Archiv der Kategorie: Ersan Mondtag

Nummernrevue der Deutungsversuche

Bertolt Brecht: Baal, Berliner Ensemble (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Beziehung zwischen Regisseur und Theater ist eine seltsame und oft nicht rational zu erklärende: Warum gelingen dem gleichen Künstler an einigen Häusern reihenweise Meisterstücke der Regiekunst, während er an einem anderen immer wieder scheitert. Nach zwei Arbeiten am Berliner Ensemble ist es nun auch an Ersan Mondtag, dem Regie-„Wunderkind“ der vergangenen Jahre, dem dystopischen Albtraumschürfer betörender und verstörender menschlicher Unterwelten, diese Frage gestellt zu bekommen. Nun ist es an Bertolt Brechts Haus gemeinhin nicht ganz so einfach, Werke des einstigen Hausherrn zu inszenieren, schauen die Brechts und Weigels und Berghause und Peymanns quasi immer über die Schulter des Nachgekommenen. was den mit reichlich Selbstbewusstsein ausgestatteten Regisseur normalerweise nicht anficht. Und so sieht auch sein Baal erst einmal aus wie ein „echter Mondtag“. Seine Bühnenräume sind der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Diesmal haben sie – Brecht zu Ehren – eine dezidiert expressionistische Anmutung: eine verzerrt klaustrophobische Stadtminiatur mit sich auftürmenden Häuserschläuchen in grellen Farben, ein Ba(a!)r-Intérieur mit bis zur Decke reichenden Flaschen-Wänden, eine gespenstische Gruft mit einer riesenhaften teufelsbehörnten zweitterhaften Barbiepuppe, ein kahler Wald mit Illuminatenhütte.

Bild: Birgit Hupfeld

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Der letzte Schritt

Ersan Mondtag: De Living, NTGent / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Wäre Samuel Beckett Küchenarchitekt gewesen, hätten seine Kreationen vielleicht nicht so ausgesehen, aber sie hätten sich so angefühlt. In Ersan Mondtags neuer Arbeit, entstanden an Milo Raus NTGent, ist die Küche eine Art Vorhölle, der letzte Warteraum vor der Auslöschung. Die Wände mit einer Tapete voller fröhlicher Blumen und singender Vögel, der Boden ein strenges Schachbrettmuster, der Rest der Ausstattung geprägt von der die eigene Nichtpräsenz anstrebenden Sachlichkeit schwedischer Möbelhäuser. Eine bleierne Schwere liegt in der Luft, wie bei Beckett ist unklar, ob es eine Welt da draußen noch gibt, das laute Vogelgezwitscher kommt von drinnen, aus dem Vogelkäfig in der Ecke – oder vom Band. Und wenn es sie gibt, wäre sie relevant? Nicht für die Frau, die zunächst am Küchentisch sitzt . Minutenlang ohne jede Regung, bevor sie, kaum merklich zunächst, zu zittern beginnt, langsam aufsteht, zu Boden sinkt, immer wieder für längere Zeit wie einfrierend, am Ende den Gasherd anschaltet und den Kopf hineinschiebt, bis ihre Arme schlaff herunterfallen. „Die Frau mit dem Kopf im Gasherd“ – auch Heiner Müller ist in dieser Küchenzeilen-Apokalypse nicht weit.

Bild: Birgit Hupfeld

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Bonbons der Selbstabschaffung

Thomaspeter Goergen nach Oscar Wilde (mit Texten von Orit Nahmias): Salome, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

