Archiv der Kategorie: Friedrich Hölderlin

Die Rache der Kreatur

Nach Sophokles/Friedrich Hölderlin: Ödipus der Tyrann (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Eine halbe Stunde lang bleibt es dunkel. Das Licht reduziert auf das Minimum, welches das Publikum benötigt, um etwas zu sehen. Von Zeit zu Zeit illuminiert ein Spotlight einzelne Figuren, die wie von innen leuchten. Ein heiliges Licht. Das ist nicht unpassend, schließlich befinden wir uns in einem Nonnenkloster und beobachten die Bewohnerinnen bei ihrem Leben: beim gemeinsamen Essen, Beten, Singen, bei der Gartenarbeit – und beim Tod. Schwarz ist die Farbe der Gewänder, der engen Zellen mit ihrer niedrigen Decke, das Schwarz der Askese, der Buße für die Sünden, die nicht die eigenen sind, sondern jene der Welt. Die Stimme taugt nur zum liturgischen Gesang, Ansonsten herrscht Stille, durchbrochen nur durch das sich Geltung verschaffende Kreatürliche, das Husten des Todeskampfes, das sich dem ritualisierten Leben denn doch nicht unterordnen lässt. Irgendwann, die Äbtissin hat gerade ein Buch gefunden, Hölderlins Übersetzung von Sophokles‘ Ödipus, und begonnen es mit zögernder Stimme vorzulesen, wird es ganz hell, der Raum öffnet sich in eine antikisierende Weite mit niedrigen Treppen, einem Altar und einer gewölbten Wandöffnung, in der Ursina Lardi steht, das Nonnengewand ablegt und sich samt Toga verwandelt in Ödipus. Jule Böwe übernimmt die Rolle des Kreon, Iris Becher die der Iokaste, während Äbstissin Angela Winkler als Chorführerin das Gewand anbehält. Gemeinsam deklamiert man mit einigem Pathos und in weihevollem Ton Hölderlins schwer verständliche Verse.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

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Hochamt mit schwarzem Hund

F.I.N.D. 2013: Hyperion. Briefe eines Terroristen nach Friedrich Hölderlin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Der italienische Regisseur Romeo Castellucci ist ein Meister der Anfänge. In The Four Seasons Restaurant entführte er den Zuschauer zu Beginn in ein schwarzes Loch – mit dunkler Bühne und aus einem tatsächlichen schwarzen Loch aufgenommenen Klängen. Es ist eine Geschichte vom Verschwinden der Bilder und vom Entstehen einer neuen, anderen Ästhetik, einer vollkommen neuen Art des Sehens, die ganz ohne Worte auskommt. In Hyperion. Briefe eines Terroristen, Castelluccis zweiter Hölderlin-Auseinandersetzung in Folge, sehen wir uns zunächst einem modern-gediegenen gehobenem Mittelklasse-Intérieur, wie es der erfahrene Schaubühnen-Besucher aus Thomas Ostermeiers Ibsen-Arbeiten kennt, gegenüber. Eine Person verlässt die Wohnung, dann bleibt es eine Weile still, bis urplötzlich ein SEK-Team in voller Montur hereinstürm, die Wohnung durchkämmt und nach und nach, mit wachsender Brutalität die Einrichtung zerlegt, bevor das Publikum rabiat („Es gibt hier nichts zu sehen!“) gedängt wird, den Saal zu verlassen. Eine Bilderverweigerung auch das, vor allem aber ein Moment der Verunsicherung, der über Bord geworfenen Gewissheiten, die das Publikum zur Rejustierung zu Selbstvergewisserung nötigt. Ein Akt des Terrors vielleicht sogar, der Rezeptions-, ja Konsumgewohnheiten umwirft und den Zuschauer ratlos wartend zurücklässt. Ein starker, eindrucksvoller Beginn. Knapp zwei Stunden später wird sich so mancher wünschen, er wäre jetzt gegangen.

Foto: Arno Declair

Angela Winkler (Foto: Arno Declair)

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