Archiv der Kategorie: Deutsches Theater

Die Kreisenden

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

„Nachtgestalten“: So heißt ein Film Andreas Dresens aus dem Jahr 1999. Episodenhaft erzählt er Geschichten von Menschen, die im Dämmerlicht der dunklen Stunden einander begegnen, sich am Leben versuchen und an ihm scheitern. Schattenwesen, Einsame, Suchende. Nachtgestalten sind auch die Menschen, die Clemens Meyers Erzählungsband Die stillen Trabanten fast 20 Jahre später bevölkern, Bewohner*innen der dunklen Seite der Gegenwart, die wie immer bei Meyer eine dediziert ostdeutsche ist und sich nie von der Vergangenheit trennen lässt. Da ist der Lokführer, der gern in der Stille der Nacht fährt und auf einen Selbstmörder trifft, die einsamen Frauen, die einander in einem Bahnhof begegnet, der Wachmann, der sich einst eine Bewohnerin eines von ihm bewachten Wohnheims verliebte, der durchs leben Irrende, der auf eine Frau trifft, die sich nach ihrem toten Enkel sehnt, der Imbissbudenbesitzer, der in eine muslimische Ehe gerät und in so viel mehr. Meist ist es die Vergangenheit, die die Figuren im Griff hat, immer die Angst vor der Zukunft, die Überzeugung, keine verdient zu haben. Zurückgelassene und sich (und einander) zurücklassende. Streuner der Nacht.

Bild: Arno Declair

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Die große bunte Handke-Schau

Peter Handke: Publikumsbeschimpfung, Schauspiel Stuttgart / Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Martin Laberenz)

Von Sascha Krieger

Am Ende findet die Beschimpfung nicht statt. Sie ist nur eine Erinnerung, eingespielt als Audioaufnahme der Uraufführung von 1966. Übertönt, weggespült von den Live-Instrumenten der Neuinszenierung von 2018. Ein Opfer der zeit, die, wie Handke postulierte, ja keine Bedeutung habe und nicht gespielt werden dürfe. Die einzige Zeit, die zähle, sei das Jetzt und das Jetzt und das Jetzt. 1966 war Publikumsbeschimpfung ein Angriff auf das Theater, wie man es kannte, auf das Spiel als Repräsentation, auf das „Als ob“ und den Zuschauer als passiven Konsumenten. Mehr noch: Handke attackierte die bestehende, seit dem Ende des 2. Weltkriegs reichlich konsolidierte Ordnung mit ihrem Oben und Unten, ihrem Subjekt und Objekt, ihren Machern und ihren Empfängern. Das Theater war für ihn ein Symptom, ein Teil dieser Ordnung – und das Labor, in dem an deren Aufhebung geforscht werden konnte. Das „Wir machen es so, weil wir es immer schon so gemacht haben“ war Handkes Feind. Theater, Kunst sollte ein Möglichkeitsraum werden, einer, der keine Grenzen kannte, ein Ort kollektiven Ausprobierens und damit ein Modell für eine sich neu hinterfragende Gesellschaft. Publikumsbeschimpfung war und ist ein zutiefst politisches Stück. Und eines über, nein, für das Theater.

Bild: Arno Declair

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Ecce homo

Nach Knut Hamsun / Henrik Ibsen: Hunger. Peer Gynt, Deutsches Theater (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Am Ende sitzt er da, im Regen. Der Nebel wabert, im Hintergrund, fern eine gemalte Welt, um ihn Leere. Er ruft die Mutter an, die Welt, sich selbst. Licht flutet den Raum, bis er mit kindlichem Staunen „Es wird hell!“ ruft – und es dunkel wird. Endgültig. Peter René Lüdicke gehören diese letzten der mehr als drei Stunden. Er ist Peer Gynt und Knut Hamsuns namenloser Erzähler-Protagonist in Hunger. aber auch ein Beckettscher Leere-Bewohner, ein Lear, vielleicht ein Macbeth nach der Schlacht. Ein Geworfener, in eine Welt, die er gemacht hat, die ihn gemacht hat und in der er fremd bleibt. Sebastian Hartmann zwingt in seinem neuen Abend zwei Norweger zusammen, die nicht zusammenzupassen scheinen. Hier der Realist und Psychologisierer Ibsen, dort der Modernist und Zerstrümmerer Hamsums. Und zwei Reisende, die viel trennt: der Weltenwanderer und -erfinder Peer und der sich in sich selbst verlierende Jung-Schriftsteller Hamsuns. Eine Reise ins Unendliche und eine ins Innere – und beide enden im Nirgendwo. im finalen Verlust, der unbändigen Sehnsucht, dem Schrei  nach Welt, nach Ich, nach Sinn.

