Archiv der Kategorie: Hebbel am Ufer

Heiter in die Mottenkiste

andcompany&Co.: Invisible Republic: #stilllovingtherevolution, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

„Ich habe sie so geliebt, die Revolution“. 68er-Lichtgestalt und späterer Ur-Grüner Daniel Cohn-Bendit soll den Satz einst – das „Ich“ ersetzt durch ein leicht anmaßendes „Wir“ – gesagt haben. Im revolutionären Jubiläumsjahr 2018 – 200 Jahre Karl Marx, 100 Jahre Novemberrevolution, 50 Jahre 1968 – nimmt das Berliner Performancekollektiv andcompany&Co. diese Aussage zum Ausgangspunkt, sich mit dem gegenwärtigen Blick auf das Thema Revolution zu befassen. Dazu stellt er vier Darstellerinnen in einen an Pollesch erinnerntden Diskursraum und lässt sie durch historische Schnipsel, theoretische Schriften und allerlei Pop-Kultur waten im Versuch, der“ postrevolutionären Depression“ zu entkommen, den „Winter unseres Missvergnügens“ (ohne Shakespeare geht es nicht) zu verlassen, die diversen Prager und sonstigen Frühlingen zu überspringen und endlich im nie erreichten revolutionären Sommer zu landen. Dazu muss der Begriff erst einmal entstaubt und aus den Fängen konsumistischer Werbesprache befreit werden. Was also ist diese Revolution, von der die Cohn-Bendits dieser Welt schwärmen und was hat sie uns zu sagen?

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Advertisements

Die schamlosen Sieben

She She Pop: Geburtstagsgala im Rahmen von „Shame, Shame, Shame! 25 Jahre She She Pop“, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Vielleicht sei es ja gar kein Geburtstag, sondern eine Silberhochzeit, regt eine der vielen Gastlaudator*innen im Laufe des Abends an. Doch wenn das so ist, wer feiert hier eigentlich 25 Jahre Beziehung? Das feministische Performancekollektiv She She Pop klar, aber mit wem? Miteinander? Oder mit dem Publikum? Der Freien Szene und dem Kunstbetrieb als Ganzem? Den Mitstreiter*innen und Kontrahent*innen, den Kritiker*innen und Partner*innen? Der Gesellschaft? Von allem ein bisschen wäre die langweiligste und feigste Antwort und damit alles andere als im Sinne der heute sechs Frauen und des einen Quotenmanns. Aber sie wäre auch ehrlich, denn ohne eine einzige von all diesen Beziehungen gäbe es all die anderen nicht. Und alle nicht ohne die vielleicht wichtigste, grundlegende: die zu einem menschlichen Kerngefühl – der Scham. „Shame, Shame, Shame!“ haben sie ihre Jubiläumsfeierlichkeiten im Berliner HAU genannt, 50 Grades of Shame hieß eine ihrer letzten Arbeiten, die Überwindung der Scham als kollektives Erlebnis, als Moment der Befreiung und der Erkenntnis von Rollenmustern, Geschlechterverhältnissen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Machtmechanismen treibt die 1993 am berühmt berüchtigten Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Uni Gießen, dem Urschlamm des deutschsprachigen Performancetheaters, gegründete Gruppe von Beginn an um.

Schon im HAU2-Foyer wurden die Gäste mit Collagen, Bildern und Videos aus 25 Jahren She She Pop begrüßt (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Ruhe in Schoki

Benny Claessens: The Last Goodbye / Vibrant Matter, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Benny Claessens)

