Archiv der Kategorie: DSO

Kein Wunderkind

Der Pianist Jan Lisiecki debütiert beim DSO unter Tugan Sokhiev

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja die Zeit der musikalischen Wunderkinder vorbei, der Menuhins und Barenboims, die schon im Kindesalter die Musikwelt in ihren Bann ziehen. Dann tauchte vor ein paar Jahren ein 15-jähriger Kanadier namens Jan Lisiecki auf, eroberte die größten Konzertpodien der Welt, wurde Exklusivkünstler der deutschen Grammophon. Heute ist der großgewachsechene Blondschopf, Sohn polnischer Einwanderer, 20 Jahre alt. Und auch wenn Lisiecki trotz seiner Körpergröße immer noch aussieht wie ein Teenager, ist da nicht von der ungeschliffen enthusiastischen Virtuosität des Wunderkindes. Was nicht heißt, dass Lisiecki nicht virtuos mit meinem Instrument umzugehen vermag, ganz im Gegenteil. Was vor allem verblüfft, ist Lisieckis analytische Schärfe, sein Ausdrucksspektrum, sein klaren, ungemein nuancenreiches Spiel. Das ist auch bei seinem Debüt mit dem DSO unter Leitung von dessen Chefdirigenten Tugan Sokhiev der Fall. Frédéric Chopins e-Moll-Klavierkonzert steht auf dem Programm und es beginnt nicht gerade vielversprechend: Seltsam unscharf ist der Klang der Orchestereinleitung, unentschieden der Gestus, erst als die Streicher übernehmen, klart das Klangbild etwas auf. Doch das ist nur das Vorspiel: In der Folge wird sich das Orchester darauf beschränken, Lisieckis Spiel zu grundieren, mit leicht dunkel gefärbtem, schlanken, konzentrierten Klang und einem Spiel, das sich immer wieder zurücknimmt. Hier regiert wie stets bei Chopin das Klavier und das ist in den besten Händen.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

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Mit kritischem Blick

Christopher Park debütiert beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Leitung von Christoph Eschenbach

Von Sascha Krieger

Sergej Rachmaninows zweites Klavierkonzert stand lange und steht noch heute im Schatten seines dritten, das vielen bis heute als das schwerste seiner Gattung gilt. Das Zeige dagegen hat den Ruf eines Leichtgewichts, weniger was die technischen Schwierigkeiten angeht, sondern in Bezug auf seine Substanz. Das hat mit seiner Popularität als Filmmusik zu tun, die in den frühen Tagen des Tonfilms begann und bis heute anhält. Christoph Eschenbach und das DSO tun bei ihrem Auftritt in der Philharmonie nicht allzu viel, um dem Klischee entgegenzutreten. Eschenbach lässt die Streicher den Klang dominieren, zielt in die Breite, setzt auf feste, grobe Pinselstriche, einen Sound im Breitwandformat. Er reduziert die Kontraste, zieht den langsamen Satz in die Breite bis an die Grenze zur Behäbigkeit, kreiert einen angenehmen, vollklingenden Fluss, statt Spannung aufzubauen. Es wäre eine unerhebliche, weitgehend uninteressante Interpretation des Werks, wäre da nicht der Solist: Christopher Park, 27 Jahre alt, Sohn deutscher und koreanischer Eltern, eine Art musikalischer Ziehsohn des gelernten Pianisten Christoph Eschenbach. Keiner der zum Star neigt, ein freundlicher ruhiger Zeitgenosse, der nicht viel Aufhebens macht.

