Archiv der Kategorie: DSO

Die Magie des Dialogs

Manfred Honeck und Jan Vogler mit einer Uraufführung zu Gast beim DSO

Von Sascha Krieger

Enthusiastisch war der Beifall in der fast ausverkauften Berliner Philharmonie nicht, als der scheu lächelnde Dai Fujikura von Dirigent Manfred Honeck und Cellist Jan Vogler auf das Podium geholt wurde. Erleichterung, die Uraufführung seines Cellokonzerts überstanden zu haben, war nicht nur bei ihm zu spüren, sondern auch beim Publikum. Die dritte Inkarnation des Werks – Fujikura hatte es zunächst als Werk für Solo-Cello verfasst, dann zum Konzert für Voloncello und Ensemble erweitert und nun erstmals die Orchesterversion vorgestellt – stieß bestenfalls auf Wohlwollen. Was auch der Länge geschuldet sein mag: Mit 25 Minuten überschreitet es deutlich die Dauer, die Orchester ihrem Publikum mit zeitgenössischen Werken meist zumuten, zumal auch der Beginn, Claude Debussys Six épigraphes antiques in der 2014 von Alan Fletcher erstellten Orchesterfassung es den Zuhörer*innen kaum leicht machten und ihnen wenig gaben, woran sie sich festhalten konnten. Nein, es dem Publikum leicht zu machen, ist Honecks Sache an diesem Abend nicht. Er fordert die Anwesenden und lädt sie ein, sich einzulassen, genauer zuzuhören. Wer das tut, erlebt ein streckenweise außergewöhnliches Konzert.

Manfred Hoeck (Bild: Felix Broede)

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Der spinnt, der Beethoven

Sir Roger Norrington dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit den achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es geschieht am Ende des Kopfsatzes von Ludwig van Beethovens Symphonie Nummer 8: Da dreht sich Sir Roger Norrington, der Satz ist gerade ziemlich unvermittelt zu Ende gegangen, zum Publikum, sein spitzbübisches Lächeln im Gesicht und führt den Zeigefinger an seine Schläfe. Der spinnt doch, der Beethoven. Drei achte Symphonien hat Norrington auf das Programm gesetzt, Mozarts und Beethovens umrahmen die von Ralph Vaughan Williams, durch dessen gesamtes symphonisches Werk Norrington und das DSO sich seit einiger Zeit arbeiten. Das erscheint wie eine willkürliche, vielleicht auch ironische Setzung, doch am Ende dieser knapp zwei Stunden hat der sanfte Brite wohl auch den letzten Zuhörer überzeugt: Dieses musikalische Zahlenspiel ergibt Sinn. Drei Werke, die herausstechen, die kaum hineinpassen wollen, in das symphonische Gesamtwerk ihrer Schöpfer, Werke voller Brüche und Wendungen, die den Hörer herausfordern, auf falsche Fährten locken, sich und ihre Gattung hinterfragen. Drei werke, deren Grundprinzip der Kontrast ist, der Widerspruch, das Aufeinanderprallen des Gegensätzlichen.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

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Distanz und Taumel

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert zum 70-jährigen Bestehen des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin

Von Sascha Krieger

Da lässt sich wohl nichts machen. Ein Jubiläum will gefeiert sein, also braucht es reden, Grußworte, einen Einspielfilm, der sich, das macht ihn sympathisch, ausgiebig wehrt, abgespielt zu werden. Orchesterchef Alexander Steinbeis erläutert das Konzert Programm, der Regierende Bürgermeister Michael Müller pflügt sich mit der ihm eigenen Energie durch die Orchestergeschichte und Julturstaatsministerin spricht von der Kraft der Musik, gerade in bewegten Zeiten wie den unseren. Es ist das beste Grußwort in diesem viel zu langen Prolog und öffnet den Blick auf ein Orchester, das mit der unruhigen deutschen Nachkriegsgeschichte so manches zu tun hat. 1946 von den Amerikanern gegründet als kultureller Vermittler eines demokratischen Neuanfangs, ließ es die Schutzmacht schon sieben Jahre später fallen – die Finanzierung eines Orchesters war zu Hause, wo Klangkörper privatwirtschaftlich organisiert sind, nicht zu vermitteln. Innenpolitik schlägt das große Ganze. Man kennt das. Dass es das Orchester trotzdem noch gibt, ist der typischen Berliner Starrköpfigkeit zu verdanken, die auch eine wichtige Rolle dabei spielte, Westberlin über 40 Jahre lang als Stachen im realsozialistischen Fleisch zu belassen. Auch die Stürme der Wiedervereinigung hat das Orchester überstanden, hat sich neu erfunden, ohne seine Geschichte abzuschütteln, auch ein wenig wie das Land, für das es auch als Botschafter durch die Welt reist.

