Archiv der Kategorie: Deutsches Theater

Der Frosch, der kein Prinz war

Dietrich Brüggemann: Vater, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Dietrich Brüggemann)

Von Sascha Krieger

Das kann ja heiter werden. Ein sterbender Vater liegt komatös und unbeweglich im Krankenbett, der Sohn sitzt rat- und hilflos daneben. Soviel ist noch zu sagen, abzurechnen, zu erfahren, doch es ist zu spät. Es wird keine Aussprache mehr geben, werden keine Geheimnisse mehr enthüllt oder Rechnungen beglichen. Stattdesen 90 Minuten anreden gegen die Stille, monologische Auseinandersetzung mit, Emanzipation mit der Vaterfigur. Geschrieben und inszeniert von Dietrich Brüggemann, Filmemacher und Theaterdebütant, der uns vor ein paar Jahren mit Kreuzweg eine der formstrengsten und herausforderndsten Arbeiten des jüngeren deutschen Films servierte, sperrig, anstrengend, aufwühlend. Der aber, und das darf man nicht vergessen, auch ganz anders kann: Denn nach Kreuzweg folgte mit Heil eine Rechtsextremismus-Satire der grellsten Sorte. Und zuvor hatte er sich mit Filmen wie Renn, wenn du kannst und 3 Zimmer/Küche/Bad als Spezialist für zwischen Aufbruch und Scheitern verlorene, nicht recht erwachsen werden wollende frühe und mittlere Zwanziger erwiesen. Und genau da setzt er jetzt an. Zehn Jahre später ist es jetzt ein Mittdreißiger namens Michael, besagter Sohn des längst abwesenden Vaters. Weitergekommen ist er nicht.

Bild: Arno Declair

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Oase des guten Gewissens

Junges DT – Hier.Stehe.Ich, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

„Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Es sind Martin Luthers berühmteste Worte und sie sind womöglich nie gefallen. Zumindest scheint diese Möglichkeit heute so wahrscheinlich wie die, dass der Reformator seine 95 Thesen an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Basiert einer der bekanntesten – und folgenschwersten – Akte der Rebellion im vergangenen Jahrtausend also auf Mythen? Eine spannende Frage, der dieser Abend nicht nachgeht. Luther ist nur der Anlass, zynisch könnte man auch sagen: der Geldgeber, schließlich lebt das Projekt auch von Geldern, die anlässlich des Reformations-Jubiläums bereitgestellt wurden. Diesem Abend geht es um anderes: um den Akt des Widerstands als solchen, seine Quellen, seine Schwierigkeit, seine Notwendigkeit. Wer rebelliert wann, warum, wogegen? Wogegen lohnt es sich aufzustehen, wogegen muss man es tun? Und wofür sind wir bereit aufzustehen? All das soll verhandelt werden in diesem „Laboratorium des Widerstands“, das für gerade drei Tage in der Box des Deutschen Theaters geöffnet hat. Dabei sind diese wenig mehr als ein Epilog, hat die eigentliche und wesentliche Arbeit zuvor stattgefunden.

Bild: Charlotte Grief

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Himmel aus Eis

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Deutsches Theater (Box), Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Alexander Riemenschneider)

Von Sascha Krieger

Es ist der Himmel: Unten freundliche weiße Wolken, gemischt mit zartem Hellblau, im Hintergrund ein klarer Sternenenhimmel. Oder ist es doch eine kalte Welt, der Boden aus harten, tödlichem Eis, die Kulisse nicht ändern wollender Schnellfall? Und diese Figuren, vorsichtig weiß geschminkt, in neutral gedecktern Nichtfarben, Verschwindende, kaum Sichtbare? Gespenster, (Un)Tote? Frierende Kinder? Gar Engel? Eine Zwischenwelt haben Regisseur Alexander Riemenschneider und Bühnenbildnerin Juliane Grebin in Michael Köhlschneiders 2016 erschienenen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut entdeckt und auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte des namenlosen Mädchens, das alle Yiza nennen, weil dies das erste Wort ist, das sie spricht, allein in einer fremden Welt, durch diese driftend, zunächst mit zwei, später einem älteren Jungen, den sie nicht versteht, schließlich allein, am Ende wiedervereint über einer monströsen Tat. Schattenwesen, Unsichtbare, Nichtgewollte in einer Welt des Überflusses. Eine Fluchtgeschichte vor einer Hänsel-und-Gretel-Folie. Doch wer ist die Hexe und wo die Rettung? Wo Niedlichkeit die Währung ist und zu männliche Augenbrauen ein gesellschaftliches Todesurteil: Wo ist die Hoffnung, der Silberstreif, der Punkt, an dem aus dem Fremdem das Menschliche wird?