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Musikalischer Jungbrunnen

Herbert Blomstedt dirigiert das DSO mit Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Manchmal genügt ein Blick auf den Dirigenten, um eine Ahnung von dem zu bekommen, was den Konzertbesucher erwartet. Auf den ersten Blick wirkt der 87-jährige Herbert Blomstedt fast gebrechlich, doch dann erklimmt er sein Pult mit dem leichten, fast tänzelnden Schritt eines viel Jüngeren. Der Eindruck täuscht nicht: Denn wenn Blomstedt zu Beginn von Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 34, der letztens Mozarts Salzburger Zeit, den Stab hebt, scheint es, als wäre nicht nur der Dirigent in einen Jungbrunnen gefallen, sondern mit ihm gleich das Werk selbst. So jugendlich kraftvoll, so energiegeladen pulsiert das Werk beileibe nicht immer. Der Kopfsatz eilt voran in treibendem Rhythmus, das Orchester spielt klar, präzise, mit schlankem, kompaktem, dunkel grundiertem Klang, der ungeheure Energieentladungen ermöglicht, dynamische Kontrastsetzungen betonen das Dramatische des Satzes, der Mozarts Ouvertüren ähnelt. Wunderbar transparent der zweite Satz, mit viel Zug gespielt, rhythmisch akzentuiert und von einem glasklaren Streicherklang geprägt, wie ihn auch das Deutsche Symphonie-Orchester nicht jeden Tag produziert. Die Pauke bestimmt dann den Ton im Finale, das noch eine Energieschippe drauflegt. Der Klang ist äußerst konzentriert und zugleich erstaunlich offen, das Spiel sehr straff und detailscharf, der Gestus kraftvoll und lebendig mit dramatischen Akzenten. Blomstedt findet dramatische Spannung auf engstem Raum, die schnell den ganzen Satz ansteckt. Klar erkennbar auch die dunkleren Einfärbungen, die in diesem unbeschwerten Werk vorausweisen auf Kommendes.

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Lebensfülle

Pietari Inkinen springt beim DSO kurzfristig für Jaap van Zweden ein und begeistert

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist diese Vorbemerkung gar nicht notwendig, und doch hilft sie womöglich, diesen Abend, das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Ostersamstag 2015, besser einzuordnen: Wenige Tage vor dem Konzert musste Dirigent Jaap van Zweden aufgrund einer Erkältung absagen, so kurzfristig, dass die Programmhefte längst gedruckt waren und nur noch Zeit blieb, den eingesprungenen Pietari Inkinen auf einem losen, eingelegten Blatt vorzustellen. Notwendig erscheint diese Bemerkung, weil sich dem Abend die Tatsache, dass hier ein Dirigent innerhalb weniger al einer Woche ein Programm einen anderen übernahm, in keiner Sekunde anhören lässt. Mehr noch: Wenn dies nicht das aufregendste Konzert der aktuellen – und bislang überaus starken – DSO-Spielzeit ist, dann ist es zumindest sehr nahe der Spitze anzusiedeln. Das lässt sich schon vor der Pause erahnen, als Edward Elgars Liederzyklus Sea Pictures erklingen. Die niederländische Mezzosopranistin Christianne Stotijn überzeugt mit kraftvoller, doch ungemein variabler Stimme, einem klaren, vollen Ton, der die dramatischen wie die lyrischen Passagen beherrscht, wobei letztere noch ein wenig eindrucksvoller gelingen. Doch schon hier ist das Orchester mindestens ebenbürtig. Es nimmt sich zurück und füllt doch den musikalischen wie den Stimmungsraum dieser speziell für Orchester konzipierten Stücke voll aus. Von Beginn an überzeugen die Hell-Dunkel-Konstraste und der dichte Klang, die der Musik eine musikalische Intensität verleihen, die sie keine Sekunde lang verliert. Klar, transparent und jede Note akzentuieren, webt Inkinen einen feinen, subtilen und doch überaus farbenreichen Klangteppich, auf dem Stotijn sicher wandeln kann. Dabei gelingen die zarten lyrischen Abschnitte ebenso wie die dramatischen, die das Orchester auf durchaus muskulöse Weise nimmt, wie Inkinen auch nicht vor der musikalischen Opulenz vor allem des letzten Liedes zurückschreckt. Hier wird ein Universum eröffnet, das nach der Pause durchschritten werden kann.

