Archiv der Kategorie: Helgard Haug

Wenn die Statistik versagt

Rimini Protokoll: 100% Berlin reloaded, Hebbel am Ufer (HAU 1), Berlin (Regie: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel)

Von Sascha Krieger

Wie, wer, was ist Berlin? Wie tickt die Stadt, wie lebt sie, was will sie? Fragen, die Statistiken beantworten. Kalte Zahlen, Diagramme, Grafiken auf Papier. Vor 12 Jahren haben Rimini Protokoll, die Realitätsschürfer*innen und -simulierer*innen des deutschsprachigen Theaters versucht, diese Ziffern und Prozente lebendig zu machen. 100% Berlin hieß das und brachte 100 Berliner*innen auf die Bühne des Hebbel-Theaters. Statistisch ausgewählt nach Kategorien wie Alter, Geschlecht oder Stadtbezirk sollten sie gemeinsam für 100 Prozent dieser Stadt stehen. Eine Erfolgsinszenierung damals, ein Exportschlager bis heute: In 36 weiteren Städten weltweit wurde die Idee seitdem umgesetzt, 2020 sollen vier weitere hinzukommen. Jetzt, 12 Jahre später, anlässlich des Jubiläumsprogramms zu 20 Jahren Rimini Protokoll, kommen Rimini Protokoll zurück an den Ort, wo alles begann. Und  fragen, wie die Stadt heute aussieht, wie sich sich verändert hat, zum Guten wie zum Schlechten. 37 der damals Teilnehmenden sind wieder dabei, darunter Julian, damals gerade wenige Tage alt, das 100. Prozent. Diese Rolle hat jetzt seine Schwester eingenommen, die heute bei der Neuaflage die jüngste Teilnehmerin ist. Ein schönes Bild.

Bild: Sascha Krieger

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Das „Just-right-Gefühl“

Rimini Protokoll (Helgard Haug): Chinchilla Arschloch, waswas, Künstlerhaus Mousonturm / Schauspiel Frankfurt / HAU Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Rimini Protokoll/Helgard Haug)

Von Sascha Krieger

Dass das Theater seit jeher ein Ort der Kontrolle, der einstudierten Wiederholung, der puren Absicht ist, fiel nicht erst in jüngerer Zeit so manchem (Post)Dramatiker auf. Auch, dass es darauf basiert, dass jeden Abend exakt das Gleiche passiert – und sich dies immer in einem Spannungsfeld mit der Unmöglichkeit dieses Ansinnens befindet, weil Theater es eben auch bedingt, sich in jeder Vorstellung neu zu erschaffen und präzise, vollständige, deckungsgleiche Wiederholung dem Menschen eben nicht gegeben ist. Versuche, dies zu hinterfragen, zu thematisieren oder auszunutzen, gab es so manche. Ein Großteil der Postdramatik – etwa die Arbeiten Nicolas Stemanns – basiert darauf, auch theatermacher wie Frank Castorf spielen immer wieder mit der Durchbrechung des Planbaren, Kay Voges etwa zielt in Arbeiten wie seiner Borderline-Prozession darauf ab, einmalige Theaterabende zu schaffen, die auf gemeinsamer Basis jedes Mal anders und neu sind. Rimini Protokoll’s Helgard Haug, seit jeher interessiert am Spannungsverhältnis zwischen Theater und Realität, stellt sich nun die Frage, was mit dem Theater passiert, wenn es einer absichtslosigkeit ausgesetzt ist, die eben nicht konzeptionell aufgestellt ist und tatsächlichen Kontrollverlust – der bei Stemann, Castorf oder Voges nie vollständig und mehr behauptet als wirklich ist, kontrollierter Zufall eben.

