Archiv der Kategorie: Frank Castorf

Volles Rohr – wenig Durchblick

Von und nach Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler: Gaileo Galilei. Das Theater und die Pest, Berliner Ensemble (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Frank Castorf inszeniert Bertolt Brecht. Da war doch was? Richtig, das letzte Mal, als er das probierte, schritten die Brecht-Erben ein und sorgten für dei Absetzung nach nur wenigen Vorstellungen – und einer Einladung zum Theatertreffen. Das ist diesmal nicht zu erwarten. Zum einen, weil Castorf ein „von und nach Brecht“ in den Titel setzen ließ, zum anderen, weil die erben nach Barbara Brecht-Schalls Tod um einiges entspannter mit Eingriffen in die heiligen Texte umzugehen scheinen. Aber auch, weil Castoorf zunächst etwas Unerwartetes tut: Er lässt Brecht spielen. Dazu hat er den 86-jährigen Jürgen Holtz, langjähriger BE-Spieler, der den Galilei gibt. Und wie: Fast kindlich seine Freude über die Kraft menschlichen Denkens und ebensolcher Neugier. Hier scheint man tatsächlich einem Aufbruch der Menschheit beizuwohnen, einer Neugeburt, einer Befreiung aus dem einengenden Mutterleib der Religion, hinein ins Licht einer Welt, die alles möglich zu werden erscheint. Es ist sicher kein Zufall, dass Castorf in diesen ersten Szenen dem greisen – und wie ein Neugeborenes nackten – Holtz seinen gerade 17-jährigen Sohn Rocco Mylord als Galilei-Schüler Andrea zur Seite stellt. Da verbindet sich etwas, über Generationen, über Menschenalter, Epochen hinweg, das eine neue Zeit verheißt. Es ist ein staunender, kindlicher Blick, den beide durch das hölzerne Riensenfernrohr werden, das den Mittelpunkt von Aleksandar Denićs diesmal etwas Stückwerk bleibender Bühne bildet.

Bild: Matthias Horn

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Die Ratten sind müde

Molière: Don Juan, Residenztheater, München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Als Herrscher ohne Haus muss wohl selbst ein Frank Castorf die Werbetrommel rühren. So wohlwollend man ihm in seinen Münchner, Hamburger oder Zürcher Halb-Exilen begegnet, so sehr muss auch er hier um sein Publikum buhlen, zumal sein Theater außerhalb des Volksbühnen-Kokons von vielen Zuschauer*innen nach wie vor als „radikal“ wahrgenommen wird. Anders ist das unsägliche Interview, das der wie kein zweiter deutschsprachiger Regisseur Angehimmelte kürzlich der Süddeutschen Zeitung gab und in dem er sich anhand abstruser Fußballvergleiche zur Aussage verstieg, weibliche Theatermacher*innen seien in der Regel schlechter als männliche. Selbst für den überzeugten Macho Castorf war das harter Tobak, Empörung und offene Briefe ließen nicht lange auf sich warten. Castorf hingegen hatte was er wollte: Aufmerksamkeit für sein neues Projekt – Molières Don Juan am Münchner Residenztheater. Premiere hatte die Inszenierung, als sich Theater in anderen deutschen Metropolen bereits in die Sommerpause verabschiedeten – da tut ein bisschen Publicity gut. Und ein dem Sujet angemessener Schuss Sexismus. Das Provokationsspiel beherrscht Castorf wie eh und je und Rücksichtnahme ist seine Sache nicht. Wenn sich der frauenverachtende Wutbürger jetzt bestätigt fühlt, was soll’s? Hauptsache, das Theater ist voll.

Bild: Matthias Horn

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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„Die Wahrheit der Kloaken“

Nach Victor Hugo: Les Misérables, Berliner Ensemble (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Das Erstaunlichste daran, dass Frank Castorf Victor Hugos Roman Le Misérables auf die Bühne bringt, ist, dass er es noch nicht längst getan hat. Das Riesenwerk ist ein Gesellschaftsbild, Weltentwurf, Menschheitspanorama, das in die dunkelsten Ecken, die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz führt, dorthin, wo der Mensch des Menschen Wolf ist und doch der eine oder andere stets versucht, Engel zu sein. Was eher selten klappt. Es ist ein Stoff wie gemacht für einen, der in die Untergründe will, sich dort verläuft, nur um an einer zuvor nicht geahnten Stelle wieder herauszukommen. Nun hat er sich diesen Stoff aufgehoben für einen besonderen Moment, den Beginn einer neuen Phase seines Regisseurslebens. Nach 25 Jahren Volksbühnenintendanz ist Castorf jetzt wieder ganz freier Regisseur, hat ein Plätzchen gefunden an einem Ort, der ihm nicht ganz fremd ist: dem Berliner Ensemble. 21 Jahre ist es her, da inszenierte er hier zuletzt. Martin Wuttke, einer seiner Lieblingsspieler, war damals Interimintendanz. Er ist nicht dabei an diesem Abend, denn Castorf ist kein Nostalgiker. Und so gehört er nicht zu denen, die ihre Lieblingsdarsteller*innen (mit Ausnahmen natürlich) von Spielstätte zu Spielstätte mitschleppen. Er arbeitet mit denen, die da sind. Und jenen, die da waren.

