Archiv der Kategorie: Frank Castorf

Ein letzter Tee

Nach Fjodor Dostojewski: Ein schwaches Herz, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Sie sind längst alle gesungen, die Lobenshymnen auf die großen Künstler, die in den letzten 25 Jahren an der Volksbühne verkehrten, die deutschsprachige Theaterlandschaft immer wieder vor sich hertrieben, ihr und ihrem Publikum auch gern einen Tritt in den Allerwertesten verpassten, die uns auf die Nerven gingen, uns bis in den Schlaf hinein langweilten und das Theater auf eine Weise entgrenzten, die man zuvor für nicht möglich hielt. Da waren die Regisseure, Vastorf, Marthaler, Pollesch, Fritsch, Schlingensief natürlich, und die Schauspieler*innen: Hübchen, Angerer, Peschel, Rois, Scheer, Wuttke und so viele, viele andere. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe besonderer Menschen, die selten besungen wurden und sich doch für dieses Haus, für den Wahnsinn, der das Theaterspielen hier immer war, als so entscheiden, erwiesen: die Soufflerinnen. Elisabeth Zumpe ist zu nennen, die so manche Castorf-Inszenierung mit ihrer nie in Panik verfallenden Präzision möglich machte. Oder Tina Pfurr, ebenso wenig aus der Ruhe zu bringen, längst nicht wegzudenkender Bestandteil der Berliner Pollesch-Familie. Castorfs Theater war und ist eine Überforderungsmaschine, ein Kosmos des Scheiterns, ständig gegen die Wand fahrend und immer weitermachend. Hier ist das reich der Soufflage, des Weitergehens, wo die Sackgasse längst zu Ende ist, des Gelingens, wo längst alles verloren scheint. Vielleicht sind sie, mehr noch oder zumindest gleichwertig, mit den Stars dieser Ära, das Kraftzentrum dieses Theaterexperiments, das nie Revolution sein wollte und doch alles aus den Angeln hob.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Advertisements

Vorbei? Nicht solange das Dreirad quietscht

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Gerichtet?“ Eigentlich nicht. „Gerettet“? Schon gar nicht. Wenn die berühmten Worte erklingen, ist Marc Hosemanns Mephisto gerade dabei, Martin Wuttkes Faust zu vergewaltigen. Und wenn ganz am Schluss Valery Tscheplanowa als Margarethe Faust Erlösung ankündigt, quietscht dieser infantil auf einem Dreirad über die Bühne, währen Hosemann ihm hin und wieder eines mit einer Algerien-Fahne über. Gerade erst hatte Wuttke-Faust, blind und siech und halluzinierend, von der „Weisheit letztem Schluss“ gefaselt, während Hosemann-Mephisto um ihn herum Dreirad fuhr. Da bleibt eigentlich nur noch, sich, bewaffnet mit 200 Jahren Faust-Interpretation, irgendwo zwischen Pollesch und Sandkasten zu streiten, wer die Wette eigentlich gewonnen habe. Wichtig ist das nicht. Entscheidend ist, wer sie verliert und darum geht es in Frank Castorfs knapp siebenstündigem Volksbühnen-Abschied. Das Stück der Deutschen, das Nationaldrama schlechthin. Darunter geht es nicht.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Die Anarchie des Scheiterns

Nach Michail Bulgakow: Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Vor einigen Tagen tauchte auf der Homepage der Volksbühne ein offener Brief auf, den einige Volksbühnen-Mitarbeiter und viele Gäste verfasst und unterschreiben haben und in dem sie gegen den bevorstehenden Intendanten-Wechsel protestieren und in dem viel von „Identität“ und „bewahren“ die Rede ist, eine Rhetorik, die so manchen Leser an jene einer derzeit aufstrebenden deutschen Partei erinnerte. Die Volksbühne ist für ihre selbst ernannten Verteidiger mehr als ein Theater, die ist ein Ort des Widerstands, ein Stachel im Fleisch einer sich globalisierenden Gesellschaft. Natürlich ist eine neue Inszenierung des Hausherren in einer solchen Situation immer als Statement zu betrachten und sicher zum Teil auch gemeint. Als Zufall kann man es kaum interpretieren, dass sich Frank Castorf jetzt über gut fünf Stunden seinem Metier widmet, dem Theater, seiner Natur, seiner Rolle in der Gesellschaft und gegenüber der Macht, der Aufgabe des Künstlers. Pate steht Michail Bulgakows fiktionale Molière-Biografie, in der es um genau diesen Themenkomplex geht und die Bulgakow selbst als Mittel im Machtkampf mit der Kulturelite seines Landes zu nutzen suchte.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Die Zweiheit der (Theater-)Welt

