Archiv der Kategorie: Ida Müller

Wenn Vaginas singen

Immersion – Vegard Vinge / Ida Müller: Nationaltheater Reinickendorf, Berliner Festspiele (Regie: Vegard Vinge, Ida Müller)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das ja der Endpunkt. Folgerichtig ist die neueste Arbeit der exntrem-Theatermacher Vegard Vinge und Ina Müller allemal. Mit ihrem zum Theatertreffen eingeladenen John Gabriel Borkman hatten sie sich, für alle sichtbar, auch für die vielen, denen ihre Namen zuvor kaum ein Begriff waren (der Autor dieser Zeilen zählt sich mit einigermaßen schlechtem Gewissen dazu), als Protagonisten eines Totaltheaters etabliert, das viel mehr noch als jenes ihres langjährigen Förderers Frank Castorf Grenzen sprengt, Tabus nicht nur nicht anerkennt, sondern mit einem radikalen Genusswillen niederreißt, der mal begeistert, mal verstört und nicht selten beides gleichzeitig tut, das alles und jeden in sich einsaugt, das kein Außen kennt, weil es nichts gibt, was nicht dazugehört. Und das zugleich mit ähnlich extremer Kompromisslosigkeit stets die eigene Theatralität betont: mit den grotesken, meist kindlich inspirierten Masken, der radikalen Künstlichkeit der Bewegungen (wer Vinge/Müllers arbeiten kennt, weiß, woher die Ästhetik und Körperlichkeit etwa eines Ersan Mondtag, einst Assistent beim Borkman kommt), die plakative Trennung von Sprechen und Agieren, die pure Materialität von Sprache, die ewigen Wiederholungen und mechanischen Fragmentierungen, die jegliche Repräsentation konterkarieren, der einzigartige Comic-Stil der Bühnenbilder Ida Müllers, die jede vermeintliche Realität durch den Fleischwolf ihres Zeichenstiftes dreht.

Bild: © Nationaltheater Reinickendorf

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Weltvision im 12-Sparten-Haus

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Vegard Vinge, Ida Müller)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit den vermeintlich wichtigen Fragen: Ja, auch in der 25. Vorstellung am Prater der Berliner Volksbühne hat sich Vegard Vinge zielgenau in den Mund uriniert und ein Bild gemalt, indem er sich Farbe in den Anus goss und diese dann auf das „Paper“ brachte. Dazu wurden Exkremente auf Gesetzbücher gestempelt, auch die „Leichen“ Gunhilds und Ellas in ihrem Steingrab aus Pappmaché bekamen etwas von Vinges Blaseninhalt ab, es floss literweise Kunstblut und es gab ganz viel nackte Haut zu sehen. Dazu wurde Champions League gezeigt und mit einer Gesamtdauer von etwa elf Stunden der Längenrekord deutlich gerissen. Ansonsten steht der Rezensent vor der Frage, wie diese Art von Theater adäquat besprochen werden könne. Die üblichen Fragen nach der Interpretation des Stoffes durch den Regisseur, nach den dafür eingesetzten theatralen Mitteln, nach der Stringenz der Interpretation oder der Gegenwartsrelevanz des Gezeigten verbieten sich hier. Vinges ist ein vollkommen eigenständiger und vor allem kompletter Theaterkosmos ein eigenes Universum, in dem alles drin ist und in das alles hinein passt. Er nennt das „12-Sparten-Haus“, ein Theater, das von Sprech- bis Tanztheater, von Oper bis Puppenspiel, von Architektur bis Malerei, alles umfasst, was man sich vorstellen kann und noch so einiges, das man sich lieber nicht vorstellen will, dazu. Was Vinge tut, ist nicht weniger als die Einreißung aller Grenzen, die man gemeinhin mit dem Theater verbindet. Theater im Sinne Vinges darf alles und muss alles sein. Der Kritiker kann da eigentlich nur scheitern und er tut es gern.

Prater Volksbuehne Berlin

Foto: Sascha Krieger

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