Bild: Matthias Horn

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Ein letzter Tee

Nach Fjodor Dostojewski: Ein schwaches Herz, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Sie sind längst alle gesungen, die Lobenshymnen auf die großen Künstler, die in den letzten 25 Jahren an der Volksbühne verkehrten, die deutschsprachige Theaterlandschaft immer wieder vor sich hertrieben, ihr und ihrem Publikum auch gern einen Tritt in den Allerwertesten verpassten, die uns auf die Nerven gingen, uns bis in den Schlaf hinein langweilten und das Theater auf eine Weise entgrenzten, die man zuvor für nicht möglich hielt. Da waren die Regisseure, Vastorf, Marthaler, Pollesch, Fritsch, Schlingensief natürlich, und die Schauspieler*innen: Hübchen, Angerer, Peschel, Rois, Scheer, Wuttke und so viele, viele andere. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe besonderer Menschen, die selten besungen wurden und sich doch für dieses Haus, für den Wahnsinn, der das Theaterspielen hier immer war, als so entscheiden, erwiesen: die Soufflerinnen. Elisabeth Zumpe ist zu nennen, die so manche Castorf-Inszenierung mit ihrer nie in Panik verfallenden Präzision möglich machte. Oder Tina Pfurr, ebenso wenig aus der Ruhe zu bringen, längst nicht wegzudenkender Bestandteil der Berliner Pollesch-Familie. Castorfs Theater war und ist eine Überforderungsmaschine, ein Kosmos des Scheiterns, ständig gegen die Wand fahrend und immer weitermachend. Hier ist das reich der Soufflage, des Weitergehens, wo die Sackgasse längst zu Ende ist, des Gelingens, wo längst alles verloren scheint. Vielleicht sind sie, mehr noch oder zumindest gleichwertig, mit den Stars dieser Ära, das Kraftzentrum dieses Theaterexperiments, das nie Revolution sein wollte und doch alles aus den Angeln hob.

Bild: Sascha Krieger

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Vorbei? Nicht solange das Dreirad quietscht

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Gerichtet?“ Eigentlich nicht. „Gerettet“? Schon gar nicht. Wenn die berühmten Worte erklingen, ist Marc Hosemanns Mephisto gerade dabei, Martin Wuttkes Faust zu vergewaltigen. Und wenn ganz am Schluss Valery Tscheplanowa als Margarethe Faust Erlösung ankündigt, quietscht dieser infantil auf einem Dreirad über die Bühne, währen Hosemann ihm hin und wieder eines mit einer Algerien-Fahne über. Gerade erst hatte Wuttke-Faust, blind und siech und halluzinierend, von der „Weisheit letztem Schluss“ gefaselt, während Hosemann-Mephisto um ihn herum Dreirad fuhr. Da bleibt eigentlich nur noch, sich, bewaffnet mit 200 Jahren Faust-Interpretation, irgendwo zwischen Pollesch und Sandkasten zu streiten, wer die Wette eigentlich gewonnen habe. Wichtig ist das nicht. Entscheidend ist, wer sie verliert und darum geht es in Frank Castorfs knapp siebenstündigem Volksbühnen-Abschied. Das Stück der Deutschen, das Nationaldrama schlechthin. Darunter geht es nicht.

Bild: Sascha Krieger

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Die Anarchie des Scheiterns

Nach Michail Bulgakow: Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Vor einigen Tagen tauchte auf der Homepage der Volksbühne ein offener Brief auf, den einige Volksbühnen-Mitarbeiter und viele Gäste verfasst und unterschreiben haben und in dem sie gegen den bevorstehenden Intendanten-Wechsel protestieren und in dem viel von „Identität“ und „bewahren“ die Rede ist, eine Rhetorik, die so manchen Leser an jene einer derzeit aufstrebenden deutschen Partei erinnerte. Die Volksbühne ist für ihre selbst ernannten Verteidiger mehr als ein Theater, die ist ein Ort des Widerstands, ein Stachel im Fleisch einer sich globalisierenden Gesellschaft. Natürlich ist eine neue Inszenierung des Hausherren in einer solchen Situation immer als Statement zu betrachten und sicher zum Teil auch gemeint. Als Zufall kann man es kaum interpretieren, dass sich Frank Castorf jetzt über gut fünf Stunden seinem Metier widmet, dem Theater, seiner Natur, seiner Rolle in der Gesellschaft und gegenüber der Macht, der Aufgabe des Künstlers. Pate steht Michail Bulgakows fiktionale Molière-Biografie, in der es um genau diesen Themenkomplex geht und die Bulgakow selbst als Mittel im Machtkampf mit der Kulturelite seines Landes zu nutzen suchte.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Die Zweiheit der (Theater-)Welt