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert des DSO (Bild: Kai Bienert)

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert des DSO (Bild: Kai Bienert)

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Musik der Zerrissenheit

Das DSO unter Tugan Sohiev spielt Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Gustav Mahlers sechste Symphonie ist ein störrisches Wesen. Und ein seltsames noch dazu. Formal ist sie Mahlers klassischste: Vier Sätze in der üblichen Anordnung. Wobei hier schon der erste Widerhaken steckt: In welcher Reihenfolge Andante und Scherzo zu spielen sind, ist höchst umstritten. Und kaum schaut man weiter hinein, fällt auf: Hier ist nichts klassisch und auch wenig Mahleresk. Die zusammenfassenden Beschreibungen, gern in einem Satz, die sich von ihren symphonischen Geschwistern oft anfertigen lassen, sind bei ihr nicht möglich. Wer von ihr als der „Tragischen“ spricht, hat nicht richtig zu gehört. Will man ihr ein Label geben, dann vielleicht das, was Tugan Sokhiev ihr in 80 intensiven Minuten mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin verpasst: die Zerrissene.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

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Zwei Welten

Das DSO mit Tugan Sokhiev und Emmanuel Ax spielt Werke von Brahms und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Johannes Brahms‘ zweites Klavierkonzert ist kein einfaches Werk. Nicht dass es etwa besonders anspruchsvoll für den Solisten wäre oder musikalisch neue Wege beschritte. Die Herausforderung liegt eher in seiner Anlage und Länge. Mit fast fünfzig Minuten Dauer zählt es zu den länsten Solokonzerten überhaupt. Vor allem aber ist da sein Grundgestus: Weitere und immer weitere Kreise zieht das musikalische Material, so klar strukturiert das Werk auch ist, so improvisatorisch ist sein Gestus, so lang ist die Leine, an der es sein Material führt. Da braucht es einen Dirigenten, der dem Fluss des Soloparts Richtung gibt und die Binnenstruktur der vier Sätze zum Grundprinzip seiner Interpretation macht, der rhythmischen, dynamische und klangliche Pflöcke einschlägt, an denen sich Orchester und Solist orientieren können. Sonst läuft er Gefahr, dass das ausladende Werk aus dem Ruder läuft, ziellos dahinmäandert, träge dahinplätschert.

Tugan Sokhiev, noch bis Ende der laufenden Spielzeit Chefdirigent des DSO (Foto: Erik Weiss)

Tugan Sokhiev, noch bis Ende der laufenden Spielzeit Chefdirigent des DSO (Foto: Erik Weiss)

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Die Wahrheit zwischen den Zeilen

