Archiv der Kategorie: Hebbel am Ufer

Topfschlagen mit Oktopus

Philippe Quesne: Crash Park – Das Leben einer Insel, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin  (Regie: Philippe Quesne)

Von Sascha Krieger

Philippe Quesne ist so etwas wie der Endzeitpoet des europäischen Theaters. Er schickt namenlose Menschenskizzen in seltsame Weltminiaturen irgendwo zwischen Apokalypse und Utopie, zwischen Ende und Anfang und lässt sie machen, was Menschen so machen. Das ist auch in Crash Park nicht anders. Der dem Publikum zunächst einen steifen Halt verpasst. Denn das Geschehen spielt sich anfangs links und rechts der Bühne ab, auf Fernsehbilödschirmen, die das Innere eines Flugzeugs zeigen. Bevölkert von allerlei mehr oder minder stereotypen Karikaturen: Althippies, Businesstypen, coole Hip-Hop-Versteher. Dazu eine Crew, die bedient und sich in der Bordküche versammelt, um Shots zu kippen. Ein vollkommen realistisches Szenario, mit genügend Skurrilität aufgeladen, dass es sich selbst ausreichend untergräbt. Denn um Naturalismus geht es Quesne nun wirklich nicht, er ist ein Bildermaler und Märchenerzähler, ein augenzwinkernder Parabel-Erfinder, dessen „Moral“ gern ins ironisch Leere läuft. Das ist auch diesmal so.

Das HAU2 (Bild: Sascha Krieger)

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„Zur Unruhe geboren“

Die Technik des Glücks – Eine Franz-Jung-Revue, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Künstlerische Leitung: Annett Gröschner und Hanna Mittelstädt, Regie: Rosmarie Vogtenhuber)

Von Sascha Krieger

Der Anlass liegt auf der Hand: Vor hundert Jahren fand in Deutschland die Novemberrevolution statt, etwa zur gleichen Zeit saß ein junger Journalist und Literat in einem Büro am Halleschen Ufer und produzierte Propagandamaterial im Dienste selbiger Revolution. Später entstand an gleicher Adresse mit der Schaubühne ein Theater, das die Nachkriegskultur nachhaltig erschütterte und zumindest ästhetisch bis heute nachwirkt. Grund genug für den heutigen Hausherren, das Hebbel am Ufer, sinch dem einst prominenteren Vorbewohner zu widmen, zumal dieser Franz Jung wie eine Fleischwerdung des unsteten 20. Jahrhundert wirkt: ein unsteter Geist, ein literarisches Stehaufmännchen, revolutionär, Parteigründer, Unruhestifter, mehrfach Inhaftierter, Verfolgter, Schiffsentführer, Kommunist und serial lover. Einzig seinem Fußballverein Minerva Berlin blieb er treu, ansonsten wechselte er Frauen, Parteizugehörigkeiten und Berufe wie so mancher (nein, an dieser Stelle kein Gendering) nicht einmal die Unterwäsche. „Was suchst du Ruhe, da du zur Unruhe geboren bist“: Ein Motto von Mensch und Jahrhundert, das auch als Überschrift über diesem Abend stehen könnte, den Annett Gröschner, Rosmarie Vogtenhuber und Hanna Mittelstädt, deren Nautilus-Verlag  die heutige Heimstätte von Jungs Werken ist, entwickelt haben.

Bild: Sascha Krieger

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Heiter in die Mottenkiste

andcompany&Co.: Invisible Republic: #stilllovingtherevolution, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