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Mosaiksteinsetzer

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Tugan Sokhiev spielt Werke von Schostakowitsch, Chatschturjan und Brahms

Von Sasha Krieger

Wenn der Zuhörer nicht will, dass es jemals endet, wenn er aus dem musikalischen Ozean,in dem er schwimmt, nicht mehr auftauchen will, ist das vielleicht das größte Kompliment für einem Musiker oder ein Ensemble. Und doch ging es diesem Rezensenten genau so bei der Aufführung von Aram Chatschaturjans viel zu selten gespielten Klavierkonzert mit dem Solisten Jean-Yves Thibaudet und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung seines Chefdirigenten Tugan Sokhiev. Das hat viel mit Thibaudet zu tun, der jedem T0n hinterherblickt, wie er seine Kreise hinterlässt in diesem langen, nie enden wollenden Fluss, der sein Spiel ist. Immer wieder fühlt man sich bei Thibaudet an Jazz erinnert, blickt er stets zurück wie voraus, ist jede letzte Phrase der Beginn einer neuen Erzählung. Dabei steht kein Ton allein, führt jede Note zur nächsten und steht doch glasklar vor uns. Ihn interessiert das Folkloristische in Chatschaturjans Musik wenig, das hatten Dirigent und Orchester bereits mit festem Zugriff, klarem, schlanken Klang, lebendigem Spiel und tänzerischer Leichtigkeit bereits zuvor in Dmitri Schostakowitschs erster Balletsuite erledigt, einem purer Pragmatik geschuldeten Werk, mit dem sich der von Stalins Bannstrahl getroffene Komponist über Wasser halten konnte. stattdessen interessieren Thibaudet die zahlreichen Richtungswechsel, das Spiel von dynamischen Kontrasten und widerstreitenden Tempi, die Chatschaturjans Werk auch ausmachen. Und denen er doch eine lineare Entwicklung abzuringen vermag. Aus dem Disparaten ein Ganzes zu schaffen, das gelingt dem Franzosen mit bezwingender Konsequenz.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

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Gedämpftes Licht

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin  unter Leitung von Sir Roger Norrington

Von Sascha Krieger

Nein, die große Geste ist Sir Roger Norrigtons Sache nicht. Das beginnt schon bei der Gestik des mittlerweile 80-Jährigen, der als einer der Protagonisten der so genannten historisch-informierten Aufführungspraxis gilt. Bei senem jüngsten Berliner Gastspiel im Sitzen dirigierend, setzt der Engländer auf sparsame, präzise, sehr klassische Bewegungen und ähnelt dabei eher einem Musiklehrer als einem Star-Dirigenten. Der Star ist bei ihm die Musik, die Partitur, die er liest, analysiert und in Töne verwandelt, so nah an dem, was der Komponist geschrieben hat wie möglich. Einem solchen Ansatz werfen manche gern vor, er gebäre kopflastige, akademische, blutleere Musik, der die Seele fehle. Norringtons Interpretation von Franz Schuberts „Unvollendeter“ mit dem DSO gelingt es tatsächlich kaum, dieses mittlerweile schon tausendmal widerlegte Vorurteil zu entkräften. Viel zu sehr leuchtet Norrington quasi mit der Taschenlampe auf Details, fokussiert auf die Präzision der einzelnen Komponenten, überbetont beispielsweise den wechsel von Crescendi und Decrescendi im ersten Thema und verliert dabei völlig das große Ganze aus dem Blick. Natürlich ist sein Blick von größter Detailschärfe geprägt, erhellt er so manche Einzelheit und hält das Werk als Ganzes in sehr gedämpftem Licht. Dazu passt auch, dass er die extreme scheut – seine Pianissimo berühren nie den Rand des Verschwindens, seine Fortissimo wirken nie überwältigend oder gar bedrohlich.

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Luft zum Atmen

Janine Jansen und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Tugan Sokhiev

Von Sascha Krieger

Ob das kulturelle Berlin den Verlust bereits begriffen hat, der ihm in zwei Jahren bevorsteht, wenn Tugan Sokhiev, wie kürzlich angekündigt, seine Zeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin beendet, ist zu bezweifeln. Da kann es helfen, mal genauer hinzuhören, welche Klangkultur, welche Präzision, welche Flexibilität der renommierte Klangkörper in den vergangenen zwei Jahren gewonnen hat. Wer die Qualität eines Orchesters und seinen Leiters einschätzen möchte, sollte stets auf die leiseren Töne achten, die Zwischenebenen, die Detailarbeit. Sokhie4vs aktuelles Programm mit Werken von Debussy, Chausson, Ravel und Prokofjew, böte für eine solche Analyse exzellentes Futter. Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen, und der Musik hingeben.  Es ist ein Abend für Herz und Hirn, und das ist durchaus als Lob zu verstehen. Und es ist einer, der ohne die großen Gesten auskommt, ohne Überwältigungsmechanismen und wuchtige Einschüchterung.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