Das DSO unter Leitung von Sir Roger Norrington und mit Jean-Guihen Queyras

Von Sascha Krieger

Sir Roger Norrington zählt zu den wichtigsten Vertretern der historisch-informierten Aufführungspraxis. Sein analytischer Ansatz, der versucht, die Partitur in ihrer originalen Intention erklingen zu lassen, kann zuweilen trocken und blutleer wirken. Sein neuestes Gastspiel am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters zeigt jedoch, was passiert, wenn sein Konzept aufgeht: Dann erlebt der Zuhörer einen Abend voller Magie, die einzig und allein aus dem Kern der Musik selbst entsteht. Da hilft es, ein Werk zur Verfügung zu haben, das Musik nicht zuletzt als Transporteur von Emotionen begreift, und einen Solisten, bei dem analytische Schärfe, Ausdrucksreichtunm und emotionale Tiefe eine perfekte Symbiose eingehen. Mit Antonin Dvořáks zweitem Violincellokonzert und dem Kanadier Jean-Guihen Queyras stehen ihm alle nötigen Zutaten zur Verfügung.Schon der Beginn ist magisch: Wie Norrington die verschiedenen Instrumente als zunächst separate Stimmen zusammenfinden lässt, wie sich Queyras‘ raues, ungeschliffenes Spiel tastend in die entstehende Klangwelt einzufinden versucht, ist ein seltenes Beispiel, wie Musik im Moment ihrer Aufführung neu zu entstehen scheint.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Foto: Urban Zintel)

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Foto: Urban Zintel)

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Kein Licht ohne Dunkel

Das Deutsche Symphonie-Orchester unter Tugan Sokhiev mit Werken von Beethoven, Brahms und Mendelssohn-Bartholdy

Von Sascha Krieger

Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, wenn Tagung Sokhiev das deutsche Symphonie-Orchester Berlin dirigiert. Es ist die letzte Spielzeit des Russen als Chefdirigent, bevor er sich nach nur vier Jahren in Berlin auf seine Aufgaben als künstlerischer Leiter des Moskauer Bloch-Theaters konzentrieren wird. Es war eine kurze Amtszeit, aber eine, die Spuren hinterlassen wird. Unter Sokhievs Leitung hat die Klangkultur des Orchesters ungeahnte Höhen erreicht. Auch wenn Sokhiev als Spezialist für Russisches und Französisches gilt: Es ist nicht zuletzt das deutsche Kernrepertoire des Orchesters, in dem seine Amtszeit das Orchester spürbar vorangebracht hat. Mit diesem gehen sie jetzt gemeinsam auf Asien-Tournee, doch zuvor kommt das Berliner Publikum an zwei Abenden noch einmal in den Genuss ihres Tourneeprogramms. Der erste steht ganz im Zeichen der großen Namen deutscher Musiktradition: Beethoven, Mendelssohn, Brahms. Los geht es mit Felix Mendelssohn-Bartholdys Ouvertüre „Die Hebriden“. Da entzückt zu nächst der exquisite Streicherklang: Der Glanz der Geigen und die Wärme der Celli bilden eine berückende Symbiose. Gesanglich interpretiert Sokhiev das romantische Klanggemälde. Sorgfältig arbeitet er die verschiedenen Ausdrucksmodi heraus, lässt den Farbenreichtum in faszinierender Vielgestaltigkeit glitzern, verknüpft Leichtigkeit und Festigkeit zu einem Gesamtkunstwerk, dessen Teile klar zutage treten, das stete Unruhe antreibt und das doch nie in seine Komponenten zerfällt.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

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Kein Wunderkind

Der Pianist Jan Lisiecki debütiert beim DSO unter Tugan Sokhiev

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja die Zeit der musikalischen Wunderkinder vorbei, der Menuhins und Barenboims, die schon im Kindesalter die Musikwelt in ihren Bann ziehen. Dann tauchte vor ein paar Jahren ein 15-jähriger Kanadier namens Jan Lisiecki auf, eroberte die größten Konzertpodien der Welt, wurde Exklusivkünstler der deutschen Grammophon. Heute ist der großgewachsechene Blondschopf, Sohn polnischer Einwanderer, 20 Jahre alt. Und auch wenn Lisiecki trotz seiner Körpergröße immer noch aussieht wie ein Teenager, ist da nicht von der ungeschliffen enthusiastischen Virtuosität des Wunderkindes. Was nicht heißt, dass Lisiecki nicht virtuos mit meinem Instrument umzugehen vermag, ganz im Gegenteil. Was vor allem verblüfft, ist Lisieckis analytische Schärfe, sein Ausdrucksspektrum, sein klaren, ungemein nuancenreiches Spiel. Das ist auch bei seinem Debüt mit dem DSO unter Leitung von dessen Chefdirigenten Tugan Sokhiev der Fall. Frédéric Chopins e-Moll-Klavierkonzert steht auf dem Programm und es beginnt nicht gerade vielversprechend: Seltsam unscharf ist der Klang der Orchestereinleitung, unentschieden der Gestus, erst als die Streicher übernehmen, klart das Klangbild etwas auf. Doch das ist nur das Vorspiel: In der Folge wird sich das Orchester darauf beschränken, Lisieckis Spiel zu grundieren, mit leicht dunkel gefärbtem, schlanken, konzentrierten Klang und einem Spiel, das sich immer wieder zurücknimmt. Hier regiert wie stets bei Chopin das Klavier und das ist in den besten Händen.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

