Archiv der Kategorie: Gewandhausorchester Leipzig

Keine Erlösung

Alan Gilbert dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Es passiert nicht oft, dass diese Ehre einem zuteil wird, der nie Chefdirigent dieses Orchesters war: Die traditionellen Silvesterkonzerte des Leipziger Gewandhausorchesters sind normalerweise Chefsache. Denn die Tradition wiegt schwer: Bald sind es 100 Jahre, dass Arthur Nikisch begann, zum Jahreswechsel Beethovens neunte Symphonie spielen zu lassen – eine Anregung, der mittlerweile überall auf der Welt gefolgt wird. Doch das Original – seit Jahrzehnten live im Fernsehen übertragen – findet in Leipzig statt. Nun also darf Alan Gilbert ran, nachdem sich Neu-Chef Andris Nelsons im Vorjahr etwas verhoben hatte. Der New Yorker steckt gerade zwischen Jobs – seine Amtszeit beim New York Philharmonic ist zu Ende, die Position beim NDR Elbphilharmonieorchester noch nicht angetreten – er hat also Zeit. Und Lust, wie es scheint. Und keine Scheu vor der großen Aufgabe. Die er beeindruckend unsentimental angeht, mit dem klaren Willen, sich dem Werk auf eigene Weise zu nähern, ohne zu viel Respekt vor der Tradition, dafür um so mehr vor dem musikalischen Monstrum, das es zu bändigen gilt.

Das Leipziger Gewandhaus (Bild: Jens Gerber)

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Stürmen und Stolpern

Silvesterkonzerte 2016 – Teil 2: Andris Nelsons dirigiert seine ersten Konzerte zum Jahreswechsel beim Gewandhausorchester Leipzig

Von Sascha Krieger

Man kennt das: Wenn man etwas zum allerersten Mal tut, geht selten alles glatt. Es rumpelt und stockt und bisweilen möchte man aus lauter Frust fast hinwerfen. Ob Andris Nelsons bei seiner ersten „Neunten“ zum Jahreswechsel mit dem Gewandhausorchester, das er in der kommenden Spielzeit übernehmen wird, solche Gedanken gehabt hat, ist nicht bekannt. Dass der Motor mitunter stockt und das musikalische Gewährt streckenweise recht rumpelig unterwegs ist, ist jedoch hörbar. Nelsons gilt (noch) nicht als Beethoven-Spezialist, auch wenn er weiß, dass ein Dirigent, will er zu den größten seiner Zeit gehören, das symphonische Werk des Bonners meistern sollte. Vielleicht ist es so zu verstehen, dass Nelsons in diesem Jahr begonnen hat, seinen (ersten?) Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern einzuspielen. Nicht ausgeschlossen, dass er noch ein wenig zu früh kommt. Seine Auseinandersetzung mit der „Neunten“ zumindest ist geprägt von Anstrengung und einem Ringen mit dem bis heute als Höhepunkt der Symphoniegeschichte geltenden Werk, das nicht immer einen Sieger hat. Und doch erheben sich am Ende große Teile des Publikums, wenn auch etwas zögerlich, zu einer wohlwollenden stehenden Ovation. Also doch nicht alles falsch gemacht? Nein, überhaupt nicht.

Andris Nelsons (Bild: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Bild: Marco Borggreve)

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Werdet Brüder!

Silvesterkonzerte 2015 – Teil 1: Das Gewandhausorchester Leipzig unter Herbert Blomstedt mit Beethovens neunter Symphonie

Von Sascha Krieger

Am Anfang war die Stille. Aus ihr schält Ludwig van Beethoven sein Jahrtausendwerk und mit ihr beginnen die traditionellen Konzerte zum Jahreswechsel des Leipziger Gewandhausorchesters. Eine Schweigeminute für den kürzlich verstprbenen Kurt Masur eröffnet den Abend, in aller für ihn so typischen Bescheidenheit erbeten von Masurs Nachfolger Herbert Blomstedt, der dem Orchester von 1998 bis 2005 vorstand. Umso erstaunlicher, wie energisch Blomstedt dann den Beginn von Beethovens Symphonie Nr. 9 angeht. Nichts da mit dem Entstehen der Musik aus dem Nichts. Hier will alles voran, losstürmen, herausfinden, welche Welt es da zu erobern gilt. Blomstedt wählt recht schnelle Tempi und scheut in den Forte- und Mehrfach-Forte-Passagen nicht die explosive Kraftentladung. Der Orchesterklang ist schlank und kompakt, das Spiel detail- und kantenscharf, Rhythmik und dynamische Kontraste sind die Kraftquellen dieser Interpretation. Der Kopfsatz kommt mit einiger Härte daher, klingt zuweilen recht schroff, auch wenn ihm ein wenig das Untergründige fehlt. Der erste Satz ist eine Bestandsaufnahme der Welt: widersprüchlich, in ihren Bestandteilen nicht recht zusammenpassen wollend, bedrohlich, immer mit einer Prise Düsternis gewürzt. Dass Blomstedt dabei mitunter ein wenig über das Ziel hinausschießt, die Pauken etwa im gesamten Verlauf des Abends viel zu dominant sind, sei verziehen. Diese Neunte, so wird schnell klar, fordert heraus, stellt den Zuhörer in eine zerklüftete Landschaft, in der er sich selbst zurechtfinden muss.

