Archiv der Kategorie: Henrik Ibsen

„Noch ein wenig braune Soße?“

Nach Henrik Ibsen: Volksverräter!!, Schauspielhaus Bochum / Volksbühne Berlin (Regie: Hermann Schmidt-Rahmer)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Entschuldigung: Eva Hüster, in züchtig uniformen Grautöne gekleidet, tritt vor den Vorhang und wendet sich an AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider. Der hatte unter anderem im Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen Landespartei gefordert, Theater müsse zur Identifikation mit dem Land beitragen und solle nur Stücke spielen, die das auch täten. Hüster erklärt nun mit zerknirschter Miene, man habe lange ein solches Stück gesucht, aber nicht finden können. Also gibt man Ibsen, den Volksfeind natürlich, der in den letzten Jahren ohnehin landauf landab gespielt wird, weil er ganz gut in eine Zeit passt, in der „denen da oben“ immer unverhohlenere Verachtung entgegenschlägt und der Volkszorn sich in ganz unterschiedliche Richtungen zu bewegen vermag. Die Ambivalenz massenhafter Empörung ist ja im Stück angelegt, wo Badearzt Thomas Stockmanns Versuch, das Vertuschen einer unangenehmen Wahrheit zu verhindern, in totalitäre Demokratiefeindlichkeit umschlägt. Für Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer der ideale Ausgangspunkt, um sich dem schwierigen Verhältnis von Politik und Bevölkerung, Wahrheit und Demagogie, Demokratie und Populismus zu widmen. Bei dem Ibsen – der Titel deutet es schon an – bestenfalls Startpunkt, Folie und Steinbruch ist.

Bild: Karl-Bernd Karwasz

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Ecce homo

Nach Knut Hamsun / Henrik Ibsen: Hunger. Peer Gynt, Deutsches Theater (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Am Ende sitzt er da, im Regen. Der Nebel wabert, im Hintergrund, fern eine gemalte Welt, um ihn Leere. Er ruft die Mutter an, die Welt, sich selbst. Licht flutet den Raum, bis er mit kindlichem Staunen „Es wird hell!“ ruft – und es dunkel wird. Endgültig. Peter René Lüdicke gehören diese letzten der mehr als drei Stunden. Er ist Peer Gynt und Knut Hamsuns namenloser Erzähler-Protagonist in Hunger. aber auch ein Beckettscher Leere-Bewohner, ein Lear, vielleicht ein Macbeth nach der Schlacht. Ein Geworfener, in eine Welt, die er gemacht hat, die ihn gemacht hat und in der er fremd bleibt. Sebastian Hartmann zwingt in seinem neuen Abend zwei Norweger zusammen, die nicht zusammenzupassen scheinen. Hier der Realist und Psychologisierer Ibsen, dort der Modernist und Zerstrümmerer Hamsums. Und zwei Reisende, die viel trennt: der Weltenwanderer und -erfinder Peer und der sich in sich selbst verlierende Jung-Schriftsteller Hamsuns. Eine Reise ins Unendliche und eine ins Innere – und beide enden im Nirgendwo. im finalen Verlust, der unbändigen Sehnsucht, dem Schrei  nach Welt, nach Ich, nach Sinn.

Bild: Arno Declair

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Steinewerfer im Glashaus

FIND #18 – Simon Stone nach Motiven von Henrik Ibsen: Ibsen Huis, Toneelgroep Amsterdam (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Schon wieder ein Ferienhaus, ein gläsernes noch dazu. Modernistisch, architektonisch wertvoll. Wer Simon Stones Überschreibung der Drei Schwestern gesehen hat, fühlt sich gleich ein wenig zuhause. Und weiß was kommt: Geheimnisse, die aufgedeckt, Leichen die aus dem gläsernen Keller geholt, Selbstbetrüge, die entlarvt werden. Im Glashaus werden Steine geworfen, große Brocken, tödliche. Ein Haus steht im Mittelpunkt von Tschechows Stück und Häuser sind meist auch Dreh-, Angel- und Schicksalspunkte in den Dramen Henrik Ibsens. Derer sich Stone diesmal als Ganzes annimmt, als Kosmos der Erforschung und Sezierung der elementarsten und gestörtesten gesellschaftlichen Einheit überhaupt: der Familie. Und was für eine Familie sich Stone aus Ibsens Universum zusammengesammelt hat: Da ist der Patriarch, Cees Kerkman, gefeierter Architekt, Wiedergänger von Ibsens Solness, Bruder im Ungeiste seiner anderen Alpha-Männer, der Borkmans und Brands. Hans Kesting spielt ihn als fast karikaturhaften Tyrannen, der charmant sein kann, kalt berechnend und cholerisch, der umschalten kann im Bruchteil einer Sekunde, ein vollständig selbstbezogenes Familienmonster mit einem dunklen Geheimnis. Einem? Ach was? So billig kommen wir bei Stone nicht davon.