Bild: Robert Schittko

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Die Stadt erblicken lernen

Rimini Protokoll (Aljoscha Begrich, Helgard Kim Haug, Jörg Karrenbauer): DO’s & DON’Ts – eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt, Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Da steht er. Ein vielleicht 16- oder 17-jähriger Junge. Regungslos. Die Sonnenbrille im Gesicht, Rücksack und Skateboard neben sich. Minutenlang, ohne sich zu bewegen, gelehnt an eine Säule auf dem S-Bahnsteig des Bahnhofs Südkreuz. Um ihn herum andere, die auf die Bahn warten. Sie trinken Bier, laufen herum, blicken sich um, starren auf Handy. Geben Lebenszeichen von sich. Nicht er. Und wir? Wir beobachten ihn, beobachten die anderen, hören Stimmen von Kindern, die sich fragen, wie sie auf jemanden wie ihn reagieren würden. Einen der nichts tut. Gar nichts. Würden sie die Polizei rufen und wenn ja, wie einige sagen, warum eigentlich? Denn er tut ja nichts. Was macht ihn verdächtig, was ist normales Verhalten und was nicht. Und vor allem: Wer bestimmt das und auf welcher Wertebasis. Und was und wer gibt uns eigentlich das Recht zuzuschauen, diese Menschen ohne ihre Wissen zu beobachten? Kurz darauf stehen wir vor dem Eingang des Bahnhofs, da, wo ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung läuft. Wo es um Überwachung geht, wie der Junge, der sich einen schwarzen Strich ins Gesicht gemalt hat, um das System auszutricksen, sagen wird. Spiegeln wir nicht diesen überwachenden Blick?

Mit diesem umgebauten Kühltransporter geht es durch die Stadt (Bild: Sascha Krieger)

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Viel Horch und etwas Guck

Rimini Protokoll (Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel): Top Secret International (Staat 1), Münchner Kammerspiele / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

In ihrer „Staat“-Tetralogie, die jetzt in Berlin erstmals vollständig zu erleben war, stellen Rimini-Protokoll die Frage, wer in vermeintlich postdemokratischen Zeitalter in unserer Welt eigentlich die Strippen zieht. Dass da die undurchsichtige Welt der Geheimdienste auf der Liste stehen würde, ist sicher keine Überraschung. Und so eröffnete das Berliner Kollektiv seine Reihe denn auch bis einem Blick auf die Nachrichtendienste und ihre Tätigkeit. Dazu schicken sie den Besucher ins Museum. In München war es die Glyptothek, in Berlin ist es das Neue Museum, ja, das mit der Nofretete. Jeder Teilnehmer bekommt Kopfhörer und ein Notizbuch, in dem sich ein Handy verbirgt. Das ist praktisch, denn lässt er sich jederzeit orten. Denn bei der Tour durchs Museum geht es weniger um die Exponate als um die Perspektive des Besuchers. Das Relevanteste am Setting ist, dass es sich um einen öffentlichen Ort handelt, die Bezüge zum Ausgestellten wirken meist überaus gezwungen und weit hergeholt. Eine Synergie mit dem Ort stellt sich nicht ein. Erster Minuspunkt.

Bild: Kevin Fuchs

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Unter dem Schnee

Rimini Protokoll (Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi): Weltzustand Davos (Staat 4), Schauspielhaus Zürich / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

Irgendwann greifen sie zu Schneeschaufel und Besen, die fünf „Expert*innen des Alltags“, die durch Rimini Protokoll’s zweistündigen Abend führen. Sie räumen den (Kunst-)Schnee weg, der die manegenartige Spielfläche bedeckt. Ist er weggeräumt, ist der Blick freigegeben auf das, was darunter liegt: eine Karte von Davos, ehemals Tuberkulose-Kurort, unsterblich gemacht in Thomas Manns Der Zauberberg, heute Ort des jährlichen „World Economic Forum“ (WEF), einem Treffpunkt der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft und längst Symbol für eine globalisierte Welt, die vermeintlich von ungewählten und undurchsichtigen Eliten regiert wird. Eine offen sichtbare Weltverschwörung und das wahre Machtzentrum unserer Zeit. Es ist der Moment, in dem das Grundprinzip des Theaters von Rimini Protokoll deutlich wird: die Oberflächen weg räumen, den Blick freizuräumen und dem Zuschauer selbst zu ermöglichen, genauer hinzuschauen. Und es ist auch der Moment, an dem deutlich wird, warum dieser spezifische Abend eher scheitern wird. Denn der Blick ist ein zweidimensionaler, gesteuerter und weitgehend passiver. Die Perspektivverschiebungen, die Zuschauerentscheidungen, die eine eigene Positionierung erfordern und bedingen, die Fragmentierung des Blickes, die den Zuschauer zwingen, sich das Gesamtbild selbst zusammenzusetzen und zu entscheiden, welchem Blick man eher folgt, all das, was die stärksten Rimini-Abende ausmacht, bleibt an diesem weitgehend aus.