Bild: Arno Declair

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Feminismus als Freak-Show

Nach dem SCUM-Manifesto von Valerie Solanas: Feminista, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Keine Frage: der Text hat sich einiges von seiner Kraft bewahrt, er trifft in seinen besseren Momenten noch immer mitten in die Fresse. Die männliche versteht sich. Wenn ihn Bernd Moss mit performativer Verve ins Publikum feuert, just, nachdem er sich mit seinen Mitstreitern Jörg Pose und Markwart Müller-Elmau auf offener Bühne „entmännlicht hat“, die labbrige Alltagskleidung eingetauscht hat gegen ein schneeweißes Marilyn-Monroe-Kleid samt passender Perücke, sich also in eine Ikone der weiblichen Objektifizierung durch den Mann verwandelt hat, sich damit mehrfach um die Ironieachse des Sexismus gedreht hat, dann trifft er ungebremst aus so manches Klischee unserer postmodernen Aufgeklärtheit – und haut es in Stücke. Der Text, das ist Valerie Solanas‘ SCUM Manifesto, ein satirischer wie radikalfeministischer Text, der bekannt wurde, kurz nachdem seine Verfasserin auf Andy Warhol geschossen hatte. Darin fordert sie die Vernichtung des Männlichen, wirft dem Mann Vagina-Neid vor und dass er die eigenen minderwertigen Eigenschaften auf das eigentlich starke weibliche Geschlecht projiziert und dessen höherwertige Qualitäten sich selbst zugeschrieben habe. Dabei sei er schwach, minderwertig, eine Fehlbildung, sein X-Chromosom ein verstümmeltes Y-Chromosom, der Mann damit „eine unvollständige Frau“. Hinzu kommt eine sozialkritische Perspektive: Das Männliche ist bei Solanas auch das Kapitalistische und so fordert sie die Abschaffung des Geldes, die vollständige automation, das Ende der Arbeit.

Bild: Arno Declair

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Wahrheit. Macht. Nichts.

Ilja Trojanow: Macht und Widerstand, Deutsches Theater, Berlin / Schauspiel Hannover (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Die Wahrheit. Ein Wort, das so leicht über die Lippen kommt. Ein vermeintlich einfaches Konzept. Wahrheit ist, was ist. Oder war. Und da beginnt es schon. Nicht nur ist die Erinnerung ein eher unzuverlässiger Freund, sie gehört auch noch selten einem allein. Das ist schon in Zweierbeziehungen so und potenziert sich, wenn es ums Große geht. Kollektive Erinnerungen, den Kampf um die gesellschaftliche Wahrheit. Hier setzt Macht und Widerstand an, der Roman des gebürtigen Bulgaren Ilja Trojanow über die Vergangenheitsbewältigung – oder besser, deren systematische Verweigerung – in Bulgarien im Besonderen und dem ehemaligen so genannten „Ostblock“ im Allgemeinen. Zwei Protagonisten stehen im Mittelpunkt: der Widerständler Konstantin Scheitanow, zehn Jahre in Lagerhaft, weil er eine Stalin-Statue gesprengt hatte, und Metodi Popow, Geheimdienstler, Konstantins Vernehmer und auch jetzt, in der „neuen Zeit“ noch gut im Geschäft der Macht. Sie begegnen einander nie – außer in den Erinnerungen, die sie in mehr als einem Sinn teilen – und sind doch stets präsent. Der eine braucht den Anderen zur Selbstdefinition – und zur (Ver-)Formung seiner Wahrheit.

Das Deutsche Theater (Bild: Sascha Krieger)

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Nackt in der Welt

Nach Franz Kafka: Amerika, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Eine gewisse Besessenheit mit Amerika ist den Deutschen sicher nicht abzusprechen. seit dem zweiten Weltkrieg schaut zumindest der westliche Teil des Landes fast ununterbrochen über den „großen Teich“. Für Inspiration, Unterstützung, Vor- und gern auch Feindbilder. Doch die Faszination ist viel älter. Schon  lange vor der engen Verbindung beider Länder waren die USA ein Sehnsuchtsort, Amerika ein Hoffnungstraum für alle, die sich ein anderes Leben, eine größere Welt, ein freieres Sein ersehnten. Kein Wunder, dass die Idee von Amerika für die Nazis einen Lieblingsgegner darstellte, dass „Amerika“ für all das stand, was man ablehnte und zu vernichten trachtete: Freiheit, Individualität, Diversität, die vermeintliche Dekadenz des „Anything goes“. Nun haben Idee und Wirklichkeit die Tendenz auseinanderzuklaffen. Auch Amerika ist da keine Ausnahme. Das „Land of the free“ ist eben auch das Land der Sklaverei, des Rassismus, der Chancenungleichheit, der sozialen Kälte. Eine neue Erkenntnis ist das nicht, allerdings gab es vielleicht noch nie eine Zeit, in der die Ambivalenz gegenüber diesem Klischee-Ort so groß, die Widersprüche im Auge auch des wohlwollendsten Betrachters so groß waren wie jetzt. Da wundert es kaum, dass Amerika-Stoffe an deutschsprachigen Theatern derzeit Konjunktur haben.

