Archiv der Kategorie: Deutsches Theater

„Zeitbomben der Zukunft“

Junges DT – Tanja Šljivar: Draufgängerinnen. All Adventurous Womes Do, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Salome Dastmalchi)

Von Sascha Krieger

Es war eine Klassenfahrt mit Folgen. 2014 kehrten sieben 13-jährige Mädchen in Bosnien und Herzegowina mit einer Überraschung von einem fünftägigen Schultrip zurück: Jede von ihnen war schwanger. Die kollektive Empfängnis schlug wellen, erreichte die Weltpresse, führte zu Diskussionen über sexuelle Aufklärung, Verhütung und natürlich vermeintliche moralische Defizite in der Gesellschaft. Jeder hatte etwas zu sagen, nur sieben Menschen blieben stumm: die schwangeren Mädchen. In ihrem Stück Draufgängerinnen. All Adventurous Womes Do gibt ihnen Tanja Šljivar nun eine Stimme. Und Regisseurin Salome Dastmalchi Gesichter und Körper. Vier weibliche und drei männliche, zwischen 15 und 19 Jahren alt. Geworfen in einen weißen, noch zu beschreibenden Raum. Ein neutraler Kasten (Ausstattung: Paula Wellmann), der nicht so gleichgültig erscheint wie er ist. An den Wänden ein Meer aus Hashtags. Symbol der Selbstdarstellung, des mit eigener Stimme Zu-Worte-Kommens, aber auch der öffentlichen Verurteilung, der kollektiven Meinungsäußerung, des globalen Prangers. Ganz hinten eine runde Ausbuchtung, die Andeutung eines kirchlichen Altarraums. Das urteilende, richtende Auge der Gesellschaft ist nicht weit.

Bild: Arno Declair

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Machtspieler

John von Düffel nach CoriolanJulius Cäsar und Antonius und
Cleopatra von William Shakespeare: Rom, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

„Democracy Dies in Darkness“: Seit die derzeitige US-Regierung ihren Feldzug gegen die Pressefreiheit begonnen hat, prangen diese Woche im Kopf der „Washington Post“. dass das „Ende der Geschichte“, ausgerufen nach Ende des so genannten Kalten Krieges, eine Illusion ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Demokratien nicht unsterblich sind, wissen wir aus der Geschichte. Der deutschen, zum Beispiel. Weil wir aber am Theater sind und wir im Zweifelsfall immer zuerst William Shakespeare zitieren, der aus verständlichen Gründen kein Chronist der Weimarer Republik war, gehen John von Düffel und Karin Henkel ein bisschen weiter zurück: nach Rom, dem uns bekannten zweiten Demokratieexperiment der Geschichte, einem, das blutig begann und ebenso endete. Also hat von Düffel sich drei Shakespeare-Dramen vorgenommen und aus ihnen einen Diskurs über Geburt und Tod der Demokratie gebastelt: Beginnend mit Coriolan, wo sich das Volk gegen einen Autokraten durchzusetzen scheint, über Julius Cäsar und den Versuch, die Demokratie zu retten, der diese jedoch in tödliche Gefahr bring bis zu Antonius und Cleopatra und den vernunftbeschwerten Triumph der Diktatur.

Bild: Arno Declair

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Elfriede Jelinek… verzweifelt gesucht

Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wurde Donald J. Trump, Immobilienmogul und Reality-TV-Star, zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Noch am gleichen Tag soll Elfriede Jelinek mit der Arbeit an Am Königsweg begonnen haben. Darin stellt sie nicht nur die Frage, wie es zu Trumps Wahl kommen konnte und was mit einer Gesellschaft passiert sein muss, die derart leichtfertig mit ihrer demokratischen Macht umgeht, sondern hinterfragt auch sich selbst, ihre Rolle als Autorin, ihre Unsicherheit und Ohnmacht, die Sinnhaftigkeit dieses ihres Tuns. 80 Seiten stark ist die Textfläche, so lang wie fast eineinhalb Hamlets, wie Robin Detje im Programmheft errechnet hat. Ein wie immer assoziationsstarker Text voller Wortspiele, die diesmal nicht selten am Rande der Verzweiflung und Resignation entlang balancieren, Gedankenschlangen, die sich selbst und gegenseitig auf die Füße treten, in den Schwanz beißen und in die Weichteile boxen. Ein offenes Schlachtfeld persönlicher wie kollektiver Verunsicherung.

