Archiv der Kategorie: Homer

Menschen, Ratten, Götter

Nach Homer, neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason: Eine Odyssee, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, seit dieser Spielzeit für die kommenden zwei Jahre Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne, haben es die Mythen, die großen Ursprungserzählungen unserer Welt angetan. Am Schauspiel Hannover hat er die seiner Heimat, Die Edda, zu einer vielschichtigen theatralen Reglexions-, Bilder- und Zeitmaschine transformiert, große Bögen über noch größere Menschheitsfragen geschlagen. An der Volksbühne ist es nun eine Erzählung, die zu den Kernnarrativen (auch mittel)europäischer Kultur gehört: jene von den Irrfahrten des Heerführers, der im Alleingang und mittels einer List den trojanischen Krieg gewann, jenen, der alle Kriege beenden sollte – ein an diesem Abend mehrfach fallender Satz, der bekanntlich einst auch den Weltkrieg beschreiben sollte, den wir heute den ersten nennen. Und der, wie wir heute wissen, nur der Anfang war. Auch bei Homer: Denn wo der Krieg endete, mit der Ilias, begann die Irrfahrt, das Verlaufen der Menschheit, die bis heute den Weg zurück in ihr friedliches Zuhause finden konnte.

Bild: Vincenzo Laera

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Auf den Spielplatz!

Theatertreffen 2018 – Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Ein Sarg, zwei Männer, zwei Tote. Der eine hängt einen Kranz auf, der andere nimmt ihn wieder ab, ersetzt ihn durch ein Porträt, Kirk Douglas ist zu erkennen, er hat einmal Odysseus gespielt. Jetzt betrauern ihn die Söhne, der eheliche Telemachos und der Zauberinnen-Sohn Telegonos, die bislang nichts voneinander wussten. Der eine erinnert den Vater als gewalttätigen Krieger, der andere als neugierigen Wanderer. Welches Bild stimmt, tut es überhaupt eines, kann es das? Die Geschichten werden sie durchspielen, mit dem Furor kleiner Kinder: die Überlistung des Polyphem, der Sieg in Troja, all die Heldegeschichten, die in ihnen stecken, sie geformt haben, den Vater, den sie nicht kennen, ersetzen mussten, das eigene Ich vorprägten. Spielmaterial sind sie geworden, blutige Märchen, ihr Held ein Mythos? Eine Geschichte selbst. Aber welche und wessen? Verschlagen, verbissen, erfindungsreich kämpfen die beiden Sandkastenhelden um die Deutungshoheit, legen einander rein, führen den Anderen vor, ein albern infantiler Slapstick der Selbstbehauptung.

Bild: Armin Smailovic

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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