„Ich habe sie so geliebt, die Revolution“. 68er-Lichtgestalt und späterer Ur-Grüner Daniel Cohn-Bendit soll den Satz einst – das „Ich“ ersetzt durch ein leicht anmaßendes „Wir“ – gesagt haben. Im revolutionären Jubiläumsjahr 2018 – 200 Jahre Karl Marx, 100 Jahre Novemberrevolution, 50 Jahre 1968 – nimmt das Berliner Performancekollektiv andcompany&Co. diese Aussage zum Ausgangspunkt, sich mit dem gegenwärtigen Blick auf das Thema Revolution zu befassen. Dazu stellt er vier Darstellerinnen in einen an Pollesch erinnerntden Diskursraum und lässt sie durch historische Schnipsel, theoretische Schriften und allerlei Pop-Kultur waten im Versuch, der“ postrevolutionären Depression“ zu entkommen, den „Winter unseres Missvergnügens“ (ohne Shakespeare geht es nicht) zu verlassen, die diversen Prager und sonstigen Frühlingen zu überspringen und endlich im nie erreichten revolutionären Sommer zu landen. Dazu muss der Begriff erst einmal entstaubt und aus den Fängen konsumistischer Werbesprache befreit werden. Was also ist diese Revolution, von der die Cohn-Bendits dieser Welt schwärmen und was hat sie uns zu sagen?

Bild: Sascha Krieger

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Die schamlosen Sieben

She She Pop: Geburtstagsgala im Rahmen von „Shame, Shame, Shame! 25 Jahre She She Pop“, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Vielleicht sei es ja gar kein Geburtstag, sondern eine Silberhochzeit, regt eine der vielen Gastlaudator*innen im Laufe des Abends an. Doch wenn das so ist, wer feiert hier eigentlich 25 Jahre Beziehung? Das feministische Performancekollektiv She She Pop klar, aber mit wem? Miteinander? Oder mit dem Publikum? Der Freien Szene und dem Kunstbetrieb als Ganzem? Den Mitstreiter*innen und Kontrahent*innen, den Kritiker*innen und Partner*innen? Der Gesellschaft? Von allem ein bisschen wäre die langweiligste und feigste Antwort und damit alles andere als im Sinne der heute sechs Frauen und des einen Quotenmanns. Aber sie wäre auch ehrlich, denn ohne eine einzige von all diesen Beziehungen gäbe es all die anderen nicht. Und alle nicht ohne die vielleicht wichtigste, grundlegende: die zu einem menschlichen Kerngefühl – der Scham. „Shame, Shame, Shame!“ haben sie ihre Jubiläumsfeierlichkeiten im Berliner HAU genannt, 50 Grades of Shame hieß eine ihrer letzten Arbeiten, die Überwindung der Scham als kollektives Erlebnis, als Moment der Befreiung und der Erkenntnis von Rollenmustern, Geschlechterverhältnissen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Machtmechanismen treibt die 1993 am berühmt berüchtigten Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Uni Gießen, dem Urschlamm des deutschsprachigen Performancetheaters, gegründete Gruppe von Beginn an um.

Schon im HAU2-Foyer wurden die Gäste mit Collagen, Bildern und Videos aus 25 Jahren She She Pop begrüßt (Bild: Sascha Krieger)

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Ruhe in Schoki

Benny Claessens: The Last Goodbye / Vibrant Matter, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Benny Claessens)

Von Sascha Krieger

„Der Stillstand ist eine Synkope, an der das Private das Gesellschaftliche berührt. In seiner Leere und Bedeutungslosigkeit schwebt die Erwartung an etwas Neues, Größeres, das dieses Vakuum füllen könnte. Er lenkt unseren Blick auf das Kommende.“ Schön klingt er, dieser Text aus der Stückankündigung, der auch den Abendzettel von Benny Claessens neuer, fast dreieinhalbstündiger Performance am Berliner HAU ziert. Tiefgründig, philosophisch, zu unendlichen kreativen Reflexionen über das Ende und den Anfang inspirierend. Und es geht durchaus vielversprechend los. Freundlich ins Publikum winkend treten die fünf Performer*innen aus dem Bühnenhintergrund hervor, hauchen scheue „Hi“s und „Hello“s gen Zuschauerraum und gehen ab. Dann kommen Shiori Tada und Rob Fordeyn zurück, setzen sich ins Dämmerlicht – der Abend wird im Niemandsland von Sonnenauf- und -untergang verharren – einander halb zu-, halb abgewandt. Immer wieder begegnen sich die Blicke, für einen Moment nur, streicht Tada Fordeyn sanft übers Gesicht, nickt sie ihm kaum merklich zu. Eine stille Sinfonie des Annäherns und Zurückweichens, des Begrüßens und Abschiednehmens, des Wartens, auf etwas, was da kommen möge. Ein intimer, intensiver, berührender Beginn. Eine Verheißung, die der Abend nie einlöst.