So genannte abendländische Kultur, wir müssen reden. dein Frauenbild, weißt du. Das geht ja schon da los, wo wir immer vermuten, dass du deinen Ausgang hättest, geschichtsvergessen, wie wir in die Welt, die du schufst, Hinterhergeworfenen sind. Dieses Werk ohne Autor, dieses Buch mit den zwei Testamenten. Adam und Eva und so. Die Frau als Ursünderin, als Instinkt und Irrationales und zu bezwingende Natur. Ja, deine konstituierenden Frauengestalten gehen nicht mehr so recht. Es wird höchste Zeit, dass du und dein großes schwarzes Buch mal ihren #MeToo-Moment bekommen. Nehmen wir Salome. Stieftochter des Herodes, Mörderin des Täufers. Die verschmähte Liebende, die irrational impulsive Rächerin, die Verführerin, destruktive „Natur“ durch und durch. Gut gehalten hat sie sich, auch wenn die Oscar Wildes und Richard Strauss‘ dieser Welt die Geschichte neu interpretieren – die Titelfigur blieb, was ihr von Beginn an unterstellt wurde. Dabei hätte sie ihre eigenen #MeToo-Geschichten zu erzählen, ist sie doch Spielball, Opfer, Sündenbock widerstreitender Mächte, männlicher ideengeschichtlicher Blöcke, Opfer sexuellen Missbrauchs und seelischer Demütigung, eine Benutzte und Weggeworfene, vom männlichen Blick Definierte und aller eigenen Wertigkeit Beraubte.

Bild: Esra Rotthoff

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Albtraum ohne Ausweg?

Ersan Mondtag (Text von Alexander Kerlin und Matthias Seier): Das Internat, Schauspiel Dortmund (Regie: Ersan Mondtag) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

Das einzige leben kommt vom Band. Tierschreie, Rabenrufe in Dunkler Nacht. Irgendwo da draußen ist die Natur, ruft von fern und kann doch nicht hinein. Hier sind die Bäume verdorrt, verwandelt sie sich, gemalt an die Wußenwände in damönische Wesen mit glutroten Augen, so wie jene, die den Platz der Duschen eingenommen haben, in jenem gelbgekachtelten Raum der Reinigung derselben gedrillten Körper, die an gleicher Stelle gequält werden. Körpern, denen das Lebendigsein wohl abzusprechen ist. Ersan Mondtag ist ein düster-gothischer (in der Doppelbedeutung des Wortes) Schauerort, ein Raum der Entmenschlichung und De-Individualisierung, der Gewalt und mechanischen Machtausübung. Ein abweisender Ort, mehr Burg, Festung als Aufenthaltsort junger Menschen. Die Drehbühne bewegt sich fast unaufhörlich, lenkt den Blick auf Zinnen und gothische Gänge, einen unheimlich hohen Schlafsaal mit Vierfachstockbetten, einen Speisesaal, besagten Duschraum. Ein dunkler Albtraumort mit schiefen Konturen, in gemaltem Blau-Schwarz gehalten mit gelegentlichen blutroten Einsprengseln. Genauso die Uniformen der Figuren, Schüler, nein, Insassen eines Internats ohne Erwachsene. Die Gesichter zu austauschbaren Untoten geschminkt, die Körper, in Mondtag-typischen Bodysuits steckend, ebenso.

Bild: Sascha Krieger

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Die Angst vor dem Wald

Ersan Mondtag: Die letzte Station, Berliner Ensemble (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Ersan Mondtag ist ohne Zweifel einer der spannendsten Theatermacher unserer Zeit, einer, der seh- und Rezeptionsgewohnheiten aufbricht, der neue Wege sucht und das Gegebene hinterfragt. Es sind Leute wie er, welche die Theatergeschichte bestimmt, verändert, neu ausgerichtet haben. Ob ihm das auch gelingen wird, steht noch in den Sternen, das Potenzial, das zeigen etwa seine beiden zum Theatertreffen eingeladenen Arbeiten, hat er. Das Selbstbewusstsein auch. Denn Mondtag stößt so manchen nicht nur mit seinen äußerst kompromisslosen Inszenierungen vor den Kopf, sondern auch mit seinen, sagen wir es vorsichtig, äußerst selbstbewussten Interviews. Das schmeckt nicht jedem und das ist erst einmal sehr gut in einem Sektor, der viel zu oft die Augen davor verschließt, welch winzige Bedeutung ihm im gesellschaftlichen Ganzen mittlerweile zukommt. Mondtag interessieren die Routinen, Traditionen, das „Haben wir schon immer so gemacht“ nicht. Er will das machen, was er für richtig hält. Ohne Rücksichten, ohne Blick zurück. Das soll ja angeblich eine Eigenschaft großer Künstler*innen sein.