Bild: Arno Declair

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Die Beharrende

Christa Wolf: Medea. Stimmen, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Am Ende steht nur noch Medea. Während alle anderen, all die Geschichtenumschreiber, die Deutungshoheitsbesitzer, die Patriarchatsbewahrer reglos im Wasser liegen, steht sie, die Verliererin, die Umgedeutete, Verfemte, Beschuldigte, aufrecht. „Ist eine Welt zu denken, in die ich passen könnte?“, fragt sie mit ruhiger Stimme. „Keiner da zu fragen. Das ist die Antwort“, fügt sie hinzu. Maren Eggert ist Medea, aber nicht die Kindsmörderin des Euripides, sondern die sich Auflehnende, die Wahrheitsstreiterin, die sich nicht einfügende der Christa Wolf. 1996 hat die Autorin sie umgedeutet oder, in ihren Augen, sich der Verleumdung des Euripides entgegengestellt. Dort ist eine der stärksten Frauen antiker Erzählungen ein Racheengel, einer, der zweifellos übel mitgespielt wurde und die darauf reagiert, dass sie sich allen moralischen Konsens entledigt und die eigenen Kinder schlachtet. Die frau als irrationales Wesen, der nicht zu trauen ist. Maren Eggert ist die Anti-Medea oder eben die wahre, je nach Blickrichtung. Ruhig, gefasst, mit klarem Blick am Schluss, zuvor herausfordernd, sich nicht mit dem Gegebenen abfindend, trocken mit einem Hauch Schnoddrigkeit. Keine, die sich herumschubsen lässt und die doch sehr genau um ihre Machtlosigkeit weiß.

Bild: Arno Declair

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Jenseits der Spiegel

Nach Stanisław Lem: Solaris, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Ein mutloser Regisseur ist András Dömötör schon einmal nicht. Stanisław Lems Solaris gehört zu den am meisten verehrten Werken der Science-Fiction-Literatur, Andrej Tarkowskis Verfilmung gilt als einer der besten Filme aller Zeiten. Ein veritables Minenfeld, in das sich der Regisseur begibt, wenn er den Stoff jetzt auf die kleinste der drei Bühnen den Deutschen Theaters befördert. An der Art und weise, wie er das tut, fällt zunächst seine Furchtlosigkeit auf. Er nimmt die Tradition an, in die er sich stellt, scheut Zitat und Anschluss nicht und wirft zugleich jede unangebrachte Ehrfurcht über Bord. Dabei punktet zunächst Sigi Colpes Bühnenbild, eine enge Raumschiffminiatur, die an 2001 erinnert oder auch an Alien, eine saubere, aseptische, aber auch abweisend lebensfeindliche Welt, eng, klaustrophobisch, unentrinnbar. Und so symmetrisch aufgebaut, dass sich linke und recht Hälfte spiegeln, was sofort ins Herz von Lems Romanwelt führt. Denn die drei Raumforscher, die er in einer Raumstation auf einem von einem intelligenten Ozean bedeckten Planeten versammelt, mühen sich an einer Kernaufgabe menschlicher Existenz ab: Wie finden wir Kontakt mit jenen, die wir als anders als uns selbst wahrnehmen, die womöglich andere Wahrnehmungsmuster haben, andere Weltsichten, andere Perspektiven auf das, was wir Leben, Existenz, Universum nennen – zweifellos eine Grundfrage unserer wie aller Zeiten vor und vermutlich auch nach ihr.

