Archiv der Kategorie: Elfriede Jelinek

Wegschauen ist nicht

Theatertreffen 2018 – Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Schauspielhaus Hamburg (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Eine Bank vor dem eisernen Vorhang. Die Deutsche wird man sie später nennen. Zunächst ist sie aber einfach nur Ilses. Ilse Ritter, genau genommen, ja die, die in einem Stücktitel Thomas Bernhards vorkommt. Blind sei sie und sei es nicht, sagt sie. Wie wir alle. Es ist Elfriede Jelinek, die da spricht, und ist es nicht. „Autorin“ heißt sie in ihrem neuen riesenhaften Textflächenstück. Ein Alter Ego, eine Projektion, ein Experiment und eine Selbstbefragung. Die der ganze Text ist. Am Königsweg ist das Ergebnis und die Beschreibung einer Verstörung. Die einen Namen hat, die Jelinek in ihren fast 100 dichtbeschriebenen Seiten nicht benennt. Ihr Publikum kennt den Namen. Hier heißt er „König“. Ein gewählter wohlgemerkt. Aber wie konnte das eigentlich passieren, wer hat ihn gewählt und warum und wo stehen „wir“, die aufgeklärte Intelligent, die zivilisierte, liberale Mehrheit, für die „wir“ uns bislang hielten? Welche Schuld trifft „uns“ und was können „wir“ jetzt tun? Am Königsweg ist ein ratloser und wohl auch deswegen besonders rastloser Text, einer, der sucht und sucht und doch nicht findet. Eine Infragestellung von Gewissheiten, die immer wieder auch die „Autorin“ trifft, um ein Zentrum kreist, das sich nicht fassen lässt, nicht still steht aber auch nicht von der Stelle kommt.

Bild: Arno Declair

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Elfriede Jelinek… verzweifelt gesucht

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wurde Donald J. Trump, Immobilienmogul und Reality-TV-Star, zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Noch am gleichen Tag soll Elfriede Jelinek mit der Arbeit an Am Königsweg begonnen haben. Darin stellt sie nicht nur die Frage, wie es zu Trumps Wahl kommen konnte und was mit einer Gesellschaft passiert sein muss, die derart leichtfertig mit ihrer demokratischen Macht umgeht, sondern hinterfragt auch sich selbst, ihre Rolle als Autorin, ihre Unsicherheit und Ohnmacht, die Sinnhaftigkeit dieses ihres Tuns. 80 Seiten stark ist die Textfläche, so lang wie fast eineinhalb Hamlets, wie Robin Detje im Programmheft errechnet hat. Ein wie immer assoziationsstarker Text voller Wortspiele, die diesmal nicht selten am Rande der Verzweiflung und Resignation entlang balancieren, Gedankenschlangen, die sich selbst und gegenseitig auf die Füße treten, in den Schwanz beißen und in die Weichteile boxen. Ein offenes Schlachtfeld persönlicher wie kollektiver Verunsicherung.

Bild: Arno Declair

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Das errungene Wir

Elfriede Jelinek: WOLKEN.HEIM. Und dann nach Hause, bat-Studiotheater, Berlin (Regie: Branko Janack)

Von Sascha Krieger

„Wer ist ‚wir‘?“ So beginnt eine Passage aus Thomas de Maizières Gatbeitrag zum Thema einer „deutschen Leitkultur“, erschienen auf Zeit Online im April 2017. In der Folge definiert de Maizière das deutsche „Wir“ über die, die alle nicht dazugehören. Gar nicht, wie jene, die sich „nur“ eine gewisse Zeit im Land aufhielten. Oder nicht vollständig wie die, „die seit langer Zeit hier leben, ohne Staatsbürger zu sein.“ Auch diese, so der Innenminister weiter, gehörten zu „unserem Land“, Teil des „Wir“ seien sie jedoch nicht. Elfriede Jelinek weiß das schon länger. Bereits vor 30 Jahren schrieb sie WOLKEN.HEIM, das, ersten Beispiel von Jelineks assoziativen Textflächen fürs Theater, um eben dieses „Wir“ kreist. Zunächst freundlich, Gemeinschaft konstituierend. Doch schnell kommt jene andere Seite des Wir dazu: das Ihr, die die nicht dazugehören und damit das Wir-Sein erst möglich machen. Ohne Abgrenzung vom „Anderen“ keine Identität. Keine individuelle und erst recht keine kollektive. Von Hölderlin bis zur RAF reicht das Textmaterial, das Jelinek aufschüttet. Von Identitätsromantik über Heldenpathos bis zu ideologisch grundierter Gewalt. Angesichts des Weges, den der deutsche Nationalismus von 1848 bis 1933 zurücklegte, kein unpassendes Spielfeld.