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Bild: Armin Smailovic

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Hundewelpen im Paradies

Theatertreffen 2017 – Olga Bach: Die Vernichtung, Konzert Theater Bern (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das Paradies ist verloren, schon bevor wir den ersten Blick darauf werfen konnten. Dunkel bleibt die Bühne, nur zaghaft kämpft sich fahles Licht durch den Neben, während Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem ertönt. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. So erschütternd klar hat wohl kaum einer die Erkenntnis der menschlichen Vergänglichkeit jemals in Töne gesetzt. Bei Ersan Mondtag werden diese nun zum Soundtrack des Zuendegehens. Noch bewegt sich die Schaukel in Erinnerung an gerade noch präsentes – oder imaginiertes? – Leben, doch ansonsten bleibt es leer, das Paradies, mit seinem schilfumrandeten Teich, den antiken Statuen – darunter eine Büste des Regisseurs, der gern mit seiner Eitelkeit kokettiert – den Bäumen und Blumen und der schwingenden Schaukel ist leer. Und künstlich. Der aufgemalte Himmel entpuppt sich als abstrakte Farbflächen, alles ist ein wenig zu perfekt, zu bunt, zu schön zu lebendig. Nein, Leben ist hier keines, auch nicht nachdem wie in einem Schöpfungsakt ein kuppelartiges Eingangstor vier nackte Menschenwesen in den Garten spuckt. Nackt? Ja und nein. Denn die Haut, die baumelnden Genitalien sind hauchdünne Anzüge, grell bemalt wie die Gesichter. Expressionistische Zerrbilder unschuldiger Menschenwesen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Die Welt ist ein Horrorhaus

Nach Sophokles: Antigone und Ödipus, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Familie als Schoß allen Übels. Am Deutschen Theater spürt Sebastian Hartmann in seiner Ibsen-Strindberg-Heine-Collage Gespenster gerade den dunklen Abgründen dieser essenziellsten aller sozialen Einheiten nach, (fast) nebenan am Gorki tut Ersan Mondtag in seiner ersten Regiearbeit in seiner Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und Machtverhältnisse heraus. Da ist der Schritt zur vielleicht dysfunktionalsten aller Familien der Literaturgeschichte, den Labdakiden (ja, der Atriden-Clan um Agamemnon und Co. ist ein würdiger Rivale) nicht weit. Ödipus, der als Säugling verstoßene Königssohn, der alles richtig machen will und gerade dadurch zum Vatermörder und Mutterschänder wird, seine Söhne, die sich im Machtkampf gegenseitig töten, die Schwester, die um der Brüder und der Tradition willen das Gesetz des Onkels missachtet: Sie alle presst der Regisseur in gut 90 Minuten, legt sie unter ein Mikroskop, das das Kleinste, Lächerlichste vergrößert und plötzlich zum bitter-fatalisten Gesellschaftsbild aufpumpt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Im Haus der toten Augen

Theatertreffen 2016 – Ersan Mondtag: Tyrannis, Staatstheater Kassel (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Dunkel, in der Ferne singen Vögel. Der Zuschauer blickt in ein Wohnz- und Esszimmer, dahinter eine Küche, eine Terrassentür, Birken. Das ist bestenfalls zu erahnen. Das Haus schläft, ebenso seine Bewohner, beobachtet von Überwachungskameras in den übrigen, verborgenen Räumen. Die ersten 20 Minuten von Ersan Mondtags Tyrannis sind ei9ne Geduldsprobe – und eine Übung im Hinschauen und Hinhören, im Aushalten der Stille. Friedlich ist sie, diese Idylle, und doch liegt hier sofort eine Spannung über der Szenerie, die sich kaum definieren lässt. Liegt es an der erahnbaren Spießigkeit des Ambientes oder an der Enge des Bühnenraums? So weit er zu reichen scheint, so klar ist er abgegrenzt. Er ist eingezwängt in einen schweren, massiven Holzrahmen mit niedriger Decke. Fast wie eine Miniatur im Fach eines überdimensionalen Setzkastens. Hübsch anzuschauen, aber unbeweglich, künstlich, tot.

Bild: Nils Klinger

Bild: Nils Klinger

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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