Archiv der Kategorie: Hans Fallada

Der Stachel der Hoffnung

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Kein Zweifel: Hier geht es von Anfang an bergab. Der Holzweg (Bühne: Sylvia Rieger), auf dem Johannes und Emma, genannt Lämmchen, versuchen, ihre Liebe zu leben, ihre Würde zu behalten, in einem kalten, feindlichen Universum, ist morsch, die Bretter lose – und er führt nur in eine Richtung: nach unten. Hier steht Dmitrij Schaad zu Beginn – und macht in seinem eleganten Anzug durchaus eine gute Figur. Dabei ist der Johannes, den er spielt, schon hier draußen, gehört nicht dazu. Schaad spricht von ihm in der dritten Person, gibt den Erzähler und holt ihn dann als Figur dazu, gibt ihm temporär die Illusion dazuzugehören, mitspielen zu dürfen. Eine Illusion, die auf dem Holzweg ins Nichts rutschen wird. Schaads Johannes ist ein dauerangespanntes Nervenbündel, voller Angst vor allem und jedem, vor allem vor seiner Liebe zu Lämmchen. Und doch ist er gerade in ihr, nur in ihr, bei sich. Da kann er sich kindlicher Freude hingeben, da wird er gar stark und resolut. Sie, die Anastasia Gubareva mit stoisch-naivem Optimismus, mit stiller Willenskraft spielt, ist sein Kraftzentrum und sie ist auch das den Abends.

Foto: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Sie wollen doch nur spielen

Wolf unter Wölfen. Eine Inflationsrevue nach dem Roman von Hans Fallada, Deutsches Theater Berlin (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

Eine „Inflationsrevue“ soll es also sein, Roger Vontobels neuer Fallada-Abend am Deutschen Theater. Fallada, der Krisenbeschreiber, erlebt gerade eine Renaissance, insbesondere am Theater, und Vontobel hat gerade in Dresden eine vielgelobte Hamlet-Rockrevue auf die Bühne gebracht. Diesmal gehen wir zurück ins Jahr 1923, in die Zeit der Hyperinflation, in der ein Brot Milliarden kostete und Preise innerhalb eines Tages die eine oder andere Null hinzugewinnen konnten. Es ist Katharina Marie Schuberts Aufgabe, uns als eine Art Conférencière in glitzerndem Silber und mit Zylinder die wichtigsten Fakten vorzutragen, äußerst unterhaltsam und mit breitestem französischen Akzent. Dann geht der Vorhang auf und die Revue kann beginnen. Claudia Rohner hat ein halbrundes Bühnenpodest geschaffen, auf dem die Live-Band spielt und die Darsteller auf ihren Auftritt warten. Ein paar Showtreppen sind eingebaut und los geht es – mit einem stimmungsvollen Chorvortrag, halb episches Theater und halb Vaudeville. Schnell entsteht eine grelle, flirrende Atmosphäre, eine vergnügungssüchtige Welt, die sich umso mehr amüsiert, desto schwärzer der Abgrund, an dem sie tanzen, klafft.

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Vom Menschsein

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Spätestens seit Luk Percevals Bühneadaption von Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? 2010 zum Theatertreffen eingeladen wurde, gehören seine Werke zum Standardrepertoire deutscher Bühnen. Kaum einer scheint so gut in eine Zeit der Wirtschafts- und Identitätskrise der Gegenwartsgesellschaft zu passen wie dieser Chronist der „kleinen Leute“ und ihres Kampes ums Üerleben und ja, um so etwas wie Würde. Dabei fällt der Fokus mehr und mehr auf Falladas letzten Roman Jeder stirbt für sich allein, jene auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte eines Arbeiterehepaars, das nach dem Tod des einzigen Sohnes an der Front mit selbstgeschriebenen Postkarten Widerstand gegen Hitler leistet und dafür in den Tod geht. Das hat sicher auch damit zu tun, dass seit 2011 endlich die ungekürzte Fassung des Werks vorliegt. Erneut ist es Perceval, der sich tief in den Stoff hineinbegibt und eine Lesart des Romans auf die Bühne bringt, an der sich alle anderen Inszenierungen werden messen lassen müssen. Dass er es damit erneut zum Theatertreffen geschafft hat, ist mehr als verdient.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Gute-Nacht-Geschichte mit roher Leber

Hans Fallada: Der Trinker, Maxim Gorki Theater Berlin / Centraltheater Leipzig (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Und weiter geht’s mit den Fallada-Festspielen am Maxim Gorki Theater. Nach Jeder stirbt für sich allein  jetzt also Der Trinker, produziert in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Centraltheater und inszeniert von dessen (scheidendem) Intendanten Sebastian Hartmann. Zwei Häuser inmitten einer Intendantensuche begeben sich mit Fallada auf Sinnsuche. Mit Samuel Finzi ist auch noch einer der profiliertesten und spannendsten deutschsprachigen Theaterschauspieler dabei, für das Bühnenbild zeichnet der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel verantwortlich und neben Finzi und Andreas Leupold steht (oder besser: sitzt) mit Steve Binetti auch noch ein Livemusiker auf der Bühne. Leider klingt das um Längen besser, als es ist an diesem Abend, der viel will, der schläfrig beginnt, dann plötzlich in den Overdrive-Modus umschaltet, aber zwischen den beiden Extremen nie seine Mitte findet.

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Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, Maxim-Gorki-Theater Berlin (Regie: Jorinde Dröse)

Hans Fallada gehört derzeit zu den Autoren der Stunde. Obwohl bereits 1947 verstorben, treffen seine Romane über Menschen am Rand der Gesellschaft, über die Aussätzigen und Ausgegrenzten, über eine Gesellschaft am Abgrund bei vielen einen Nerv. In Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise wirken Autoren wie Fallada, Hauptmann, aber auch Brecht plötzlich ungemein aktuell. Vergangenes Jahr schaffte es Luk Percevals Münchner Bearbeitung von Falladas Roman Kleiner Mann -Was nun? zum Berliner Theatertreffen, jetzt bringt Jorinde Dröse sein letztes Buch auf die Bühne des Maxim-Gorki-Theaters. Jeder stirbt für sich allein ist eines der ersten Bücher über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, ein Buch über eine Gesellschaft, deren Triebfeder die Angst ist, eine Angst, die zumeist das Schlechteste im Menschen hervorbringt. Ein Buch voller zum Teil schillernder Falladascher Charaktere, aber auch eines über Menschen, die aus Schmerz das Richtige tun, keine Helden, Menschen voller Angst, aber nicht zu Sklaven derselben werden. Anna und Otto Quangel basieren auf dem realen Schicksal von Elise und Otto Hampel, die für ihren stillen Widerstand 1943 hingerichtet wurden. Fallada setzt ihnen ein Denkmal, das nicht verklärt, sondern durch seine Beiläufigkeit erschüttert.

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