Von Sascha Krieger

„Der Stillstand ist eine Synkope, an der das Private das Gesellschaftliche berührt. In seiner Leere und Bedeutungslosigkeit schwebt die Erwartung an etwas Neues, Größeres, das dieses Vakuum füllen könnte. Er lenkt unseren Blick auf das Kommende.“ Schön klingt er, dieser Text aus der Stückankündigung, der auch den Abendzettel von Benny Claessens neuer, fast dreieinhalbstündiger Performance am Berliner HAU ziert. Tiefgründig, philosophisch, zu unendlichen kreativen Reflexionen über das Ende und den Anfang inspirierend. Und es geht durchaus vielversprechend los. Freundlich ins Publikum winkend treten die fünf Performer*innen aus dem Bühnenhintergrund hervor, hauchen scheue „Hi“s und „Hello“s gen Zuschauerraum und gehen ab. Dann kommen Shiori Tada und Rob Fordeyn zurück, setzen sich ins Dämmerlicht – der Abend wird im Niemandsland von Sonnenauf- und -untergang verharren – einander halb zu-, halb abgewandt. Immer wieder begegnen sich die Blicke, für einen Moment nur, streicht Tada Fordeyn sanft übers Gesicht, nickt sie ihm kaum merklich zu. Eine stille Sinfonie des Annäherns und Zurückweichens, des Begrüßens und Abschiednehmens, des Wartens, auf etwas, was da kommen möge. Ein intimer, intensiver, berührender Beginn. Eine Verheißung, die der Abend nie einlöst.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Die Magie des Scheiterns

Forced Entertainment: Out of Order, Schauspiel Frankfurt / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

„Ever tried. Ever failed. Try again. Fail again. Fail better.“ Vielleicht sind die Engländer von Forced Entertainment ja die wahren und legitimen und einzigen und Wahrhaftigen und überhaupt Erben Samuel Becketts. Diese Virtuosen und Handwerker und Schwerarbeiter der Vergeblichkeit. Spätestens seit Real Magic und dessen Einladung zum Theatertreffen weiß man auch im deutschsprachigen Raum, dass wohl niemand sonst die unerträglichste Erkenntnis des Menschen, die seiner Vergänglichkeit und der Unmöglichkeit, wirklich Bleibendes zu hinterlassen, auf so konsequente, theatrale, geradlinige und durch und durch clowneske – jene unschlagbare Mischung aus zwerchfellerschütternder Komik und existenzieller Traurigkeit – Weise auf die Bühne zu bringen vermag wie die Gruppe um Tim Etchells. Out of Order setzt an, wo Real Magic aufhörte – und ebenfalls anfing. Denn Lineraität ist der Grund alles Scheiterns und der Feind seiner Erkenntnis. Ganz in Becketts Sinn besteht das Theater von Forced Entertainment darin, immer wieder anzufangen, die landläufig Einstein zugeschriebene These, der Wahnsinn bestünde darin, immer wieder das Gleiche zu versuchen und auf einen anderen Ausgang zu hoffen, auszutesten, zu bestätigen und vielleicht gerade darin zu widerlegen.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Die Stadt erblicken lernen

Rimini Protokoll (Aljoscha Begrich, Helgard Kim Haug, Jörg Karrenbauer): DO’s & DON’Ts – eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt, Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Da steht er. Ein vielleicht 16- oder 17-jähriger Junge. Regungslos. Die Sonnenbrille im Gesicht, Rücksack und Skateboard neben sich. Minutenlang, ohne sich zu bewegen, gelehnt an eine Säule auf dem S-Bahnsteig des Bahnhofs Südkreuz. Um ihn herum andere, die auf die Bahn warten. Sie trinken Bier, laufen herum, blicken sich um, starren auf Handy. Geben Lebenszeichen von sich. Nicht er. Und wir? Wir beobachten ihn, beobachten die anderen, hören Stimmen von Kindern, die sich fragen, wie sie auf jemanden wie ihn reagieren würden. Einen der nichts tut. Gar nichts. Würden sie die Polizei rufen und wenn ja, wie einige sagen, warum eigentlich? Denn er tut ja nichts. Was macht ihn verdächtig, was ist normales Verhalten und was nicht. Und vor allem: Wer bestimmt das und auf welcher Wertebasis. Und was und wer gibt uns eigentlich das Recht zuzuschauen, diese Menschen ohne ihre Wissen zu beobachten? Kurz darauf stehen wir vor dem Eingang des Bahnhofs, da, wo ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung läuft. Wo es um Überwachung geht, wie der Junge, der sich einen schwarzen Strich ins Gesicht gemalt hat, um das System auszutricksen, sagen wird. Spiegeln wir nicht diesen überwachenden Blick?

