Archiv der Kategorie: Festtage der Staatsoper Unter den Linden

Der Klang des Zwischenraums

Martha Argerich und die Staatskapelle Berlin unter Daniel Bareboim spielen Werke von Debussy bei den Festtagen 2018

Von Sascha Krieger

Claude Debussy, das ist doch der Impressionist, der mit dem Nachmittag dieses Fabelwesens (wie hieß es doch gleich?) und dem Meer, oder? Der Stimmungsmaler, bei dem sich die Töne so schön in Bilder übersetzen lassen? Hübsche Farbspiele, nicht zu lang, immer nett als Farbtupfer in einem Konzertprogramm. Moment, ein ganzer Abend nur mit Debussy? Geht das? Ja, meisten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin anlässlich ihrer diesjährigen Festtage. Damit kann man sogar in die Verlängerung gehen und die meist festgefügten zwei Stunden ein gutes Stück überschreiten. So lange hält man es kaum selbst in der besten Impressionisten-Ausstellung aus. Wird das nicht ein bisschen langweilig. Nein, will der Rezensent in heiligem Zorn herausbrüllen, wird es nicht! Zumindest nicht dann, wenn man es so macht wie Barenboim, sein Orchester, sein Chor und ein paar herausragende Solistinnen. Den bekannten frühen Debussy, ja, den, dem man so gern, nicht immer wohlwollend, das Etikett „Impressionist“ aufgedrückt hat, kombiniert der Musikalische Leiter der Staatsoper mit dem weniger bekannten späten. Wobei er auch bei ersterem nicht auf die „Hits“ setzt. Stattdessen steht die „Fantaisie“ auf dem Zettel, Debussys einziges Werk für Klavier und Orchester. Als Unterstützung dabei hat er seine alte Freundin Martha Argerich, Stammgast bei den Festtagen. da kann eigentlich nichts schiefgehen, oder? Tut es auch nicht.

Daniel Barenboim (Bild: Holger Kettner)

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Musikalisches Wimmelbild

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2018 der Staatsoper Unter den Linden

Von Sascha Krieger

So langsam kann man die Uhr danach stellen: Sind die Wiener Philharmoniker in der Stadt, ist bald Ostern und die Festtage der Berliner Staatsoper beginnen. Dass die Wiener einem ihrer Lieblingsdirigenten, dem musikalischen Leiter der Staatsoper Daniel Barenboim, den Wunsch erfüllen, „seine“ Festtage zu eröffnen, ist mittlerweile Tradition. Dass sie dabei Gewichtiges dabei haben, auch. Vor zwei Jahren stand Gustav Mahlers neunte Symphonie auf dem Programm, in diesem Jahr ist es seine lange übersehene Siebte. Dabei scheint es Barenboims Ziel, die vielen Jahre der Vernachlässigung, die mit der Mahler-Renaissance in den 1960er-Jahren noch lange nicht vorbei war, an einem Abend wieder gut zu machen. Was für ein Ereignis ist dieser Kopfsatz, so, wie die Wiener ihn spielen! Ein musikalisches, klangliches, rhythmisches Universum, eine funkelnde Galerie aus Millionen Sternen. Mit nervöser Energie preschen sie aus den Startlöchern, die Hornrufe beinahe aggressiv, der Klang rasiermesserscharf, vor allem Holzbläser und Streicher tendieren immer wieder ins Schrille, Schneidende. Hier ist von Beginn an Kampf, ein Ringen um Dominanz, darum gehört zu werden. Tausend Farben erfüllen den Raum, ebenso viele Stimmen, jede gleichwertig. Ein Durcheinander, musikalisches Chaos, ein Urgrund, aus dem Welten entstehen können.

Daniel Barenboim (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Eigenwillige

Festtage 2017: Radu Lupu gastiert bei der Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Radu Lupu zählt längerem zu den wichtigsten und besten Pianisten unserer Zeit. Gleichzeitig ist er auch einer der eigenwilligeren. Glatte Interpretationen, an denen sich niemand reiben könnte, sind seine Sache nicht. Das Ergebnis kann magisch sein, aber auch ein Desaster. Zuweilen gelingt beides. Ein solcher Abend ist sein Gastspiel mit der Staatskapelle Berlin im Rahmen der diesjährigen Staatsopern-Festtage. Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 steht auf dem Programm. In der englischsprachigen Welt nennt man es gern das „kaiserliche“, passend zum vermeintlich heroischen Ton, der zweifellos an die „Eroica“ erinnert. Der Beginn lässt böses erahnen: Uneben, verwaschen, richtungslos umspielt, umspült eher, Lupu die eröffnenden Orchesterakkorde, breiig und überhastet klingt das. Dann hat das Orchester das Wort, das unter Daniel Barenboims Leitung äußerst zielstrebig zu Werke geht. Der Klang ist dicht, kompakt, schnörkellos und präzise, findet seine Kraft in sich selbst. Ein energischer, zuweilen muskulöser Beethoven, vorwärtsdrängend und klar strukturiert. Dann ist Lupu wieder dran und sie da, welch ein Unterschied: Glasklar der Anschlag, das Spiel eine wunderbare Mischung aus Detailschärfe und sanglichem Gestus, das Instrument singt und lauscht sich zugleich selbst hinterher. Besonders magisch ist der Effekt beim zart berührenden zweiten Thema des Kopfsatzes: Schon im Orchester ist es wie getupft, bevor ihm die Holzbläser gleichzeitig Körperlichkeit wie Licht verleihen. Bei Lupu sitzt jeder Ton, perlen die einzelnen Noten, ganz für sich stehen, fügen sich zusammen zu einem Gesang höchster Innigkeit, die in höchster Spannung steht zum zu größter Dringlichkeit verdichteten Orchester.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

