Archiv der Kategorie: Franz Kafka

Schrödingers Mensch

Nach Motiven der Erzählung von Franz Kafka: Eine Bericht für eine Akademie, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljić ist nicht gerade dafür bekannt, sich zu mäßigen. Er liebt die Provokation, mag drastische Bilder und nutzt lieber den Vorschlaghammer als das Skalpell. In seinen Inszenierungen werden schon mal der Papst oral befriedigt oder Schauspieler Folter per Waterboarding unterzogen. Das verfehlt seine Wirkung selten: Wer Frljićs Namen googlet, wird schnell auch auf das Wörtchen „Skandal“ stoßen. Wenn er nun ausgerechnet am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet, diesem Hort der Diversität und Toleranz, an dem schon mal eine Premiere verschoben wird, damit sich die weiblichen Mitarbeiterinnen einem bundesweiten Frauentagsstreik anschließen können, ist er unter Freunden, Skandale eher nicht zu erwarten. Auch wenn er es nicht ganz lassen kann zu provozieren – im missglückten Einstieg schließt Sesede Terziyan mit heiligem Ernst als J .M. Coetzees Elisabeth Costello mal eben Shoa und Massentierhaltung kurz – weiß Frljić, dass er hier anders zu Werke gehen, sein Gift über andere Wege in die bürgerliche Seele träufeln muss.

Bild: Esra Rotthoff

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Nackt in der Welt

Nach Franz Kafka: Amerika, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Eine gewisse Besessenheit mit Amerika ist den Deutschen sicher nicht abzusprechen. seit dem zweiten Weltkrieg schaut zumindest der westliche Teil des Landes fast ununterbrochen über den „großen Teich“. Für Inspiration, Unterstützung, Vor- und gern auch Feindbilder. Doch die Faszination ist viel älter. Schon  lange vor der engen Verbindung beider Länder waren die USA ein Sehnsuchtsort, Amerika ein Hoffnungstraum für alle, die sich ein anderes Leben, eine größere Welt, ein freieres Sein ersehnten. Kein Wunder, dass die Idee von Amerika für die Nazis einen Lieblingsgegner darstellte, dass „Amerika“ für all das stand, was man ablehnte und zu vernichten trachtete: Freiheit, Individualität, Diversität, die vermeintliche Dekadenz des „Anything goes“. Nun haben Idee und Wirklichkeit die Tendenz auseinanderzuklaffen. Auch Amerika ist da keine Ausnahme. Das „Land of the free“ ist eben auch das Land der Sklaverei, des Rassismus, der Chancenungleichheit, der sozialen Kälte. Eine neue Erkenntnis ist das nicht, allerdings gab es vielleicht noch nie eine Zeit, in der die Ambivalenz gegenüber diesem Klischee-Ort so groß, die Widersprüche im Auge auch des wohlwollendsten Betrachters so groß waren wie jetzt. Da wundert es kaum, dass Amerika-Stoffe an deutschsprachigen Theatern derzeit Konjunktur haben.

Bild: Arno Declair

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Des Wutbürgers Kern

Franz Kafka: Ein Käfig ging einen Vogel suchen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Von Sascha Krieger

Andreas Kriegenburg gilt nicht gerade als dezidiert politischer Regisseur. Er ist der Meister des Visuellen, Erschaffer suggestiver und subversiver Bilderwelten, die mal nur schön sind, an seinen besten Abenden jedoch Geschichten erzählen, die tiefer gehen, als Text und Spiel und all die schönen Dinge, die dem Regietheater zur Verfügung stehen, so nicht zu erzählen vermögen. Aber Kommentare zur Gegenwart? Die stehen bei ihm, wenn überhaupt, meist zwischen den Zeilen. In seinem neuen Kafka-Abend lassen sie sich nicht überlesen. Mehr noch: Es ist wohl keinem Regisseur bislang gelungen, das Gebräu aus selbstgebauter Angst, Engstirnigkeit und unverhohlenem Hass, dass derzeit über die Republik schwappt (und nicht nur über diese) mit solcher Schärfe auf den Punkt zu bringen.

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Aufräumen mit Kafka

Nach Franz Kafka: Die Verwandlung, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Miriam Scholl)

Von Sascha Krieger

Vielleicht steht ja der wichtigste Satz klein gedruckt im Programmflyer: Das dankt das Team einem Online-Händler für Betten und Matratzen für seine „freundliche Unterstützung“. Und ja, die verschiedentlich gemusterten, durchgängig treckt scheußlichen Matratzen, die gegen Ende des Abends die Bühne bedecken, verlangen den jugendlichen Darstellern einiges ab und bringen das ansonsten recht komfortabel stabile Konstrukt im Wortsinn ein wenig ins Rutschen. Denn wenn etwas überrascht and dieser Bearbeitung der surreal unter- und abgründigen Parabel vom Aussteiger, der zum Ausgeschlossenen wird, vom Funktionierenmüssen im Getriebe der Gesellschaft, dann ist es, wie harmlos die Geschichte unter den Händen von Miriam Scholl, Leiterin der Dresdner Bürgerbühne, gerät. Sechs Jugendliche hat sie zusammengetrommelt, die nicht nur schauspielerisch, sondern auch musikalisch einiges draufhaben sollten. Das ist ihr gelungen: Die je drei Mädchen und Jungen, oder besser: junge Frauen und Männer, sind allesamt talentierte Musiker und können auch darstellerisch beeindrucken, wobei insbesondere die Wandelbarkeit von Yanina Surimana Cerón Klever und die Mischung aus betont körperlichem Spiel und gestochen klarer Artikulation bei Maximilian Padovani herausstechen. Wenn es dem Abend über weite Strecken gelingt, kurzweilig zu bleiben, liegt das vor allem am engagierten und kompromisslosen Spiel des jungen Ensembles und insbesondere der beiden genannten „Rampensäue“ (auch Fabiola Kuonen wäre hier zu nennen).