Mit diesem umgebauten Kühltransporter geht es durch die Stadt (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Menschen-Ikebana

Gob Squad: Creation (Pictures for Dorian), Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Jugend, Alter, Vergänglichkeit, die seltsame Beziehung zwischen Kunst und Leben: wer sich mit der mittlerweile über 20-jährigen Arbeit von Gob Squad beschäftigt, stößt immer wieder auf diese themen- und Motivgebiete. Da wirkt es dann auch alles andere als unlogisch, dass der Blick des deutsch-britischen Kollektivs irgendwann auf Oscar Wilde’s Roman The Picture of Dorian Gray fallen würde. Darum geht es bekanntlich um einen sündigen Jüngling gleichen Namens, der seinen Alterungs- und moralischen Verfallsprozess an sein Porträt auslagert. Während er in der Blüte seiner Jugend verbleibt, rottet das Bild vor sich hin. Leben und Kunst tauschen die Rollen, die Vergänglichkeit wandert von einer Sphäre in die andere. Was für eine atemberaubende, wenngleich durchaus erschreckende Vision. Mit der Macht von Kunst, Vergängliches festzuhalten, beginnt denn auch der Abend. Während Sean Patten (die Performer*innen wechseln täglich – diese Rezension bezieht sich auf die Vorstellung am 4. Mai 2018) eine Zuschauerin per Bleistifft auf Papier bannt (!), richtet Sarah Thoms ein Ikebana-Arrangement an, das sie nach Fertigstellung unter eine Wärmelampe stellt. Am Ende des gut eineinhalbstündigen Abends sind die Blumen verwelkt. „Ewigkeit“ und Vergänglichkeit, beides im Reich der Kunst. Ein Schlag ins Gesicht der Eindeutigkeit.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Lasst uns summen

She She Pop: Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: She She Pop)

Von Sascha Krieger

25 Jahre gibt es sie jetzt schon. She She Pop sind längst eine Ikone der freien Theater- und Performanceszene im deutschsprachigen Raum, auch eine eines vor allem weiblichen Blickes auf gesellschaftliche Phänomene und Themen unserer Zeit. Was schenkt man sich da zum Vierteljahrhundert? Vielleicht eine Arbeit, für die so richtig Zeit bleibt, die man entwickelt, indem man zunächst durch die Welt reist, von Festival zu Festival, ein Work-in-Progress, dass auch nach seiner jetzt erfolgten offiziellen Premiere wieder hinauszieht in die Theaterwelten. Und vielleicht lässt man auch erst einmal das Publikum arbeiten. Tatsächlich bleibt es zunächst dunkel auf der Bühne. Eine Videowand spricht die Zuschauer*innen an, gibt ihnen wie ein Teleprompter Text, den sie sprechen sollen. Mal alle im Chor, mal Einzelne, mal einzelne Gruppen, die gleich zu Zugehörigkeitsentscheidungen des Publikums führen: Gehöre ich zum „Chor der reichen Erb*innen“ und wenn ja, will ich das zugeben? Bin ich ein „junger Mann ohne festes Einkommen“ oder vielleicht eine „Mutter ohne Absicherung“, definiere ich mich als „pragmatisch“, „skeptisch“ oder gar als „Klassenkämpfer*in“?

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

„Ich lenke, also bin ich“

andcompany&Co.: COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Es soll ja immer noch Leute geben, die überzeugt sind, dass sich dieses Internet nicht durchsetzen wird. Vielleicht sollte es das auch gar nicht. Denn irgendwie ist es ja längst außer Kontrolle geraten, hat seine Mitte verloren, Sender und Empfänger sind nicht mehr zu unterscheiden, aus Kommunikation wurde ein rauschen. Das vielleicht wir selbst geworden sind? In ihrer neuen Arbeit begeben sich andcompany&Co. – diesmal tatsächlich nur das dreiköpfige Kernteam aus Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma – auf die Spuren eines Absturzes. Exkommuniziert seien sie, berichten sie zu Beginn, aus der Kommunikation ausgeschlossen, hinweggerafft von einer Datenflut, die unkontrollierbar wurde. Draußen tobt jetzt ein Datensturm, der alles hinwegfegt. Die Rache von Big Data. Zuflucht bietet ein, nun ja, Kontrollraum. Nachempfunden ist er dem, den der chilenische Präsident Salvador Allende bauen ließ. Von hier aus sollte Cybersyn gesteuert werden, ein vom britischen Kybernetiker Stafford Beer konzipiertes Netzwerk, das die gesamte chilenische Wirtschaft steuern sollte. Nach Pinochets Putsch und Allendes Ermordung wurde das Programm aufgegeben.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Lost in Abstraction

