Archiv der Kategorie: Frank Wedekind

Wider die Eindeutigkeit

Nach „Franziska“ von Frank Wedekind: Betrunken am Highway, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Charlotte Brandhorst)

Von Sascha Krieger

Willkommen in der Zeitkapsel. P14, die Jugendtheatergruppe der Volksbühne, ist ja so etwas wie das Gallische Dorf des Hauses. Ganz Volksbühnenland ist von den „Neoliberalen“ besetzt? Nein, eine Enklave harrt aus, lässt die Fahne der viel beweinten und vermissten guten alten Castorf-Zeit flattern, wenn auch ein wenig versteckt im 3. Stock („Wir wussten gar nicht, dass das hier existiert“ ist ein Satz, der vor gefühlt jeder Vorstellung zu hören ist). Und Caesar alias Chris Dercon? Der hat gar keine Absicht, auch diesen letzten Winkel zu erobern, lässt P14 die gleiche Autonomie wie Castorf. Gut fürs Feindbild ist das nicht. Dafür umso besser fürs Spiel, ohne das Theater ja bekanntlich nicht kann. Wo an anderen Häusern Jugendliche eingeladen werden zum Theatermachen, laden sie sich hier selbst ein, schreiben ihre Stücke, führen Regie, machen Bühne, Kostüme und Licht. Unterstützung gibt es, wenn sie sie wünschen. Sie haben das Sagen und das macht diesen Ort so besonders. Mitunter auch besonders anstrengend.

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„Eine Mischung aus Predigt und Darkroom“

She She Pop: 50 Grades of Shame. Ein Bilderbogen nach Wedekinds “Frühlings Erwachen”, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Was ist verboten? Mit dieser Frage beginnt She She Pops neuer Abend 50 Grades of Shame. Dass es dabei um Sexualität und ihr Ausleben geht, muss gar nicht explizit dazugesagt werden. Welcher andere Lebensbereich ist schließlich so sehr mit Regeln, Verhaltenkodizes, mit Tabus und Svhweigegeboten belegt wie der intimste, persönlichste und nicht nur biologisch betrachtet essenziellste. Und so sprudeln die Antworten nur so, reichen von gesetzlichen Verboten (Sex mit unter 16-Jährigen) über kuriose Benimmregeln (bei Sex in der Studenten-WG die zimmertür schließen) bis zum Selbstverständlichen (kein Jogging ohne Hose!). Gegen Ende des Abends wird dann die Gegenfrage gestellt: Was ist erlaubt? Plötzlich müssen die Darsteller*innen (drei Performer*innen von She She Pop, örtliche Schauspieler*innen und stets ein „echter Teenager“) improvisieren, stammeln unsicher antworten hervor, versuchen das Mikro weiterzureichen? Was ist zwischen den beiden Fragen passiert, was unterscheidet sie? Es ist das Thema des Abends: die Scham, jedes seltsame, gesellschaftlich eingepflanzte Gefühl der Verunsicherung, ja, der Schuld, das aktiviert werden soll, wann immer es um das goldene Kalb sozialer Sanktionierung geht, die Sexualität eben.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

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Frank Wedekind: Lulu, Berliner Ensemble (Regie Robert Wilson)

Lulu, Frank Wedekinds heute bekanntestes Stück, war schon immer für einen Skandal oder zumindest einen Aufreger gut. 1904 verhinderte die Polizei die zweite Aufführung, 1988 erregte sich die Presse über die nackte Susanne Lothar in Peter Zadeks legendärer Inszenierung, im vergangenen Jahr sorgteVolker Löschs Interpretation an der Berliner Schaubühne wenigstens noch für ein paar Schlagzeilen, stellte er doch einen Chor aus echten Prostituierten auf die Bühne. Nun hat sich Robert Wilson des Stoffs angenommen, dieser aus der Zeitgefallene Imprssionist, diese Theatermaler mit seinen weiß geschminkten Darstellern, den marionettenhaften Bewegungen, der grotesk überzeichneten Gestik und Mimik, den boulevardesken Sound-Effekten.

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