Bild: Arno Declair

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No Future

Andreas Veiel in Zusammenarbeit mit Jutta Doberstein: Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Veiel)

Von Sascha Krieger

„Welche Zukunft?!“ So heißt nicht einfach nur ein Theaterabend, sondern gleich ein mehrjähriges Projekt, angestoßen von Regisseur und Dokumentarfilmer Andreas Veiel und Autorin Jutta Doberstein. Das sich Fragen widmet wie: Wohin geht die Reise unserer in letzter zeit so krisenfreudig erscheinenden Gesellschaft, was macht sie mit der Welt als ganzer und wie lässt sie die Katastrrophe, auf die wir vielleicht zusteuern, verhindern? Alles begann mit einem Dialog von Bürgern und Wissenschaftlern, das ein Zukunftsszenario für die kommenden zehn Jahre entwickelte, welches in einem Symposium weiter vertieft wurde. Der Theaterabend, Teil drei des 2010 endenden Projekts, blickt nun zurück. Es ist 2018, die EU ist zerfallen, Menschen tragen Chips, die eine rätselhafte Krankheit bekämpfen sollen und nebenbei all ihre Erinnerungen und Gedanken auslösen. Der Staat ist gescheitert und durch privatwirtschaftlich organisierte Gesellschaftsformen, in denen Shareholder die neuen Bürger sind, abgelöst. Siris und Alexas der übernächsten Generation organisieren das Leben, der wenigen, die über ein solches noch verfügen, während zu Hunderttausende Noprdeuropäer auf künstliche Inseln zu fliehen suchen, nur um beim Versuch abgeknallt zu werden. Eine Menge Dystopie, ein bisschen Science Fiction und ganz viel Pessimismus.

Bild: Arno Declair

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Alte Geister

Nach Thomas Bernhard: Alte Meister, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Herr Reger ist ein typischer Thomas-Bernhard-Charakter: ein grantelnder alter Mann, der alles hasst – die Menschheit, die Kunst, das Leben. Bruckner, Mahler, Stifter: alles Müll. Und selbst die alten Meister sind alles andere als fehlerfrei. Stundenlang sitzt er vor einem Tintoretto im Kunsthistorischen Museum Wien und kann sich mindestens ebenso lange darüber aufregen, welche Fehler der Meister alle gemacht hätte. Er verabscheut Spaziergänge und geht spazieren, er hasst Museen und verbringt sein Leben in einem. Er lehnt jegliches Bewundern ab und bewundert: die Unvollkommenheit, die Offenheit, das, was ihm und seinem Leben fehlt. Denn dieser Reger ist ein Verlorener und ein Verlierer, denn er ist verloren, weil er verloren hat. Seine Frau, die er einst auf dieser Museumsbank kennenlernte. Und die fehlt. Jede Sekunde. So kommt er immer wieder hierher, spricht mit dem Museumswächster Irrsigler, ein stets vergeblicher Kampf gegen die Einsamkeit, der selbige nur noch zementiert. Der sanfte Schweizer Thom Luz hat sich für seinen knapp 75-minütigen neuen Berliner Abend von dem Roman des garstigen Österreicher inspirieren lassen. Luz wird oft mit Christoph Marthaler verglichen ob seiner stillen, elegischen, hochmusikalischen und melancholischen Arbeiten, die meist meditativ daherkommen, wenig gesprächig, eine theatrale Wahrheit hinter Handlung und Dialog und Geschichte suchend. Es sind Reflexionen über das Verschwinden, Wiede3rauftauchen und erneut Verschwinden. Geisterspiele.

