Archiv der Kategorie: Friedrich Schiller

The Show Must Go On

Friedrich Schiller: Maria Stuart, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Natürlich fällt es nicht leicht, diese Inszenierung zu rezensieren, als wäre sie ein ganz „normaler“ Theaterabend. Zum Zeitpunkt ihrer Premiere ist bereits klar, dass auf dieser wie auf allen anderen Bühnen des Landes mindestens vier Wochen lang nichts mehr gehen wird. Nach der dritten Aufführung sind die Lichter aus – wann die Bretter wieder zur Welt werden, lässt sich kaum vorhersehen. Da passt es, dass diese letzten gut zwei Stunden eine Übung in Isolation sind. Judith Oswalds Bühne ist eine Art Setzkasten, bestehend aus Boxen, in denen die Figuren – mit zwei Ausnahmen – stets für sich sind. Sie interagieren getrennt durch Wände, die sie immer wieder berühren, wie sehnend nach der Präsenz einer*s anderen. Doch sie bleiben getrennt, isoliert, gefangen in ihren persönlichen Gefängnissen. Ganz unten ist Maria, die Gefängniszelle eng und undurchdringlich, über ihr, in der größten Box, Elisabeth, die Herrschende, Entscheidende, ebenso isoliert und ausweglos. Um sie herum gruppieren sich die Männer, behende die Boxen wechselnd, was den Frauen nicht vergönnt ist. Wo letztere an ihren Plätzen und in ihren Rollen verharren müssen, dürfen erstere diese wechseln. It’s a man’s world.

Bild: Arno Declair

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Das Echo des Abwesenden

Friedrich Schiller: Maria Stuart (Open Air), Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Albrecht Hirche)

Die eindringlichsten, die vielleicht wichtigsten Momente dieses Abends ereignen womöglich sich nicht während, sondern vor und nach der Vorstellung. Da ist der Weg, den die Zuschauer*innen, Masken tragend, durch die Bühne 2 des theaters an der Parakauer nehmen. Da, wo Maria Stuart im Februar Premiere hatte, herrscht gähnende Leere auf der Bühne. Die Sitzreihen verlassen, die Stühle dicht an dicht, der Publikumsstrom wie eine Führung durch eine Ruinenstätte, ein Relikt einer anderen, nur noch kaum erinnerten Zeit. Und dann das Ende, der Schlussapplaus, leise, ankämpfend gegen die Stille, die Distanz, ein akustisches Monument der Abwesenheit, aber auch des aufbegehrens, des schüchternen Wiedereinforderns des Gemeinschaftserlebnisses, das Theater, des geistig-emotionalen Korrektivs, das Kunst und Kultur sind. Da droht das klatschen im sanften abendwind zu verwehen, zu verschwinden, wie das, was wir da gerade erfuhren, verschwinden war, für viel zu viele viel zu spurlos, wie es jetzt wie von fern heranwinkt, leise rufend „Ich bin noch da“, nicht sicher, ob das denn auch stimmt. Das Echo des Abwesenden hallt dröhnend.

Unter freiem Himmel und mit Abstand: An der Parkaue wird der Innenhof zum Theater (Bild: Theater an der Parkaue)

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„Die Bretter, die den Wald bedeuten“

Junges DT – Nach Friedrich Schiller in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach: Die Räuber, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Joanna Praml)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht das Erschrecken: Sind die echt? Sind die wirklich da? Sind wir nicht allein? 15 junge Spieler*innen haben gerade die Bühne betreten, die Bretter, die später den Wald bedeuten werden (das Wortspiel fällt tatsächlich), um die Proben zu Friedrich Schillers Die Räuber zu beginnen. Allein, eigenverantwortlich, ohne den Blick der Eltern, der Lehrer, der Gesellschaft. Und dann sitzen wir da, das Publikum, beobachten, zweifeln, werten. In Die Räuber geht es um vieles: Freiheit, Rebellion, Generationenkonflikte, Familiäres, die Emanzipation von Erwartungen und Druck der Eltern, der Gesellschaft. Themen, die nicht wirklich an Aktualität verloren haben, gerade für Menschen, die soeben in das zu starten scheinen, was ihnen die Älteren als Leben vormachen. Klar sollen sie ihren Weg finden, aber welche zur Verfügung stehen, nach welchen Regeln zu spielen ist und welche Rollen zur Auswahl stehen, entscheiden gefälligst wir die Gesellschaft. Und da sitzen wir jetzt, menschengewordener Druck, Be- und Abwertung, Einengung. Klar könnt ihr euer Ding machen – solange wir es uns erlauben.

