Archiv der Kategorie: Fjodor Dostojewski

Die Welt ist eine Scheibe

Nach Fjodor M. Dostojewski: Die Spieler, Théâtre National du Luxembourg / Ruhrfestspiele Recklinghausen / Staatsschauspiel Hannover (Regie: Frank Hoffmann) – Gastspiel am Deutschen Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Die Erde mag keine Scheibe sein, die Welt in Frank Hoffmanns letzter Inszenierung als Intendant der Ruhrfestspiele, ist es. eine schwarze, denn Gutes kommt hier nicht heraus, wenn sie sich drehr, die Roulettescheibe ge- und verspielter Leben. Wobei sie zunächst still steht. Die Spieler*innen – im doppelten Sinne – sind im Publikum verteilt oder kommen – Fußballmetapher! – aus der Tiefe des Raums. Sie sprechen über die Hinrichtung eines jungen Mannes in Paris, streiten über die Deutungshoheit und die Bedeutung persönlicher, unmittelbarer Erfahrung im Vergleich zu literarischer, reflektierter Verarbeitung. Das Leben ist nah und zugleich weit entfernt. Man bettelt das Publikum an um ein paar Münzen, hält Zuschauer*innen Ikonenbildchen ins Gesicht, sucht im Auditorium nach Heiratsmaterial, fleht stummen Blickes um Hilfe und/oder Erlösung. Diese Gestalten, kostümiert zischen billigem Traumbild pseudorussischer Klischeevorstellungen und Fundus-Resterampe, ein modisches Nirgendwo, passend zur fehlenden Verwurzelung dieser Gestalten, bewegen sich unter uns, aber dazu gehören sie nicht.

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Auf dem Holzgleis

Nach Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski: Anna Karenina oder Arme Leute, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Eigentlich gibt es an diesem Abend kein Oben und kein Unten. Die Adligen aus Lew Tolstois Anna Karenina und die Hungerleidenden in Fjodor Dostojewskis Arme Leute bewegen sich auf der gleichen Ebene. Ihre Lebenswege verlaufen an den gleichen hölzernen Gleisen, die sich auf Igor Pauškas Bühne kreuzen, sie fahren auf den gleichen Draisinen an die Rampe, ins Licht, und verschwinden wieder von beidem. Und doch ist nichts zwischen ihnen identisch: Die einen tragen Strickjacken und kämpfen um jeden Fetzen Brot, die anderen sind in Mattgold gekleidet, bedecken die Bühne mit Laiben, trampeln im Wortsinn auf ihnen herum, nutzen sie gar im Liebensspiel, mit einer Leichtigkeit, die dem Zuschauer im Halse stecken bleiben sollte. Es ist die vielleicht subtilste Aktualisierung dieser Verschränkung zwier so unterschiedlicher Romane – hier Tolstois ausladendes Sittengemälde, dort Dostojewskis karge, hoffnungslose Milieuminiatur. Die Gleichheit an Chancen und Rechten, die unsere Gesellschaft so gern für sich einfordert – sie ist Makulatur, so lange die Schere der Habenden und der Nichtshabenden immer weiter auseinandergeht.

Bild: Esra Rotthoff

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Menschheit im Nebel

Theatertreffen 2019 – Nach dem Roman von Fjodor Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zu Beginn schälen sie sich aus dem Nebel: Figurenbruchstücke, Satzfestzen, Haltungsfragmente, Geschichtensplitter. Sie tauchen auf aus der Unsichtbarkeit und wieder in sie herab. Eine Unsichtbarkeit, die selbst produziert ist: Die Flutung der Bühne mit dem Nebel ist der erste Akt dieses Abends. Um zu wirken, muss sich das theater erst einmal erschaffen. Wie es das tut – auch das macht Sebastian Hartmann zu seinem Thema. Da ist es kein Zufall, dass die ersten Worte nicht Fjodor Dostojewskis hier zu spielendem Roman Erniedrigte und Beleidigte, sondern Wolfgang Lotz’ Hamburger Poetikvorlesung, in der der Dramatiker seine Idee eines neuen Theaters entwarf, eines, das Realismus neu definieren sollte, als von der Wirklichkeit ausgehend und diese transformierend, als eines, das keine Zukunft kennt sondern nur Gegenwart, nur das Hier und Jetzt, im Schreiben wie im Spielen, und gerade dadurch in die Zukunft wirken könne, eines, bei dem der „Sound“ wichtiger sei als die Handlung. Bei einem Stück sei, so Lotz, „totale Aufgeregtheit wichtig“. Realismus erfordere Offenheit und diese sei „unaufhörliche Aktivität“. Ums „Überwinden“ gehe es, presst Yassin Trabelsi in Lotz‘ Worten in höchster Erregung von der Rampe. Immer wieder verschränkt Hartmann seine Inszenierung mit Lotz‘ Thesen, macht letztere zu ihrem Gradmesser und erstere zu deren Experimentierfeld.

