Archiv der Kategorie: Fritz Kater

Der geteilte Heiner

Fritz Kater: heiner 1 – 4 (engel fliegend, abgelauscht), Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Lars-Ole Walburg)

Von Sascha Krieger

Ja, so ein Theater hat auch seine Verpflichtungen. Heiner Müller, einer der besten, bedeutendsten, kontroversesten, radikalsten deutschsprachigen Dramatiker der vergangenen 100 Jahre, wäre dieser Tage 90 Jahre alt geworden. Da kann das Berliner Ensemble nicht untätig bleiben. Hier wurden viele seiner Stücke in den 1960er- und 1970er-Jahren trotz Widerstand der SED-Führung aufgeführt, hier war er später Dramaturg und in seinen letzten Lebensjahren Intendant. Weil aber jeder einfach Müller aufführen könnte – und zahlreiche Theater das auch derzeit tun – geht das BE einen anderen Weg: Fritz Kater, das schriftstellerische Pseudonym von Armin Petra wurde mit einem Stück über die Nachwendejahre Müllers beauftragt, die in denen er nicht nur ein neues privates Glück fand, sondern eben auch – durch einige Tumulte hindurch und zunächst als Teil eines Fünferteams – dieses Haus leitete. Müller galt als nie fassbarer Charakter, seine öffentlichen Auftritte enthielten immer etwas Sperriges, Abweisendes, Rätselhaftes, er machte das Interview fast zur Kunstform und befasste sich öffentlich ebenso wie künstlerisch stets damit, Brüche aufzustemmen, meist jene der jeweiligen Gegenwart, in denen sich – bei Müller stets dunkle – Vergangenheiten zeigten. Kater, ein Spezialist – nicht nur, aber gerade – persönlicher DDR- und Wendegeschichten, wählt daher einen fragmentarischen Ansatz, vier sehr unterschiedliche Blickwinkel, um Müller, nun ja, was eigentlich? Näher zu kommen?

Bild: Matthias Horn

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Das Leben, ein Nichts

Fritz Kater: BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida), Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Es ist ein großer Bogen, den Fritz Kater, das Autoren-Alter-Ego des Regisseurs und Intendanten Armin Petras, in seinem neuesten Stück spannt. Von fünf „Zitaten“ des Lebens erzählt er: Utopie, Phantasie, Liebe und Tod, Instinkt und Sorge. So heißen die fünf Teile von BUCH. Berlin, in denen es um Desillusionierungen geht, das Ende von Träumen und Utopien, großen gesellschaftlichen wie ganz kleinen privaten. Es beginnt 1966 mit einer Konferenz über die Zukunft der Menschheit und endet 2013 in einem Krankenhauszimmer, wo die Krankheit eines Kindes dessen Eltern dazu nötigt zu hinterfragen, wer sie sind und wofür sie leben. Dazwischen warten zwei Kinder auf die vielleicht nicht mehr kommende Mutter, blickt ein Vater dem Tod – dem eigenen und dem seiner Hoffnungen und Überzeugungen – ins Auge, während der Sohn erste Liebe und ersten Liebeskummer durchlebt, und treten zwei Elefanten dem unaufhaltsamen Untergang ihrer Welt entgegen. Fünf Szenen, unabhängig voneinander und doch verschränkt. Kindersprache, harte Prosa, Parabel, Naturalismus – ein Stil- und Ausdrucksmix, der die Teile, Fragmente zuweilen, trennt, weil die Conditio Humana eben nicht (mit)teilbar ist. „We live as we die – alone“, schrieb Joseph Conrad einst. Das ist auch bei Fritz Kater so.

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Bild: Arno Declair

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Orpheus trägt Hut

Autorentheatertage Berlin 2016 – Fritz Kater: I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge), Schauspiel Stuttgart (Regie: Jossi Wieler)

