Archiv der Kategorie: Hakan Savaş Mican

Schlag nach bei Kafka

Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Das ist ja ein schöner Jahresauftakt, den sich das Maxim Gorki Theater überlegt hat: Mit Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung stellt es einen der hoffnungslosesten, pessimistischsten und deprimierendsten Texte der Literaturgeschichte an den Anfang seines Theaterjahres. Die Geschichte der jungen Elisabeth, die hoffnungsvoll versuchend, sich eine bescheidene Exostens aufzubauen, bei jedem Schritt von einer feindlichen Welt und den nicht minder abweisenden wirtschaftlichen Verhältnissen der Zwischenkriegszeit zurückgeschlagen wird, bis sie einen halb zufälligen und himmelschreiend erbärmlichen Tod stirbt, ist keine, die einen oprimistischen Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt wirft. Ein nicht gerade hoffnungmachender Schritt ins neue Jahr. Regisseur Hakan Savaş Mican versucht die Düsternis des Stücks denn auch in keiner Sekunde zu kaschieren. Sylvia Rieger hat ihm eine abweisend schwarze expressionistische Stummfilmkulisse mit in die Höhe strebenden schrägen Blöcken, urbanen Stacheln mit gesichtslosen, kaltes Licht verströmenden Fensterlöchern, auf und neben die Drehbühne gebaut, von der zunächst vor dem Eisernen Vorhang nur Teile zu sehen sind. Geht dieser hoch, setzt sich das Labyrinth moderner Albträume fort. Kein Ausweg nirgends.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Advertisements

Make Theatre Great Again

Nach Dorothy M. Johnson: Der Mann, der Liberty Valance erschoss, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Alles Show hier. Nett anzusehen ist es ja, das Hauptsträßchen in dem kleinen Westernststädtchen, das, wie uns die praktischen Lettern über derBühne verraten, Two Trees heißt. Aber natürlich sind die Kulissen ein bisschen zu billig, beginnt sich die Bühne bald zu drehen und zeigt die Rückseitze der Fassade. Da ist: nichts, kein Inneres, keine Substanz. Die Oberfläche, schnell hingezimmert, ist alles. Ein schönes B-Movie-western-Filmset mit Störelementen. Klar, da sind der Saloon und der Pferdeparkbalken und die Strohballen, aber da gibt es eben auch Neonschriften und Hinweisschilder zu Motels. Der wilde Westen ist denn eben doch nicht allein im Jahr 1880 anzusiedeln, er gehört (auch) in das Amerika von heute. „This is not America“: Den David-Bowie-Text spricht Bösewicht Liberty Valance einmal über ein wildes Bilder-Potpourri vom Schönen und Hässlichen der USA, über Vorstadt-Idylle und Kriegsgräueln. Er wird es später noch einmal anstimmen, wie eine Drohung, denn natürlich ist das Amerika, ist das „Land der Freien“ immer auch sein eigenes Gegenteil.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Wir Unvollkommenen

Sasha Marianna Salzmann: Meteoriten, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Sie sind die Außenstehenden, die schief Angeschauten, die wohlwollend Willkommengeheißenen oder offen Ausgestoßenen, die Nichtangekommenen, sie stets oder gar nicht Ankommenwollenden. Udi, Roy, Serösha, Üzüm und Cato heißen sie, sie sind Syrer, Israeli, Russe, schwarze Deutsche mit türkischen Wurzeln, schwul, lesbisch, Transgender, irgendwas dazwischen oder nicht von alledem. Sie lassen sich nicht einbinden, nicht kategorisieren, sie gehören nicht dazu, nicht in ein Deutschland, das gerade fahnenschwenkend den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft feiert oder, wie es einer von ihnen ausdrückt, die Wiederkehr als Weltmacht. In Sasha Marianna Salzmanns Stück – das die Autorin gerade ihren offiziellen Namen um den Vornahmen Sasha erweitert hat, passt gut zum Thema – geht es um Identitäten, ethnische, nationale, sexuelle, vor allem aber individuelle, um das recht, sich das eigene Ich so zu definieren, dass es genau zu dem passt, der man ist, einzigartig, nicht einzuordnen. Aber eben auch darum, wie  schwer, ja, vielleicht unmöglich es ist, dies für sich zu definieren. Denn was ich heute bin, werde ich morgen womöglich nicht mehr sein. Und doch gibt es die Erwartungen, jene , der Gesellschaft, in  der man lebt und von der man zugleich kein Teil ist, die der Familie, der Herkunftgemeinschaft(en), die eigenen,  sich oft und gern widersprechenden.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Der Stachel der Hoffnung

