Archiv der Kategorie: Junges DT

Im digitalen Regen

Junges DT – Nach dem Roman von John von Düffel: Klassenbuch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

When it rains, it pours, sagt ein englischsprachiges Sprichwort. Man kennt das aus der Pubertät, wenn jede noch so kleine Krise, die schlechte Note, der erste Liebeskummer, der Streit im Freundeskreis, das verlorene Fußballspiel, apokalyptische Züge annehmen kann. Doch was, wenn der Regen nurmehr digital ist, im Zwischenraum des passend so genannten Inter(!)-Nets stattfindet? Was, wenn zur ohnehin schon unmöglich erscheinenden Identitätsfindung in der realen Welt eine solche, die eher einer Identitätserschaffung ähneln mag, im digitalen Raum hinzukommt, wenn sich die eigene Welt unendlich erweitert, die Echokammer, in der man sich befindet riesengroß und zugleich winzig klein wird? Im Laufe der Inszenierung von John von Düffels Roman Klassenbuch mit dem Ensemble des Jungen DT fällt er tatsächlich, der digitale Regen. Fahl und weiß ziehen seine Fäden über die Rückwand und bilden digitale Pfützen auf der angeschrägten Spielfläche, die eigentlich weiß ist, wie das Blatt, welches das junge Leben der Protagonist*innen dem Klischee nach darstellt? Diese Pfützen sind schnell laufende und sich multiplizierende Counter, Leben im digitalen Zeitalter werden zu Datenmengen reduziert, aus- und verwertbar.

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Bild: Arno Declair

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Im Ausnahmezustand

Junges DT – Nach dem Roman von Stefanie de Velasco: Tigermilch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Wojtek Klemm)

Von Sascha Krieger

Es ist ein Balanceakt, dieses Erwachsenwerden. So wie sie da am Bühnenrand stehen und versuchen, das Gleichgewicht zu halten, die acht Spieler*innen zwischen 15 und 21 Jahren, so soll es sich angefühlt haben, damals, auf der Schwelle zwischen Kindein und Erwachsenenleben, was auch immer das bedeuten mag. Tidermilch heißt der 2013 erschienene Debütroman von Stefanie de Velasco, benannt nach dem Gebräu als Milch, Maracujasaft und Mariacron, mit dem sich die beiden 14-jährigen Protagonistinnen bevorzugt die Kante geben. Um zwei Mädchen geht es, Nini und Jameelah, und um einen Sommer, der mit der Mission Entjungferung beginnt und mit einem Mord noch lange nicht endet. Es geht um mehr oder minder zerrüttete Familienverhältnisse, das Leben als Außenseiter in irgendeiner Betonburg am Stadtrand, umgewollte Schwangerschaften, Abschiebungen, einen Ehrenmord, Prostitution, das volle Programm. Erwachsenwerden im Crashkurs.

Bild: Arno Declair

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Oase des guten Gewissens

Junges DT – Hier.Stehe.Ich, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

„Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Es sind Martin Luthers berühmteste Worte und sie sind womöglich nie gefallen. Zumindest scheint diese Möglichkeit heute so wahrscheinlich wie die, dass der Reformator seine 95 Thesen an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Basiert einer der bekanntesten – und folgenschwersten – Akte der Rebellion im vergangenen Jahrtausend also auf Mythen? Eine spannende Frage, der dieser Abend nicht nachgeht. Luther ist nur der Anlass, zynisch könnte man auch sagen: der Geldgeber, schließlich lebt das Projekt auch von Geldern, die anlässlich des Reformations-Jubiläums bereitgestellt wurden. Diesem Abend geht es um anderes: um den Akt des Widerstands als solchen, seine Quellen, seine Schwierigkeit, seine Notwendigkeit. Wer rebelliert wann, warum, wogegen? Wogegen lohnt es sich aufzustehen, wogegen muss man es tun? Und wofür sind wir bereit aufzustehen? All das soll verhandelt werden in diesem „Laboratorium des Widerstands“, das für gerade drei Tage in der Box des Deutschen Theaters geöffnet hat. Dabei sind diese wenig mehr als ein Epilog, hat die eigentliche und wesentliche Arbeit zuvor stattgefunden.

Bild: Charlotte Grief

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Der Pass, der nicht passt

Junges DT – Turbo Pascal: Die Welt in uns, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Turbo Pascal)