Von Sascha Krieger

Zwei Menschen in Schwarz-Weiß. Ein Paar, mal in ungezwungener Zweisamkeit, später angstvoll aneinanderklammert, Verlorene auf der Flucht. Irgendwo zwischen Film Noir, Nouvelle Vague und Spionagethriller will sich die Uraufführung von I’m searching for I:N:R:I bewegen, die Geschichte zweier Reisender im Strom des 20. Jahrhunderts. Sie: als junges Mädchen im Krieg vergewaltigt, später Helferin eines Nazis, am Ende selbst Mörderin. Er: Kampfflieger, Pole und Israeli, Journalist, Nazijäger. Sie lernen sich kennen im Nachkriegsberlin und wissen doch nichts von einander. Wollen vielleicht auch nichts wissen. Wissen ist Schmerz in diesem so deutschen Jahrhundert. Kater schickt sie kreuz und quer durch die Zeiten: Von 1959/60 zurück in die 1940er und nach vorn in den Sommer vor dem Mauerfall. West-Berlin, Havanna, Bonn-Bad Godesberg. Ein Erinnerungsstück, über weite Strecken monologisch, ein Drama, das sich nur in den Köpfen der Figuren, die eigentlich Erzähler sind, abspielt.  Was auch immer hier passiert, ist längst geschehen, lässt sich nicht beeinflussen, hat zugeschlagen wie das unerbittliche Schicksal. Das Stück zitiert nicht nur ausgiebig Traditionen der Massenkultur, es bedient sich auch ihrer erzählerischen Mechanismen wie ihrer philosophischen Ausrichtung. Es will so schwarz sein wie der Hollywood-Film der 1940er und so verloren wie das quecksilbrige Schwarz-Weiß Jean-Luc Godards.

Bild: Thomas Aurin

Bild: Thomas Aurin

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Die Stille vor dem Vorhang

Fritz Kater: demenz depression revolution. studie zu 3 mythen der gegenwart, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Vielleicht wollte Armin Petras dem Berliner Publikum noch mal zeigen, was es verliert, wenn er im Sommer das Maxim Gorki Theater in Richtung Stuttgart verlassen wird. Mit ihm geht ja nicht nur ein Intendant und Regisseur, sondern auch einer der bedeutenderen deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Fritz Kater ist ja bekanntlich nichts anderes als ein Pseudonym Petras‘ und so ist demenz depression revolution vielleicht die letzte Kater/Petras-Uraufführung in Berlin für einige Zeit. Aber was heißt hier eine? Gleich drei Stück hat Kater geschrieben und Petras auf die Bühne gebracht, lose verbunden zu einer Trilogie, in der es um drei angebliche Gegenwartsmythen geht. Herausgekommen ist ein Abend, der sein Versprechen nie einlöst, weil er sich nicht den Mut hat, sich seinen Themen zu stellen. Wo er es tut, gibt er überraschende Antworten, die vielleicht nicht der ursprünglichen Intention entsprechen, aber diese Dreifach-Premiere vor dem totalen Absturz bewahren.

Foto: Bettina Stöß

Tanz den Schmetterling (Foto: Bettina Stöß)

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Wie im Film

Fritz Kater: zeit zu lieben zeit zu sterben, Maxim Gorki Theater,Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Wenn es in diesem Stück so etwas wie einen Schüsseldialog gibt, findet er sich im zweiten seiner drei Teile: „War es so?“, fragt die junge Adriana den sie anhimmelnden Peter. „Ich glaube schon“, antwortet dieser. Beiläufig und lakonisch, kaum merklich passiert dieser Akt der Selbstvergewisserung. Wichtig ist die Antwort trotzdem, denn dieses „Ich glaube schon“ fasst den Abend recht treffend zusammen. Um Erinnerung geht es in Fritz Katers Stück, das vor zehn Jahren Premiere hatte und nun von einem der meistgefragten jüngeren deutschsprachigen Regisseure, Antú Romero Nunes, auf die Bühne des Theaters gebracht wurde, dessen (Noch-)Intendant Armin Petras damals die Uraufführung inszenierte. Drei Geschichten sind es, die Kater hier erzählt – und erzählen lässt – und viel wichtiger: drei Arten des Erinnerns. Praktizierte Erinnerungsarbeit ist das, aber auch das Zum-Leben-Erwecken einer Vergangenheit, die nur in der und durch die Erinnerung existiert. Denn egal, wie es war: So war es, denn so ist es, im Erinnern. Denn nur dort lebt die Vergangenheit noch, nur im Subjektiven ist sie präsent. Romero Nunes inszeniert diesen Prozess des Sich-Erinnerns mit großer, zuweilen fast kindlicher Spielfreude und viel Humor. Es ist ein ebenso unterhaltsamer wie intelligenter Abend geworden, gerade weil er nicht theoretisiert, sondern einfach zeigt, das Erinnern und seine Spielarten durchprobiert und damit greifbar macht.

zeit zu lieben zeit zu sterben

Erinnerungsarbeit (Foto: Bettina Stöß)

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