Friedrich Hebbel: Judith, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Dunkel ist es in Bert Neumanns Einheitsbühnenraum. Das Licht ist gedimmt, passend zum Schwarz der Glitzervorhänge und der Sitzsäcke, auf denen bei Die Brüder Karamasow noch die Zuschauer Platz nehmen mussten. Diesmal sind sie aufgetürmt in der Mitte des Zuschauerraums, ein Berg, ein Haufen, eine Kletterburg. Das Publikum nimmt auf der Bühne Platz, wobei die genutzten Stühle nicht viel bequemer sind als besagte Sitzsacksofas oder der nackte Asphalt, auf den René Pollesch kürzlich bat. Wer einen entspannten Theaterabend will, geht ohnehin nicht zum Rosa-Luxemburg-Platz. Die Umkehrung von Bühne und Zuschauerraum ist praktisch, braucht doch Castorf keinen Bühnenbildner. Einziges Fremdelement sind drei pinkfarbene Kuststoffzelte auf der linken Seite, die gemeinsam mit Neumanns Containerblock am Saalende die benötigten Innenräume bilden, schließlich wird bei Castorf immer viel gefilmt, ersetzt das Live-Video wie üblich über weite Strecken das Bühnengeschehen. Ach ja, ein Wasserbecken gibt es auch noch, aber das wirkt eher, als wäre noch Budget übrig gewesen.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Spiel es noch einmal, Frank!

Nach Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Wiener Festwochen / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Es ist geschafft: Mit Die Brüder Karamasow hat Frank Castorf seinen Dostojewski-Zyklus an der Volksbühne beendet, dessen letzten und vielleicht auch gewichtigsten Roman auf die Bühnenbretter am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt. Und noch etwas ist vollendet: die Entwicklung der Volksbühne zum Gesamtkunstwerk, in dem Zuschauer und Bühne eins werden, es kein Draußenbleiben mehr gibt, geben kann. Es war Bert Neumanns letzter Streich, der einheitliche Bühnenraum, der den gesamten großen Saal der Volksbühne einnimmt. Bühne und Zuschauerraum gehen in einander über, letzter ist asphaltiert, Neumanns berühmte Lametta-Vorhänge, diesmal in Schwarz, bedecken die gesamte Wand, es gibt Bretter-Zäune und -Verschläge, im hinteren Bereich eine mehrstöckige Containerwand mit zahlreichen Innenräumen, mit einem dauerblinkenden Zeichen, das freie Zimmer verspricht. Die Bühne als Welt oder zumindest deren Abbild, jetzt sitzen wir mitten drin. Und es ist eben nicht nur die Welt eines Abends, sondern jene dieses Hauses. Fast trotzig wirkt das, zwei Jahre vor dem Ende von Castorfs Intendanz, wie ein letztes Aufbäumen einer längst verdammten Utopie.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Weiterlesen

Schweine und Windmühlen

Theatertreffen 2015 – Bertolt Brecht: Baal, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Draußen versteigert das TT-Blog die letzte Karte im Namen der Werktreue und zugunsten der Brecht-Erben – von denen in Person von Brecht-Enkelin Johanna Schall sogar eine anwesend ist –, eine Frau fordert per Schild den Erhalt der Volksbühne, die Intendanten der Hauptstadttheater sind da und die Presse sowieso: Nein, dieser Premierenabend, der auch der letzte Akt des diesjährigen Theatertreffens ist, ist kein gewöhnlicher. Frank Castorfs Münchner Baal-Inszenierung wird gezeigt und beschert dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich, befand sich der Regisseur zuletzt doch im Brennpunkt der zwei wohl leidenschaftlichsten Debatten der deutschen Kulturpolitik zurzeit: Da ist zum einen die um seine Nachfolge an der Volksbühne, die längst zu einer Diskussion über die Zukunft des deutschsprachigen Stadt- und Staatstheaters geworden ist, und zum anderen jene um das Urheberrecht, entbrannt am Rechtsstreit um eben diese hier gezeigte Inszenierung, für die sich deshalb auch zum letzten Mal der Vorhang öffnet. Natürlich hat das Ensemble den einen oder anderen Hinweis eingestreut in die Inszenierung, werden etwa Fremdtexte auf die Bühne geschleppt, worauf hin Bibiana Beglau moniert: „Wegen so einem Scheiß sind wir jetzt verboten!“ Das wird mit reichlich Szenenapplaus goutiert, der nicht zu vergleichen ist mit dem Jubel, der Castorf beim Schlussapplaus empfängt. Am Ende dieses sich so politisch gebenden Theatertreffens ist auch das als Statement zu verstehen.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