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Kein Zweifel: Hier geht es von Anfang an bergab. Der Holzweg (Bühne: Sylvia Rieger), auf dem Johannes und Emma, genannt Lämmchen, versuchen, ihre Liebe zu leben, ihre Würde zu behalten, in einem kalten, feindlichen Universum, ist morsch, die Bretter lose – und er führt nur in eine Richtung: nach unten. Hier steht Dmitrij Schaad zu Beginn – und macht in seinem eleganten Anzug durchaus eine gute Figur. Dabei ist der Johannes, den er spielt, schon hier draußen, gehört nicht dazu. Schaad spricht von ihm in der dritten Person, gibt den Erzähler und holt ihn dann als Figur dazu, gibt ihm temporär die Illusion dazuzugehören, mitspielen zu dürfen. Eine Illusion, die auf dem Holzweg ins Nichts rutschen wird. Schaads Johannes ist ein dauerangespanntes Nervenbündel, voller Angst vor allem und jedem, vor allem vor seiner Liebe zu Lämmchen. Und doch ist er gerade in ihr, nur in ihr, bei sich. Da kann er sich kindlicher Freude hingeben, da wird er gar stark und resolut. Sie, die Anastasia Gubareva mit stoisch-naivem Optimismus, mit stiller Willenskraft spielt, ist sein Kraftzentrum und sie ist auch das den Abends.

Foto: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Der Nichtangekommene

Hakan Savaş Milan und Necati Öziri nach dem Roman von Deniz Utlu: Die Ungehaltenen, Maxim Gorki Theater/Studio Я, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Die Touristen, die „Skinny Jeans“, die Jutebeutel: Elyas ist wütend. Kreuzberg, seine Heimat verändert sich, verliert den Halt, der einzige, den der abgebrochene JuraStudent, Tod eines sterbenden Vaters, der nie Zeit für ihn hatte, je besaß. Die letzte Illusion von Heimat verschwindet für den Jungen, der da, wo seine Heimat zu sein hat, nie war, und an dem Ort, der als Heimatersatz diente nie mehr war als geduldet. Elyas ist ein Unbehauster, ein Haltloser, einer, der sich in die Lethargie geflüchtet hat, um nicht suchen zu müssen – nach Sinn, Heimat, sich selbst. Doch auch da kann er nicht, denn sein Schneckenhaus beginnt zu zerfallen. Er muss sich stellen: der Heimatlosigkeit, dem Schweigen der Familie, dem Vater, dessen pragmatische Kälte er stets mit Indifferenz zu strafen versuchte. Also konfrontiert er sich: mit dem Vater, mit der Heimat seiner Eltern, mit der eigenen Fähigkeit zu fühlen, zu lieben, der Unfähigkeit zu handeln. Deniz Utlus Roman Die Ungehaltenen befasst sich mit diesen doppelt Entwurzelten, jenen, die gegangen sind und nie ankommen dürfen, auch denen die geblieben sind, ohne je gegangen zu sein. Denn hier, in dieser Unbehaustheit treffen sie sich: der Kreuzberger Junge, der immer Türke sein soll, der abgeschobene Bochumer, der nicht Türke sein kann und die Eltern, die die Heimat nie hinter sich gelassen haben. Vater und Sohn, die nie wirklich miteinander sprachen und es nun nicht mehr können – sie teilen ein Schicksal.

Mehmet Ateşçí (Foto: Esra Rotthoff)

Mehmet Ateşçí (Foto: Esra Rotthoff)

Weiterlesen

Polonäse des Wahnsinns

Schnee. Frei nach Motiven des gleichnamigen Romans von Orhan Pamuk, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Zeitpunkt ideal: Lange ist es noch nicht her, da versammelten sich Montag für Montag Zehntausende in der Dresdner Innenstadt, im gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ (Begrifflichkeiten, die gut dazu sind, jedem den Magen umzudrehen, der auch nur ein paar Sekunden über sie nachdenkt) zu protestieren. Michel Houellebecq veröffentlichte ein Buch, in dem er eine gar nicht unrealistisch erscheinende Vision einer demokratisch legitimierten islamistischen Machtübernahme in Frankreich zeichnet, kurz bevor die Anschläge von Paris schlimmste Befürchtungen zu bestätigen schienen. Orhan Pamuk hat derartige Szenarien in seinem Roman Schnee bereits 2002 durchgespielt und Regisseur Hakan Savaş Mican verlegte die Geschichte schon 2010 am Ballhaus Naunynstraße in die deutsche Provinz, als an Pegida & Co. noch nicht zu denken war. Seine jetzige Neuinszenierung am Maxim Gorki Theater macht aus der dystopischen Vision einen kritischen Gegenwartskommentar. An Schärfe verliert sie dadurch nicht.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Triumph der Sentimentalitätskacke