Von Sascha Krieger

Gary Davis – wer ist das? Diese Frage steht am Beginn von Die Welt in uns, der ersten Arbeit des freien Kollektivs Turbo Pascal im Rahmen des Jungen DT. Eine fast vergessene Gestalt ist dieser Gary Davis, Schauspieler, Bomberpilot, Weltbürger Nummer eins. Einer, der nach den Schrecken des bislang letzten Weltkriegs zu der Schlussfolgerung kam, das Übel der Welt läge in ihrer Trennung, der Aufspaltung in so genannte Nationalstaaten. Ja, genau denen, die gerade von links wie rechts als Bollwerke einer von vielen als dauernde Überforderung empfundenen Welt hochgehalten werden. Davis hingegen wollte die Welt einen. Er gab seinen amerikanischen Pass ab und scharte Gleichgesinnte um sich, mit denen gemeinsam er die Einführung von Weltregierung, Weltparlament und Weltbürgertum forderte. Den Weltbürgerpass, den Davis auszugeben begann, gibt es auch heute noch (zuweilen sogar im DT-Publikum). Kriege, so dachte Davis, kommen von Trennung, von Gegeneinander, von der Unterteilung in „Wir“ und „Die“. Hebt man diese auf – wer würde, wollte, könnte da noch Krieg führen. Wie wir wissen, setzte sich das zugegeben etwas naive Konzept durch. Und doch: Ließe sich davon nicht einiges lernen?

Bild: Arno Declair

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Das Dach unter den Füßen

Junges DT – Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Jessica Glause)

Von Sascha Krieger

„Echt jetzt?“ steht mit Kreide geschrieben auf dem Stück Backsteinmauer am Bühnenrand. Darüber türmt sich eine Dachlandschaft mit schrägen Flächen und Schornsteinen (Bühne: Jil Bertermann) . Ein Ganz Oben, das auch ein Ganz Unten sein könnte und eigentlich ein Nirgendwo ist, ein Reich der Unsichtbarkeit, Heimat der Überflüssigen und sich überflüssig Machenden, der Liegengebliebenen und Nichtgebrauchten. In Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher wartet und vögelt und beleidigt sich eine Gruppe Jugendlicher durch den Lebensrest, der übrigbleibt, wenn Ziel und Sinn längst weggebrochen sind. Ein brüchiger Anflug von Gemeinschaft entsteht erst, wenn Jorgos auftaucht, ein griechischer „Gastarbeiter“, so nannte man Migrant*innen damals gern, welcher der Gruppe durch sein Gegenbild ihren Selbstbetrug vor Augen hält und ihnen wiederum als Projektionsfläche für ihren Selbsthass dient und als Ventil für ihre diffuse Wut. Klingt bekannt?

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Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Verheddert im Leben

David Paquet: 2 Uhr 14, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

Das Leben, ein verschwommenes Bild. In 2 Uhr 14 widmet sich der kanadische Dramatiker David Paquet der wohl seltsamsten aller Lebensphasen: dem Erwachsenwerden. Wie schwer ist es doch, klar zu sehen: sich selbst, die Anderen, die Zukunft. Oder auch die eigenen Kinder. Regisseur Kristo Šagor inszeniert die Berliner Erstaufführung des Stücks im Rahmen des Jungen DT mit zwei erwachsenen Schauspielern und vier Jugendlichen. Und er hat dafür ein zwingendes Bild gefunden. Eine Wand aus weißen, elastischen Bändern spannt sich über die gesamte Bühnenbreite und erschweren den Blick auf das, was dahinter liegt, machen es zu einem Schattenspiel mit verzerrten Konjunkturen, gesellen dem Sehen ein Vermuten und Erraten hinzu. Geraten die Bänder in Bewegung, verschwimmt das Bild vollends in einem verwirrenden Vexierspiel, in dem nichts mehr sicher ist. Was für eine Metapher. Im Mittelpunkt des Stücks stehen vier Jugendliche und ein Abwesender, dazu dessen Mutter und ein Lehrer, so verloren wie die, welche er zu unterrichten hat. Katrina wütet gegen sich und die Welt, Josi will schön sein und opfert dafür sich selbst, Linus will „normal“ werden und Norbert glaubt, dass er vorgeben müsse, jemand anderes zu sein, um Erfolg zu haben. Sie alle sind nicht bei sich, suchen das, was sie nicht haben und sind, aber sein zu müssen glauben. Sie wollen Türen, viele Türen, die sich öffnen – wie in Linus‘ drogeninduzierten Träumen – doch sie zeigen keine Auswege, nur Fallen, wenn sie nicht gar verschlossen bleiben. Am Ende bleibt nur der Versuch, mit sich selbst zu leben. Doch wie, wenn man dieses selbst nur bestenfalls verschwommen sieht?

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Jugend schweigt

Nach Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Anja Behrens)

Von Sascha Krieger

Nein, für den Titel „Vater des Jahres“ kommt Theodor eher nicht in Frage. Er ist Arzt und Gelegenheitskrimineller, nimmt seine Kinder schon mal ein paar Wochen aus der Schule, um in Berlin irgend einen Deal mit rund um ein Wettbüro abzuwickeln (der natürlich schief geht), hat kein Problem mit Drogenkonsum und -handel seiner drei Kinder und kümmert sich, wenn überhaupt, nur um sich. Selbst das Sorgenmachen, sagt Tochter Romy einmal, müssten sie selbst übernehmen. Dabei ist dieser Vater das Narrativ, das alles irgendwie zusammenhält. Also erschaffen sie ihn sich selbst, das zerstörte Auge angedeutet durch ein Stück grünes Klebeband. Bei Benjamin Lillie ist er ein charmanter Tunichtgut, bei Thorsten Hierse ein kalter Despot. Ansonsten müssen die Kinder sich selbst aufziehen, wie er immer behauptete, es selbst getan zu haben. Antonia Baums Roman ist eine Coming-of-Age-Geschichte, bei der sich Emanzipation und die Sehnsucht, sich an etwas festzuhalten, selbst wenn es eine Lüge ist, die Waage halten, erzählt im Rhythmus des Hip-Hop, eine der großen Lieben der Autorin.

