Archiv der Kategorie: Friedrich Schiller

Am Ende war der Mops

Nach Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist uns das ziemlich fremd, was Friedrich Schiller, ja der mit der „Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, da auftischt. Boy meets Girls, so weit ist es klar. Aber dann? Boy entstammt dem nun ja, nicht übermäßig hohen Adel, Girl dagegen ist eine „Bürgerliche“. OK, klar, kennen wir. Prinz Harry und Meghan Markle und so, kein Problem, oder? Bei Schiller schon. Da entspinnt sie hierum eine Intrige mit erzwungenen Briefen, Rechtsbeugung und am Ende zwei Toten. Romeo und Julia, nur eben mit viel Bürokratie. Schön deutsch halt. Aber eben doch arg aus der Zeit gefallen. Der Adel ist längst entmachtet, wer einander lieben und letztlich auch heiraten will darf das spätestens seit vergangenem Jahr auch, das Problem, das Schiller anprangerte, ist also gelöst. Oder nicht? Denn dass die Klassenunterschiede von eins sich heute in sozialen Differenzen zu wiederholen scheinen, Bildungschancen vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängen und die Tendenz, innerhalb der eigenen sozialen Gruppierung zu bleiben – und eben auch in dieser zu lieben, zu heiraten, Familien zu gründen – nimmt nicht unbedingt ab.

Bild: Ruthe Zuntz

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Maschine Menschheit

Friedrich Schiller: Die Räuber, Residenztheater, München (Regie: Ulrich Rasche) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Leben, so sagt man, sei ein Kreislauf. Leben, Tod, Leben und immer so weiter. Doch was wenn zum natürlichen ein menschengemachter zweiter Kreislauf tritt. Einer einer der Macht und Gewalt? Einer, den Friedrich Schiller lange vor dem Zeitalter beschrieb, das wir heute das „industrielle“ nennen und vor das wir mittlerweile das eine oder andere „post“ setzen. Kreisläufe sind seit damals viele dazugekommen, solche der Effizienz und Nützlichkeit, andere der Vernichtung. Das vergangene Jahrhundert erfand dafür das Fließband, den Kreislauf als physisches Prinzip und Werkzeug, an dem es Autos produzierte und Tote. Zwei riesige Exemplare stehen nun auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Ulrich Rasche, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, hat sie dort hingestellt. Dort erscheint zunächst Katja Bürkle, die derzeit die erkrankte Valery Tscheplanowa ersetzt, die wiederum für Bibiana Beglau einsprang, die lange vor der Premiere wegen „künstlerischer Differenzen“ das Handtuch warf. Auch das eine Art Kreislauf. Mit harter Stimme und herausforderndem Gestus, den Körper gespannt, als würde er gleich giftige Pfeile verschießen, proklamiert sie ihr Programm der Selbstermächtigung. Das Programm einer Macht, die sich aus radikalem Individualismus speist, sich selbst einziger Maßstab ist. Macht als absolutes Prinzip.

Bild: Andreas Pohlmann

Weiterlesen

Nicht alles Gold, was glänzt

Friedrich Schiller: Die Räuber, Theater an der Parkaue (Prater), Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Das Überraschendste an diesem Abend: es wird viel gelacht und das ist auch gewollt. Das klingt zunächst seltsam, schließlich sind Friedrich Schillers Die Räuber, das Duell zweier Brüder, das in erster Linie auch eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotie ist, nicht als Komödie angelegt. Bei Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder- und Jugendtheater, schon. Bereits Bühnenbild und Kostüme von Dorothee Curio haben eine dezidiert satirische Note. Gold dominiert: im Mobiliar, dem Kühlschrank, der Kleidung, dem eisernen Vorhang, sogar eine güldene Toilettenschüssel gibt es. Ein goldener Käfig, dessen Oberflächenglanz brüchig ist. Das herrschaftliche Haus der Moors ähnelt von der Einrichtung jenseits der Farbe eher einer abgeranzten Single-Wohnung, wobei die blätternde Farbe des alten Prater-Saals ein Übriges tut. Hier ist nicht nur alles, sondern nichts Gold, was glänzt. Keine Herrlichkeit, sondern Ego-Spiele. Da ist der intrigante Manipulator Franz, sein nicht minder narzisstischer, aus Kränkung zum Rebellen mutierender Bruder Karl, und der von Dennis Pöpping als egomanischer Choleriker gegebene Vater Moor. Ich-AGs in mehrfacher Potenz.