Bild: Sebastian Hoppe

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Ein letzter Tee

Nach Fjodor Dostojewski: Ein schwaches Herz, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Sie sind längst alle gesungen, die Lobenshymnen auf die großen Künstler, die in den letzten 25 Jahren an der Volksbühne verkehrten, die deutschsprachige Theaterlandschaft immer wieder vor sich hertrieben, ihr und ihrem Publikum auch gern einen Tritt in den Allerwertesten verpassten, die uns auf die Nerven gingen, uns bis in den Schlaf hinein langweilten und das Theater auf eine Weise entgrenzten, die man zuvor für nicht möglich hielt. Da waren die Regisseure, Vastorf, Marthaler, Pollesch, Fritsch, Schlingensief natürlich, und die Schauspieler*innen: Hübchen, Angerer, Peschel, Rois, Scheer, Wuttke und so viele, viele andere. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe besonderer Menschen, die selten besungen wurden und sich doch für dieses Haus, für den Wahnsinn, der das Theaterspielen hier immer war, als so entscheiden, erwiesen: die Soufflerinnen. Elisabeth Zumpe ist zu nennen, die so manche Castorf-Inszenierung mit ihrer nie in Panik verfallenden Präzision möglich machte. Oder Tina Pfurr, ebenso wenig aus der Ruhe zu bringen, längst nicht wegzudenkender Bestandteil der Berliner Pollesch-Familie. Castorfs Theater war und ist eine Überforderungsmaschine, ein Kosmos des Scheiterns, ständig gegen die Wand fahrend und immer weitermachend. Hier ist das reich der Soufflage, des Weitergehens, wo die Sackgasse längst zu Ende ist, des Gelingens, wo längst alles verloren scheint. Vielleicht sind sie, mehr noch oder zumindest gleichwertig, mit den Stars dieser Ära, das Kraftzentrum dieses Theaterexperiments, das nie Revolution sein wollte und doch alles aus den Angeln hob.

Bild: Sascha Krieger

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Spiel es noch einmal, Frank!

Nach Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Wiener Festwochen / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Es ist geschafft: Mit Die Brüder Karamasow hat Frank Castorf seinen Dostojewski-Zyklus an der Volksbühne beendet, dessen letzten und vielleicht auch gewichtigsten Roman auf die Bühnenbretter am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt. Und noch etwas ist vollendet: die Entwicklung der Volksbühne zum Gesamtkunstwerk, in dem Zuschauer und Bühne eins werden, es kein Draußenbleiben mehr gibt, geben kann. Es war Bert Neumanns letzter Streich, der einheitliche Bühnenraum, der den gesamten großen Saal der Volksbühne einnimmt. Bühne und Zuschauerraum gehen in einander über, letzter ist asphaltiert, Neumanns berühmte Lametta-Vorhänge, diesmal in Schwarz, bedecken die gesamte Wand, es gibt Bretter-Zäune und -Verschläge, im hinteren Bereich eine mehrstöckige Containerwand mit zahlreichen Innenräumen, mit einem dauerblinkenden Zeichen, das freie Zimmer verspricht. Die Bühne als Welt oder zumindest deren Abbild, jetzt sitzen wir mitten drin. Und es ist eben nicht nur die Welt eines Abends, sondern jene dieses Hauses. Fast trotzig wirkt das, zwei Jahre vor dem Ende von Castorfs Intendanz, wie ein letztes Aufbäumen einer längst verdammten Utopie.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Kein Kinderspiel

