Archiv der Kategorie: Jette Steckel

Geeiste Buchstabensuppe

Nach dem Roman von Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dieser Anfang programmatisch gemeint. Oder zumindest ironisch. Romanadaptionen gelten so manchem Puristen ja als die selbstmörderische Kardinalsünde des Theaters. Also beginnt Jette Steckel die ihre mit einer Theateraufführung. Das tut auch der ihr zugrunde liegende Roman, Steckel baut aber eine schöne Volte ein: Was hier gespielt wird, ist eine Szene des Romans selbst, die wunderbar schlechte Laienspielgruppe, verkörpert von einigen der besten Darsteller*innen des deutschsprachigen Theaters, spielt also das eigene Leben. Trashig, unreflektiert, unverstanden – eben genauso wie sie leben. Da wird die Vorstadthölle zur Farce um sogleich zurück zur kammerspielhaften Tragödie zu wechseln. Vom „Zustand des totalen Selbstbetrugs“ spricht Alexander Khuon als Frank Wheeler mehrfach. Den hat der dreistündige Abend bereits zu Beginn erreicht und von der kommt er auch nicht mehr herunter. Im Mittelpunkt von Florian Lösches Bühnenbilds stehen Großbuchstaben, die zu Worten geformt werden, zu Zeichenlabyrinthen oder zu fragilen Behausungen. Zu Beginn, beim Theaterstück, formen sie das Wort „SET“, später werden sie zu „HOMESWEETHOME“, gegen Ende buchstabieren sie „SHOW“.

Bild: Arno Declair

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Kinderkram

10 Gebote. Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

So so, einen „Denkraum“ möchte Jette Steckel eröffnen, in dem der Zuschauer reflektieren soll. Worüber? Die zehn Gebote natürlich, moralisches Rückgrat und Gründungsmythos der „abendländischen Kultur“, von der gerade so viel die Rede ist. Was hat dieses zehnteilige, auf Steintafeln geritzte, göttliche Grundgesetz uns heute noch zu sagen, welchen Wert haben die Gebote, die zum Großteil Verbote sind (Du sollst nicht!) in unserem modernen, demokratischen freiheitlichen Heute? 15 Autor*innen waren eingeladen, ihre Perspektive auf je eines der Gebote darzustellen, 12 Teilstücke sind daraus geworden (ein Gebot gibt es doppelt, ein „elftes“ tritt hinzu). Eine multiperspektivische Bestandsaufnahme des moralischen Zustands unserer Welt, also, ein Test, wie auch das Programmheft andeutet, der Gebote im Vergleich zu den Menschenrechten? Wie passt das zusammen? Strebt das überhaupt in die gleiche Richtung? Die Hoffnung auf einen solchen Abend wird schnell enttäuscht. Zunächst herrscht Stimmengewirr inmitten der vielen offenen Räume in der neutral grauen Kreiskonstruktion auf der Drehbühne des Deutschen Theaters (Bühne: Florian Lösche). Das ist schnell vorbei. „Immer muss ich alles sollen“, ein bekannter Kinder-Pop-Song kreischt aus den Boxen, dazu gibt das Ensemble eine Chroreografie des im Gleichschritt auf der Stelle Laufens. Die 10 Gebote sind schimpfende und einschränkende Eltern, die grundlegenden Moralprinzipien der christlich-jüdischen Tradition alberne Verboten genervter Erziehungsberechtigter.

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Bild: Arno Declair

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Spieltrieb

Jean-Paul Sartre: Das Spiel ist aus, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, wenn ich eine zweite Chance bekäme, würde ich alles anders, besser machen? Die Frage gehört sicherlich zum Standardrepertoire der Selbstkasteiung in tatsächlichen oder nur eingebildeten Lebenskrisen aller Art. Jean-Paul Sartre hat darum ein Filmdrehbuch gestrickt, das Jette Steckel jetzt, als dramatischen Text umgedeutet, auf die Bühne des Deutschen Theaters gehievt hat. Die bei der Inszenierung nicht ursprünglich für die Bühne geschriebenen Materials beinahe automatisch gestellte Frage, ob es denn nicht genug Theatertexte gebe und die Nutzung theaterfremder Stoffe nicht eigentlich ein Armutszeugnis für die Kreativität moderner Regisseure sei, stellt sich hier eigentlich nicht. Denn was Steckel da auf die Bühne bringt, interessiert eigentlich kaum. Das Spiel ist aus ist wenig mehr als eine beeindrucken wollende Leistungsschau von Bühnentechnik und Ensemble und inszenatorischem Einfallsreichtum, eine Parade toller Bilder, netter Regieeinfälle und einer aufwändigen Materialschlacht. Die Diskussion um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Menschseins, um das Zerquetschtwerden zwischen freiem Willen (oder seiner Illusion) und dem Zwang äußerer Umstände, womöglich gar dem eigenen Vorbestimmtsein, um die es Sartre ging, ist da nicht einmal mehr nebensächlich. Sie ist Anlass für eine eindrucksvolle Theatershow. Nicht mehr.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Alles Lüge? Alles Theater!

Jean-Paul Sartre: Die schmutzigen Hände, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Jedes Ende ist immer auch ein Anfang, sagt man. Jette Steckel nimmt das wörtlich: Bei ihr beginnt Sartres Politdrama Die schmutzigen Hände da wo es aufhört. Hugo, der Unternehmersohn, der zum Kommunisten konvertiert ist und im Auftrag der Partei zum mörder wurde, kommt nach zwei Jahren aus dem Gefängnis. Er kommt zu Olga, seiner Genossin, die wohl auch ein bisschen mehr für ihn ist und vor allem sie für ihn. Die Unsicherheit, mit der sie ihn empfängt, lässt Böses ahnen. Zunächst jedoch fordert sie ihn auf, seine Geschichte zu erzählen, und das tut er auch. Und wir schauen dieser Geschichte zu. Es ist ein filmischer Kniff, eine in diesem Medium gern gebrauchte Erzählweise, derer sich Steckel bedient. Und sie setzt den Ton für den Abend: Das Theatralische, das Rollenspiel interessiert Jette Steckel an diesem Stoff, es geht ihr um Politik als Theater, um Macht als Spiel. Die inhaltliche Auseinandersetzung der Ideen tritt in den Hintergrund, auch sie sind nur (Schau)spiel. Diese Reduktion ist die Stärke dieses Abends – aber auch seine Schwäche.

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