Archiv der Kategorie: Deutsches Theater

Spieglein, Spieglein…

Ingmar Bergman: Persona, Deutsches Theater (Kammerspiele) / Malmö Stadsteater, Berlin (Regie: Anna Bergmann) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

Theater ist Spiel mit der Identität. Um zu funktionieren, muss letztere fluide, fragil, gebrochen werden, muss die Möglichkeit bestehen, Identitäten zu überblenden und die Unterscheidbarkeit von Lüge und Wahrheit, Ich und Rolle ins Wanken zu bringen. Das verbindet das Theater mit anderen Formen darstellender Kunst, etwa dem Film. Ingmar Bergmans 1965 erschienener Film Persona thematisiert dieses schwankende Fundament seiner Kunst und ist selbst eine ergebnisoffene Reflexion über sein Medium und dessen Beziehung zur Realität. In ihm begegnen sich die erfolgreiche Schauspielerin Elisabet Vogler, die nach einer Elektra-Vorstellung verstummt ist, und die Krankenschwester Alma, die sich um sie kümmert. Alma erzählt der Stummen ihr Leben, nutzt sie als Projektionsfläche, unwissend, dass es (auch) andersherum ist. Irgendwann verschmelzen die Identitäten, werden sie austauschbar, schmelzen ihre Grenzen.

Bild: Arno Declair

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Der Klang des Zweifels

Heinar Kipphardt: In der Sache J. Robert Oppenheimer, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Es wirkt fast wie abgesprochen: Am Vortag hatte neben an am Berliner Ensemble Brechts Galileo Galilei Premiere, dessen ursprüngliche Feier von Vernunft und Wissenschaft sein Autor auch unter dem Eindruck der Atombombe zu einer Diskussion über Verantwortung und die Missbräuchlichkeit menschlicher Forschung weiterentwickelte – da widmet sich das Deutsche Theater auch schon dem Erfinder selbiger apokalyptischer Waffe, dem amerikanischen Physiker J. Robert Oppenheimer. Heiner Kipphardts Stück dreht sich um die Sicherheitsanhörung Oppenheimers im Jahr 1954, bei der dem Wissenschaftler unter anderem seine Nähe zu Kommunist*innen und insbesondere die Skepsis bezüglich der Entwicklung einer Wasserstoffbombe zum Vorwurf gemacht wurden. Basierend auf den Anhörungsprotokollen zeichnet der Pionier des Dokumentartheaters das Bild eines Menschen, der mit den Widersprüchen der modernen Wissenschaft ringt – auf der einen Seite der unbedingte Forschungsdrang und Neuerungswillen, auf der anderen die Verantwortung für die Folgen der eignen Arbeit. Ihm Gegenüber steht auf der einen Seite ein zunehmend paranoider Sicherheitsapparat, den ausschließlich die Ergebnisse der Arbeit interessieren, und auf der anderen Kollegen wie Edward Teller, Entwickler der H-Bombe, für den die Folgen wissenschaftlicher Arbeit irrelevant sind und der die Autonomie der Wissenschaft einfordert.

Bild: Arno Declair

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„Ich bin hier das Relikt“

Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park. Ein Theaterabend von Jutta Wachowiak, Eberhard Petschinka und Rafael Sanchez, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Rafael Sanchez)