Bild: Christian Brachwitz

Weiterlesen

Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Schulhofschläger

Friedrich Schiller: Die Räuber, Berliner Ensemble, Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Am Ende wälzen sie sich über die Bühne wie Grundschüler bei einer Schuklhofrauferei: Franz und Karl, die ungleichen Brüder, der intrigante Machtmensch und der Idealist – bei Leander Haußmann sind sie wenig wer als rivalisierende Teenager, die sich streiten um die Gunst des Vaters, die Aufmerksamkeit eines Mädchens und überhaupt. Das in die Pubertät, die seltsamste aller Lebensphasen eingebaute Rebellieren interessiert Haußmann seit jeher, der auf die Verbesserung einer als unvollkommen empfundene Welt ausgerichtete Idealismus Schillers weniger. Schon beim Hereinkommen der Zuschauer wird das klar: Man singt Volks- und Revolutionslieder mit der gleichen Ironie, der gleichen nostalgischen Distanz. Das Bühnenportal ist drapiert mit Transparenten voll mit revolutionärem Grafitti, achtlos zusammengeschnürt, wie vergessen. Die Geschichte vom Grafensohn, der zum Räuberhauptmann wird, der aus idealistischen Gründen brandschatzen und morden lässt und am Ende seine eigene Revolte nicht mehr im Griff hat – sie schnurrt bei Haußmann zusammen zum Pubertätsdrama, in dessen Mittelpunkt einmal nicht der „gute“ Karl, sondern der „böse“ Franz steht.

Bild: Monika Rittershaus

Bild: Monika Rittershaus

Weiterlesen

Im Schnuller-Theater

Nach Friedrich Schiller: Don Karlos, bat-Studiotheater, Berlin (Regie: Kieran Joel)

Von Sascha Krieger

„Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache.“ Mehr steht nicht in der Stückankündigung auf der Website des bat-Studiotheaters. Der Ansatz, den Regiestudent Kieran Joel bei seiner Inszenierung von – oder besser: nach –Friedrich Schillers Don Karlos verfolgt, ist damit jedoch so klar umrissen, wie das bei diesem Abend überhaupt möglich scheint. Denn Karlos‘ Vater, der spanische König Philipp, taucht an diesem Abend nicht auf. Zumindest nicht als klar zu umreißendes Individuum. Felix Witzlau spielt die Leerstelle als aalglatte und nicht minder abweisende Mischung aus Zeremonienmeister und Staatsbeamter im Bronzeanzug. Er ist das Prinzip der delegierten Macht, der „Stellvertreter“, wie er sich einmal nennt, ein umtriebiger Teflon-Akteurt, an dem alles abperlt, auch und erst recht jeder Versuch der Einordnung. Auch Daniel Gawlowskis Posa entpuppt sich schnell als ironisch distanzierter Machiavellist, der darauf baut im Ungefähren zu verbleiben, wohin sich Daniel Klausner als Königin mit der Greifbarkeit eines abstrakten Gebildes schon längst verflüchtigt hat. Kim Schnitzers Eboli dagegen ist in ihrer Berliner Schnoddrigkeit so unmittelbar präsent, dass sie die Charakterisierungsgrenzen auf der entgegen liegenden Seite einreißt.

Weiterlesen

Trotzige Bengel im Nebel

Friedrich Schiller: Wallenstein, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Betritt man den Saal A der Berliner Schaubühne, ist der draußen gerade explodierende Berliner Frühling vergessen. Nebel wabert durch den Raum, hier blüht und erwacht nichts mehr. Stickig ist es, kein Platz für Hoffnung. Bald geht es los, das typische Wummern der dunklen Klänge Bert Wredes, schmale Lichtkegel erhellen den Raum nicht, sondern schälen bestenfalls einzelne Figuren, oft nur schemenhafte Bruchstücke aus der Dunkelheit, weiter als bis ins Zwielicht geht es nicht. wir schreiben Jahr 15 des Dreißigjährigen Krieges und der kaiserliche Feldherr Wallenstein steht vor dem Ende. Oder besser: Er sitzt. Breitbeinig, ein Fleisch gewordenes Klischee männlichen Machtbewusstseins.  Von der Decke baumelt eine blutverschmierte Pferdehälfte, an der sich gleich zu Beginn ähnlich besudelte Leiber laben. Der Krieg als Entmenschlichungsmaschinerie, als Perpetuum mobile von Machterhalt und sinnlosem Leiden. Michael Thalheimer gelingt ein ebenso klares wie brutales und höchst eindringliches Anfangsbild. Der Zuschauer ist gut beraten, genau hinzuschauen, denn er wird davon zehren müssen, drei pausenlose Stunden lang.

