Archiv der Kategorie: Deutsches Theater

Im digitalen Regen

Junges DT – Nach dem Roman von John von Düffel: Klassenbuch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

When it rains, it pours, sagt ein englischsprachiges Sprichwort. Man kennt das aus der Pubertät, wenn jede noch so kleine Krise, die schlechte Note, der erste Liebeskummer, der Streit im Freundeskreis, das verlorene Fußballspiel, apokalyptische Züge annehmen kann. Doch was, wenn der Regen nurmehr digital ist, im Zwischenraum des passend so genannten Inter(!)-Nets stattfindet? Was, wenn zur ohnehin schon unmöglich erscheinenden Identitätsfindung in der realen Welt eine solche, die eher einer Identitätserschaffung ähneln mag, im digitalen Raum hinzukommt, wenn sich die eigene Welt unendlich erweitert, die Echokammer, in der man sich befindet riesengroß und zugleich winzig klein wird? Im Laufe der Inszenierung von John von Düffels Roman Klassenbuch mit dem Ensemble des Jungen DT fällt er tatsächlich, der digitale Regen. Fahl und weiß ziehen seine Fäden über die Rückwand und bilden digitale Pfützen auf der angeschrägten Spielfläche, die eigentlich weiß ist, wie das Blatt, welches das junge Leben der Protagonist*innen dem Klischee nach darstellt? Diese Pfützen sind schnell laufende und sich multiplizierende Counter, Leben im digitalen Zeitalter werden zu Datenmengen reduziert, aus- und verwertbar.

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Bild: Arno Declair

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Kippfiguren

Thomas Melle: Versetzung, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Brit Bartkowiak)

Von Sascha Krieger

Eigentlich läuft bei Ronald alles großartig: Der Lehrer ist beliebt, sein Schulleiter, der kurz vor der Pensionierung steht, eröffnet ihm, ihn zu seinem Nachf0lger machen zu wollen, seine Frau ist schwanger. Und doch steht er draußen. Brit Bartkowiaks Uraufführungsinszenierung beginnt er vor dem Eisernen Vorhang, seinen unsichtbaren – nicht anwesenden? – Schülern über die Benutzung des Wortes „Opfer“ als Schimpfwort dozierend, was in den Worten „Ich bin ein Opfer.“ kulminiert. Ein Monolog ins Leere hinein. Wenn der Eiserne hochgeht, eröffnet sich der Blick auf eine angehobene Spielfläche. Biederes Holz à la Gelsenkirchener Barock und dröger blauer Teppichboden. Die anderen Protagonist*innen, derer Schulapparat samt Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen versammelt sich darauf – Ronald bleibt draußen. Alles scheint gut, normal, und doch ist irgendetwas nicht ganz richtig. Klar, bekommt er gleich die Fischfutterdose fürs Aquarium überreicht, das Zepter eines spießigen Schulleiters, aber sein Besuch auf dem Podium des Dazugehörens scheint von Beginn an temporär angelegt. Hinzu kommt Daniel Hoevels‘ immer leicht verkrampfter, angespannter Duktus als Ronald. Nein, hier steht etwas im Raum. Nicht greifbar, vielleicht nur eine Illusion des überwachen Zuschauers.

Bild: Arno Declair

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Spiel des Lebens

Rosa von Praunheim: Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Rosa von Praunheim)

Von Sascha Krieger

Sie heißen „Analverkehr“, „Kleiner Penis“, „Sex after Death“ oder Täschchen von Gucci“: Anlässlich seines 75. Geburtstages darf sich Rosa von Praunheim, Ikone der Schwulenbewegung und, ob einem das gefällt oder nicht, einer der wichtigsten deutschen Filmemacher der letzten Jahrzehnte am Deutschen Theater selbst feiern. Einen eigenen Theaterabend bekommt er, gut zwei Stunden für 75 Jahre Leben, die er als Liederabend für zwei gestaltet hat. Song-Titel? Siehe oben. Das Duo, dem er sein Leben anvertraut, besteht aus DT-Ensemblemitglied Božidar Kocevski und dem Musiker und Schauspieler Heiner Bomhard. Es geht um Kindheit und Jugend, erste Lieben, das Schwulsein zwischen Privatheit und Politikum, die Kunst und den Aktivismus, Beziehungen und Sex und – natürlich – den Tod. Beim Hereinkommen wirken Film- und Fernsehausschnitte als Apettitanreger. Da gibt es Ausschnitte aus von Praunheims Dokumentarfilmen aber auch Schnipsel zu seinem größten „Skandal“: dem Zwangsouting Prominenter im Jahr 1991, ein ziemlich verzweifelter Versuch, Aufmerksamkeit für die aus dem Köpfen der Jungen zunehmend verschwindende AIDS-Problematik zu erzeugen. Allein Inge Meisel noch einmal zu sehen, wie sie von Praunheim in einer Talkshow vehement verteidigt, ist den Eintritt wert.