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Musikalische Teufelsaustreibung

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Tugan Sokhiev spielt Werke von Haydn und Mahler

Von Sascha Krieger

Ja, Tugan Sokhiev und das Deutsche Symphonie-Orchester beginnen ihren aktuellen Konzertabend mit Joseph Haydns vorletzter Symphonie, jener „Mit dem Paukenwirbel“. Und nein, es lohnt sich nicht, allzu viele Worte darüber zu verlieren. Sokhiev reißt dieses frühe Schlüsselwerk der klassischen Symphonie routiniert herunter, verleiht ihm Detailschärfe und rhythmische Prägnanz, betont zuweilen das Dramatische etwas stark und gibt ihm einen Schluss, der von fern schon an Beethoven erinnert. Die dynamischen Kontraste sind fein herausgearbeitet, die volkstümlicheren Passagen nicht ohne Leichtigkeit – nur lebt, atmet das alles nicht, bleibt der Klangeindruck massiv und schwer, das Spiel hermetisch. Die thematische Arbeit und motivische Vielfalt, das breite Spektrum zwischen Volkstümlichem und hoher Kunst lässt sich hören, spüren kann man sie nicht. Es ist ein genauer, wenngleich blutleerer Haydn, den Sokhiev hier herunterspult und für den er sich nicht weiter zu interessieren schein. Nein, ihm geht es um das, was nach der Pause folgt: Gustav Mahlers vierte Symphonie.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, noch bis 2016 Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

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Befreiende Eruption

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Tugan Sokhiev beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Seit 2012 ist Tugan Sokhiev Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Zu behaupten, er hätte dem Klangkörper seitdem seinen Stempel aufgedrückt, wäre eine Untertreibung. Das Orchester verfügt heute über eine Klang- und Spielkultur, die unverwechselbar Sokhievs Handschrift trägt. Der Klang ist geschliffen, konzentriert, satt und kraftvoll, stets etwas dunkler gefärbt. Das Zusammenspiel zählt mehr als Transparenz, das Orchesterspiel soll etwas auslösen im Zuschauer, ihn zu allererst auch emotional ansprechen, das Hirn über das Herz erreichen. Sokhiev steht damit klar in einer russischen Tradition und setzt dabei keineswegs auf Oberflächenglanz und schönklang. Er hat dem Orchester Kanten verpasst, insbesondere die Geigen zeichnen sich durch einen klaren und überaus scharfen, zuweilen gar schneidenden Ton aus. Auch wenn ihm große Gesten und weites ausholen nicht fremd sind: Das Fundament ist eine Zusammenballung der instrumentalen Kräfte, eine Konzentration, die vor Kraft strotzt, jedoch nie mit ihr angibt. Sokhiev hat ein Kraftzentrum geschaffen, von dem aus das Orchester auch entfernte Ecken des musikalischen Universums zu erkunden vermag. Gelingt dies, entstehen Abende von atemberaubender Kraft. Bleibt das Orchester dagegen in seiner Komfortzone, droht ihm Beliebigkeit.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

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Ein langer, träger Fluss

Herbert Blomstedt und Richard Goode zu Gast beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist es ja die Hitze: Draußen wollen die Temperaturen nicht unter die 30-Grad-Marke fallen und auch wenn die Philharmonie gut klimatisiert ist, scheint sich eine gewisse Trägheit breit zu machen in Hans Scharouns genialem Konzertraum. Nun ist Richard Goode zwar ein technisch begnadeter Pianist, aber auch keiner, der die große Geste liebt. Sein Anschlag in Wolfgang Amadeus Mozarts C-Dur-Klavierkonzert ist kultiviert, klar und präzise, jeder Ton wohlgeformt – aber ihm fehlen eben die Höhen und Tiefen. Ob lyrischer Gesang oder energischer Zugriff: Goode such stets die Mitte und so schleicht sich eine gewisse Gleichförmigkeit ein, ein sanftes Fließen, das zuweilen zum Plätschern wird.

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