Archiv der Kategorie: Heinrich von Kleist

Freier Fall

Heinrich von Kleist: Penthesilea, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Michael Thalheimer ist kein Fan falscher Illusionen. Wie zum Beispiel jener, alles würde gut. Wird es natürlich nicht. Zumindest nicht dort, wo Macht und Selbstaufgabe eine tödliche Allianz eingehen. Man  nennt das, glaube ich, Liebe. Dass es den großen Tragödienessenzauspresser, den Auf-den-Kern-Reduzierer Thalheimer einmal zu Heinrich von Kleists Penthesilea bringen würde, war erwartbar. Schließlich interessiert den neuen Hausregisseur am Berliner Ensemble das schmutzige Fundament der menschlichen Existenz, den Grund, wo die Zivilisation abfällt, das Ich als Alleinherrscher regiert, die Firnis des Miteinanders abgeschabt ist. Deshalb kehrt er ja auch immer wieder zu jenen antiken Stoffen zurück, die uns daran erinnern, von wo die „Zivilisation“ einst seinen Ausgang nahm. Der Kreislauf aus Macht, Rache, Gewalt, der das Ich erhöhen soll und doch nur in den Dreck zieht, ist dort noch ohne zivilisatorisches Beiwerk (in den folgenden Jahrhunderten ist das vielleicht nur bei Shakespeare wieder der Fall), der Blick unverstellt und doch so unerträglich. Das ist die Antike, bei der Kleist ansetzt, die das harmonisierende Gleichgewichtsgeschwurbel etwa der Weimarer.

Bild: Birgit Hupfeld

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Auf brüchigem Seil

Heinrich von Kleist: Prinz Friedrich von Homburg, Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

„Ein Traum, was sonst?“ Wer Heinrich von Kleists letztes Stück inszenieren will, muss mit diesem Schlüsselsatz umgehen. Wie die finale Wendung zum vermeintlich Guten werten, wie den existenziellen Überlebenskampf, dem sich der Titelheld, Kriegsheld und Befehlsverweigerer, Schlachtsieger und zum Tode Verurteilter, ausgesetzt sieht. Claus Peymann, der mit Kleists dramatischem Schwanengesang selbst Abschied nimmt nach 18 Jahren Intendanz des Berliner Ensembles, beginnt den Abend als Traum und beendet ihn als Albtraum. Wie der Traum oft die Realität spiegelt und zugleich abstrahiert, ist Achim Freyers Bühne Referenz an die Welt des Wachens und gleichzeitig Vereinfachung, Skizze, Abstraktion. Eine schwarze Bühnenschräge wird zur existenziellen Rutschbahn, weiße Kreidestriche führen zu einem Fluchttpunkt im Bühnenhintergrund, eine Ordnung, die keine Abweichung und nur einen Ausgangspunkt (oder ein Ziel?) kennt, die Außenwelt eine gekritzelte Silhouette. Hier gibt es – wie in Freyers Kostümen – nur Schwarz und Weiß, aus dem der Traumtänzer, bei Peymann ein Seiltänzer, Prinz Homburg ausbricht. Mit blanker Brust, sozusagen ent-uniformiert, balanciert er über die Bühne, ein Stachel im Fleisch der rationalen Gesetzesgläubigkeit um ihn herum.

Bild: Monika Rittershaus

Bild: Monika Rittershaus

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Spiel mir das Lied vom Klischee

Frei nach Heinrich von Kleist: Das Kohlhaas-Prinzip, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Michael Kohlhaas, wer was das noch mal? Ach ja: Held einer Novelle Heinrich von Kleists, Pferdehändler, schikaniert von einem Adligen, im Stich gelassen von der Obrigkeit, nimmt er die Gerechtigkeit selbst in die Hand, geht auf einen Rachefeldzug, wird am Ende hingerichtet. Einer „der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ sei er gewesen, schreibt Kleist. So beschreibt ihn auch Thomas Wodianka, der den Kohlhaas gibt, in Kostüm und mit Holzpferd. Ach nein, das geht ja nicht, wie sind schließlich nicht im 16. Jahrhundert. Also weg mit den Insignien der Vergangenheit, machen wir Kohlhaas zum „E-Bike-Entrepreneur“, umweltbewusst, vegan, nur Bio-Produkte kaufend, mülltrennend. Ein Spuperreicher im gepanzerten Auto behindert ihn, Kohlhaas stellt ihn zur Rede, attackiert ihn mit Kaffee, worauf dieser ihn samt Kleinkind über den Haufen fährt. Doch nein, Justiz und Polizei helfen nicht, ist der Täter doch gut vernetzt, stattdessen wird Kohlhaas verklagt. Was soll man da anderes machen, als Terrorist zu werden? Eine Frage, die Regisseurin Yael Ronen sogar beantwortet, denn es gibt noch einen Michail: Dieser ist Palästinenser, wird von israelischen Grenzbeamten schikaniert, verhaftet, als er auf sein Recht pocht, und landet als illegaler Flüchtling in der Berlin, wo er Zeuge des „Unfalls“ des ersten Michaels wird. Und nicht Terrorist, sondern einer, der versucht sich durchzuschlagen, nicht aufzufallen, unterzugehen in der Menge.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