Bild: Arno Declair

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Nach Sonnenuntergang

Maxim Gorki: Sommergäste, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

Am Anfang geht die Sonne unter. Das heißt, eigentlich geht sie auf. Ein einzelner Scheinwerfer erstrahlt in gleißend warmem Gelb und entschwindet auf Nimmerwiedersehen durch die Bühnendecke. Was bleibt, ist Zwielicht. In ihm eine erstarrte Gesellschaft, gefangen im rostigen Kasten ihrer Existenz (Bühne: Claudia Rohner), untergegangen schon, bevor wir ihnen begegnen. Maxim Gorkis Sommergäste erblickte das fahle Licht seiner Welt im Jahr 1904. Im Jahr darauf scheiterte die erste russische Revolution – der Anfang vom Ende einer totgelaufenen Welt, die zwölf Jahre später endgültig zusammenbrach. Die Endzeitstimmung ist überall zu spüren in Gorkis Stück und Daniela Löffner, die zuletzt mit ihrem Turgenjew-Abend Väter und Söhne brillierte, macht sie zum Kern ihrer Inszenierung. Die Figuren können nicht raus aus dem Kasten, bleiben da, selbst wenn sie gerade nicht in der Szene sind. Warten, ob sie gerade handeln oder nicht, tun nichts anderes, „überflüssige Menschen“ par excellence. Man kennt das noch von den Arbeiten Jürgen Goschs, dessen Regieassistentin Löffner war: Auch bei ihm verharrten die Darsteller oft die ganze Zeit auf der Bühne, auch bei ihm waren sie eingepfercht in meist noch viel engeren Bühnenkästen, gebaut von Johannes Schütz, den Rohner hier deutlich zitiert.

Bild: Arno Declair

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Im digitalen Regen

Junges DT – Nach dem Roman von John von Düffel: Klassenbuch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

When it rains, it pours, sagt ein englischsprachiges Sprichwort. Man kennt das aus der Pubertät, wenn jede noch so kleine Krise, die schlechte Note, der erste Liebeskummer, der Streit im Freundeskreis, das verlorene Fußballspiel, apokalyptische Züge annehmen kann. Doch was, wenn der Regen nurmehr digital ist, im Zwischenraum des passend so genannten Inter(!)-Nets stattfindet? Was, wenn zur ohnehin schon unmöglich erscheinenden Identitätsfindung in der realen Welt eine solche, die eher einer Identitätserschaffung ähneln mag, im digitalen Raum hinzukommt, wenn sich die eigene Welt unendlich erweitert, die Echokammer, in der man sich befindet riesengroß und zugleich winzig klein wird? Im Laufe der Inszenierung von John von Düffels Roman Klassenbuch mit dem Ensemble des Jungen DT fällt er tatsächlich, der digitale Regen. Fahl und weiß ziehen seine Fäden über die Rückwand und bilden digitale Pfützen auf der angeschrägten Spielfläche, die eigentlich weiß ist, wie das Blatt, welches das junge Leben der Protagonist*innen dem Klischee nach darstellt? Diese Pfützen sind schnell laufende und sich multiplizierende Counter, Leben im digitalen Zeitalter werden zu Datenmengen reduziert, aus- und verwertbar.

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Bild: Arno Declair

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Kippfiguren

Thomas Melle: Versetzung, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Brit Bartkowiak)

Von Sascha Krieger

Eigentlich läuft bei Ronald alles großartig: Der Lehrer ist beliebt, sein Schulleiter, der kurz vor der Pensionierung steht, eröffnet ihm, ihn zu seinem Nachf0lger machen zu wollen, seine Frau ist schwanger. Und doch steht er draußen. Brit Bartkowiaks Uraufführungsinszenierung beginnt er vor dem Eisernen Vorhang, seinen unsichtbaren – nicht anwesenden? – Schülern über die Benutzung des Wortes „Opfer“ als Schimpfwort dozierend, was in den Worten „Ich bin ein Opfer.“ kulminiert. Ein Monolog ins Leere hinein. Wenn der Eiserne hochgeht, eröffnet sich der Blick auf eine angehobene Spielfläche. Biederes Holz à la Gelsenkirchener Barock und dröger blauer Teppichboden. Die anderen Protagonist*innen, derer Schulapparat samt Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen versammelt sich darauf – Ronald bleibt draußen. Alles scheint gut, normal, und doch ist irgendetwas nicht ganz richtig. Klar, bekommt er gleich die Fischfutterdose fürs Aquarium überreicht, das Zepter eines spießigen Schulleiters, aber sein Besuch auf dem Podium des Dazugehörens scheint von Beginn an temporär angelegt. Hinzu kommt Daniel Hoevels‘ immer leicht verkrampfter, angespannter Duktus als Ronald. Nein, hier steht etwas im Raum. Nicht greifbar, vielleicht nur eine Illusion des überwachen Zuschauers.