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Mit kritischem Blick

Christopher Park debütiert beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Leitung von Christoph Eschenbach

Von Sascha Krieger

Sergej Rachmaninows zweites Klavierkonzert stand lange und steht noch heute im Schatten seines dritten, das vielen bis heute als das schwerste seiner Gattung gilt. Das Zeige dagegen hat den Ruf eines Leichtgewichts, weniger was die technischen Schwierigkeiten angeht, sondern in Bezug auf seine Substanz. Das hat mit seiner Popularität als Filmmusik zu tun, die in den frühen Tagen des Tonfilms begann und bis heute anhält. Christoph Eschenbach und das DSO tun bei ihrem Auftritt in der Philharmonie nicht allzu viel, um dem Klischee entgegenzutreten. Eschenbach lässt die Streicher den Klang dominieren, zielt in die Breite, setzt auf feste, grobe Pinselstriche, einen Sound im Breitwandformat. Er reduziert die Kontraste, zieht den langsamen Satz in die Breite bis an die Grenze zur Behäbigkeit, kreiert einen angenehmen, vollklingenden Fluss, statt Spannung aufzubauen. Es wäre eine unerhebliche, weitgehend uninteressante Interpretation des Werks, wäre da nicht der Solist: Christopher Park, 27 Jahre alt, Sohn deutscher und koreanischer Eltern, eine Art musikalischer Ziehsohn des gelernten Pianisten Christoph Eschenbach. Keiner der zum Star neigt, ein freundlicher ruhiger Zeitgenosse, der nicht viel Aufhebens macht.

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Musikalischer Jungbrunnen

Herbert Blomstedt dirigiert das DSO mit Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Manchmal genügt ein Blick auf den Dirigenten, um eine Ahnung von dem zu bekommen, was den Konzertbesucher erwartet. Auf den ersten Blick wirkt der 87-jährige Herbert Blomstedt fast gebrechlich, doch dann erklimmt er sein Pult mit dem leichten, fast tänzelnden Schritt eines viel Jüngeren. Der Eindruck täuscht nicht: Denn wenn Blomstedt zu Beginn von Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 34, der letztens Mozarts Salzburger Zeit, den Stab hebt, scheint es, als wäre nicht nur der Dirigent in einen Jungbrunnen gefallen, sondern mit ihm gleich das Werk selbst. So jugendlich kraftvoll, so energiegeladen pulsiert das Werk beileibe nicht immer. Der Kopfsatz eilt voran in treibendem Rhythmus, das Orchester spielt klar, präzise, mit schlankem, kompaktem, dunkel grundiertem Klang, der ungeheure Energieentladungen ermöglicht, dynamische Kontrastsetzungen betonen das Dramatische des Satzes, der Mozarts Ouvertüren ähnelt. Wunderbar transparent der zweite Satz, mit viel Zug gespielt, rhythmisch akzentuiert und von einem glasklaren Streicherklang geprägt, wie ihn auch das Deutsche Symphonie-Orchester nicht jeden Tag produziert. Die Pauke bestimmt dann den Ton im Finale, das noch eine Energieschippe drauflegt. Der Klang ist äußerst konzentriert und zugleich erstaunlich offen, das Spiel sehr straff und detailscharf, der Gestus kraftvoll und lebendig mit dramatischen Akzenten. Blomstedt findet dramatische Spannung auf engstem Raum, die schnell den ganzen Satz ansteckt. Klar erkennbar auch die dunkleren Einfärbungen, die in diesem unbeschwerten Werk vorausweisen auf Kommendes.

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