Archiv der Kategorie: Einar Schleef

Auf dem Weg zur Selbstabschaffung

Einar Schleef: Gertrud, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin / Schauspielhaus Bochum (Regie: Jakob Fedler)

Von Sascha Krieger

Gertrud(e). Mutter. Was ist es an diesem Namen, das diese Verbindung sofort aufkommen lässt? Hamlet. Einar Schleef. John Updike. Frauen mit diesem streng, irgendwie freundlich klingenden Namen sind in der Literatur Mutterfiguren und nie besonders einfache. Nun ist daran eher Shakespeare schuld als Einar Schleef. Dessen Mutter, dem er sein 1000-seitiges Opus magnum gewidmet hat, hieß nun einmal so. Da lässt sich nichts machen. Und doch schwingt jene andere irgendwie auch mit, wenn sich diese durch ihr Leben mäandert und durch die Zeiten springt, in einem einzigartigen Gedankenstrom, der ein Leben in fünf Welten als Erinnerung greifbar, verstehbar, (be)deutbar zu machen versucht. Die Frau, die im Kaiserreich geboren wurde und in der wiedervereinigten Bundesrepublik starb, doppelte Mutter oder eher eine fünffache? Denn mit den Zeiten, den Regimes, den Welten, ändern sich auch die Rollen, ihre Rolle als Frau, als Mutter, als Mensch. Und da ist denn auch die andere Gertrud, die ihre Rolle auch mit jedem Machtwechsel neu zu definieren hat. Agierende oder Spielball, Täterin oder Opfer, Mutter, Königin oder was auch immer. Eine Abschweifung natürlich, aber eben eine von unzähligen Ebenen, die Schleefs Roman andeutet, eröffnet, zum Andocken anbietet. Um so riesiger der Kontrast zu diesem verlorensten aller DT-Abende in dieser bislang erschreckend schwachen und unambitionierten Spielzeit. Denn er nimmt weder diesen Faden auf noch sonst einen anderen. Er wankt und schwankt und taumelt durch die herausgerissenen Textfetzen dieses Riesensprachwerks. Ratlos, verständnislos, blind.

Bild: Arno Declair

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Faust im Zeitraffer

Johann Wolfgang von Goethe, Einar Schleef: Droge Faust, Maxim Gorki Theater (Studio), Berlin / Centraltheater Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Da hat sich Armin Petras einiges vorgenommen: Ausgerechnet Einar Schleefs Droge Faust Parsifal, das programmatische Opus Magnum dieses kompromisslosen Theaterextremisten, hat er als Vorlage für seinen neuen Abend gewählt. Und er hat Großes vor: Nichts weniger will er, als die Thesen Schleefs, für die dieser sich Goethes Faust als Kronzeugen gewählt hat, an eben jenem Theaterdenkmal auszuprobieren. Das das nur scheitern kann, verrät schon ein Blick auf die kurzen Textausschnitte aus Schleefs Buch, die den Weg ins Programmheft gefunden haben: So komplex, sprunghaft wie mäandernd und immer wieder widersprüchlich sind Schleefs Gedankenbewegungen, dass einfache Thesen, die sich dann auch noch dramatisch verwerten lassen, kaum extrahiert werden können. Um den Widerstreit von Chorischem und Individualistischem, der von gemeinsamen Werten getragenen Gemeinschaft und dem allein stehenden Individuum, das auf dem Weg von der Antike zu Shakespeare vom Ausgestoßenen zum Helden wird, geht es ihm, darum, wie Goethe versucht, beides zu vereinen,  auch um die Rolle der Frau im Drama und , wie immer, um die Wiedergewinnung des „tragischen Bewusstseins“, das spätestens mit Shakespeare verloren gegangen sei. Diese Verkürzung ist weder völlig zutreffend noch angemessen, mag aber verdeutlichen, mit welchem Monster Petras sich hier anlegt.

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