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Spielverderber

Nach William Golding: Herr der Fliegen: survival mode, Deutsches Theater/Kammerspiele (Junges DT), Berlin (Regie: Robert Lehniger)

Von Sascha Krieger

Das ist doch alles nur ein Spiel, oder? Mit dieser Frage, in der ein gerüttelt Maß Selbstberuhigung steckt, endet William Goldings Roman Lord of Flies. Gestellt wird sie von einem Marineoffizier, der als Deus ex machina erscheint, und den Spuk beendet. Gerade wurde noch ein Junge von einer aufgepeitschten Meute Gleichaltriger gejagt, schon scheint alles vorbei. Und vielleicht ist es das ja auch, ein Spiel, eines, das gehörig schief geht, aus dem Ruder läuft und davon handelt, was Menschen einander antun können. Dass es sich hierbei um Kinder handelt, macht den Roman bis heute umso verstörender. Es ist auch die Mischung aus Welt- und Gesellschaftsaufbau und deren brutale Zerstörung, die Lord of the Flies bis heute nicht seiner Faszination beraubt hat. Eine kurze Geschichte der Menschheit, abgehandelt auf einer einsamen Insel und mit ein paar Dutzend Jungen vor der Pubertät. Eine Mischnung, die vielen ihrer heutigen Altersgenossen nicht fremd ist, denn es ist eine Welt, die sich in den Computer- und Onlinespielen wiederfindet, mit denen diese Generation einen guten Teil ihrer Zeit verbringt. Spiele wie Minecraft, ein verpixelter Weltenbausatz, den über 70 Millionen weltweit spielen und in dem sich dieser Kreislauf aus Aufbau und Zerstörung beobachten lässt.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Krieg der Flaschen

Jugend.Erinnerung 1945/2015, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

Bei Jugend.Erinnerung 2015 ist der Weg das Ziel. 18 Jugendliche – je sechs aus Deutschland, Polen und Russland – haben sich gemeinsam auf die Suche gemacht nach ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Wie haben Gleichaltrige den vor 70 Jahren zu Ende gegangenen Krieg erlebt und was bedeutet das für uns heute? Mit diesen Ausgangsfragen hat man in der eigenen Familie recherchiert, Zeitzeugen befragt und ist gereist: nach Wolgograd, nach Krakau, nach Berlin. Man hat Orte der Geschichte besucht. Das Stalingrad-Denkmal. Die Bunker von Berlin. Auschwitz. Man hat sich ausgetauscht über den Umgang mit der Geschichte. In Russland, Polen, Deutschland. Und hat Unterschiede gefunden, etwa zwischen Polen und Russen, wenn es um die Einschätzung der russischen Rolle im Krieg und danach geht. Oder zwischen Deutschen und Russen, die mit Stalingrad ganz unterschiedliche Narrative verbinden. Und weil das Ganze als Theaterprojekt startete, musste dann auch noch etwas für die Bühne entwickelt werden. Dem Abend, der jetzt in Berlin Premiere hatte, merkt man die Schwierigkeit an, aus dem Erfahrenen und Erlebten etwas zu machen, was sich im Bühnenraum jenen vermitteln lässt, die diese Erfahrungen nicht teilen.

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Theatertreffen der Jugend 2015: Die Teilnehmer stehen fest

Die Jury des Theatertreffens der Jugend hat die Preisträger der 36. Ausgabe des Festivals bekannt gegeben. Acht Gruppen aus Schulen, der freien Szene und Jugendclubs an Theatern wurden aus insgesamt 125 eingereichten Produktionen ausgewählt, ihre Inszenierungen vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele vorzustellen.

Die Teilnehmer des 36. Theatertreffens der Jugend sind:

  • Junges DT, Berlin
    Alice
  • Junges Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main
    Anne
  • Hajusom NEUE STERNE, Hamburg
    das gender_ding
  • Theatergruppe „Wo ist Zukunft“ der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte, Königs Wusterhausen
    Die Unberührbaren
  • Die Bürgerbühne im Staatsschauspiel Dresden
    Katzelmacher
  • Jugendclub „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Berlin
    Kritische Masse
  • EMAtheater, Theater-AG des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums, Remscheid
    Late in the night
  • Ein Theater Mobil Projekt, Junges Schauspielhaus, Düsseldorf
    SÖHNE WIE WIR – MACH DIR KEINE SORGEN, MAMA!

(sk / Berliner Festspiele)

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