Archiv der Kategorie: Friederike Heller

Ein Leerstück

Autorentheatertage 2015 – Sascha Hargesheimer: Archiv der Erschöpfung, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Von Sascha Krieger

Eine menschgemachte Katastrophe, ein Autor mit Schreibblockade, Generationenkonflikte, zerfallende Familien, eine zynische Obrigkeit, eine Gemeinschaft ohne Zusammenhalt: Das sind nur einige der Ingredienzien von Sascha Hargensheimers dystopischem Eintopf, dessen Uraufführung Friederike Heller im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater herausgebracht hat. Ausgehend von einem Riss, der sich zunächst in einer Straße, dann in einer ganzen Stadt auftut, beschreibt Hargesheimer den Riss, der sich durch eine dysfunktionale Gesellschaft und all ihre Komponenten zieht und der vor dem Kopf des Einzelnen – in diesem Fall ein Autor, der nicht mehr weiß, worüber schreiben soll – nicht Halt macht. Der Mensch hat ganze Arbeit geleistet: Der Individualismus sprengt Familien auseinander, der Drang, trotzdem  irgendwo dazuzugehören, treibt den kleinen Bruder in eine Neonazi-Gruppe, die menschliche Hybris (hier in Form von Erdgasbohrungen) untergräbt alle Lebensgrundlagen. Alles ist schon gesagt und geträumt und gegen die Wand gefahren, es gibt keine neuen Geschichten mehr, weshalb Schriftsteller anders auch nichts mehr zu schreiben hat.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Mit Tom Waits im Schauerkabarett

William S. Burroughs, Tom Waits, Robert Wilson: The Black Rider, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Von Sascha Krieger

Da steht er, den Intellektuellenpulli längst abgeworfen, im Unterhemd und schon wieder ganz bei sich. Franz Hartwig steht am Bühnenrand und singt, brüllt, stöhnt, schluchzt Tom Waits‘ „Lucky Day“ ins Mikrofon, nachdem er trocken William S. Burroughs äußerst pragmatische Reaktion auf den Tod seiner Frau, die er im Drogenrausch erschossen hatte beim Versuch, die Apfelschussszene aus Wilhelm Tell nachzustellen, rezitiert hat. The Show Must Go On und sie muss vernünftig zu Ende gehen. Das Spiel ist vorbei, aber das Publikum noch nicht befriedigt. Also kommt auch Tilman Strauß noch für ein Abschiedslied heraus und beim Abgang darf sich Jule Böwe nochmal kurz umdrehen und ins Publikum strahlen. Die Show ist vorbei, Hartwig muss nicht mehr den Junkie, Böwe die Schnapsdrossel geben, zum Abschluss gibt es noch ein bisschen Show. „Und? Wie war ich?“ sagt Böwes Blick. Friederike Heller hat William S. Burroughs‘, Tom Waits‘ und Robert Wilsons legendäre Freischütz-Adaption The Black Rider als schauerlich-ironisches Drogenkabarett inszeniert und siehe da: Es funktioniert erstaunlich gut.

The Black Rider Schaubuehne

Hände weg von den Drogen! (Foto: Thomas Aurin)

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Gerhart Hauptmann: Einsame Menschen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Hauptmann ist in, landauf landab spielt man seine Porträts der Elenden, der Unterdrückten, der Ausgegrenzten als Kommentar zur derzeitigen Wirtschaftskrise. Vor allem seinen Webern kann man derzeit kaum entrinnen. Einsame Menschen ist daher eine ungewöhnliche Wahl für Friederike Heller und die Schaubühne: Das Stück, das von Geschehnissen in Hauptmanns eigener Familie angeregt wurde, spielt in der Mittelschicht. Es sind Menschen nicht ohne Geldsorgen und Zukunftsängste, aber doch Lichtjahre entfernt von der Welt der Ratten, Weber oder des Biberpelzes. Hier wird auf hohem Niveau gejammert, wähnt man sich eher bei Ibsens geschlagenen und gescheiterten Intellektuellen mit ihren verquasten Ambitionen und Heilsphantasien als im Überlebenskampf derer ganz unten. Passt das als Kommentar für die Gegenwart? Lässt sich darin überhaupt etwas für uns Relevantes finden? Wenn Friederike Heller überhaupt gesucht hat, musst man die Frage mit einem deutlichen Nein beantworten.

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Sophokles: Antigone, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Spricht man über diesen Abend, stellt sich zunächst eine Frage: Darf eine antike Tragödie Spaß machen? Darf man sich dabei unterhalten fühlen, lachen, Vergnügen empfinden? Friederike Hellers Antigone beantwortet diese Frage mit einem emphatischen ja und zumindest die Mehrheit des Publikums erklärt sich bereit, ihr zu folgen. Wie schon in Der gute Mensch von Sezuan arbeitet Heller mit der Band Kante zusammen, zwei Schauspieler vervollständigen das – frauenlose! – Ensemble.

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