Bild: Arno Declair

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Die Welt ersprechen

Nach James Joyce: Ulysses, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Natürlich kann man ihn nicht auf die Bühne bringen, den Ulysses des James Joyce. Einzelne Teile vielleicht, den Ohne-Punkt-und-Komma-Monolog der Molly Bloom vielleicht, der am Ende des Romans steht. Das ist auch verschiedentlich schon gemacht worden und gelegentlich gelungen. Aber das Monster in seiner Ganzheit? Diese irrsinnige Odyssee-Überschreibung anhand der Irrnisse zweier Männer, die 24 Stunden durch das Dublin der späten britischen Okkupationsphase – wir schreiben das Jahr 1904 – irrlichtern, in der die Sprache, ihre Rolle in der Weltwahrnehmung und ihre Macht der Welterschaffiung, der eigentliche Protagonist ist, sie ist nicht für die Bühne gemacht, wo Geschichten Fleisch werden, Figuren physische Präsenz erlangen, die Zeit noch linear ist. Die Möglichkeit alternativer Realitäten, der Blick hinter die Wirklichkeit, die der Roman eröffne, interessiere ist, erzählt Regisseur Sebastian Hartmann im Programmheft-Interview. Also stellt er zunächst Linda Pöppel auf die Bühne, eingerahmt von einer Art Tor (zur Hölle?), bestehend aus Wänden roter Neonröhren und erzählt distanziert von einem apokalyptischen und imaginierten Brand Dublins. Die Kraft der Sprache, Wirklichkeit zu erschaffen, paart er mit der Ausstellung genau dieser theatralen Mechanik. Wie so oft an diesem Abend. Das Ergebnis: Die Joycesche Sprachmacht fällt sich selbst in den Rücken, der Effekt stellt sich nicht in Frage, er verpufft.

Bild: Arno Declair

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Im Ausnahmezustand

Junges DT – Nach dem Roman von Stefanie de Velasco: Tigermilch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Wojtek Klemm)

Von Sascha Krieger

Es ist ein Balanceakt, dieses Erwachsenwerden. So wie sie da am Bühnenrand stehen und versuchen, das Gleichgewicht zu halten, die acht Spieler*innen zwischen 15 und 21 Jahren, so soll es sich angefühlt haben, damals, auf der Schwelle zwischen Kindein und Erwachsenenleben, was auch immer das bedeuten mag. Tidermilch heißt der 2013 erschienene Debütroman von Stefanie de Velasco, benannt nach dem Gebräu als Milch, Maracujasaft und Mariacron, mit dem sich die beiden 14-jährigen Protagonistinnen bevorzugt die Kante geben. Um zwei Mädchen geht es, Nini und Jameelah, und um einen Sommer, der mit der Mission Entjungferung beginnt und mit einem Mord noch lange nicht endet. Es geht um mehr oder minder zerrüttete Familienverhältnisse, das Leben als Außenseiter in irgendeiner Betonburg am Stadtrand, umgewollte Schwangerschaften, Abschiebungen, einen Ehrenmord, Prostitution, das volle Programm. Erwachsenwerden im Crashkurs.