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Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Selfie mit Jesus

Elfriede Jelinek: WUT, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Martin Laberenz)

Von Sascha Krieger

Wir leben, das hört man ständig, im Zeitalter der Wut. Ob der „heilige Zorn“ selbsternannter Gotteskrieger oder das angsterfüllte Aufbegehren abendländischer „Kulturverteidiger“, für die der schöne Begriff des Wutbürgers verniedlichend herhalten darf, ob Paris, Brexit oder Trump: Die Wut ist überall, sie zündelt an allen Stellen und in alle Richtungen, gibt es einen Konflikt, steht Wut gegen Wut. Nach den Pariser Anschlägen gegen die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt hat Elfriede Jelinek versucht, sich mit dieser Wut auseinanderzusetzen, die Frage gestellt, woher sie kommt und was sich mit ihr anfangen ließe. Heraiusgekommen ist ein selbst für ihre Verhältnisse ungewöhnlich mäandernder Text, ein ausfransendes Konvolut offener Enden, in dem der Bogen von Prometheus und dem heldengebährenden Zorn der Ilias reicht bis zum „Gotteskrieg“ als Sinnangebot und der individuellen Frustration als Wutquelle. Pegida kommt vor, der Widerstreit zwischen religiösem Bilderverbot und der Bilderflut als Waffe, Gott wird angerufen, wetteifert mit sich selbst oder, je nach Perspektive, den göttlichen Rivalen, Jesus lässt sich kreuzigen und macht dabei ein Selfie von sich. Ein völlig überladener Eintopf postmoderne Verunsicherung. Der Text als Instrument der individuellen wie kollektiven Selbstbefragung, als Mittel der Analyse und als sein eigenes Symptom.

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Die Rache des schönen Scheins

Elfriede Jelinek: Schatten (Eurydike sagt), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Katie Mitchell und Elfriede Jelinek: Gäbe es ein Spiel, die unpassendsten Regisseur*in-Autor*in-Kombinationen zu finden, stünde diese zumindest auf der Shortlist. Ja, beide Künstlerinnen sind glühende Feministinnen, womit ihre Gemeinsamkeiten auch schon zu Ende sind. Auf der einen Seite die assoziationsstarke Wortwanderin, die mäanderne Sprachakrobatin, deren Texte sich selbst über die Seiten jagen, in den Schwanz beißen, ins Wort fallen und ins Straucheln bringen, abschweifen, in Sackgassen enden und ihre eigenen Grenzen niederreißen, bevor sie ganz anderswo landen, ohne genau zu wissen, wie sie dort hingekommen sind. Auf der anderen die Meisterin der Bilderzeugung, deren Theater in erster Linie visuell ist, über das Bild und dessen Verfertigung spricht. Wie soll das zusammen gehen?

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

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Stets bemüht

Nach Aischylos und Elfriede Jelinek: In unserem Namen, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Der Fisch ist also schuld, diese „Quasten-Fotze“. Er war damals, vor Millionen von Jahren der erste Flüchtling, als er aus dem Wasser stieg und sich breit machte, hier auf unserem Land. Verpissen soll er sich, brüllt Thomas Wodianka ihm entgegen, am Ende eines Wutmonologs, in dem er die deutsche Immigrationsgeschichte bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgt hat. Er wütet gegen die Römer mit ihrer effizienten Verwaltung, die Hugenotten mit ihrer Kultur, die Polen („Die kommen her und reparieren alles!“) und so weiter. „Brauchen wir alles nicht“, meint er und: „Ist zu voll hier!“ Verpissen sollen sie sich alle, wegbleiben „mit ihren … Ideen“. Begonnen hatte der Monolog mit Zitaten „besorgter Bürger“, deren „Argumente“ Wodianka nun konsequent weiterführt und so ad absurdum führt. Das ist wirkungsvoll, aber – zumindest für alle, die Wodiankas Suada in Small Town Boy noch im Ohr haben – eben doch ein wenig energiearm, wie mit angezogener Handbremse dargeboten. Das liegt natürlich daran, dass diese Wutrede eben im Gegensatz zur früheren ironisch verkehrt ist. Doch kann sie die Betriebstemperatur des Abends nur wenig erhöhen.