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Bild: Benno Tobler Weiterlesen

Das Brummen der Maikäfer

Rimini Protokoll (Helgard Haug, Daniel Wetzel): Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2, Kunstfest Weimar / Deutsches Nationaltheater Weimar / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Das Timing ist perfekt: Am 8. Januar 2016, 8 Tage, nachdem das Urheberrecht ablief und das Buch gemeinfrei wurde, erschien die kritische Edition eines 70 Jahre lang nicht in Deutschland verfügbaren Bestsellers: Adolf Hitlers autobiografische Hetz-, Propaganda, Programm- und Rechtfertigungsschrift Mein Kampf. Am gleichen Tag feierte Rimini Protokolls Abend über das einst in fast jedem deutschen Haushalt vorhandene Buch, nur ein paar Straßenzüge entfernt vom Ort, wo sein Autor herrschte und unterging. Zeit, es herauszuholen aus den Winkeln der Vergessenheit und sich genauer anzuschauen, was es damit auf sich hat. Die Bühne (Marc Jungreithmeier) ist der erste Coup: Rimini Protokoll haben ihr Bühnenbild von Karl Marx: das Kapital, Erster Band, eine bewegliche, trenn- und zusammenfügbare Wand aus Bücherregalen und Verstecken, einfach wiederverwendet. Mit einem Unterschied: Jetzt bespielen sie die Rück- oder, wie einer der Spieler es ausdrückt, die „Arschseite“. Sie holen das Buch heraus aus den Giftschränken, den Verstecken, in denen es verborgen überlebt hat und zerren es hinaus ins Rampenlicht.

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

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Mit netten Leuten Kuchen essen

Rimini Protokoll (Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel): Hausbesuch Europa, Hebbel am Ufer, Berlin (Regie: Rimini Protokoll)

Von Sascha Krieger

Europa: Was einst für eine Idee stand, ist längst für zu viele zum Schimpfwort geworden, zum Synonym für Bürokratie, Intransparenz, Mauschelei, Abgehobenheit. Und doch ist die europäische Einigung, wie das Nobel-Komittee vor einigen Jahren völlig richtig festgestellt ghat, vor allem das erfolgreichste Friedensprojekt in der bewegten und blutigen Geschichte nicht nur dieses Kontinents. Europa durchaus auch in seiner Ambivalenz sucht- und vor allem spürbar zu machen, es auf die Ebene des Einzelnen herunterzubrechen, der mit Millionen anderer Einzelner dieses Europa erst möglich macht, die Idee Europas mit Leben zu füllen – positivem wie negativem – , haben sich Rimini Protokoll in ihrem neuesten Projekt Hausbesuch Europa verschrieben, das derzeit in Berlin seine Premiere feiert und in der Folge durch Europa reisen wird. Die Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Hausbesuch Europas für in die Keimzelle dieses Kontinents, den privaten Raum überzeugter oder skeptischer Europäer. Schauplatz sind Privatwohnungen Freiwilliger, in denen sich bis zu 15 Teilnehmer um einen Tisch versammeln, der mit einer großen Europakarte bedeckt ist. Sie ist leer, doch wird es nicht lange bleiben. Gleich zu Beginn tragen die Teilnehmer Geburtsort, einen Ort, an dem sie lange gelebt haben und einen persönlichen Bedeutungsort ein und verbinden sie zu einem Dreieck, später kommen skizzierter Geschichten hinzu. Europa, so die Idee, lässt sich nur dann greifen, wenn es kein leeres Blatt ist, sondern eine Sammlung gelebter Leben, die plötzlich ungeahnt komplexe Verbindungsnetze hinterlassen.

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Der tödliche Blick

Eingeladen zum Theatertreffen 2014 – Rimini Protokoll (Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel): Situation Rooms, Ruhrtriennale / Hebbel am Ufer, Berlin/HAU2

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Ganze ja Ergebnis einer ausgeklügelten Dramaturgie: Über ein halbes Jahr musste man warten, bis die letzte zum Theatertreffen 2014 eingeladene Arbeit, der im Mai logistische und terminliche Schwierigkeiten im Wege standen, endlich in Berlin zu sehen war. Und kaum sind die knapp eineinhalb Stunden vorbei, ist so manche der anderen durchaus starken Inszenierungen zumindest halb vergessen, haben auch die aufregendsten unter ihnen eine wenn auch hauchdünne Staubschicht angesetzt. Denn was Rimini Protokoll in 80 Minuten mit dem nicht mehr als Zuschauer zu bezeichnenden Besucher machen, bleibt hängen, wirkt nach, rumort weiter und untergräbt Gewissheiten. Für all die Zyniker, die behaupten, Theater könne nicht mehr subversiv wirken, in Frage stellen, Sichergeglaubtes einstürzen lassen, sollte Situation Rooms Pflichtprogramm sein.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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