Archiv der Kategorie: Gob Squad

Menschen-Ikebana

Gob Squad: Creation (Pictures for Dorian), Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin

Von Sascha Krieger

Jugend, Alter, Vergänglichkeit, die seltsame Beziehung zwischen Kunst und Leben: wer sich mit der mittlerweile über 20-jährigen Arbeit von Gob Squad beschäftigt, stößt immer wieder auf diese themen- und Motivgebiete. Da wirkt es dann auch alles andere als unlogisch, dass der Blick des deutsch-britischen Kollektivs irgendwann auf Oscar Wilde’s Roman The Picture of Dorian Gray fallen würde. Darum geht es bekanntlich um einen sündigen Jüngling gleichen Namens, der seinen Alterungs- und moralischen Verfallsprozess an sein Porträt auslagert. Während er in der Blüte seiner Jugend verbleibt, rottet das Bild vor sich hin. Leben und Kunst tauschen die Rollen, die Vergänglichkeit wandert von einer Sphäre in die andere. Was für eine atemberaubende, wenngleich durchaus erschreckende Vision. Mit der Macht von Kunst, Vergängliches festzuhalten, beginnt denn auch der Abend. Während Sean Patten (die Performer*innen wechseln täglich – diese Rezension bezieht sich auf die Vorstellung am 4. Mai 2018) eine Zuschauerin per Bleistifft auf Papier bannt (!), richtet Sarah Thoms ein Ikebana-Arrangement an, das sie nach Fertigstellung unter eine Wärmelampe stellt. Am Ende des gut eineinhalbstündigen Abends sind die Blumen verwelkt. „Ewigkeit“ und Vergänglichkeit, beides im Reich der Kunst. Ein Schlag ins Gesicht der Eindeutigkeit.

Bild: Sascha Krieger

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Tanz den Tolstoi

Gob Squad: War an Peace, Münchner Kammerspiele / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Von Sascha Krieger

Es ist alles sehr schön freundlich bei Gob Squad. Die vier Darsteller*innen (an diesem Abend Sean Patten, Tatiana Saphir, Laura Tonke und Bastian Trost), gehüllt in seltsam fleischfarbene Kleider im Stil des späten 19. Jahrhunderts stellen einige Zuschauer einzeln vor und begrüßen sie zu ihrem Salon. Drei der so Präsentierten dürfen gleich vorn am Bühnenrand an einer Tafel Platz nehmen. Gemeinsam geht es hinein in die Tolstoische Welt der Salons – der Abend ist eine Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden – und des schönen Scheins. Man plaudert – etwa darüber, ob man seine Partygäste nach dem Kriterium auswählen sollte, ob sie den Gastgeber gut aussehen lassen; Laura Tonke testet das gleich mit ihrem chilenischen Gesprächspartner und kommt zu der Schlussfolgerung, dass er akzeptabel sei als Gast. Dabei übt und exemplifiziert man die von Tolstoi vorgeführte „Kunst des Gesprächs“, liest sich ein wenig aus dem Buch vor. Ein wunderbar leichter, spielerischer Beginn, der über Sein und Schein, über die Realitsverweigerung einer Gesellschaft, die sich selbst genügt, während um sie herum die Hölle losbricht. Der Frieden, der hier zu sehen ist, wurde erkauft mit dem Sterben der anderen, er ist ein Frieden des Wegschauens. Vollkommen unzeitgemäß ist ein solcher Blick nicht.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Im Reich der tanzenden Oma

Gob Squad: Western Society, Hebbel am Ufer/HAU2, Berlin

Von Sascha Krieger

Die westliche Gesellschaft steckt ja bekanntlich spätestens seit Beginn der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 in einer Identitätskrise. Was sind ihre Werte, was ihre Existenzberechtigung, wodurch zeichnet sie sich aus und ist der Kapitalismus als ihre wirtschaftliche Grundlage eigentlich wirklich alternativlos? Fragen, die immer wieder, in unterschiedlichsten Schattierungen und mit variierenden Vorzeichen gestellt wurden und werden und die zu mindestens ebenso vielen Antworten führen, wie es Fragen gibt. Da trifft es sich, dass die deutsch-britische Gruppe Gob Squad das Herz der „Western Society“ gefunden hat: Es schlägt in  einem Youtube-Video, das zum Zeitpunkt seiner Entdeckung ganze vier Aufrufe hatte (mittlerweile sind es fast 200!) und eine Familienfeier samt Karaoke-Performance zeigt und in einem Wohnzimmer im kalifornischen Santa Barbara (westlicher geht es kaum) gedreht wurde. Es zeigt: Kuchenessende, mit ihrem Smartphone spielende und in einem Magazin blätternde Familienmitglieder. Mittendrin singt einer „Pretty Woman“, im Hintergrund tanzt die Oma.

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Wir Heuschrecken

Gob Squad: Dancing About, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz/Roter Salon, Berlin

Von Sascha Krieger

Die Heuschrecke hat ja bekanntlich nicht den allerbesten Ruf. Das ist schon seit bliblischen Zeiten so, als sie als Plage daherkam, welche die Lebensgrundlage der Menschen konsequent vernichtete und nichts als totes Land hinterließ. Heute bezeichnet man damit gern Finanzinvestoren, denen man, im übertragenen Sinn natürlich, gern ein ähnliches Verhaltensmuster unterstellt. Bei Gob Squad dagegen verwandelt sie sich in ein Symbol der Natur, der man sich gern nahe fühlen würde, mit der man eins sein oder zumindest kommunizieren möchte. Nun ist die “ Heuschrecke“, wie sie hier in einem Glas vorn an der Bühne thront, eigentlich eine Gottesanbeterin, aber das Bild erhellt recht schön den Ansatz von Gob Squad, Meister des ironisierenden Befindlichkeitstheaters. Zumal sie sich auf gänzlich unbekanntes Terrain wagen und ein Tanzstück versuchen. Das trägt bei Weitem nicht den ganzen Abend, ist konzeptionell auch ein wenig dünn, aber zumindest nicht ohne Unterhaltungswert.

Foto: David Baltzer

Tanz die Heuschrecke (Foto: David Baltzer)

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„Echte lebende Kinder!“

Gob Squad, Berlin & Campo, Gent: Before Your Very Eyes,  CAMPO, Gent / Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Der 18. Geburtstag ist ja bekanntlich ein durchaus symbolträchtiges, zuweilen auch einschneidendes Ereignis: Mit einem Mal ist man dem Gesetz nach erwachsen, die Person fertig ausgeformt, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, mit allen Rechten, Pflichten und auch Konsequenzen. Die deutsch-englische Theatergruppe Gob Squad wird in diesem Jahr „volljährig“ – Grund genug, sich mal genauer mit dem Älter- und vor allem Erwachsenwerden zu befassen. Ein Einschnitt auch dies: „Before Your Very Eyes“ ist die erste Gob-Squad-Produktion, in der die Gruppenmitglieder nicht selbst auftreten. Statt dessen überlassen sie die Bühne „echten, lebenden Kindern!“, wie es gewollt marktschreierisch zu Beginn heißt. „7 Leben im Schnelldurchlauf“ sind in diesem Spiegelkasten ausgestellt. Ein Einbahnstraßenguckkasten, einseitig verspiegelt, den voyeuristischen Blick in dieses einmalige Versuchsfeld erlaubend. Möge der Zirkus beginnen!

Before Your Very Eyes

„7 Leben im Schnelldurchlauf“ (© Phile Deprez)

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