Bild: Arno Declair

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Alles nur Show?

Nach Sinclair Lewis: It Can’t Happen Here, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Hier kann das nicht passieren. Schriebe man eine Geschichte der größten politischen Katastrophen der Menschheitsgeschichte, könnte dieser Satz immer wieder auftauchen. Zu glauben, etwas Schreckliches, das woanders geschehen ist, könne sich dort, wo man sich gerade befindet, nicht wiederholen, ist was man im Englischen ein „recipe for disaster“ nennt, der sicherste Weg, genau dies auch hier geschehen zu lassen. Unter diesem Titel, It Can’t Happen Here, veröffentlichte Sinclair Lewis, Amerikas erster Literaturnobelpreisträger, bereits 1935, zwei Jahre nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland, einen Roman, mit dem er der damals verbreiteten Überzeugung, in Amerika wäre so etwas nicht möglich, entgegentreten wollte. Darin strebt ein windiger Entertainer namen Buzz Windrip mit grellen populistischen Losungen, Rassismus, Sexismus und Hass gegenüber Minderheiten, Anti-Intellektualismus und Angriffen gegen vermeintliche Eliten und die Presse nach der Macht – und gewinnt sie! Man muss wohl nicht weiter ausholen, um zu verstehen, was Christopher Rüping dazu gebracht haben mag, diese heute kaum noch bekannte Werk gerade jetzt auf die Bühne zu bringen. Ein Showman, der sich als Anti-Politiker geriert und zum Tribun der „vergessenen kleinen Leute“ aufschwingt – klingt das nicht irgendwie bekannt?

Bild: Arno Declair

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Wessen Geschichte?

Autorentheatertage 2017 – Sivan Ben Yishai: Your Very Own Double Crisis Club, Deutsches Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Das Theater – ein „Haus der Geschichten“. Die Definition steht im Zentrum von Your Very Own Double Crisis Club der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai. Und wird schnell präzisiert: Es sei ein „Haus eurer Geschichten“, schleudert dem „Ihr“ des Publikums das „Wir“ der sechs in EU-Fahnen-Strampelanzügen gewandeten jungen Spieler*innen, Schauspielstudierende der Berliner Universität der Künste, entgegen. Ohne Bitterkeit oder Vorwurf, einfach als Tatsache. Dazu verwandeln Lichtregie und Geräuschkulisse die leere Bühne vor dem Eisernen Vorgang in eine Mischung als Geisterbahn und Horror-B-Movie. Schließlich muss die Geschichte, die sie uns erzählen, nur einem schmecken: nämlich dem kollektiven „Wir“, das sich von ihrem „Ihr“ nicht vereinnahmen lässt, schließlich ist das „unser Haus“. In das „wir“ „sie“ lassen oder auch nicht. Denn „sie“ sind anders, haben andere Geschichten als „wir“. Die handeln von Flucht, von ihrer Stadt, aus der sie herauskullerten wie Bonbons aus einem zerbrochenen Bonbonglas, nachdem ihre Stadt „gegangbangt“ wurde. Und die nun hierher gekullert sind. Zu uns. Die Europafarben tragen, weil sie dazu gehören wollen. Was sie aber nicht tun. Denn „sie“ sind ja nicht „wir“.

Bild: Arno Declair

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In der Marillen-Hölle

Autorentheatertage 2017 – Yade Yasemin Önder: Kartonage, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Es wird ja immer wieder gern über die Wirkmächtigkeit von Theater, von Kunst im Allgemeinen, debattiert, meist mit einem erwartbaren Ergebnis: Der gesellschaftliche Effekt von Theater ist eingeschränkt bis gar nicht vorhanden, seine soziale Funktion längst abhanden gekommen, man predigt ohnehin nur noch zu den Bekehrten und schließt sich ein im wohligen Kokon des Bildungsbürgertums. Das ist alles nicht falsch und auch Kartonage, uraufgeführt im Rahmen der Autorentheatertage 2017, wird die Welt nicht verändern. Vielleicht aber das Verhalten derer, die das Stück sehen durften: Unter ihnen wird der Konsum von Aprikosen-, Verzeihung, Marillenmarmelade voraussichtlich eher abnehmen. Und sollten sich Daten-Kenner unter den Zuschauer*innen befinden, ist es zumindest nicht undenkbar, dass sie noch einmal genauer in die Exegese der Divina Commedia gehen, um zu erforschen, ob sie nicht einen Höllenkreis übersehen haben, der ganz und gar aus dem süßig-klebrigen Brotaufstrich besteht. Denn in Yade Yasemin Önders Theaterdebüt  ist das Grauen, ist der Abgrund, ist das Jüngste Gericht eindeutig zu verorten: in einem dampfenden Topf gefüllt mit dem in seiner Färbung verdächtig an die Hautfarbe eines aktuellen amerikanischen Spitzenpolitikers erinnernden Brei.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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