Rainer Werner Fassbinder: Angst essen Seele auf, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Mit Angst essen Seele auf zeichnete Rainer Werner Fassbinder 1974 ein unbarmherziges und erschütterndes Porträt einer Gesellschaft, in der die Überhebung der so genannten Mehrheitsgesellschaft über jene, die man als nicht dazugehörig betrachtete, zum Alltag gehörte, in der die zivilisatorische Fassade Fremdenhass und Rassismus bestenfalls notdürftig kaschieren konnte. Und er zeigte, was ein auf Hass basierender gesellschaftlicher Konsens mit denen tut, die aus dem Raster fallen und den Boden dieses Konsenses verlassen. Wenn Hakan Savaş Mican, in Berlin geboren und der Türkei aufgewachsen, Fassbinders Stoff nun zum Spielzeitabschluss des Maxim Gorki Theater, der ersten unter Leitung Shermin Langhoffs und Jens Hilljes, auf die Bühne bringt, ist das ein Statement. Nein, nicht alles hat sich in den vergangenen vierzig Jahren geändert und doch sind wir weitergekommen. So weit, dass sich ein Theater, das sich ausdrücklich denen widmet, die nicht Teil der vermeintlichen Mehrheit sind, nicht mehr in d3er Nische verstecken muss. Aber eben auch nicht weit genug, um sich mit Themen wie Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass auf das als Anders Betrachtete, nicht mehr auseinandersetzen zu müssen.

Ruth Reinecke und Taner Şahintürk (Foto: Esra Rotthoff)

Ruth Reinecke und Taner Şahintürk (Foto: Esra Rotthoff)

Weiterlesen

Gefangen im Liebeslied

Marianna Salzmann: Schwimmen lernen, Maxim Gorki Theater/Studio Я, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Das Eröffnungswochenende ist geschafft, das erste postmigrantische Stadttheater Deutschlands ist geöffnet. Nach zwei Premieren im großen Haus ist jetzt auch das Gorki Studio in die neue Intendanz gestartet, die eher den Eindruck eines neuen Zeitalters vermittelt. Die kleine Spielstätte heißt jetzt Studio Я, benannt nach dem letzten Buchstaben des russischen Alphabets, der auch das Wort „ich“ darstellt. Um Identitäten, ihre Möglichkeit und Unmöglichkeit geht es am neuen Gorki und auch in dem Stück, das Hausautorin und Studio-Leiterin Mariana Salzmann zur Eröffnung geschrieben und dessen Uraufführung Hakan Savaş Mican besorgt hat. Nach zwei Tagen, in denen es um Migration, Heimat und die Unbehaustheit in dieser Welt ging, schwingen diese Themen auch diesmal mit, jedoch konsequent heruntergebrochen auf die kleinste – und vielleicht zugleich auch größte – Einheit des Heimischwerdens und Zu-sich-selbst-Findens: der Liebe. Schwimmen lernen erzählt von Feli, die sich in Pep verliebt, ihn nach fünf Wochen heiratet und kurz darauf Lil verfällt, nur um dieser in die einstige Heimat zu folgen. Am Ende stehen alle drei allein da, sind immer noch auf der Suche und wissen doch nicht so recht, wonach.

https://stagescreen.wordpress.com/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif Weiterlesen

Stunde null

Die neue Leitung des Maxim Gorki Theater stellt ihre erste Spielzeit vor

Von Sascha Krieger

Die Theaterferien sind vorbei, die ersten Premieren der Spielzeit gehen über die Bühnen der Hauptstadt, ganz Berlin spielt wieder Theater. Ganz Berlin? Nein. Das gallische Dorf der Berliner Theaterszene ist in diesem Jahr das Maxim Gorki Theater. Ausgerechnet jenes Theater, das in den sieben Jahren der Intendanz Armin Petras Jahr für Jahr Premieren im Schnellfeuermodus auf die Bühne brachte, lässt sich nun Zeit. Das ist nicht unverständlich, schließlich steht dem Haus ein drastischer Umbruch bevor: Nicht nur ist die Intendanz neu, fast das gesamte Ensemble wurde ausgetauscht, ein Großteil des restlichen Teams, keine einzige Inszenierung übernommen. Das braucht Zeit und so beginnt die erste Spielzeit der neuen Ära erst im November. Vorgestellt wurde sie jetzt.

Shermin Langhoff und Jens Hillje, Intendantin und Co-Intendant des Maxim Gorki Theater (Foto: Esra Rotthoff)

Shermin Langhoff und Jens Hillje, Intendantin und Co-Intendant des Maxim Gorki Theater (Foto: Esra Rotthoff)

Weiterlesen