Bild: Katrin Ribbe

Bild: Katrin Ribbe

Weiterlesen

Die Leere vor dem Schuss

Friedrich Schiller: Don Carlos, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Wo anfangen, wenn am Anfang bereits alles vorbei ist? Vielleicht beim netten Startvideo, in dem ein kleines Mädchen im Renaissancekleid fragt, wo denn Europa sei? Oder bei Katja Haß‘ Bühnenbild, das eine langsam rotierende Büroflucht fast ohne Mobiliar und mit kalten, kahlen Wänden zeigt, Philipps Königspalast als jede Tätigkeit eingestellt habende Behörde, die eine europäische sein könnte, wie das EU-Fähnchen auf dem verbleibenden Tisch andeutet? Oder bei Ulrich Matthes‘ Philipp, ein Ermüdeter, Gelähmter, nicht einmal mehr fähig zur Langeweile, ein Verwalter seines eigenen Friedhofs, Sinnbild einer Gesellschaft, die sich vor lauter Machterhalt selbst abgeschafft hat und nicht mehr vermag, das Ruder rumzureißen? Doch interessiert das Regisseur Stephan Kimmig überhaupt in seiner heruntergeleierten Szenenabfolge, in der stringente Figurencharakterisierung, rote Fäden im Handlungsverlauf oder das Einnehmen irgendwelcher Haltung zum Text oder gar dem, was er uns gut 200 Jahre später zu sagen haben mag, nirgends zu finden sind. Es sind Fragen, die sich zu stellen der Zuschauer viel, sehr viel Zeit hat (fast vier Stunden), keine die den Abend selbst umtreiben. Denn Fragen zu stellen, wäre denn doch zu anstrengend.

Das Deutsche Theater im April 2015 (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater im April 2015 (Foto: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Kalte Welt

Friedrich Schiller/Mario Salazar: Demetrius/Hieron. Vollkommene Welt, Deutsches Theater, Berlin (Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Wenn der Regisseur einer Uraufführung dem zu inszenierenden Stück in einer Doppelaufführung ein zweites zur Seite stellt, kann das sicherlich eine Reihe von Gründen haben. Vielleicht will er einen Kontext schaffen, Korrespondenzen ausloten, Aussagen durch Parallelität oder auch Gegensätze schärfen. Was auch immer der jeweilige Beweggrund sei: Es spricht zumindest nicht dafür dass dem Text selbst zugetraut wird, in seiner ersten Inkarnation auf einer Bühne  für sich selbst zu stehen. Da hilft es auch wenig, die Uraufführung besonders prominent zu platzieren, etwa zur Spielzeiteröffnung. Trotzdem hat Stephan Kimmig für die Uraufführung von Mario Salazars Hieron. Vollkommene Welt genau diesen Weg gewählt. Warum, erschließt sich auch nach diesem in seiner Gesamtheit misslungenen Abend nicht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Weiterlesen

Sehenden Auges

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans, Deutsches Theater Berlin / Salzburger Festspiele (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Da steht sie nun und kann nicht anders. Starr und unbeweglich, das Schwert fest umfasst, im weißen Kleid, allein im Lichtkegel inmitten einer dunklen Welt. Michael Thalheimer stellt in seiner Inszenierung von Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans Kathleen Morgeneyer an den Bühnenrand, wo sie – mit einer kurzen Ausnahme – bis zum Ende verbleibt, Blick und Worte starr ins Weite gerichtet. Dahinter im Dunklen verbergen sich die anderen Akteure, sichtbar werden sie nur, wenn sie Johanna nahe treten oder sich an ihr vorbei in den Lichtschein drängen. Und doch bleibt Johanna allein. Wo Christoph Franken als zaudernder sich nach Menschlichkeit sehnender König Karl über die Bühne tippelt, Almut Zilcher seine Mutter als Rachegöttin und gewiefte Politikerin gibt, Andreas Döhler ein standfester Mahner im Kettenhemd und Meike Droste eine kluge, mondäne und machtbewusste Geliebte ist, bleibt Morgeneyers Johanna im Wortsinn standhaft. Eine Extremistin wie kürzlich Constanze Becker als Thalheimers Medea, ebenso kompromisslos und unverrückbar, in selbstgewählter Isolation von der Welt, zu Hause nur in ihrer Mission.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Weiterlesen

Werbeanzeigen