Herbert Blomstedt (Foto: Jens Gerber)

Herbert Blomstedt, von 1998 bis 2005 19. Gewandhauskapellmeister (Foto: Jens Gerber)

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Den Blick voraus

Andris Nelsons wird neuer Chefdirigent des Gewandhausorchesters Leipzig

Von Sascha Krieger

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Gewandhausorchester Leipzig nicht? Warum auch? Das Orchester gab es schon, da hatte man die Idee eines öffentlichen Symphonieorchesters in Berlin, Wien oder London noch gar nicht auf dem Schirm. Kein wunder, dass sich die Leipziger seit jeher auf Augenhöhe mit den großen Klangkörpern der Welt sehen. Zu Recht: Nicht zuletzt in der 10-jährigen Ägide Riccardo Chaillys festigte sich die Reputation des Orchesters, dem einst Felix Mendelssohn-Bartholdy vorstand – als eines der wichtigsten und stilbildendsten weltweit. Eine Reihe von Grammys und so manche Referenzeinspielung, etwa der gefeierte Brahms- und der ein wenig unterschätzte Beethoven-Zyklus zeugen davon. Mit der Ernennung von Andris Nelsons ab der Saison 2016/17 zeigt das Orchester, dass es sich auf Erreichtem oder gar seiner Tradition nicht ausruhen will. Dabei darf es sich auch bei den Berliner Philharmonikern bedanken: Die konnten sich im Mai nicht auf den Favoriten Nelsons einigen.

Andris Nelsons ist seit 2014 Chefdirigant des Boston Symphony Orchestra und übernimmt 2017 das Gewandhausorchester Leipzig (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons ist seit 2014 Chefdirigant des Boston Symphony Orchestra und übernimmt 2017 das Gewandhausorchester Leipzig (Foto: Marco Borggreve)

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Mit festem Blick

Das Gewandhausorchester Leipzig spielt Beethovens Neunte zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Es soll ja Menschen geben, für die ist der letzte auch der beste Tag des Jahres, andere wiederum können mit Silvester herzlich wenig anfangen. Die Gründe sind nicht selten die gleichen: Der Jahreswechsel ist vollgestopft mit Traditionen: vom immer gleichen Essen über Bleigießen und mehr oder weniger gute Vorsätze fürs Folgejahr bis zum Sekt um Mitternacht und das Verblasen von Millionen in den hell erleuchteten und benebelten Nachthimmel. Auch musikalisch gibt es so manchen Brauch, dem man sich kaum verschließen kann. So hat fast jedes Orchester, das etwas auf sich hält, ein Silvesterkonzert im Programm. Manche, etwa die Dresdner Staatskapelle, halten es mit der leichteren Muse, andere, etwa die Berliner Philharmoniker, mögen es tänzerisch und versuchen eine Balance aus fröhlichem und Nachdenklicherem, und für Dritte gibt es nur ein Werk, das zu Silvester erklingen darf: Ludwig van Beethovens neunte Symphonie. Begonnen hat diese Tradition, so sagt man, in Leipzig mit dem Dirigenten Arthur Nikisch, und auch wenn Orchester rund um die Welt es diesem jahrein jahraus gleichtun, versteht sich das „Große Concert zum Jahreswechsel“ des Gewandhausorchesters bis heute als das Original. Das ist auch unter dem derzeitigen Chefdirigenten Riccardo Chailly, der vor einigen Jahren einen zu Recht vielbeachteten Beethoven-Zyklus vorgelegt hat, so geblieben.

Das Leipziger Gewandhaus (Foto: Sascha Krieger)

Das Leipziger Gewandhaus (Foto: Sascha Krieger)

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Wenn das Posthorn ruft

Alan Gilbert und das Gewandhausorchester Leipzig spielen Mahlers Dritte beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Und plötzlich ist alles anders: Von fern wehen die Klänge eines Posthorns heran, glasklar, zerbrechlich und doch von großer, in sich ruhender Kraft legen sie sich über den hauchzarten Streicherteppich, wie ein kaum wahrnehmbares Licht der Hoffnung in düsterer Nacht. Und doch verändern sie alles, bringt die schwache, ferne Stimme Licht in die Dunkelheit. Wenn Alan Gilbert und das Leipziger Gewandhausorchester Gustav Mahlers dritte Symphonie aufführen, fokussiert sich alles auf diesen Moment im dritten Satz. Er ist das Zentrum und der ausgangspukt, Quelle und Ziel dieser in Mahlers Intention weltumfassenden Musik, der Wendepunkt, der Schmerz zu Hoffnung werden lässt. Und plötzlich wandelt sich die aufgewühlte See in ein friedliches ruhiges Meer, lässt das Orchester alle Hektik fahren und verleiht der Musik den Ausdruck stetigen Fließens. Mit großer Sanftheit ergießt sich zarte Traurigkeit, bevor ein letztes Mal die Unerbittlichkeit des Weltenlaufs mit kraftvoller Wucht hereinbricht. Doch sie hat ihren Schrecken verloren.

Alan Gilbert beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Christian Fanghänel)

Alan Gilbert beim Musikfest Berlin 2014 (Foto: Christian Fanghänel)

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