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Mehr wollen dürfen

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2017 mit einem Wiener Programm

Von Sascha Krieger

Tradition und die Wiener Philharmoniker – das gehört zusammen. Kein Orchester der Welt fühlt sich seiner Vergangenheit so verpflichtet wie dieses, keines pflegt seinen überlieferten Klang so sorgfältig, kaum eines ist Neuerungen gegenüber so skeptisch. Traditionen sind ihnen wichtig, die verbinden das Gestern und das Heute und ermöglichen, so der Traditionalist, erst das Morgen. Auch in Berlin hat dieses Traditionsbewusstsein des Klangkörpers jetzt Wurzeln geschlagen: Zum vierten Mal in Folge eröffnet er jetzt die alljährlichen Festtage der Staatsoper. Zu verdanken haben wir diese neue Tradition Daniel Barenboim, musikalischer Leiter der Staatsoper und seit vielen Jahren einer der Lieblingsdirigenten der Wiener. Mit ihnen teilt er den Fokus auf klangliche Brillanz auf Einheit, auf die Gesamtwirkung des Werks. Er ist kein analytischer Dirigent, keiner, der das Werk erst auseinandernimmt, um es dann neu zusammenzusetzen. Er betont seine Einheit und will diese zum Leben erwecken – eine Einstellung, die ihn fest mit diesem Orchester verbindet.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

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Der Spielwütige

Zweimal Yo-Yo Ma bei den Festtagen 2016: solo mit Bachs Cello-Suiten und gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Yo-Yo Ma gehört zu den wenigen Superstars der klassischen Musik. Kaum einer ist so unermüdlich auf der Suche nach Wegen, mit dem Publikum zu kommunizieren und vor allem auch, neue Zuhörer an die vermeintlich elitäre Klassik heran zu führen. Gleichzeitig ist der wohl führende Cellist seiner Generation, der höchste Perfektion und Musikalität verbindet mit interpretatorischem Mut, bereit, sich auch einmal gegen den Konsens zu stellen. Seine Interpretationen der sechs Cello-Suiten Johann Sebastian Bachs etwa haben Bewunderer wie Gegner, wird ihm doch zuweilen vorgeworfen, sie zu einseitig introspektiv zu interpretieren. Auch jetzt, bei seinem Berliner Gastspiel, ist die Innensicht sein Modus operandi. Versonnen und nachdenklich hebt er an, fast wie im Vorübergehen passiert der Zuhörer die berühmte erste Suite, die streckenweise wie von fern heranzuwehen scheint. Und doch ist hier vom ersten Ton an nichts nur melancholisch oder gar lyrisch verträumt. So traurig ernst die Grundstimmung ist, so rau ist doch oft der Ton, so schroff fällt dieser Blick ins zutiefst Menschliche immer wieder aus. Horcht er in der ersten Suite noch jedem Ton nach, wird der Duktus später affirmativer  und ja, fast ein wenig wütend.

Yo-Yo Ma (Foto: Todd Rosenberg)

Yo-Yo Ma (Foto: Todd Rosenberg)

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„Die Königsdisziplin des Singens“

Festtage 2016: Die Staatskapelle Berlin mit Jonas Kaufmann sowie Werken von Mahler und Elgar

Von Sascha Krieger

Spricht man derzeit über die größten Tenöre des Planeten, fällt unweigerlich der Name Jonas Kaufmann, in der Regel als erster. Kaufmann hat alles, was ein Opernstar braucht: Er brilliert in Wagner-Rollen und den großen italienischen Partien gleichermaßen, gilt als außergewöhliches darstellerisches Talent und sieht auch noch unverschämt gut aus. Dann kommt er nach Berlin, zu den Festtagen der hiesigen Staatsoper, und das Programmheft zitiert ihn  mit den Worten, er betrachte das Kunstlied als die „Königsklasse des Singens“. Nein, nicht Wagner, Puccini oder Verdi, sondern Schubert und Mahler. Wenn sich der Saal der Philharmonie zur Pause lehrt, fällt es schwer, ihm zuzustimmen. Der Meister der großen Gesten und des strahlenden Tons, er hat soeben ein so intimes musikalisches Bekenntnis abgeliefert, wie man es auch in vielen Jahren und tausenden Konzertbesuchen vielleicht nur ein einziges Mal erlebt.

