Archiv der Kategorie: Jean-Paul Sartre

Politik im Tigerkäfig

Jean-Paul Sartre: Die schmutzigen Hände, Residenztheater (Cuvilliéstheater), München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Die Politik ist ein Gefängnis. Ein doppeltes sogar: Stefan Hageneier hat zwei Stahlkäfige – einen kleineren innerhalb eines größeren – auf die altehrwürdige und tagsüber museale Bühne des Cuvilliéstheaters gestellt, allein das schon eine spannende Kombination. Aus der Martin Kušejs Abend genauso wenig macht wie aus so manch anderer Gelegenheit. Politisch gibt sich der Intendant in seiner Spielzeiteröffnungsinszenierung, mit Jean-Paul Sartres Lehrstück (nicht im Brechtschen Sinn) über den Grundkonflikt zwischen Realpolitik und Ideologie, Pragmatismus und Prinzipientreue. Kein abseitiger Stoff in einer Zeit, in der Ideologien ihre meist nicht besonders angenehm anzuschauenden Köpfe erheben und in der ideologische Reinheit – wie gerade nicht nur in den USA zu erleben – wieder zu einem politischen Wert zu werden droht und in der Konsens und Kompromiss immer öfter zu Verrat umgedeutet werden. Da könnte der totalitäre Kommunistenführer Hoederer, der sich mit dem politischen Gegner zu verständigen sucht, um Frieden zu schaffen, schnell zum Vertreter westlicher Demokratie umgedeutet werden, dem die Verfechter der Absolutheit ihrer spezifischen Ansichten von links wie (vor allem) rechts gegenüberstehen – in ihrer zynisch-machtbesessenen (Louis) wie ihrer naiv-idealistischen Variante (Hugo).

Bild: Julian Baumann

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Spieltrieb

Jean-Paul Sartre: Das Spiel ist aus, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, wenn ich eine zweite Chance bekäme, würde ich alles anders, besser machen? Die Frage gehört sicherlich zum Standardrepertoire der Selbstkasteiung in tatsächlichen oder nur eingebildeten Lebenskrisen aller Art. Jean-Paul Sartre hat darum ein Filmdrehbuch gestrickt, das Jette Steckel jetzt, als dramatischen Text umgedeutet, auf die Bühne des Deutschen Theaters gehievt hat. Die bei der Inszenierung nicht ursprünglich für die Bühne geschriebenen Materials beinahe automatisch gestellte Frage, ob es denn nicht genug Theatertexte gebe und die Nutzung theaterfremder Stoffe nicht eigentlich ein Armutszeugnis für die Kreativität moderner Regisseure sei, stellt sich hier eigentlich nicht. Denn was Steckel da auf die Bühne bringt, interessiert eigentlich kaum. Das Spiel ist aus ist wenig mehr als eine beeindrucken wollende Leistungsschau von Bühnentechnik und Ensemble und inszenatorischem Einfallsreichtum, eine Parade toller Bilder, netter Regieeinfälle und einer aufwändigen Materialschlacht. Die Diskussion um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Menschseins, um das Zerquetschtwerden zwischen freiem Willen (oder seiner Illusion) und dem Zwang äußerer Umstände, womöglich gar dem eigenen Vorbestimmtsein, um die es Sartre ging, ist da nicht einmal mehr nebensächlich. Sie ist Anlass für eine eindrucksvolle Theatershow. Nicht mehr.

Foto: Sascha Krieger

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Alles Lüge? Alles Theater!

Jean-Paul Sartre: Die schmutzigen Hände, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

Jedes Ende ist immer auch ein Anfang, sagt man. Jette Steckel nimmt das wörtlich: Bei ihr beginnt Sartres Politdrama Die schmutzigen Hände da wo es aufhört. Hugo, der Unternehmersohn, der zum Kommunisten konvertiert ist und im Auftrag der Partei zum mörder wurde, kommt nach zwei Jahren aus dem Gefängnis. Er kommt zu Olga, seiner Genossin, die wohl auch ein bisschen mehr für ihn ist und vor allem sie für ihn. Die Unsicherheit, mit der sie ihn empfängt, lässt Böses ahnen. Zunächst jedoch fordert sie ihn auf, seine Geschichte zu erzählen, und das tut er auch. Und wir schauen dieser Geschichte zu. Es ist ein filmischer Kniff, eine in diesem Medium gern gebrauchte Erzählweise, derer sich Steckel bedient. Und sie setzt den Ton für den Abend: Das Theatralische, das Rollenspiel interessiert Jette Steckel an diesem Stoff, es geht ihr um Politik als Theater, um Macht als Spiel. Die inhaltliche Auseinandersetzung der Ideen tritt in den Hintergrund, auch sie sind nur (Schau)spiel. Diese Reduktion ist die Stärke dieses Abends – aber auch seine Schwäche.

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