Nach Fjodor Dostojewski: Karamasow, Sophiensaele Berlin (Regie: Thorsten Lensing)

Von Sascha Krieger

Thorsten Lensing ist ein Theatermacher, der sich gern Zeit lässt. Er bringt nicht alle zwei Monate an einer anderen Bühne eine neue Inszenierung heraus, bei ihm kann das auch mal ein, zwei Jahre dauern. Er setzt auf gute Vorbereitung und eine vertraute Truppe. Einige Darsteller wie Devid Striesow oder Ursina Lardi arbeiten schon seit Jahren mit Lensing zusammen. Zeit lässt er sich zuweilen auch auf der Bühne: Vier Stunden lang ist sein neuester Abend, Karamasow  genannt und auf Fjodor Dostojewskis letztem Roman basierend. Dabei hat er diesen radikal entschlackt: Von den drei Brüdern, von denen der Roman erzählt, ist nur einer übrig geblieben: Aljoscha, der Intellektuelle, der sensible und grüblerische Glaubenssucher. Ansonsten stehen die Kinder im Mittelpunkt: der hochintelligente dreizehnjährige Kolja, Möchtegern-Charismatiker und Westentaschen-Tyrann, die vierzehnjährige Lisa, egozentrisch und im dauerpubertären Gefühlsrausch gefangen, und der neunjährige Iljuscha, ein romantischer Heldensucher, der gar nicht merkt, dass er, der bedingungslos für den hilflosen Vater einsteht, selbst so etwas wie ein Held ist.

Foto: Arwed Messmer

Foto: Arwed Messmer

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Wie im Fieber

Fjodor Dostojewski: Die Wirtin, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Es beginnt zunächst mit dem Gefühl des Gewohnten: Castorf und Dostojewski, das ist mittlerweile eine lange Erfolgsgeschichte voller spannender, komplexer, eklektischer, zuweilen ausfasernder, aber auch stets auf-, oft er- und zumeist anregender Theaterabende, die nicht selten mehr mit uns und der Befindlichkeit der heute Lebende zu tun hatten als mit Dostojewski. Das war zuletzt beim Spieler so und das war auch zu erwarten oder mindestens zu erhoffen, als Castorf von den Romanen zu den Erzählungen des großen russischen Autors wechselte. Zweieinhalb Stunden später – ein Zeitpunkt, an dem bei Castorf normalerweise erst Pause ist – ist klar, das wenig so ist, wie es war. Fast scheint es, als wäre Frank Castorf für Dostojewskis Erzählungen noch mal zurück auf Anfang gegangen. So geradlinig, kompakt und in sich selbst ruhend war lange kein Castorf-Abend mehr – es ist seine Stärke und seine Schwäche zugleich.

Die Wirtin Frank Castorf

Russische Wahnwelt (Foto: Thomas Aurin)

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Fjodor Dostojewski: Der Spieler, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Castorf inszeniert Dostojewski: Das erzeugt so manchen entrückten Blick bei Volksbühnen-Kennern, gehören doch seine Inszenierungen von Der Idiot, Dämonen oder Schuld und Sühne zum Aufregendsten, was der einstige Theaterrevolutionär in seiner 19-jährigen Zeit als Volksbühnen-Intendant auf die Bühne gebracht hat. Die großen, abgründigen Abrechnungen mit Gesellschaft und menschlicher Natur waren für Castorf ideales Material für seine großen, zu seinen besten Zeiten ungemein heutigen Wirbelstürmen, die selbstverständliche Gewissheiten in Bruchstücke zerlegten und diese in völlig neuen Zusammensetzungen auf die Bühne krachen ließen. Ein paar Jahre war Pause, jetzt folgt der nächste Dostojewski („Je oller, Dostojewski“, kalauert Alexander Scheer einmal). Keiner der „großen“, ein kleinerer Roman soll es sein, Dostojewskis auch autobiografisch gemeintes Porträt einesSpielsüchtigen. Und siehe an: Das funktioniert erneut sehr gut, zumindest über weite Strecken dieser doch um einiges zu langen viereinhalb Stunden.

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