Von Sascha Krieger

Basstief erfüllen Erschütterungen die kleine Box des Deutschen Theaters, bedrohliche Klänge dräuen, Nebel wabert. Dann öffnet sich die Tür und heraus tritt eine eher zierliche Frau Ende 70. „Guten Abend“, sagt sie, „Ich bin hier das Relikt.“ Über 30 Jahre war Jutta Wachowiak nicht weg zu denkender Teil, ja Star des Ensembles dieses Theaters. Dann kam, was sie den „Umbruch“, andere „Wende“ nennen. Plötzlich galt sie als staatstragend, sie haderte mit dem neuen Land, dieses ignorierte sie, immer seltener wurde sie besetzt. Dann der Bruch, sie ging nach Essen, in die „Provinz“, betrat „ihr“ Deutsches Theater sieben Jahre lang nicht mehr, arbeitete mit jungen Regisseuren und entdeckte dabei ihre Freunde am Theater wieder. Einer von ihnen war Rafael Sanchez, der sie 2012 erstmals wieder am DT besetzte und ihr jetzt gemeinsam mit Autor Eberhard Petschinka einen Ein-Frau-Abend in der intimen kleinsten Spielstätte ihrer einstigen künstlerischen Heimat auf den Leib schneidert. Ein Abend, der zurückschaut, auf das eigene Leben, die Versäumnisse, die Kränkungen, aber auch die Neuanfänge, das Aufstehen nach so manchem Fall. Und er tut dies weder im Zorn noch ertrinkend in Nostalgie.

Bild: Arno Declair

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Narzissmus als Staatsform

Moritz Rinke: Westend, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Moritz Rinkes neues Stück ist kein Freund des Subtilen. Es stürzt sich mitten hinein in das, was der Autor für das gehobene (Bildungs?)Bürgertum der späten Bundesrepublik hält. Sinnentöleert, zynisch und dekadent geht es zu bei Schönheitschirurg (!) Eduard, seiner Frau Charlotte, einer eingeschränkt erfolgreichen Sängerin (Kunst!) und den Nachbarn Marek, ein erfolgreicher Filmregisseur (mehr Kunst!) und hauptberuflicher Möchtegern-Casanova, der aktuellen Freundin Eleonora, einer glücklosen Schauspielerin (noch mehr Kunst!) und der orientierungslosen Tochter Lilly, die aus lauter Rebellion Medizin (!) studiert. Und damit die ganze Wohlstandsverwahrlosung auch beim Publikum ankommt – und um die Balance zwischen Künstlertum und Medizin, der bürgerliche Berufsstand par excellence, herzustellen – bricht dann noch Michael, genannt Mick (ja, um die Rolling Stones geht es auch irgendwie) ein, ein Studienkollege und Freund Eduards, der gerade aus Afghanistan zurückkehrt, wo er für Ärzte ohne Grenzen arbeitete – also das idealistische Gegenstück des zynischen Eduard.

Bild: Arno Declair

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Wie ein Faustschlag

Junges DT – Nach dem Roman von Philipp Winkler: Hool, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Adrian Figueroa)

Von Sascha Krieger

Die Gegenwart ist schwarz-weiß. Schwarz sind die Kapuzen-Pullis, die T-Shirts, die Hosen, weiß der neutrale, bespiel-, beschreibbare, indifferente Raum, in dem die vier Schwarzgewandeten stehen und agieren. Schwarz-weiß ist auch ihr Leben: Hier der Alltag, dort die Ekstase, für die einzig sie leben. Dazwischen nichts.Zumindest nicht für Heiko, Erbe eines Hannoveraner Hooligan-Imperiums, das einst sein Onkel aufbaute. Die Beziehung zur Familie: zerrüttet. Die Beziehung: gescheitert. Heiko hat nur die Äcker, auf denen die Matches mit anderen Hooligan-Gruppen stattfinden, brutal, aber auch einem Kodex unterliegend (wer am Boden liegt, ist Tabu). Dort fühlt er den Adrenalinschub, den Rausch, aber auch Zufriedenheit, Glück und so etwas wie Ruhe. Heiko ist der Held von Philipp Winklers vielbeachtetem Roman Hool. Aus seiner Perspektive taucht er ein in eine fremde, abstoßende Welt, der er durchaus Neugier, vielleicht gar einen Rest Sympathie entgegenbringt. Eine Welt ganz eigener Werte und Regeln, eine seltsame Art der Suche nach Sinn, Erfüllung, Identität.

