Archiv der Kategorie: Georg Büchner

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Terror, glutenfrei

Georg Büchner: Dantons Tod, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Rocksong. Punkrock, um genau zu sein, oder doch besser eine schöne Bluesnummer? Wie wäre es mit etwas Elektropop? Ach ja, ein Klavier ist auch da. Sprechen wir doch einfach durch die Musik. Was, die Angebetete versteht „Ich liebe dich wie mein Grab“ nicht als Kompliment? Moment, schnell die Gitarre hervorgeholt, einen Song geschrieben und schon sagt sich alles viel besser. Und selbst wenn die Angesprochene noch immer schmollt – dann haben wir immerhin einen coolen Song gehört. Und schreit „French Revolution 1989“ nicht gerade nach einem Rap oder einem schmissigen Gitarren-Riff? Neun Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ versuchen sich an Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod und machen es zum Rockkonzert. Mit zuweilen mehr Enthusiasmus als Talent – das Gitarrenspiel Jonas Dasslers oder die Klavierkünste Esra Schreiers mal ausgenommen – schrammelt man sich durch Gesellschaftliches und Persönliches. Die Idee, den zaudernden Danton jedesmal zur Gitarre greifen zu lassen, wenn er eigentlich handeln sollte, ist nett, Musik als eskapistische Verweigerung einer Entscheidung, einer Handlung, einer Parteinahme. Das ist hübsch gedacht und wäre um einiges wirksamer, wenn der Abend diese Bewegung nicht selbst nachvollzöge.

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

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„Es lebe der Kitsch!“

Theatertreffen der Jugend 2016 – Nach Georg Büchner: Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand. P14 Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Martha von Mechow, Leonie Jenning)

Von Sascha Krieger

Die Langeweile: Sie ist natürlich die heimliche Hauptfigur in Georg Büchners als Lustspiel verkleideter Satire Leonce und Lena. Wer sie auf die Bühne bringt, muss sich mit ersterer auseinandersetzen, bekanntlich der Erzfeind des Theaters. Ein Stück über Langeweile, das nicht langweilig ist? Wie unterhaltsam kann Langeweile sein? Fragen, die sich die 19-jährigen Martha von Mechow und Leonie Jenning gestellt haben, als sie sich des Stoffs als Grundlage für ihre erste Inszenierung am Volksbühnen-Jugendclub P14 angenommen haben. Dieses Gefühl der Sinn- und Bedeutungslosigkeit, das den Büchnerschen Prinzen Leonce umtreibt, ist es nicht der Grundzustand pubertierender Jugendlicher? Was lässt sich dagegen tun? Theater spielen zum Beispiel. Also rauf auf die Bühne und ordentlich Lärm gemacht.

Bild: Elias Geißler

Bild: Elias Geißler

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Spielwut, Wut-Spiel

Georg Büchner: Woyzeck, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht haben sie sich ja abgesprochen, die Herren Haußmann und Hartmann, die innerhalb kurzer Zeit nur wenige hundert Meter entfernt jeweils Büchners Woyzeck inszenieren. In jedem Fall sind beider Deutungen diametral entgegengesetzt: Wo Haußmann Woyzeck als Kriegstraumatisierten interpretiert, streicht Hartmann die gesamte Ebene des Sozialdramas und sucht die Gründe für Woyzecks Morden in der Natur, nicht nur seiner. Wo Haußmann eine wahre Materialschlacht samt wimmelnder Armeeeinheit betreibt, reduziert Hartmann das Personal auf zwei Spieler. Und wo Haußmann den Büchnerschen Szenen folgt, nutzt Hartmann den Text als Steinbruch und verweigert sich jeglicher als solche zu bezeichnender Handlung. Katrin Wichmann und Benjamin Lillie – letzterer hatte sein erstes Engagement unter Hartmann in Leipzig – sind Woyzeck und Marie, sie sind auch der Doktor und der Hauptmann und der Tambourmajor – und spielen doch keine wahrnehmbaren Rollen. Hartmann hat sie in einen schwarzen, sich nach honten verjüngenden Kasten samt Bühnenschräge gesetzt, in dem er verhandeln will, was Menschen zum Mörder macht. Er sucht die Dunkelheit in uns selbst, jene, aus der es, so deutet die Bühne an, nur einen Ausweg gibt: den Absturz ins Bodenlose.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Wie Zuckerwatte im Wind

Georg Büchner: Woyzeck, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Da ist er also wieder: Woyzeck, der aus der Welt Gefallene, von der Welt Missbrauchte, hin und her Gehetzte, der nur sein kleines bisschen Glück will und doch zum Mörder wird. Werden muss womöglich. Doch warum eigentlich? Peter Miklusz spielt ihn als einen mit riesengroßen Augen durch die Welt tapsenden Jungen mit offenem Gesicht und noch offenerer Seele, einen naiv Staunenden, der alles freudig in sich aufsaugt – die Liebe, die Grausamkeiten der Welt, die Erniedrigungen, die Stimmen des herausziehenden Wahnsinns. Und der, immer noch großäugig, genauso in die Katastrophe taumelt, wie er zu beginn in sein kleines glück gestolpert ist. Doch ist Woyzeck bei Leander Haußmann nicht das zerrissene, gepeinigte Individuum mehr, er ist Produkt und Symptom und vor allem eines: Soldat. Zu Beginn liegen Woyzeck und andres in Deckung, Kugeln pfeifen um ihre Köpfe, gleich darauf stürmt eine ganze Einheit i voller Montur die Bühne und gibt sie lange nicht mehr frei. Am Schluss, Woyzeck finale Kopulation mit Marie ist gerade zum orgiastischen Blutrausch geworden, erwacht die Landschaft herum zum leben, entpuppt sie sich als Soldaten in Tarnung, die Woyzeck am blutrot gefärbter Bühne anfeuern, wie sie es am Anfang bei den Liegestützen taten, ist der mord an Marie Amoklauf eines Einzelnen und „normales“ Kriegsverbrechen zugleich, tut Woyzeck letztlich nur, was er gelernt hat.

Foto: Sascha Krieger

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Schuld und Schein

Woyzeck III. Magic Murder Mystery, frei nach Georg Büchner, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Mirko Borscht)

Von Sascha Krieger

Sind wir nicht alle ein bisschen Woyzeck? Oder besser. Ist dieser arme Getriebene, dieser verlorene Liebensglauber und -sucher, dieser Mörder aus den Umständen heraus, nicht irgendwo Teil von uns allen? Weil wir ihn und weil wir diese Umstände schufen und immer wieder schaffen? Weil wir, der Mensch, die Schuld erst in die Welt gebracht und letztere auf ersterer aufgebaut, die Schuld zu unserem Gottersatz gemacht haben? Oder ist doch alles ganz anders und spielt uns die Psyche und ihre nicht gar so lineare Evolution einen bösen und immer fortdauernden Streich? Und ist das alles wichtig? Vielleicht lasst sich Woyzeck III, das von Büchners Anti-Helden kaum noch ausgehende Gorki-Debüt von Mirko Borscht am besten als Fragenkatalog an uns selbst lesen, einen der davon ausgeht, dass es Antworten gar nicht gibt und wenn doch , dass sie nicht weiterführen. Oder als Spielwiese, auf der wir uns dem hingeben, was wir gemeinhin zu unterdrücken versuchen. Die Lust an Macht und Gewalt, Todes- und Opferfantasien, das vermeintlich Dunkle in uns.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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