Bild: Arno Declair

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Wenn Spießer träumen

Roland Schimmelpfennig: Der Tag, als ich nicht mehr war, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause – und ist schon da. Das ist die Grundkonstellation von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück, dessen Uraufführung Anne Lenk in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besorgt. Eine Spießerfamilie wird aufgemischt, als sich zunächst der Mann, dann die Frau aufspaltet. In ein „normales“ Ich und ein alternatives – das nackt schläft, über die Strenge schlägt und die Fichte im Garten, die den Mann seit Jahren stört, einfach fällt. Am Ende gewinnt natürlich die spießige Anpassung. Oder nicht? Schimmelpfennigs Stück ist kurz – die Uraufführung dauert schlanke 70 Minuten – und für seine Verhältnisse eher geradlinig. Die Grundkonstellation wird durchgespielt bis zum bitteren, wenngleich durchaus ambivalenten Ende. Die hochkomplexen Verdopplungs- und Alter-Ego-Prozesse der digitalen Welt bleiben außen vor, das Geschehen wirkt Versuchslabor-mäßig reduziert und aus der Zeit gefallen. Eine Spielanordnung, bei der nur das Grundprinzip zählt, nicht die Realität. Da dürfen Familien- und Frauenbilder auch etwas, sagen wir freundlich, traditioneller daherkommen.

Bild: Arno Declair

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Draußen vor der Tür

Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick ist ein Opfer seiner Popularität. Das hat auch mit Heinz Rühmann zu tun. Spätestens in Helmut Käutners zugegeben exzellenten Verfilmung etablierte er das Werk als Virtuosenstück für männlichen Schauspieler mittleren Alters. (Sehr) gehobener Boulevard zwischen Rührstück, Satire über die deutsche Obrigkeitshörigkeit und milder Gesellschaftskritik. Der Schuster Wilhelm Voigt, den einst auch Harald Juhnke zu seinem letzten Comeback einspannte, ist Unterdrückter, Schlitzohr, herzensguter Mensch, der nur einen kleinen Flecken zum Leben sucht. Kein Rebell, oder wenn, dann nur soweit wie es nötig ist. Keiner, der die bestehende Ordnung durchweg ablehnt, einer, der stets bereits bleibt, sich einzufügen, wenn man ihn doch nur ließe. Einer also auch, der durchaus in die Adenauer-Ära, als Käutner seinen Film drehte, passte.

Bild: Arno Declair

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Auf dem Weg zur Selbstabschaffung

Einar Schleef: Gertrud, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin / Schauspielhaus Bochum (Regie: Jakob Fedler)

Von Sascha Krieger

Gertrud(e). Mutter. Was ist es an diesem Namen, das diese Verbindung sofort aufkommen lässt? Hamlet. Einar Schleef. John Updike. Frauen mit diesem streng, irgendwie freundlich klingenden Namen sind in der Literatur Mutterfiguren und nie besonders einfache. Nun ist daran eher Shakespeare schuld als Einar Schleef. Dessen Mutter, dem er sein 1000-seitiges Opus magnum gewidmet hat, hieß nun einmal so. Da lässt sich nichts machen. Und doch schwingt jene andere irgendwie auch mit, wenn sich diese durch ihr Leben mäandert und durch die Zeiten springt, in einem einzigartigen Gedankenstrom, der ein Leben in fünf Welten als Erinnerung greifbar, verstehbar, (be)deutbar zu machen versucht. Die Frau, die im Kaiserreich geboren wurde und in der wiedervereinigten Bundesrepublik starb, doppelte Mutter oder eher eine fünffache? Denn mit den Zeiten, den Regimes, den Welten, ändern sich auch die Rollen, ihre Rolle als Frau, als Mutter, als Mensch. Und da ist denn auch die andere Gertrud, die ihre Rolle auch mit jedem Machtwechsel neu zu definieren hat. Agierende oder Spielball, Täterin oder Opfer, Mutter, Königin oder was auch immer. Eine Abschweifung natürlich, aber eben eine von unzähligen Ebenen, die Schleefs Roman andeutet, eröffnet, zum Andocken anbietet. Um so riesiger der Kontrast zu diesem verlorensten aller DT-Abende in dieser bislang erschreckend schwachen und unambitionierten Spielzeit. Denn er nimmt weder diesen Faden auf noch sonst einen anderen. Er wankt und schwankt und taumelt durch die herausgerissenen Textfetzen dieses Riesensprachwerks. Ratlos, verständnislos, blind.

Bild: Arno Declair

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Die Heim-Kehrer

Albert Camus: Das Missverständnis, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Jürgen Kruse)

Von Sascha Krieger

Welch eine Albtraumhöhle! