Archiv der Kategorie: FFT Düsseldorf

Hexenwerk im Scheinwerferlicht

She She Pop: Hexploitation, Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin / Kampnagel, Hamburg / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main / FFT Düsseldorf u.a.

Von Sascha Krieger

Ein Filmset als Schauplatz patriarchaler Fremdbestimmung weiblicher Körper: In ihrem neuen Abend gehen She she Pop dahin, wo es wirklich wehtut, in die vom männlichen Blick bestimmten Mechanismen der Unsichtbarmachung des alternden weiblichen Körpers, in das Narrativ der Menopause als Verfall, als Moment, ab dem die Frau ihre Relevanz verliert, ihre gesellschaftliche Rolle. „Hagsploitation“ hießen die Filme, in denen altwerdende ehemalige Filmstars als Bösewichte zurückkehrten, als Verwandte jener Hexen, die einst Sinnbild der unnütz gewordenen Frau waren. Von der „Hag“ zur Hexe ist es nicht nur sprachlich nicht weit – und dieser Abend durchmisst den kurzen Weg lustvoll, widerständig, ohne Rücksicht auf Spieler*innen und Zuschauer. „Wie sind wir in dieses Narrativ hineingeraten?“, fragen sie sich und sie tun es auf eine Weise, die in ihrer Dringlichkeit und Stringenz auch bei She she Pop ihres gleichen sucht. Diskursives Bildertheater könnte man nennen, was die Gruppe entspinnt. „Ich bin jetzt bereits für meine Nahaufnahme“, sagen sie eine nach der andere und bieten dem Publikum riesenhaft vergrößerte Bäuche, Vaginas, Münder oder Stirnfalten.

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Die drei Kuscheltiere

Monster Truck: Siegfried, Sophiensaele, Berlin / FFT Düsseldorf / Münchner Kammerspieler / Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim

Von Sascha Krieger

Wer ist Siegfried? Um es gleich zu verraten: Diese Frage beantwortet der neue einstündige Abend von Monster Truck nicht. Am Ende ist nicht einmal unwiderlegbar klar, ob er sie überhaupt stellt. Denn sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Das am berühmt-berüchtigsten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gegründete Kollektiv befasst sich am liebsten mit Klischees und Vorurteilen, dreht sie von innen auch außen, untergräbt sie mit einem multidisziplinären Mix, der provoziert und Deutungen zulässt. Dabei geht man meist von irgend einem mehr oder minder konkreten, aber irgendwie fassbarem Thema aus. Kolonialismus. Nationalismus. Soziale Ausgrenzung. Siegfried ist da radikaler. Benannt nach dem Urmythos deutscher Identitätsphantasie tritt der Abend ein paar Schritte zurück und fragt nach der Sicherheit oder Illusion von Identität. Wenn Siegfried mythischer Held ist und glitzerbedeckter Zauberkünstler, Identitätsikone und Illusionsverkäufer, was ist er dann nicht? Und kann einer, der alles ist, überhaupt etwas sein?

Bild: Monster Truck

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Zu träumen wagen

Theatertreffen der Jugend 2015 – das gender_ding, NEUE STERNE / Hajusom, Hamburg, in Kooperation mit: Kampnagel, Hamburg / FFT Düsseldorf / Pumpenhaus, Münster

Von Sascha Krieger

Nein, was da Wort „Gender“ bedeutet, muss man uns gebildeten aufgeklärten Westeuropäern wirklich nicht erklären. Die Hinterfragung von Geschlechteridentitäten, der Diskurs über Rollenverhalten und die Öffnung der Wahrnehmung jenseits der künstlichen Polarität „männlich“ – „weiblich“ sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und nähern sich ihren Rändern, nicht ohne zu ideologischen Stellungskriegen der Diskursverweigerer zu führen. Dass das in anderen Teilen der Welt – und auch mitten in diesem Land – noch vollkommen anders ist, dass dort alte Rollenmuster einbetoniert, geschlechtsspezifische Machtstrukturen zementiert und alles, was nicht ins Schwarz-Weiß-Schema passt, ausgeschlossen wird, ja, dass die Möglichkeit eines Diskurses, wie wir, die wohl fälschlich so genannte „Mehrheitsgesellschaft“, ihn führt, als vollkommen absurd, ja, unvorstellbar angesehen wird, vergessen wir gern. Wenn sich nun junge Darsteller*innen, allesamt mit Fluchthintergrund, aus dem Iran, Afghanistan und Westafrika stammend, auf der Bühne mit diesem Thema befassen, ist es wichtig, sich diese Tatsache vor Augen zu führen, denn wer die fundamentalen Unterschiede des gesellschaftlichen Gender-Diskurses in westlichen und vor allem muslimisch geprägten Gesellschaften nicht im Kopf behält, wird den Abend schnell als banal und oberflächlich abtun – auch dem Rezensenten ist diese Reaktion nicht fremd. Dass hier zunächst klar gestellt wird, es gehe um „Gender“ und nicht das Farsi-Wort „jende“, das Prostituierte bedeutet, passt ins Bild.

Foto: Arne Thaysen

Foto: Arne Thaysen

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Theatertreffen 2011 – She She Pop: Testament, Hebbel am Ufer, Berlin / Kampnagel, Hamburg / FFT, Düsseldorf

Testament, ein Wort wie ein Grabstein, unverrückbar, sperrig, abweisend, final. Ein strenger, harter, einschüchternder Titel. „Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ lautet der Untertitel des Abends, den die Theatergruppe She She Pop gemeinsam mit ihren Vätern erarbeitet haben, durchlässiger, Interpretationen erlaubend, Spiel zulassend. Um Shakespeares tragischen, am verfehlten Generationswechsel gescheiterten, alternden König geht es, aber natürlich ist er nur der Aufhänger, der Katalysator und Reibungspunkt eines zutiefst heutigen Stücks Theater. Auch ein Fluchtpunkt, zu dem man sich zurückziehen kann, wenn es zu persönlich wird, zu tief geht, zu schmerzhaft wird, oder wenn es schlicht einmal nicht weitergeht.

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