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Ein Aufziehpuppenheim

Kafkas Prozeß (Textfassung: Jutta Ferbers), Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben“: Mit diesen Worten beginnt Franz Kafkas Roman Der Prozeß“ und sie stehen zu Beginn wie mit Kreide gekritzelt auf der schwarzen Wand am Bühnenrand. Die Aufschrift vermittelt zweierlei: zum einen, dass Claus Peymann, der angesichts der Tatsache, dass er eine an seinem Haus eigentlich verpönte neumodische Marotte wie eine Romanadaption auf die Bühne bringt, im Vorfeld etwas vollmundig von einem Tabubruch sprach, dem entgegnet, indem er die Handlung streng chronologisch von Anfang bis Ende heruntererzählt, zum anderen, dass er sie als Verfolgung eines hilflosen, der Allgegenwärtigkeit anonymer Bespitzelung ausgelieferten Menschen interpretiert. Beide Versprechen hält der Intendant des Berliner Ensembles. Die Bühne ist schwarz und nackt, bevölkert von zumeist als Büroschreibtische genutztes – schwarzes Mobiliar – und – weißes Licht verbreitende – Neonröhren. Schwarz-weiß auch die Figuren in Hemd und Anzug, sogar die Gesichter. Weißgeschminkt und mittels Kajalstift akzentuiert. Das erinnert ein wenig zu stark an Robert Wilson und wirkt weit weniger gespenstisch und bedrohlich, als Peymann sich das wohl gedacht haben mag.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

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Sprechende Körper

Nach Franz Kafka: Die Verwandlung, P14 – Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Friederike Hirz)

Von Sascha Krieger

Körper in einem Kletternetz: Sie reiben sich an-, winden sich umeinander, pulsieren in einem kollektiven Sich-Selbst- und Einander-Finden und –Entdecken, ein tastendes Ein- und ausatmen des Körperlichen. Sie verlassen die vergleichsweise Sicherheit des klar begrenzten Ortes, ergießen sich im Bühnen-Universum, vergewissern sich, tastend, schlingend, schlagend, des eigenen Körpers, winden sich an der Wand, um das zu spüren, was da draußen ist, die Umwelt, das Fremde, das nicht man selbst du nicht anderer Körper ist. P14, das Jugendtheater der Berliner Volksbühne, hat Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung, in der Gregor Samsa eines Morgens als Käfer aufwacht, nun nutzlos geworden zunehmend von der Familie ausgeschlossen wird und am Ende pflichtschuldigst stirbt, als Körpertheater reinterpretiert, in dem wir Körpern dabei zusehen, wie sie versuchen, mit sich selbst etwas anzufangen, sich nutzbar zu machen und doch an der eigenen Unzulänglichkeit verzweifeln. Kafkas Erzählung lässt sich lesen als Parabel auf die Reduktion von Mensch und Körper auf seine Nützlichkeit, als Metapher auf das Funktionierenmüssen in der Gesellschaft und auf das, was passiert, wenn man dies nicht tut.

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Franz Kafka: Das Schloss, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Bücher spielen eine zentrale Rolle in den Inszenierungen von Nurkan Erpulat. Clash beginnt in einer Bibliothek und das ganze Stück hindurch dient ein bestimmtes Buch als Fokus- und Reibungspunkt, in Verrücktes Blut ist der Versuch, gemeinsam Schillers Die Räuber zu lesen, Ausgangspunkt, Katalysator und Ziel des Geschehens. Bücher verbinden, schaffen Gemeinschaft, sorgen für einen gemeinsamen kulturellen Nenner. Gleichzeitig trennen sie, machen Unterschiede erfahr- und sichtbar, lösen Konflikte aus. Das Buch als Gemeinschaftserschaffer und -zerstörer, als Beispiel, anhand dessen sich Funktionieren und Scheitern menschlichen Zusammenlebens zeigen lassen – bei Erpulat ist das ein immer wiederkehrendes Thema. So auch in Das Schloss, die gemeinsam mit Jens Hillje erarbeitete Adaption von Kafkas Roman. Es beginnt mit einer Gruppe, die versucht, den Roman öffentlich zu lesen. Mehrmals setzt Johanna Matz an, nur um jedes Mal von Moritz Grove unterbrochen zu werden, mit Verbesserungsvorschlägen, die vom Rest der Gruppe barsch abgewiesen werden, bevor er als Störenfried aus dieser entfernt wird. Der Ausgestoßene, der von der Gemeinschaft als Fremder Definierte und Gebrandmarkte, dem die Gesellschaft eine Rolle zuweist, die er selbst nicht ändern kann – dieses Grundmotiv von Kafkas Roman skizziert Erpulat mit wenigen präzisen Strichen. Grove, dem ausgeschlossenen Störfaktor, ist damit seine Rolle zugewiesen. Er ist K., der Fremde, der nicht heimisch werden darf, gegen seine Fremdheit ankämpft, bevor er sie resignierend annimmt.

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