Bild: Arno Declair

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Am Ende war der Mops

Nach Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist uns das ziemlich fremd, was Friedrich Schiller, ja der mit der „Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, da auftischt. Boy meets Girls, so weit ist es klar. Aber dann? Boy entstammt dem nun ja, nicht übermäßig hohen Adel, Girl dagegen ist eine „Bürgerliche“. OK, klar, kennen wir. Prinz Harry und Meghan Markle und so, kein Problem, oder? Bei Schiller schon. Da entspinnt sie hierum eine Intrige mit erzwungenen Briefen, Rechtsbeugung und am Ende zwei Toten. Romeo und Julia, nur eben mit viel Bürokratie. Schön deutsch halt. Aber eben doch arg aus der Zeit gefallen. Der Adel ist längst entmachtet, wer einander lieben und letztlich auch heiraten will darf das spätestens seit vergangenem Jahr auch, das Problem, das Schiller anprangerte, ist also gelöst. Oder nicht? Denn dass die Klassenunterschiede von eins sich heute in sozialen Differenzen zu wiederholen scheinen, Bildungschancen vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängen und die Tendenz, innerhalb der eigenen sozialen Gruppierung zu bleiben – und eben auch in dieser zu lieben, zu heiraten, Familien zu gründen – nimmt nicht unbedingt ab.

Bild: Ruthe Zuntz

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Maschine Menschheit

Friedrich Schiller: Die Räuber, Residenztheater, München (Regie: Ulrich Rasche) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Leben, so sagt man, sei ein Kreislauf. Leben, Tod, Leben und immer so weiter. Doch was wenn zum natürlichen ein menschengemachter zweiter Kreislauf tritt. Einer einer der Macht und Gewalt? Einer, den Friedrich Schiller lange vor dem Zeitalter beschrieb, das wir heute das „industrielle“ nennen und vor das wir mittlerweile das eine oder andere „post“ setzen. Kreisläufe sind seit damals viele dazugekommen, solche der Effizienz und Nützlichkeit, andere der Vernichtung. Das vergangene Jahrhundert erfand dafür das Fließband, den Kreislauf als physisches Prinzip und Werkzeug, an dem es Autos produzierte und Tote. Zwei riesige Exemplare stehen nun auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Ulrich Rasche, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, hat sie dort hingestellt. Dort erscheint zunächst Katja Bürkle, die derzeit die erkrankte Valery Tscheplanowa ersetzt, die wiederum für Bibiana Beglau einsprang, die lange vor der Premiere wegen „künstlerischer Differenzen“ das Handtuch warf. Auch das eine Art Kreislauf. Mit harter Stimme und herausforderndem Gestus, den Körper gespannt, als würde er gleich giftige Pfeile verschießen, proklamiert sie ihr Programm der Selbstermächtigung. Das Programm einer Macht, die sich aus radikalem Individualismus speist, sich selbst einziger Maßstab ist. Macht als absolutes Prinzip.

Bild: Andreas Pohlmann

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Nicht alles Gold, was glänzt

Friedrich Schiller: Die Räuber, Theater an der Parkaue (Prater), Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Das Überraschendste an diesem Abend: es wird viel gelacht und das ist auch gewollt. Das klingt zunächst seltsam, schließlich sind Friedrich Schillers Die Räuber, das Duell zweier Brüder, das in erster Linie auch eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotie ist, nicht als Komödie angelegt. Bei Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder- und Jugendtheater, schon. Bereits Bühnenbild und Kostüme von Dorothee Curio haben eine dezidiert satirische Note. Gold dominiert: im Mobiliar, dem Kühlschrank, der Kleidung, dem eisernen Vorhang, sogar eine güldene Toilettenschüssel gibt es. Ein goldener Käfig, dessen Oberflächenglanz brüchig ist. Das herrschaftliche Haus der Moors ähnelt von der Einrichtung jenseits der Farbe eher einer abgeranzten Single-Wohnung, wobei die blätternde Farbe des alten Prater-Saals ein Übriges tut. Hier ist nicht nur alles, sondern nichts Gold, was glänzt. Keine Herrlichkeit, sondern Ego-Spiele. Da ist der intrigante Manipulator Franz, sein nicht minder narzisstischer, aus Kränkung zum Rebellen mutierender Bruder Karl, und der von Dennis Pöpping als egomanischer Choleriker gegebene Vater Moor. Ich-AGs in mehrfacher Potenz.