Kornél Mundruczó / Proton Theatre: Winterreise, Proton Theatre, Budapest / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Kornél Mundruczó)

Von Sascha Krieger

Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise zählt nicht nur aus musikalischen Gründen zu den bekanntestem, beliebtesten und einflussreichsten Werken der deutschen Romantik.Mit den 24 Liedern eines einsamen Wanderers, die mit einem Abschied beginnen und ohne Ankunft enden, gelang dem damals 30-Jährigen ein eindrucksvolles Porträt existenzieller Einsamkeit, des Fremdseins in der Welt, ein noch heute ultimativ erscheinender Ausdruck des Nicht-Dazugehörens. In einer Zeit, in der dieses Gefühl, in der die existenzielle Unsicherheit des Einzelnen wieder zunimmt, erfährt die Winterreise, obwohl sie nie weg war, eine Renaissance, die damit zu tun hat, dass sie direkt mit der unsrigen Zeit zu kommunizieren scheint. Elfriede Jelinek hat, von ihr inspiriert, ein gleichnamiges Stück über das Fremdsein des Menschen in der Welt und in sich geschrieben, am Gorki Theater war sie Anstoß für eine biografische Arbeit über Fluchterfahrungen. Der ungarische Film- und Theatermacher Kornél Mundruczó, ein Seismograf und nicht gerade zimperlicher Analytiker gesellschaftlicher Brüche und Verwerfungen, geht jetzt noch einen Schritt weiter: Er schließt Schuberts Zyklus mit der Flüchtlingsbewegung der vergangenen Jahre kurz, macht Schuberts an Liebenskummer und Weltschmerz Leidenden selbst zum Refugee.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Im Schweinesystem

Film – Nature Theater of Oklahoma: Germany Year 2071, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Es waren seltsame Szene, die sich im Juli letzten Jahres vor dem Haus der Berliner Festspiele abspielten: Wild schreiend und gestikulierend, die Gesichter in Panik verzerrt rannten dutzende Menschen durch die Schaperstraße, immer und immer wieder. Nebenan lief gerade die letzte Ausganbe des Festivals „Foreign Affairs“, da passten die apokalyptischen Szenen gut. Die natürlich auch dazugehörten: Nature Theater of Oklahoma, vor einigen Jahren Schwerpunkt beim Festival drehten Szenen für einen dystopischen Science-Fiction-Film namens Germany Year 2071, ein (letztes) Projekt des Festivals, gemeinsam mit dem Kölner Performance-Festival „Impulse“. Ein Filmdreh als Festival-Programmpunkt: Das ist kein kreativer Weg, Subventionen zu bekommen, sondern Teil des partizipativen Oklahoma-Konzepts. Die Gruppe befasst sich seit jeher mit der schwierigen und oft spannungsreichen Beziehung zwischen Kunst und dem, was wir flapsig Leben zu nennen gelernt haben.   So sind ihre Theaterarbeiten oft Aufeinandertreffen von Spielarten der Realität mit vollkommen unpassend erscheinenden Genreüberstülpungen. In ihren filmischen Projekten hat die „Wirklichkeit“ noch eine ganz andere Möglichkeit einzudringen: Da wird das Publikum zum Mitspieler und Miterschaffer, verschwimmen die Grenzen zwischen Kreation und Rezeption, ist das Drehen des Films zumindest nicht weniger wichtig als das Ergebnis. Der Weg ist das Ziel. Da wundert es nicht, dass der Andrang teilzunehmen groß war, der Saal bei der Berliner Premiere jedoch halbleer blieb. Oder dass die Filmproduktion wesentlicher Teil eines Festivalprogramms war, seine Vorführung sich jedoch an einem Sonntagnachmittag im HAU2 versteckte.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Advertisements