Bild: Arno Declair

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Luftharfe in der Geisterbahn

Anton Tschechow: Drei Schwestern, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

„Man wird uns vergessen.“ Es ist einer der ersten Sätze, die an diesem Abend fallen. Angela Winkler spricht ihn, die ewig Junge, elfenhafte, die schauspielerische Traumzauberin stehen gebliebener Zeit. Oder besser: Es ist ihre Stimme, die ihn spricht, verstärkt,. vom Körper getrennt, hervorerinnert aus einer längst vergangenen Zeit, die es vielleicht nie gab, weil sie lange vergessen ist. Karin Henkel inszeniert Anton Tschechows Dauerbrenner Drei Schwestern als albtraumhafte Erinnerungstortur einer gealterten und doch in der Vergangenheit längst versackten, stehen gebliebenen Irina in Person Angela Winklers. Sie steht zu Beginn traumverloren im fahlen Restlist einer Haus-Skizze, die aussieht wie ein Versuch Mies van der Rohes, in Holz zu bauen, betrachtet durch die Perspektive eines LSD-Trips. Eine Mischung aus Modernismus und Fiebertraum, über die immer wieder Geisterbilder flattern, gespenstische Schemen (Bühne: Nina von Mechow, Video: Voxi Bärenklau). Dann kippt das Haus, das Intérieur beginnt zu verrutschen, eine Leiche schlittert herein, die Tusenbachs, der sich einst aus unerwiderter Liebe zu Irina erschoss. Die Toten ruhen nicht und die nie ganz Lebendigen erst recht nicht. Bei Henkel wird der Theater-Untote Drei Schwestern zum Zombie-Märchen, zum Albtraum nicht verarbeiteter und unerfüllter Sehnsüchte, zur Geisterbahn ungelebter Leben.

Bild: Arno Declair

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Die Kreisenden

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

„Nachtgestalten“: So heißt ein Film Andreas Dresens aus dem Jahr 1999. Episodenhaft erzählt er Geschichten von Menschen, die im Dämmerlicht der dunklen Stunden einander begegnen, sich am Leben versuchen und an ihm scheitern. Schattenwesen, Einsame, Suchende. Nachtgestalten sind auch die Menschen, die Clemens Meyers Erzählungsband Die stillen Trabanten fast 20 Jahre später bevölkern, Bewohner*innen der dunklen Seite der Gegenwart, die wie immer bei Meyer eine dediziert ostdeutsche ist und sich nie von der Vergangenheit trennen lässt. Da ist der Lokführer, der gern in der Stille der Nacht fährt und auf einen Selbstmörder trifft, die einsamen Frauen, die einander in einem Bahnhof begegnet, der Wachmann, der sich einst eine Bewohnerin eines von ihm bewachten Wohnheims verliebte, der durchs leben Irrende, der auf eine Frau trifft, die sich nach ihrem toten Enkel sehnt, der Imbissbudenbesitzer, der in eine muslimische Ehe gerät und in so viel mehr. Meist ist es die Vergangenheit, die die Figuren im Griff hat, immer die Angst vor der Zukunft, die Überzeugung, keine verdient zu haben. Zurückgelassene und sich (und einander) zurücklassende. Streuner der Nacht.

Bild: Arno Declair

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Die große bunte Handke-Schau

Peter Handke: Publikumsbeschimpfung, Schauspiel Stuttgart / Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Martin Laberenz)

Von Sascha Krieger

Am Ende findet die Beschimpfung nicht statt. Sie ist nur eine Erinnerung, eingespielt als Audioaufnahme der Uraufführung von 1966. Übertönt, weggespült von den Live-Instrumenten der Neuinszenierung von 2018. Ein Opfer der zeit, die, wie Handke postulierte, ja keine Bedeutung habe und nicht gespielt werden dürfe. Die einzige Zeit, die zähle, sei das Jetzt und das Jetzt und das Jetzt. 1966 war Publikumsbeschimpfung ein Angriff auf das Theater, wie man es kannte, auf das Spiel als Repräsentation, auf das „Als ob“ und den Zuschauer als passiven Konsumenten. Mehr noch: Handke attackierte die bestehende, seit dem Ende des 2. Weltkriegs reichlich konsolidierte Ordnung mit ihrem Oben und Unten, ihrem Subjekt und Objekt, ihren Machern und ihren Empfängern. Das Theater war für ihn ein Symptom, ein Teil dieser Ordnung – und das Labor, in dem an deren Aufhebung geforscht werden konnte. Das „Wir machen es so, weil wir es immer schon so gemacht haben“ war Handkes Feind. Theater, Kunst sollte ein Möglichkeitsraum werden, einer, der keine Grenzen kannte, ein Ort kollektiven Ausprobierens und damit ein Modell für eine sich neu hinterfragende Gesellschaft. Publikumsbeschimpfung war und ist ein zutiefst politisches Stück. Und eines über, nein, für das Theater.