Bild: Sascha Krieger

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Die Magie des Scheiterns

Forced Entertainment: Out of Order, Schauspiel Frankfurt / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

„Ever tried. Ever failed. Try again. Fail again. Fail better.“ Vielleicht sind die Engländer von Forced Entertainment ja die wahren und legitimen und einzigen und Wahrhaftigen und überhaupt Erben Samuel Becketts. Diese Virtuosen und Handwerker und Schwerarbeiter der Vergeblichkeit. Spätestens seit Real Magic und dessen Einladung zum Theatertreffen weiß man auch im deutschsprachigen Raum, dass wohl niemand sonst die unerträglichste Erkenntnis des Menschen, die seiner Vergänglichkeit und der Unmöglichkeit, wirklich Bleibendes zu hinterlassen, auf so konsequente, theatrale, geradlinige und durch und durch clowneske – jene unschlagbare Mischung aus zwerchfellerschütternder Komik und existenzieller Traurigkeit – Weise auf die Bühne zu bringen vermag wie die Gruppe um Tim Etchells. Out of Order setzt an, wo Real Magic aufhörte – und ebenfalls anfing. Denn Lineraität ist der Grund alles Scheiterns und der Feind seiner Erkenntnis. Ganz in Becketts Sinn besteht das Theater von Forced Entertainment darin, immer wieder anzufangen, die landläufig Einstein zugeschriebene These, der Wahnsinn bestünde darin, immer wieder das Gleiche zu versuchen und auf einen anderen Ausgang zu hoffen, auszutesten, zu bestätigen und vielleicht gerade darin zu widerlegen.

Bild: Sascha Krieger

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Die Stadt erblicken lernen

Rimini Protokoll (Aljoscha Begrich, Helgard Kim Haug, Jörg Karrenbauer): DO’s & DON’Ts – eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt, Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Da steht er. Ein vielleicht 16- oder 17-jähriger Junge. Regungslos. Die Sonnenbrille im Gesicht, Rücksack und Skateboard neben sich. Minutenlang, ohne sich zu bewegen, gelehnt an eine Säule auf dem S-Bahnsteig des Bahnhofs Südkreuz. Um ihn herum andere, die auf die Bahn warten. Sie trinken Bier, laufen herum, blicken sich um, starren auf Handy. Geben Lebenszeichen von sich. Nicht er. Und wir? Wir beobachten ihn, beobachten die anderen, hören Stimmen von Kindern, die sich fragen, wie sie auf jemanden wie ihn reagieren würden. Einen der nichts tut. Gar nichts. Würden sie die Polizei rufen und wenn ja, wie einige sagen, warum eigentlich? Denn er tut ja nichts. Was macht ihn verdächtig, was ist normales Verhalten und was nicht. Und vor allem: Wer bestimmt das und auf welcher Wertebasis. Und was und wer gibt uns eigentlich das Recht zuzuschauen, diese Menschen ohne ihre Wissen zu beobachten? Kurz darauf stehen wir vor dem Eingang des Bahnhofs, da, wo ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung läuft. Wo es um Überwachung geht, wie der Junge, der sich einen schwarzen Strich ins Gesicht gemalt hat, um das System auszutricksen, sagen wird. Spiegeln wir nicht diesen überwachenden Blick?

Mit diesem umgebauten Kühltransporter geht es durch die Stadt (Bild: Sascha Krieger)