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Jott und die Welt

Ampitryon, nach Heinrich von Kleist, Molière, Plautus, Berliner Ensemble (Regie: Katharina Thalbach)

Von Sascha Krieger

Jupiter (Martin Seifert) ist ein schmollender und penetrant nölender ältlicher Aufreißer, Merkur (Raphael Dwinger) ein eitler und blindgelockter Schmierenkomödiant in Bettlaken-Toga, Sosias (Martin Schneider) ein bauernschlauer Tölpel mit Segelohren und Amphitryon (Guntbert Warns) ein ebenso cholerisches wie verwirrtes Heldenimitat mit dem Charme eines handelsüblichen Holzhammers. Dazwischen stolpert Anke Engelsmann grobschlächtig als libidogetränkte frustrierte Diener-Gattin über die mit allerlei Griechenland-Kitsch – darunter eine Säule und eine im Bühnenhintergrund aufgestellte Papp-Akropolis zugestellte Bühne (Komme Röhrbein) und Laura Tranig gibt die Alkmene als anmutig elegantes Luxuspüppchen. Nein, den feinen Pinsel hat Regisseurin Katharine Thalbach bei ihrer Mélange aus den Amphitryon-Bearbeitungen der Herren Kleist, Molière und Plautus in der Schatulle gelassen. Stattdessen hat sie tief in die Slapstick-Kiste gegriffen und inszeniert den Stoff um den Göttervater, der sich als Gatte verkleidet ins Bett der schönen Krieger-Gattin stiehlt und damit eine rekordverdächtige Identitätsverwirrungsorgie auslöst, als lustvolle grelle Farce. Wo Karin Henkel zuletzt noch auf hoch komische Weise die Identitätsauflösung des digitalen Individuums sezierte, findet bei Thalbach lediglich eine boulevardeske Verwechslungskomödie statt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Ich? Ach!

Theatertreffen 2014 – Nach Heinrich von Kleist: Amphitryon und sein Doppelgänger, Schauspielhaus Zürich (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Ich. Ein kurzes Wort, seine Bedeutung so eindeutig, selbstverständlich, nicht zu hinterfragen. „Ich bin Sosias“, sagt die Gestalt im grauen Trenchcoat. „Was für ein Ich?“, schallt es ihr aus vier identischen Trenchcoats entgegen? Heinrich von Kleist hat aus Molières Verwechslungskomödie über den Feldherren Amphitryon, der aus dem Krieg zurückkehrt, um festzustellen, dass er bereits die vorige Nacht mit Gattin Alkmene verbracht hat, in Form des Göttervaters Zeus nämlich, der Amphitryon Gestalt angenommen hatte, ein gar nicht mehr so harmloses Drama der Identitätsverunsicherung gemacht, das Karin Henkel, Dauergast beim Theatertreffen, jetzt zum existenziellen Taumel der vollständigen Identitätsauflösung weiterspinnt. Denn hier ist Ich nicht nur ein anderer, sondern viele, die ständig wechseln, sich vermischen, verschwimmen und zur trüben Identitätensuppe werden, aus der kein Entrinnen mehr ist. Hier gibt es keine mobilen Endgeräte, keinen Hinweis auf Twitter oder Facebook und doch drängt sich schnell der Eindruck auf, Henkel hätte nur die Ich-Multiplikation und Rollenvervielfältigung moderner Kommunikation gespiegelt.

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team  (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

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Wirklichkeit oder Eisbär?

Theatertreffen der Jugend 2012 – Adam, Eisbär, weiß wer … (nach Heinrich von Kleist „Der zerbrochene Krug“), TEGS – Theatergruppe Ernst-Göbel-Schule / Höchst im Odenwald

Von Sascha Krieger

Es gibt viele Möglichkeiten, sich Kleists Zerbrochnem Krug zu nähern und noch mehr, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Machtmissbrauch, des Gegeneinander von Moderne und Tradition, Werten der Gemeinschaft und Herrschaft des Geldes, es gibt psychologische Deutungen, politische, soziologische. Oder man inszeniert ihn einfach als ebenso krachende wie hintersinnige Komödie. Die Schultheatergruppe aus dem hessischen Höchst lässt all das beiseite und findet ihrem Ansatz in einem weiteren Thema des Stückes: dem Widerstreit von Schein und Sein. Der zerbrochne Krug konfrontiert immer wieder mit vermeintlichen Realitäten, die als wahr oder unwahr zu bewerten, zunehmend schwieriger wird. Jeder zimmert sich seine eigene Wirklichkeit zusammen und verteidigt sie gegen die der andere. Es ist eine wahre Wirklichkeitserschaffungsorgie, die sich hier abspielt. Da liegt es gar nicht so fern, Kleists Stück mit einer anderen Wirklichkeitserschaffungsmaschine kurzzuschließen: der modernen Medienwelt. Herausgekommen ist ein wilder eklektischer Mix, den man im „Erwachsenentheater“ postdramatisch nennen würde, bei dem alles miteinander assoziierbar ist, nichts zusammenpasst und der doch zumindest zeitweise ungeheuer Spaß macht.