Friedrich Hebbel: Judith, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Dunkel ist es in Bert Neumanns Einheitsbühnenraum. Das Licht ist gedimmt, passend zum Schwarz der Glitzervorhänge und der Sitzsäcke, auf denen bei Die Brüder Karamasow noch die Zuschauer Platz nehmen mussten. Diesmal sind sie aufgetürmt in der Mitte des Zuschauerraums, ein Berg, ein Haufen, eine Kletterburg. Das Publikum nimmt auf der Bühne Platz, wobei die genutzten Stühle nicht viel bequemer sind als besagte Sitzsacksofas oder der nackte Asphalt, auf den René Pollesch kürzlich bat. Wer einen entspannten Theaterabend will, geht ohnehin nicht zum Rosa-Luxemburg-Platz. Die Umkehrung von Bühne und Zuschauerraum ist praktisch, braucht doch Castorf keinen Bühnenbildner. Einziges Fremdelement sind drei pinkfarbene Kuststoffzelte auf der linken Seite, die gemeinsam mit Neumanns Containerblock am Saalende die benötigten Innenräume bilden, schließlich wird bei Castorf immer viel gefilmt, ersetzt das Live-Video wie üblich über weite Strecken das Bühnengeschehen. Ach ja, ein Wasserbecken gibt es auch noch, aber das wirkt eher, als wäre noch Budget übrig gewesen.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Spiel es noch einmal, Frank!

Nach Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Wiener Festwochen / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Es ist geschafft: Mit Die Brüder Karamasow hat Frank Castorf seinen Dostojewski-Zyklus an der Volksbühne beendet, dessen letzten und vielleicht auch gewichtigsten Roman auf die Bühnenbretter am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt. Und noch etwas ist vollendet: die Entwicklung der Volksbühne zum Gesamtkunstwerk, in dem Zuschauer und Bühne eins werden, es kein Draußenbleiben mehr gibt, geben kann. Es war Bert Neumanns letzter Streich, der einheitliche Bühnenraum, der den gesamten großen Saal der Volksbühne einnimmt. Bühne und Zuschauerraum gehen in einander über, letzter ist asphaltiert, Neumanns berühmte Lametta-Vorhänge, diesmal in Schwarz, bedecken die gesamte Wand, es gibt Bretter-Zäune und -Verschläge, im hinteren Bereich eine mehrstöckige Containerwand mit zahlreichen Innenräumen, mit einem dauerblinkenden Zeichen, das freie Zimmer verspricht. Die Bühne als Welt oder zumindest deren Abbild, jetzt sitzen wir mitten drin. Und es ist eben nicht nur die Welt eines Abends, sondern jene dieses Hauses. Fast trotzig wirkt das, zwei Jahre vor dem Ende von Castorfs Intendanz, wie ein letztes Aufbäumen einer längst verdammten Utopie.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Schweine und Windmühlen

Theatertreffen 2015 – Bertolt Brecht: Baal, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Draußen versteigert das TT-Blog die letzte Karte im Namen der Werktreue und zugunsten der Brecht-Erben – von denen in Person von Brecht-Enkelin Johanna Schall sogar eine anwesend ist –, eine Frau fordert per Schild den Erhalt der Volksbühne, die Intendanten der Hauptstadttheater sind da und die Presse sowieso: Nein, dieser Premierenabend, der auch der letzte Akt des diesjährigen Theatertreffens ist, ist kein gewöhnlicher. Frank Castorfs Münchner Baal-Inszenierung wird gezeigt und beschert dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich, befand sich der Regisseur zuletzt doch im Brennpunkt der zwei wohl leidenschaftlichsten Debatten der deutschen Kulturpolitik zurzeit: Da ist zum einen die um seine Nachfolge an der Volksbühne, die längst zu einer Diskussion über die Zukunft des deutschsprachigen Stadt- und Staatstheaters geworden ist, und zum anderen jene um das Urheberrecht, entbrannt am Rechtsstreit um eben diese hier gezeigte Inszenierung, für die sich deshalb auch zum letzten Mal der Vorhang öffnet. Natürlich hat das Ensemble den einen oder anderen Hinweis eingestreut in die Inszenierung, werden etwa Fremdtexte auf die Bühne geschleppt, worauf hin Bibiana Beglau moniert: „Wegen so einem Scheiß sind wir jetzt verboten!“ Das wird mit reichlich Szenenapplaus goutiert, der nicht zu vergleichen ist mit dem Jubel, der Castorf beim Schlussapplaus empfängt. Am Ende dieses sich so politisch gebenden Theatertreffens ist auch das als Statement zu verstehen.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

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