Foto: Oliver Feldhaus

Foto: Oliver Feldhaus

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Blick in den Spiegel

Autorentheatertage 2015 – Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, Burgtheater Wien (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Welch ein Unterschied: Hatte Nicolas Stemann in seiner Hamburger Uraufführungsinszenierung Elefriede Jelineks Text Die Schutzbefohlenen, eine Auseinandersetzung mit der Behandlung von Flüchtlingen nicht nur in ihrem Heimatland,  aufgefächert, ins Weite, auch schon mal ins Leere laufen, ausufern lassen, ihn hinterfragt, sich von ihm distanziert, ihn ironisiert, um ihn gleich darauf wieder ernst zu nehmen, wählt Michael Thalheimer für seine österreichische Erstaufführung den entgegengesetzten Weg. Bei ihm ist alles Verdichtung, Einengung, Zudrehten auf ein Kraftzentrum, das leicht zum Schwarzen Loch werden kann. Das geht auf Kosten des Themen- und Assoziationsreichtums. Die Multiperspektivik, die der Text bietet, das Pendeln zwischen der (imaginierten) Innensicht der Flüchtlinge und der Außensicht der „Mehrheitsgesellschaft“, der natürlich auch die Autorin angehört, interessieren Thalheimer wenig. Bei ihm sprechen nur die Flüchtlinge, jene, die wir nur allzu gern zu Opfern machen, lässt sich mit diesen doch viel leichter umgehen, als wenn wir sie wahrnähmen als Menschen. Schwarz in der sich nach hinten verengende Raum mit seinen riesigen Wänden, den Olaf Altmann gebaut hat. Einziges Tor in ein nie genauer definiertes Außen, einzige Lichteinfallquelle ist ein Kreuz an der Rückwand, durch das sie taumeln, ins Wasser stürzen, sich langsam wieder emporrappeln. Es wird lange dauern, bis sie sich erlauben, aufrecht zu stehen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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„Die Wahrheit spricht nicht.“

Autorentheatertage 2015 – Elfriede Jelinek: Das schweigende Mädchen, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Es ist eine spannende Konstellation: Die sprachbesesessene Elefriede Jelinek schreibt ein Stück über eine Frau, die sich der Sprache versagt. Das Schweigen als Sujet und Mittelpunkt eines 220-seitigen Sprachflusses. In Das schweigende Mädchen nähert sich die Literaturnobelpreisträgerin Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten des Münchner NSU-Prozesses, und sie tut es natürlich nicht. Ihr Text kreist um die sprachliche Leerstelle, die schnell Ausdruck einer viel größeren, lägst nicht mehr persönlichen Leere wird. Das Schweigen, insbesondere das kollektive, ist nicht zum ersten Mal ihr Thema, schon in Rechnitz (Der Würgeengel) ging es um das Verdrängen, Hinausdrängen, Ausstoßen durch Sprachverweigerung und –deformation. Die Sprache als Sinneröffnerin, -verdreherin, -möglichmacherin ist bei Jelinek stets auch ihr größter Feind und doch der einzige Weg, sich dem zu stellen, auch entgegenzustellen, was der Mensch in der Lage ist sich selbst anzutun. Ihre Vorliebe für Wortkaskaden, die sich gegenseitig in selbiges fallen, für Wortspiele, die schnell zu Worternst werden, für weitläufige Assoziationsketten, die oft über die sprachlich-phonetische Ebene laufen, sind teil einer Suchbewegung nach dem, was das Schweigen oder eben der totalitär utilitaristische Einsatz von Sprache verdecken.

Die Münchner Kammerspiele (Foto: Sascha Krieger)

Die Münchner Kammerspiele (Foto: Sascha Krieger)

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