Bild: Jan Versweyveld

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Geisterstrudel im Walzertakt

Nach August Strindberg / Henrik Ibsen / Heinrich Heine: Gespenster, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Die Familie, so wollen es uns nicht nur Konservative gern einreden, sei die Keimzelle der Gesellschaft. Ja, das meinen sie positiv. Der Familienverbund, klassisch natürlich mit Vater (an erster Stelle zu nennen!), Mutter und Kind(ern), gilt traditionell als Ort der Geborgenheit, als kleinste erfolgreiche soziale Einheit, als Schule des Lebens und so weiter. man kann sie leider nicht mehr fragen, aber es ist nicht anzunehmen, dass Henrik Ibsen und August Strindberg diese Behauptungen unterschrieben hätten. Ihre Familienbilder sind eher düsterer Natur. Vor allem bei Ibsen ist die Familie Gefängnis, Unterdrückungsapparat, Traum- und Persönlichkeitskiller. In einer Zeit, in der die Gesellschaft nicht weniger dysfunktional erscheint als so manche Familie, ließe sich vielleicht die Keimzellenmetapher einer genaueren Prüfung unterziehen und subversiv auf den grotesk grinsenden Kopf stellen. So mag es sich Sebastian Hartmann gedacht haben, als er auf die Idee kam, seinen neuen Abend aus drei Texten zusammenzusetzen: Den Familienhorror entnimmt er Ibsens Gespenstern, in denen der Schatten des abwesenden Vaters die Mutter verleitet, dem Sohn so lange Erwartungen aufzubürden, bis er an diesen als Spiegelbild des Vater untergeht; und bei Strindbergs Der Vater, bei dem der Machtkampf zwischen Mann und Frau zur Anzweifelung einer Vaterschaft und dem kompletten Kollaps der familiären Fassade führt. Für die gesellschaftliche Ebene ist Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen zuständig, in dem der Verstoßene im Traum seine deutsche Heimat be- und heimsucht und unter dem Gewicht jahrhundertealter Rollen- und Erwartungsbilder, Nationalklischees und kollektiver Traumata zusammenzubrechen droht.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Egomanen im Schnee

Theatertreffen 2016 – Simon Stone nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Hause Borkman. Die Heimstatt des einstigen Bankdirektors ist begraben unter eine dichten Schneeschicht, zu der sich unaufhörlich neue Flocken gesellen und aus der sich die hier abgelegten Gestalten nach und nach schälen (Bühne: Katrin Brack). Die alten Geschichten, der tiefe Fall des einst Mächtigen, dessen betrügerische Machenschaften auch seine Familie zerstört haben, sind, man verzeihe die naheliegende Phrase, Schnee von gestern. Und doch nicht vergangen. Denn wenn das Vergessen schon bei Henrik Ibsen so schlechte Arbeit leistete, wie sieht das dann erst heute aus? Das Internet, so heißt es, vergisst nie, wie uns Gattin Gunhild zu Beginn berichtet. Sich selbst zu googlen? Ein Albtraum! Also müssen sie immer wieder auferstehen, die Zombies, die sich eingegraben haben in Selbstmitleid und Selbstbetrug.

Bild: Reinhard Maximilian Werner

Bild: Reinhard Maximilian Werner

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Ein CSU-Ortsverein entdeckt das Internet

Theatertreffen 2016 – Henrik Ibsen (Bearbeitung: Dietmar Dath): Ein Volksfeind, Schauspielhaus Zürich (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Am Sonntag war mal wieder Theater und Netz. Zum vierten Mal versuchte sich die von nachtkritik.de und Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete Konferenz dem schwierigen Verhältnis der analogen Kunstform Theater mit einer längst vom Digitalen dominierten Gesellschaft widmen. Nicht besonders erfolgreich, weil die Macher vor lauter Extremismusangst in Deutschland das Thema aus dem Auge verloren und vor allem über Politik, ein bisschen über Netz und dann wieder über Theater debattieren ließen, aber immer schön fein säuberlich getrennt. Wie wichtig ein solches Format aber nach wie vor ist, zeigt drei Tage später das Theatertreffen. Da gastiert nämlich das Schauspielhaus Zürich mit einem Volksfeind, der sich in der Bearbeitung Dietmar Daths aufmacht, Demokratie und Meinungsmache im Internetzeitalter nachzuspüren. Und dabei exemplarisch das – schon reichlich widerlegte – Klischee bestätigt, Theatermacher verstünden das Internet nicht. Was offenbar auch für manchen Theaterkritiker zu gelten scheint – anders ist die Einladung des abends zum Theatertreffen kaum zu erklären.