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Menschen-Ikebana

Gob Squad: Creation (Pictures for Dorian), Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Jugend, Alter, Vergänglichkeit, die seltsame Beziehung zwischen Kunst und Leben: wer sich mit der mittlerweile über 20-jährigen Arbeit von Gob Squad beschäftigt, stößt immer wieder auf diese themen- und Motivgebiete. Da wirkt es dann auch alles andere als unlogisch, dass der Blick des deutsch-britischen Kollektivs irgendwann auf Oscar Wilde’s Roman The Picture of Dorian Gray fallen würde. Darum geht es bekanntlich um einen sündigen Jüngling gleichen Namens, der seinen Alterungs- und moralischen Verfallsprozess an sein Porträt auslagert. Während er in der Blüte seiner Jugend verbleibt, rottet das Bild vor sich hin. Leben und Kunst tauschen die Rollen, die Vergänglichkeit wandert von einer Sphäre in die andere. Was für eine atemberaubende, wenngleich durchaus erschreckende Vision. Mit der Macht von Kunst, Vergängliches festzuhalten, beginnt denn auch der Abend. Während Sean Patten (die Performer*innen wechseln täglich – diese Rezension bezieht sich auf die Vorstellung am 4. Mai 2018) eine Zuschauerin per Bleistifft auf Papier bannt (!), richtet Sarah Thoms ein Ikebana-Arrangement an, das sie nach Fertigstellung unter eine Wärmelampe stellt. Am Ende des gut eineinhalbstündigen Abends sind die Blumen verwelkt. „Ewigkeit“ und Vergänglichkeit, beides im Reich der Kunst. Ein Schlag ins Gesicht der Eindeutigkeit.

Bild: Sascha Krieger

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Lasst uns summen

She She Pop: Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: She She Pop)

Von Sascha Krieger

25 Jahre gibt es sie jetzt schon. She She Pop sind längst eine Ikone der freien Theater- und Performanceszene im deutschsprachigen Raum, auch eine eines vor allem weiblichen Blickes auf gesellschaftliche Phänomene und Themen unserer Zeit. Was schenkt man sich da zum Vierteljahrhundert? Vielleicht eine Arbeit, für die so richtig Zeit bleibt, die man entwickelt, indem man zunächst durch die Welt reist, von Festival zu Festival, ein Work-in-Progress, dass auch nach seiner jetzt erfolgten offiziellen Premiere wieder hinauszieht in die Theaterwelten. Und vielleicht lässt man auch erst einmal das Publikum arbeiten. Tatsächlich bleibt es zunächst dunkel auf der Bühne. Eine Videowand spricht die Zuschauer*innen an, gibt ihnen wie ein Teleprompter Text, den sie sprechen sollen. Mal alle im Chor, mal Einzelne, mal einzelne Gruppen, die gleich zu Zugehörigkeitsentscheidungen des Publikums führen: Gehöre ich zum „Chor der reichen Erb*innen“ und wenn ja, will ich das zugeben? Bin ich ein „junger Mann ohne festes Einkommen“ oder vielleicht eine „Mutter ohne Absicherung“, definiere ich mich als „pragmatisch“, „skeptisch“ oder gar als „Klassenkämpfer*in“?

Bild: Sascha Krieger

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„Ich lenke, also bin ich“

andcompany&Co.: COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Es soll ja immer noch Leute geben, die überzeugt sind, dass sich dieses Internet nicht durchsetzen wird. Vielleicht sollte es das auch gar nicht. Denn irgendwie ist es ja längst außer Kontrolle geraten, hat seine Mitte verloren, Sender und Empfänger sind nicht mehr zu unterscheiden, aus Kommunikation wurde ein rauschen. Das vielleicht wir selbst geworden sind? In ihrer neuen Arbeit begeben sich andcompany&Co. – diesmal tatsächlich nur das dreiköpfige Kernteam aus Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma – auf die Spuren eines Absturzes. Exkommuniziert seien sie, berichten sie zu Beginn, aus der Kommunikation ausgeschlossen, hinweggerafft von einer Datenflut, die unkontrollierbar wurde. Draußen tobt jetzt ein Datensturm, der alles hinwegfegt. Die Rache von Big Data. Zuflucht bietet ein, nun ja, Kontrollraum. Nachempfunden ist er dem, den der chilenische Präsident Salvador Allende bauen ließ. Von hier aus sollte Cybersyn gesteuert werden, ein vom britischen Kybernetiker Stafford Beer konzipiertes Netzwerk, das die gesamte chilenische Wirtschaft steuern sollte. Nach Pinochets Putsch und Allendes Ermordung wurde das Programm aufgegeben.

Bild: Sascha Krieger

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