Bild: Christian Brachwitz

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Schulhofschläger

Friedrich Schiller: Die Räuber, Berliner Ensemble, Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Am Ende wälzen sie sich über die Bühne wie Grundschüler bei einer Schuklhofrauferei: Franz und Karl, die ungleichen Brüder, der intrigante Machtmensch und der Idealist – bei Leander Haußmann sind sie wenig wer als rivalisierende Teenager, die sich streiten um die Gunst des Vaters, die Aufmerksamkeit eines Mädchens und überhaupt. Das in die Pubertät, die seltsamste aller Lebensphasen eingebaute Rebellieren interessiert Haußmann seit jeher, der auf die Verbesserung einer als unvollkommen empfundene Welt ausgerichtete Idealismus Schillers weniger. Schon beim Hereinkommen der Zuschauer wird das klar: Man singt Volks- und Revolutionslieder mit der gleichen Ironie, der gleichen nostalgischen Distanz. Das Bühnenportal ist drapiert mit Transparenten voll mit revolutionärem Grafitti, achtlos zusammengeschnürt, wie vergessen. Die Geschichte vom Grafensohn, der zum Räuberhauptmann wird, der aus idealistischen Gründen brandschatzen und morden lässt und am Ende seine eigene Revolte nicht mehr im Griff hat – sie schnurrt bei Haußmann zusammen zum Pubertätsdrama, in dessen Mittelpunkt einmal nicht der „gute“ Karl, sondern der „böse“ Franz steht.

Bild: Monika Rittershaus

Bild: Monika Rittershaus

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Im Schnuller-Theater

Nach Friedrich Schiller: Don Karlos, bat-Studiotheater, Berlin (Regie: Kieran Joel)

Von Sascha Krieger

„Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache.“ Mehr steht nicht in der Stückankündigung auf der Website des bat-Studiotheaters. Der Ansatz, den Regiestudent Kieran Joel bei seiner Inszenierung von – oder besser: nach –Friedrich Schillers Don Karlos verfolgt, ist damit jedoch so klar umrissen, wie das bei diesem Abend überhaupt möglich scheint. Denn Karlos‘ Vater, der spanische König Philipp, taucht an diesem Abend nicht auf. Zumindest nicht als klar zu umreißendes Individuum. Felix Witzlau spielt die Leerstelle als aalglatte und nicht minder abweisende Mischung aus Zeremonienmeister und Staatsbeamter im Bronzeanzug. Er ist das Prinzip der delegierten Macht, der „Stellvertreter“, wie er sich einmal nennt, ein umtriebiger Teflon-Akteurt, an dem alles abperlt, auch und erst recht jeder Versuch der Einordnung. Auch Daniel Gawlowskis Posa entpuppt sich schnell als ironisch distanzierter Machiavellist, der darauf baut im Ungefähren zu verbleiben, wohin sich Daniel Klausner als Königin mit der Greifbarkeit eines abstrakten Gebildes schon längst verflüchtigt hat. Kim Schnitzers Eboli dagegen ist in ihrer Berliner Schnoddrigkeit so unmittelbar präsent, dass sie die Charakterisierungsgrenzen auf der entgegen liegenden Seite einreißt.

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Trotzige Bengel im Nebel

Friedrich Schiller: Wallenstein, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Betritt man den Saal A der Berliner Schaubühne, ist der draußen gerade explodierende Berliner Frühling vergessen. Nebel wabert durch den Raum, hier blüht und erwacht nichts mehr. Stickig ist es, kein Platz für Hoffnung. Bald geht es los, das typische Wummern der dunklen Klänge Bert Wredes, schmale Lichtkegel erhellen den Raum nicht, sondern schälen bestenfalls einzelne Figuren, oft nur schemenhafte Bruchstücke aus der Dunkelheit, weiter als bis ins Zwielicht geht es nicht. wir schreiben Jahr 15 des Dreißigjährigen Krieges und der kaiserliche Feldherr Wallenstein steht vor dem Ende. Oder besser: Er sitzt. Breitbeinig, ein Fleisch gewordenes Klischee männlichen Machtbewusstseins.  Von der Decke baumelt eine blutverschmierte Pferdehälfte, an der sich gleich zu Beginn ähnlich besudelte Leiber laben. Der Krieg als Entmenschlichungsmaschinerie, als Perpetuum mobile von Machterhalt und sinnlosem Leiden. Michael Thalheimer gelingt ein ebenso klares wie brutales und höchst eindringliches Anfangsbild. Der Zuschauer ist gut beraten, genau hinzuschauen, denn er wird davon zehren müssen, drei pausenlose Stunden lang.

Bild: Katrin Ribbe

Bild: Katrin Ribbe

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