Das Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2016 (Bild: Sascha Krieger)

Das Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2016 (Bild: Sascha Krieger)

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Im schwarzen Loch

Henrik Ibsen: Nora. Für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Es ist manchmal ein Kreuz mit dem Deutschen Theater. Da produziert es zuletzt einen Clavigo, der sich so radikal jeglicher Aussage zu der Welt, in der wir leben, verweigert, knallt einen Eisler-Abend auf die Bühnenbretter, der so konsequent die Vergangenheit bewohnt, dass sich beide um den Belanglosigkeit-Oscar streiten, und jetzt das: Kaum inszeniert Stefan Pucher eine Nora, die Armin Petras sehr konsequent in eine Gegenwart übertragen hat, die er für die unsrige hält, ist es dem mehr oder weniger geneigten Kritiker auch nicht recht. Wobei dem Abend ein echtes Kunststück gelingt: Eine so dezidiert heutige Textfassung derart beliebig und nichtssagend erscheinen zu lassen, muss man auch erst einmal hinbekommen. Armin Petras schafft das. Er verpflanzt die Bankiersgattin Nora, die einst mit einem Betrug dem geliebten Mann das Leben rettete, und eben diesen, einen sich hinter seinem Moralpanzer verschanzenden Karrieristen, in die neoliberale Neuzeit, wo, wie Petras im Programmheft sagt, alles ökonomisiert sei, Menschen und Gefühle den Marktmechanismen unterlägen wie alles andere auch. Dazu sprechen sie eine Sprache irgendwo zwischen Prenzlauer-Berg-Hipster-Denglish und Pseudo-Klartext-Vulgarität nach Art der Geissens (wer den Bezug nicht versteht, darf sich glücklich schätzen). Sie sagen Dinge wie „Ich bin so dizzy“ oder „Du bist so (…) old style, so last season“ und wünschen sich zu Weihnachten Geld.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

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Jesus in der Geisterbahn

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Henkel) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

In einen Betonbunker haben sie sich zurückgezogen, die Vergangenen, Zurückgelassenen: der gefallene Bankdirektor, seine sich in Fantasien unmöglicher Rettung verlierende Frau, ihre dem Sterben ins Gesicht blickende Schwester. Die massive Treppe, die Katrin Nottrodts Bühne noch enger, noch erdrückender erscheinen lässt, kennt nur ein Ziel: den Tod, das Verschwinden des scheinbar so bedeutenden, unersetzlichen Ichs, die Auflösung im Vergessen. Umtote sind sie bei Karin Henkel, Gespenster, längst unfähig zu leben, weil ihnen lange schon alles genommen wurde, was sie für Leben halten: die Jugend. Und so zittert sich Lina Beckmann grotesk als Ella über die Bühne, verwittert Josef Ostendorfs Borkman im Riesenstrampler, klammert Julia Wieninger als Gunhild mit einer Brutalität, die, wen sie nicht halten kann, doch zumindest in die eigene Dunkelheit mitzureißen entschlossen ist. Hegels Inszenierung könnte man, wenn man wollte, als Parabel auf den Jugendwahn unserer Zeit lesen. Jeder klammert sich an das Junge, will, so man selbst nicht mehr dazugehört, ihm das Lebendige aussaugen, um das eigene Leben zu füllen. Der Unterschied zwischen den Ellas und Gunhilds auf der einen und Fanny Wilton (Kate Strong) auf der anderen Seite liegt lediglich darin, dass letztere sich dem, was sie tut, vollkommen bewusst ist und dies auch verkündet. Und auch den Jungen geht es kaum besser: Wie ein bockiges Kind klammert sich Borkman-Sohn Erhart (Jan-Peter Kampwirth) ans eigene Jungsein als einzigem Lebensinhalt, sein „Ich will leben“ klang noch nie so leer und traurig.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Am Kreuzweg

Henrik Ibsen: Peer Gynt, Residenztheater München (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist dieser Peer Gynt ja ein ganz Netter. Klar, er lässt reihenweise Frauen und auch schon mal das eigene Kind sitzen und die Mutter sowieso. Das mit dem Sklavenhandel hätte er vielleicht auch bleiben lassen können. Und doch fällt es schwer, dem großen, verspielten, unverschämten und gern auch seine Umwelt provozierenden Kind, als das Shenja Lacher seinen Peer gibt, länger böse zu sein. Er hat es ja auch nicht leicht im Leben: Der Vater hat sich totgesoffen, die Angebetete heiratet einen Anderen und selbst lebt man, gekleidet in abgeranzte Klamotten, in einem mickrigen Wohnwagen irgendwo auf einer Waldlichtung. Dieser Peer ist pures Prekariat und da ist es denn auch verzeihlich, dass er in der Wahl seiner Mittel, etwas aus sich zu machen, nicht zimperlich ist. Es geht viel um das Man-selbst-sein in diesem Stück und auch Davis Bösche Inszenierung kommt in praktisch jeder Szene auf das Thema zurück. Doch wie kann das gehen, wenn man das, was man ist, verabscheut? Der Geschichtenerzähler und -erfinder Peer ist hier vor allem ein Spielkind, insbesondere vor der Pause driftet der Abend ab in ein nicht ende wollendes und zunehmend ermüdendes Katz-und-Maus-Spiel. Räuber und Gendarm auf großer Bühne. Die romantisch sich im Bühnenhimmel verlierenden norwegischen Riesenbaumstämme (Bühne: Falk Herold) tun ein übriges, die Fantasielandschaft eines eskapistischen Träumers zu evozieren, der auch dann nicht aufhört, wenn seine eigene Handlung die Realität kaum mehr verleugnen kann.

Foto: Thomas Dashuber

Foto: Thomas Dashuber

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