Archiv der Kategorie: Euripides

„Nicht auf die Helenas treten!“

Theatertreffen 2018 – BEUTE FRAUEN KRIEG. Fassung unter Verwendung von „Die Troerinnen“ von John von Düffel nach Euripides und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima nach Euripides, Schauspielhaus Zürich (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Reden wir über Geschlechterrollen. Muriel Gerstners Bühne ist ein Laufsteg, eine Einrichtung eng verbunden mit Aufgaben, welche die patriarchale Tradition der Frau zuschreibt: gut aussehen und die Klappe halten. Zumindest letzteres werden sie an diesem Abend nicht tun. Rastlose streichen sie umher, neben dem Laufsteg, außerhalb ihre Rollenvorgabe. Die Zuschauer hören, wenn sie ihre Plätze eingenommen haben, monologische Fragmente, Sprachfetzen vom Leiden, vom Krieg, vom Tod. Zu hören sind sie nur über die bereit liegenden Kopfhörer, wer sie nicht trägt, für das bleiben die Frauen, die sich in den allzu realen Kriegs- und Machtspielen der Menschheitsgeschichte wiederfinden, das, was sie immer waren: stumm. BEUTE FRAUEN KRIEG basiert auf zwei Euripides-Dramen zum Trojanischen Krieg und fokussiert voll und ganz auf die Perspektive der Benutzten, Geschändeten, Vergessenen. Der Mädchen und Frauen. Alibis, Menschenmaterial, Spielfiguren im Machtmonopoli der Männer. Derer, die, wie es einmal heißt, „unsichtbar sterben“. Es sind die Sieger und diese stets Männer, die Geschichte und Geschichten schreiben. Der Mythos von Troja ist eine Erzählung über männliche Helden. Nicht hier.

Karin Henkel (Bild: Anne Zeuner / Salzburger Festspiele)

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Ballonhund im Techno-Rausch

Mania, frei nach „Die Bakchen“ von Euripides, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Miloš Lolić)

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Hie ist der Name Programm. Manisch geht sie los, Milos Lolićs auf bequeme 90 Minuten eingedampfte Euripides-Reduktion nach dessen Bakchen, in denen sich der rationale Vernunftherrscher Penthaus mit dem Lust- und Sinnlichkeitskult des Gotten Dionysos anlegt und die Trennung von Kopf und Körper, Rationalität und Gefühl unweigerlich in die Katastrophe führt. Das ist natürlich um einiges zu vereinfachend beschrieben und passt doch ganz gut zu Lolićs Ansatz. Hart wummern die Bässe, das Ensemble ergibt sich dem Techno-Rausch, die programmatischen Worte, die Till Wonka in ein Magenta-farbenes Mikrofon stammelt, kommen ihm nicht nur stockend und unter größten Mühen, sie erreichen auch bestenfalls nur die ersten paar Zuschauerreihen. Irgendwann tritt Aleksandar Radenković, der zuvor mitgetanzt hatte, zur Seite, die Musik verstummt, er, der nun den Pentheus gibt, fragt, wie lange da nun so weitergehen solle. Nun regiert das Wort, die rationale Auseinandersetzung, statt des sinnenfrohen Rauschs der Körperlichkeit.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

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Der Preis der Freiheit

Theatertreffen 2013 – Euripides: Medea, Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

„Theatertreffen Fünfzig“: Wer derzeit durch Berlin geht, kommt kaum an den türkisfarbenen Plakaten vorbei, mit denen das Theatertreffen seine fünfzigste Ausgabe bewirbt. Eine Reihe unterschiedlicher Aktionen und Veranstaltungen widmet sich dem Jubiläum und auch die Eröffnung passt da gut ins Konzept. Vor sechs Jahren war Michael Thalheimer mit seiner Berliner Orestie eingeladen und sorgte damit nicht nur für eine der wichtigsten und einflussreichsten Inszenierungen der jüngeren Theatergeschichte: Spätestens seit damals gilt Thalheimer als großer Tiefenschürfer, Stückeverdichter und Kernoffenleger unter den deutschsprachigen Regisseuren. Und mit seiner damaligen Klytämnestra Constanze Becker ging 2007 auch ein Schauspielerinnen-Stern auf, der bis heute unverändert hell strahlt. Da geht so mancher Blick zurück, wenn Thalheimer jetzt das fünfzigste Theatertreffen mit einer weiteren Antikenarbeit eröffnet – und erneut mit Constanze Becker. Medea, diese bis heute rätselhaft und unverständlich gebliebene und wohl auch deshalb so oft und immer wieder umgedeutete Geschichte einer Mutter, die zur Kindsmörderin wird, haben sie, die mittlerweile beide am Schauspiel Frankfurt arbeiten, im Gepäck. Und wieder ist es eine Reise tief ins Innere von Stück und Mythos geworden und auch zum Mittelpunkt des Menschseins. Und doch ist die Medea so anders als das damalige Kunstblutfest: düster, kühl, konzentriert. Aber eben auch nicht weniger intensiv, dicht, nahegehend, wahr.

Foto: Birgit Hupfeld

Foto: Birgit Hupfeld

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Machtspieler

Sophokles, Euripides, Aischylos: Ödipus Stadt, Deutsches Theater Berlin (Regie Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

„Macht Gewalt Demokratie“: Unter dieses Motto hat Intendant Ulrich Khuon die neue Spielzeit am Deutschen Theater gestellt und Stephan Kimmig hat einen Eröffnungsabend inszeniert, der zurückführt in die Geburtsstunde des Dramas, die griechische Tragödie, ein Theater, das aus der Athener Demokratie entstand und in dem es immer um die Verstrickung des Menschen, vor allem jene in Gewalt und Macht geht. Das gilt nirgends mehr als im Mythos um das Geschlecht der Labdakiden. Und so überrascht es nicht, dass alle drei großen Tragöden, Sophokles, Euripides, Aischylos, sich mit diesem Mythos befasst haben, mit Ödipus, Kreon und Antigone, diesen Schuldbeladenen, die stets Opfer aber eben immer auch Täter sind. John von Düffel hat aus vier dieser Dramen, darunter Sophokles König Ödipus und Euripides‘ Antigone ein zweieinhalbstündiges Destillat geschaffen, das in drei Teilen daher kommt: Der erste erzählt die Geschichte von König Ödipus, der unwissend seinen Vater erschlug und die Mutter ehelichte, die zweite vom Bruderzwist von Ödipus‘ Söhnen, die dritte vom Konflikt zwischen dem neuen König Kreon und Antigone, die ihren abtrünnigen Bruder bestatten will. Immer geht es dabei um Gewalt und stets auch um Macht – um die, die sie ausüben, jene, die sie anstreben, jene, die unter ihr leiden. Und immer auch um das, was sie mit jedem von ihnen anstellt. Stephan Kimmig inszeniert das als hemdsärmeliges Kammerspiel, in dem er dem großartigen Ensemble viel Raum lässt, Konstellationen durchzuspielen, Nuancen auszuloten und unter die Oberfläche zu blicken. Und er erbringt dabei den Beweis, dass sich Regie- und Schauspielertheater nicht ausschließen müssen.

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