Jonas Kaufmann (Foto: Gregor Hohenberg)

Jonas Kaufmann (Foto: Gregor Hohenberg)

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Der steinige Weg zum Abschied

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker mit Mahlers neunter Symphonie bei den Festtagen 2016

Von Sascha Krieger

Es ist mittlerweile schon Tradition: Wenn die Berliner Staatsoper um Ostern herum ihre Festtage durchführt, sind die Wiener Philharmoniker mit dabei. Das Orchester und den musikalischen Leiter des Berliner Opernhauses, Daniel Barenboim, verbindet eine lange und intensive Beziehung, die den Klangkörper immer wieder nach Berlin zieht – auch für 2017 ist das Orchester wieder fest gebucht. In den vergangenen Jahren blieben die Wiener bei ihren Berliner Gastspielen meist in ihrem Kernrepertoire: viel Mozart, ein bisschen Schubert, kein Risiko. Das ist in diesem Jahr anders: Mit Gustav Mahlers neunter Symphonie steht ein Werk auf dem Programm, welches das Orchester aus seiner Komfortzone holt, eines, für das auch dieses Spitzenensemble hellwach sein muss und bei dem es nicht allein schon mit seinem einzigartigen Klang verzaubern kann. Mahlers Neunte ist harte Arbeit und das ist in jeder der rund 80 Minuten zu spüren.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Bild: T. Bartilla)

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Brodelndes Leben

Zweimal Daniel Barenboim bei den Festtagen 2014: mit der Staatskapelle Berlin und Plácido Domingo sowie mit Martha Argerich

Von Sascha Krieger

Welch ein Unterschied: Eine Woche ist es her, da stand Daniel Barenboim beim Eröffnungskonzert der Festtage 2014 am Pult der Wiener Philharmoniker und dirigierte Mozart: Schwer, bedeutungheischend, gewichtig, zuweilen auch erdrückend war seine Interpretation der drei letzten Sinfonien des Salzburgers. Um jeden Preis, so schien es, wollte Barenboim jeglichen Eindruck der Leichtgewichtigkeit vermeiden und begrub unter der Last so manches, was Mozart bis heute so populär, aber eben auch so bedeutsam machte. Wie anders ist nun dieser Mozart, den Barenboim zu Beginn seines Festtage-Konzerts mit der Staatskapelle Berlin zu Gehör bringt: hell und leicht ist der Klang, mit dem die Staatskapelle die Maurerische Trauermusik in c-Moll füllt, klar klingen Streicher und Holzbläser, es ist keine schwere, pathosgetränkte Trauer, die diese Musik verströmt, sondern ein zartes, sehnsuchtsvolles Gefühl des Verlusts, der verlorenen Lebensfülle, die dieses kaum fünfminütige Stück so spürbar macht. Die musikalische Komplexität, die Mozart auf engstem Raum komponiert hat – Barenboim breitet sie in allem klanglichen Reichtum aus, ohne je aufzutrumpfen. So voll und zugleich transparent im Ton, so kraftvoll und gleichzeitig lichtdurchflutet war die Staatskapelle lange nicht mehr zu hören.

Vierhändige Zugabe: Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin (Foto: Holger Kettner)

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

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Fehlende Fallhöhe

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2014

Von Sascha Krieger

Jubiläen sind dazu da, gefeiert zu werden. Daran halten sich Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker ausgiebig, wenn sie jetzt seit 25 als Dirigent und Orchester zusammenarbeiten (die Beziehung des Klangkörpers mit dem Pianisten Barenboim dauert nun schon bald 50 Jahre), ausgiebig: Zunächst durfte Barenboim das diesjährige Neujahrskonzert leiten, jetzt eröffnen sie gemeinsam die diesjährigen Festtage der Staatsoper Unter den Linden. Mitgebracht haben die Musiker aus der Geburtsstadt der Wiener Klassik einen österreichischen Nationalheiligen: Das Programm ist ganz Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet, dessen drei letzte Sinfonien in der Berliner Philharmonie erklingen. Die Kernkompetenz also dieses bis heute elegantesten der großen Orchester, dessen weltberühmter Streicherklang sich hier so richtig austoben kann. Doch wer gemeint hätte, hier würde vor allem angenehmer und geschliffener Wohlklang zelebriert, Mozart auf das Podest vollendeter Klangkultur gestellt, sieht sich schnell getäuscht. Vom ersten Takt an versuchen Barenboim und die Philharmoniker Mozart eine Substanz und Ernsthaftigkeit einzuhämmern, die dem Salzburger schon längst keiner mehr abspricht. Koste es, was es wolle.

Daniel Barenboim dirigiert die Wiener Philharmoniker (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim dirigiert die Wiener Philharmoniker (Foto: Thomas Bartilla)

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