worum könne es gehen? Um die Zukunft natürlich, die eigene, die gesellschaftliche, die unseres Planeten. Gesagt, getan. Nennen wir das Stück am besten „2035“, fügen noch irgendetwas mit „Mond“ ein, das klingt utopisch genug, ist aber auch nicht zu weit weg, dann ist man irgendwo zwischen Mitte dreißig und Anfang vierzig, das kann man sich vielleicht ein wenig vorstellen. Was läge noch nahe? Ach ja, Zeitreise. Geht immer. Dann lasst uns noch ein paar Astronautenanzüge anfertigen, das hat schon bei Clash so gut geklappt. Noch etwas? Ja, Publikumsbeteiligung ist immer gut, wirkt frisch, modern, spontan und der Zuschauer ist wohlwollender eingestellt, weil er ja mitwirken darf (oder muss?) und somit Teil des Erfolgs oder Misserfolgs des Abends ist. Dann brauchen wir nur noch eine Ankündigung, etwas mit Bedeutung. „Science-Fiction-Abenteuer zwischen Utopie und Apokalypse“ klingt gut. Fertig? Check. Dann kann es ja losgehen.

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In Bewegung

Fluchtpunkt Berlin, Junges DT, Deutsches Theater Berlin/Kammerspiele (Regie: Tobias Rausch)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einem Moment der Verunsicherung. Eine Reihe junger Zuschauer stehen an den Rändern, sitzen auf den Stufen, haben keine Plätze. Offenbar gab es Doppelbuchungen, trotzdem müsse die Vorstellung pünktlich beginnen, daher solle man erst einmal mit hinauskommen. Das gefällt den Angesprochenen nicht, der Ton wird rauer, irgendwann kommt es zu Handgreiflichkeiten mit dem Abenddienst. Es dauert eine Weile, bis den Zuschauern dämmert, dass das hier bereits Teil der Inszenierung ist, dass die, die da die Bühne besetzen und anschließend durch das Haus gejagt werden, Darsteller dieses neuen, im Rahmen des Jungen DT entstandenen Abends sind. Um Heimat soll es gehen und um ihre Abwesenheit, ihre Unmöglichkeit vielleicht, um das Sich-Treiben und Getrieben-Werden, die Hoffnung darauf anzukommen und den Wunsch, nie weggegangen zu sein. Und um das Dazwischen, das vielleicht nicht die Ausnahme sondern die Regel ist. Und während wir unruhig auf unseren Stühlen sitzen und doch nicht aufstehen, während jene ohne Platz hinausgejagt werden, sind wir plötzlich mittendrin im Unbehaustsein, in der Entwurzelung, als Beobachter zwar, aber doch verdammt nah.

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Zufluchtsort und Gefängnis

Annett Gröschner: Kind ohne Zimmer, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Annette Kuß)

Von Sascha Krieger

Vor dem deutschen Theater steht seit einigen Monaten ein grüner Kubus. Mal offen wie eine Bühne, die zum Zuschauen und Zuhören einlädt, mal geschlossen, sodass man schon durch die Fenster lugen muss, um herauszufinden, ob und was da drin vor sich geht. Dieser grüne Container ist das „Kinderzimmer“, Experimentierfeld und Theaterpavillon, Ort zahlreicher Aktionen mit und von Jugendlichen und sichtbares Zeichen, dass hier, am Deutschen Theater, das junge Theater einen festen Platz gefunden hat. Passend dazu gibt das Haus nun in einer anderen „Box“, nämlich der so benannten kleinsten seiner drei Spielstätten, ein Stück namens . Und um das Kinderzimmer geht es auch, um den eigenen Raum als Schauplatz und Spiegel eigener Entwicklung, als Rückzugs- und Schutzraum, aber auch als Gefängnis, als Hindernis auf dem Weg zum eigenen Ich. Doch die Stimmen, die hier zu hören sind, gehören Menschen, die das eigene Zimmer bestenfalls als unerreichbaren Sehnsuchtsort kennen: Annett Gröschner hat Heimkinder interviewt, Jugendliche, die auf der Straße leben, aber auch ältere Menschen, die sich an ihre Kindheit erinnern, in der sie eben kein eigenes „Reich“ hatten, ob sie nun im Heim lebten, die Wohnung zu klein oder die Familie zu groß. Aus diesen Interviews hat Gröschner ein Stück geschaffen, dass Aussagen und Erinnerungen geschickt kombiniert und zu einer Auseinandersetzung mit Kindheit, Identitätsfindung und der Suche nach so etwas wie einem Zuhause zusammengesetzt.

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