Bild: Arno Declair

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Spiel des Lebens

Rosa von Praunheim: Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Rosa von Praunheim)

Von Sascha Krieger

Sie heißen „Analverkehr“, „Kleiner Penis“, „Sex after Death“ oder Täschchen von Gucci“: Anlässlich seines 75. Geburtstages darf sich Rosa von Praunheim, Ikone der Schwulenbewegung und, ob einem das gefällt oder nicht, einer der wichtigsten deutschen Filmemacher der letzten Jahrzehnte am Deutschen Theater selbst feiern. Einen eigenen Theaterabend bekommt er, gut zwei Stunden für 75 Jahre Leben, die er als Liederabend für zwei gestaltet hat. Song-Titel? Siehe oben. Das Duo, dem er sein Leben anvertraut, besteht aus DT-Ensemblemitglied Božidar Kocevski und dem Musiker und Schauspieler Heiner Bomhard. Es geht um Kindheit und Jugend, erste Lieben, das Schwulsein zwischen Privatheit und Politikum, die Kunst und den Aktivismus, Beziehungen und Sex und – natürlich – den Tod. Beim Hereinkommen wirken Film- und Fernsehausschnitte als Apettitanreger. Da gibt es Ausschnitte aus von Praunheims Dokumentarfilmen aber auch Schnipsel zu seinem größten „Skandal“: dem Zwangsouting Prominenter im Jahr 1991, ein ziemlich verzweifelter Versuch, Aufmerksamkeit für die aus dem Köpfen der Jungen zunehmend verschwindende AIDS-Problematik zu erzeugen. Allein Inge Meisel noch einmal zu sehen, wie sie von Praunheim in einer Talkshow vehement verteidigt, ist den Eintritt wert.

Bild: Arno Declair

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Die Welt ersprechen

Nach James Joyce: Ulysses, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Natürlich kann man ihn nicht auf die Bühne bringen, den Ulysses des James Joyce. Einzelne Teile vielleicht, den Ohne-Punkt-und-Komma-Monolog der Molly Bloom vielleicht, der am Ende des Romans steht. Das ist auch verschiedentlich schon gemacht worden und gelegentlich gelungen. Aber das Monster in seiner Ganzheit? Diese irrsinnige Odyssee-Überschreibung anhand der Irrnisse zweier Männer, die 24 Stunden durch das Dublin der späten britischen Okkupationsphase – wir schreiben das Jahr 1904 – irrlichtern, in der die Sprache, ihre Rolle in der Weltwahrnehmung und ihre Macht der Welterschaffiung, der eigentliche Protagonist ist, sie ist nicht für die Bühne gemacht, wo Geschichten Fleisch werden, Figuren physische Präsenz erlangen, die Zeit noch linear ist. Die Möglichkeit alternativer Realitäten, der Blick hinter die Wirklichkeit, die der Roman eröffne, interessiere ist, erzählt Regisseur Sebastian Hartmann im Programmheft-Interview. Also stellt er zunächst Linda Pöppel auf die Bühne, eingerahmt von einer Art Tor (zur Hölle?), bestehend aus Wänden roter Neonröhren und erzählt distanziert von einem apokalyptischen und imaginierten Brand Dublins. Die Kraft der Sprache, Wirklichkeit zu erschaffen, paart er mit der Ausstellung genau dieser theatralen Mechanik. Wie so oft an diesem Abend. Das Ergebnis: Die Joycesche Sprachmacht fällt sich selbst in den Rücken, der Effekt stellt sich nicht in Frage, er verpufft.

Bild: Arno Declair

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