Theatertreffen der Jugend

Foto: Robert Dicks

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Der verlorene Krug

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

Roger Vontobel gilt als Spezialist für Machtmechanismen, als scharfer Analytiker dessen, was Macht mit Menschen anstellt – jenen, die sie haben, jenen, die anstreben, aber auch denen, die unter ihr leiden. Das passt Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug um den Dorfrichter Adam, der seine Macht nach allen Regeln der Kunst ausnutzt und nur von einer höheren, nicht viel weniger korrupten Macht zu Fall gebracht werden kann, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Vontobel deutet einige Themen an, etwa den im Stück angelegten Widerspruch zwischen Tradition und Moderne, jedoch es bleibt bei Andeutungen. Interpretatorische Ideen werden nicht konsequent durchgezogen, stattdessen spielt Vontobel über weite Strecken das Stück einfach runter und das ohne jeglichen Zug. Die komödiantischen Pferde hat er gezügelt und setzt dann doch, aber ohne jedes Timing, auf Lacher. Das kann nicht gut gehen und tut es auch nicht. So müde kam Kleists schwungvoll-saturische Komödie lange nicht mehr rüber.

Das Schauspielhaus Dresden (Foto: Sascha Krieger)

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Alles so sinnlos hier

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Aus nichts wird nichts.“ Als Silvester Groth das sagt, ist der Abend eigentlich schon vorbei, dirigiert der Schauspieler, der hier die Diktatorenrollen – den dominanten Vater wie das Alter Ego des Hausherrn und Regisseurs Frank Castorf – geben darf, bereits die Applausordnung. Der Satz mag programmatisch für Castorfs Theater stehen: Das Nichts oder das Wenige sind Castorfs Sache nicht, eher wirft immer so viel wie möglich in seine Abende, in der Hoffnung, dass auch viel herauskommt. Sein lustloser Kleist-Versuch Die Marquise von O… zeigt, dass das nicht immer klappt. Gelang ihm erst kürzlich mit Der Spieler ein auf- und anregendes Psychogramm und Gesellschaftpanorama, bleiben von diesem Abend wenig mehr als eine fahle Kartoffelsalat-Reminiszenz an große Castorf-Abende, ein paar launige Selbstreferenzen und ein Ensemble, das sich die Spielfreude nicht verbieten kann.

Die Marquise von O...

Nach dem Kartoffelsalat (Foto: Thomas Aurin)

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Lachen über Kleist

Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn, Deutsches Theater Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Perfekt ist das Timing nicht gerade: Am 21. November jährte sich Kleists Todesstag zum 200. Mal und führte allerorts zu heftiger Geschäftigkeit.Das Maxim-Gorki-Theater erklärte den November zum Kleistfestival und führte schnell mal alle Stücke des Autors auf. Auch die anderen Theater und zahlreiche weitere Institutionen ließen sich nicht lumpen: Aufführungen, Lesungen, Ausstellungen, kaum ein Aspekt des uns noch immer rätselhaften Dichters, der nicht ausgeleuchtet worden wäre. Und jetzt, da alles vorbei ist, kommt Andreas Kriegenburg mit seinem Käthchen daher, das eigentlich schon in der letzten Spielzeit hätte Premiere haben sollen, aber an einer Verletzung Alexander Khuons scheiterte. Jetzt bildet es eine Art Epilog. Nach der Premiere lässt sich nur hoffen, dass die einsetzende Kleistmüdigkeit bald das tut, was Kriegenburg besser hätte tun sollen: Die Inszenierung in der Schublade verschwinden lassen.

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Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe, Maxim-Gorki-Theater Berlin (Regie: Jan Bosse)

An 21. November 1811 nahm sich Heinrich von Kleist im Alter von 34 Jahren am Kleinen Wannsee in Berlin das Leben. Seinen 200. Todestag nutzen fast alle großen Berliner Theater – und zahlreiche andere Institutionen – zum Austausch mit einem der wichtigsten deutschen Dramatiker überhaupt. Allen voran das Maxim-Gorki-Theater, das die gut zwei Wochen bis zum eigentlichen Jahrestag zum Kleistfestival ausgerufen hat und alle Stücke des Dramatikers aufführen wird. Zur Eröffnung gab es gleich eine Neuinszenierung: Jan Bosse brachte Das Käthchen von Heilbronn auf die Bühne, Kleists aus heutiger Sicht vielleicht unzugänglichstes Stück. Zu fremd sind uns das mittelalterliche Ritterpathos, die Jeanne-d’Arc-hafte Heiligkeit der Titelfigur, die übersinnlichen Elemente – vom leitenden Engel oder Cherub bis zur Maschinenfrau Kunigunde. Die Aufgabe, das Stück ernst zu nehmen und gleichzeitig eine stimmige und ins Heute reichende Interpretation zu entwickeln, gehört zu den schwereren für Theaterregisseure.  Bosse gelingt das nicht – vor allem, weil er sich nicht entscheiden kann, ob er das Stück ernst zu nehmen bereit ist oder nicht.

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