Bild: Arno Declair

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„Wir können es auch nicht“

René Pollesch: Cry Baby, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Zurück auf Anfang? Als René Pollesch zum letzten Mal in Berlin inszenierte, war alles anders aber schon nichts mehr gut. Eineinhalb Jahre ist es her, die Volksbühne war noch, Bert Neumann sei Dank, eine Mischung aus Asphaltdschungel und Großraumdisko. Pollesch gehörte mit Dark Star der löetzte Abend der Castorf-Zeit, ein melancholisches Nicht-Abschiednehmen wie so manche vor ihm, ein Verglühen in Ratlosigkeit. Jetzt ist er wieder da, die Volksbühne wieder ein zu beschreibenden weißes Blatt und Pollesch findet Unterschlupf im altehrwürdigen deutschen Theater. Damit haben sich die Volksbühnen-Granden verteilt – Castorf inszeniert nebenan am BE, Herbert Fritsch an der Schaubühne – und vielleicht irgendwie den Rest der Stadt erobert. Aber, first things first, erstmal gilt es, von der neuen Bühne Besitz zu ergreifen. Die sich auf den Neuzugang einiges einbildet, nicht zufällig bekommt Pollesch die Saisoneröffnungspremiere. In der er sich dann auch ausgiebig der Exil-Heimat widmet.

Bild: Arno Declair

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Die geraubte Stimme

Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt (Fassung von Sebastian Hartmann): In Stanniolpapier, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zum Abschluss ein „Skandal“. Man muss dem Deutschen Theater ja fast dankbar sein, dass es auf die abstruse Idee kam, den Stückezertrümmerer, Textumdeuter und -visualisierer Sebastian Hartmann eine Uraufführung anzuvertrauen. Und dann auch noch eine im Rahmen der „Langen Nacht der Autoren“, dem Höhe- und Endpunkt der Autorentheatertage, für die drei Stücke von einer Jury ausgewählt und von einem der kooperierenden Theater (bis zu diesem Jahr waren das neben dem DT das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich) uraufgeführt werden. Hier sollten Autor*in und Text im Vordergrund stehen. Ein Unternehmen, das im Falle von Björn SC Deigners In Stanniolpapier reichlich schiefging. Am Ende einigte man sich darauf, das Wort „Uraufführung“ durchzustreichen und das Stück „in einer Fassung von Sebastian Hartmann“ zu spielen. Das Publikum bekam neben dem Programmheft ein sich distanzierendes Statement der Jury und den Originaltext ausgehändigt.

Bild: Arno Declair

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Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Ende der Geschichte(n)

Autorentheatertage 2018 – Simone Kucher: Eine Version der Geschichte, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Marco Milling)

Von Sascha Krieger

Eigentlich kommt die Uraufführung von Simone Kuchers Text etwa drei Jahre zu spät. 2015 jährte sich der Völkermord an den im Osmanischen reich lebenden Armeniern zum 100. Mal. Zahlreiche Theaterarbeiten befassten sich damals mit dem Thema und nicht zuletzt mit der alles andere als unproblematischen Rolle des Deutschen Reichs, das bei seinem verbündeten nur zu gern mehr als  nur ein Auge zudrückte. Jetzt legen Kucher und ihr Uraufführungsregisseur Marco Milling eine Arbeit nach, die sich mit Verdrängungsmechanismen und der Kraft der Erinnerung befassen will – im privaten wie im öffentlichen Raum. Also konstruieren sie eine Familie armenischer Herkunft, in der über den Genozid nur abstrakt gesprochen und verheimlicht wurde, wie  sehr er sie selbst betraf. Es gibt eine erfolgreiche Geigerin und ihren Bruder – sie macht das Verdrängungsspiel nur zu gern mit, während er obsessiv nach Spuren sucht. Die Mutter schweigt und ist doch empört, wenn sich die Tochter als Amerikanerin definiert. Die Wurzeln werden nicht anerkannt, sind aber doch irgendwie wichtig. Natürlich ist es in der Folge die Tochter, die nicht mehr loslässt und Geheimnisse aufsürtr, die sich dann doch erstaunlich schnell und leicht ausgraben lassen.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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