Weiterlesen

Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Weiterlesen

Eine Darmkolik namens Europa

Kaputt. Tour de force européenne nach Malaparte, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Der Name ist Programm: Malaparte, der schlechte Teil, die dunkle, gewalttätige, zerstörerische Kehrseite, die jeder Glanz, der Fortschritt, jeder Wohlstand hat und zu verbergen versucht. Heute fast vergessen, galt Curzio Malaperte mal als einer der wichtigsten Schriftsteller Europas, als Seismograph des Schmutzigen, Düstern, Verborgenen. Sohn eines Deutschen und einer Italienerin war Kurt Erich Suckert, wie er bürgerlich hieß, Faschist der ersten Stunde, Kriegsfreiwilliger im ersten, Kriegsberichterstatter im zweiten Weltkrieg, Autor, Journalist, Filmemacher und Diplomat. Er verkehrt am „Hofe“ des Nazi-Herrschers über Polen, Hans Frank, saß unter Mussolini kurz im Gefängnis, beschrieb in Die Haut die Nachkriegsjugend in Italien als amoralisch-orientierungslosen Sumpf und beendete sein Leben als Kommunist und Mao-Verehrer. Ein Mann, so widersprüchlich, so schuldbeladen, so rastlos wie sein Jahrhundert. Erst kürzlich hat sich Frank Castorf in die Unterwelt eines anderen Nachtwanderers, Louis-Ferdinand Céline, begeben, da scheint der Schritt zu Malaparte nicht weit. Und so treibt der Volksbühnen-Intendant sein Publikum sechs Stunden lang durch die Abgründe des Kontinents, verwebt Biografie, Die Haut und seinen Kriegsroman Kaputt miteinander zu einem europäischen Fieberwahn.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Weiterlesen

Im Schwitzkasten des Lebens

Theatertreffen 2014 – Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist beim Anblick von Aleksandar Denícs Bühnenbild schon alles klar: Seine Bretterverschlagslandschaft in dem alles nur noch Erinnerung einstiger Lebensfülle ist: die schäbigen Salons in Bretterbuden, die verdreckte Küche, der Rettungswagen, der längst niemanden mehr rettet, die alten, halb abgerissenen Plakateetwa jene von Muhammad Alis Kampf gegen George Foreman im damaligen Zaire. Wer hier landet, ist am Ende, von hier geht es nicht weiter, haust der Bodensatz des Lebens, wurde das zwanzigste Jahrhundert verschrottet und ist eben doch noch nicht ganz tot. Louis-Ferdinand Célines Roman Reise ans Ende der Nacht, lässt sich, obwohl schon 1932 verfasst, als Zustandsbeschreibung dieses außer Kontrolle geratenen Jahrhunderts lesen, das Leben des Autors, der in den Folgejahren als schäumender Antisemit berüchtigt wurde, erst recht. Frank Castorf stellt ihn gleich zu Beginn in der Person Aurel Mantheis auf die Bühne, lässt ihn in einer Tirade gegen die verständnislose Welt anschreien, die seiner nun so gar nicht würdig sei. Gleich neben ihm steht eine Art Torbogen: „Liberté, Égalité, Fraternité“ steht darauf, seine Form ist weltbekannt: Es ist jene des Eingangstors von Auschwitz. Man kann das für plakativ halten, und doch beschreibt es den Weg, den die Menschheit von der Aufklärung zur Shoah zurückgelegt hat, auf erschreckend präzise Weise. Wurden nicht auch die Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit zum Vorwand genommen, um zu töten, zu vernichten, zu unterdrücken?

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

Weiterlesen

Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip

Das Theatertreffen 2014 feiert das großstädtische Stadt- und Staatstheater

Von Sascha Krieger

Wie war das noch einmal mit den Totgesagten? Nachrufe auf das klassische Stadttheater gab es in den letzten Jahren, Monaten, ja, Wochen genug, landauf landab drohen finanzielle Kürzungen, Theaterschließungen, an einer Stelle treffen sich ein aktueller Intendant und sein Vorgänger wohl in Kürze vor Gericht, andere fordern lautstark eine grundlegende Reform, die sich an Modellen und Strukturen der Freien Szene orientieren sollte. Eine Finanz- und Strukturkrise wird immer wieder diagnostiziert, aber auch der Vorwurf künstlerischen Stillstands zieht sich wie ein roter Faden durch Zustandsbeschreibungen und Abgesänge. Und was macht das theatertreffen, die Leistungsschau der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Theaterjahres und jährliches Schaufenster eines ansonsten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung existierenden Theaterbetriebs? Es feiert das deutschsprachige Staats- und Stadttheater, proklamiert dessen künstlerische Meinungsführerschaft und stellt mal eben seinen Führungsanspruch zu dem, was Theater heute ist und sein kann, wieder her. Neun von zehn Inszenierungen des Theatertreffen-Jahrgangs 2014 kommen aus diesem System und auch unter den Partnern der zehnten Inszenierung, einer Ko-Produktion, finden sich gleich zwei Stadttheater. Das mag man als politisches Statement lesen, als Aufforderung an die Politik, die Stadttheaterlandschaft nicht auf dem Altar von Sparzwängen und Effizienzbestrebungen zu opfern. Und doch hinterlässt diese behauptete Hegemonie ein mulmiges Gefühl.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Weiterlesen