Bild: Arno Declair

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Ecce homo

Nach Knut Hamsun / Henrik Ibsen: Hunger. Peer Gynt, Deutsches Theater (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Am Ende sitzt er da, im Regen. Der Nebel wabert, im Hintergrund, fern eine gemalte Welt, um ihn Leere. Er ruft die Mutter an, die Welt, sich selbst. Licht flutet den Raum, bis er mit kindlichem Staunen „Es wird hell!“ ruft – und es dunkel wird. Endgültig. Peter René Lüdicke gehören diese letzten der mehr als drei Stunden. Er ist Peer Gynt und Knut Hamsuns namenloser Erzähler-Protagonist in Hunger. aber auch ein Beckettscher Leere-Bewohner, ein Lear, vielleicht ein Macbeth nach der Schlacht. Ein Geworfener, in eine Welt, die er gemacht hat, die ihn gemacht hat und in der er fremd bleibt. Sebastian Hartmann zwingt in seinem neuen Abend zwei Norweger zusammen, die nicht zusammenzupassen scheinen. Hier der Realist und Psychologisierer Ibsen, dort der Modernist und Zerstrümmerer Hamsums. Und zwei Reisende, die viel trennt: der Weltenwanderer und -erfinder Peer und der sich in sich selbst verlierende Jung-Schriftsteller Hamsuns. Eine Reise ins Unendliche und eine ins Innere – und beide enden im Nirgendwo. im finalen Verlust, der unbändigen Sehnsucht, dem Schrei  nach Welt, nach Ich, nach Sinn.

Bild: Arno Declair

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No Future

Andreas Veiel in Zusammenarbeit mit Jutta Doberstein: Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Veiel)

Von Sascha Krieger

„Welche Zukunft?!“ So heißt nicht einfach nur ein Theaterabend, sondern gleich ein mehrjähriges Projekt, angestoßen von Regisseur und Dokumentarfilmer Andreas Veiel und Autorin Jutta Doberstein. Das sich Fragen widmet wie: Wohin geht die Reise unserer in letzter zeit so krisenfreudig erscheinenden Gesellschaft, was macht sie mit der Welt als ganzer und wie lässt sie die Katastrrophe, auf die wir vielleicht zusteuern, verhindern? Alles begann mit einem Dialog von Bürgern und Wissenschaftlern, das ein Zukunftsszenario für die kommenden zehn Jahre entwickelte, welches in einem Symposium weiter vertieft wurde. Der Theaterabend, Teil drei des 2010 endenden Projekts, blickt nun zurück. Es ist 2018, die EU ist zerfallen, Menschen tragen Chips, die eine rätselhafte Krankheit bekämpfen sollen und nebenbei all ihre Erinnerungen und Gedanken auslösen. Der Staat ist gescheitert und durch privatwirtschaftlich organisierte Gesellschaftsformen, in denen Shareholder die neuen Bürger sind, abgelöst. Siris und Alexas der übernächsten Generation organisieren das Leben, der wenigen, die über ein solches noch verfügen, während zu Hunderttausende Noprdeuropäer auf künstliche Inseln zu fliehen suchen, nur um beim Versuch abgeknallt zu werden. Eine Menge Dystopie, ein bisschen Science Fiction und ganz viel Pessimismus.

Bild: Arno Declair

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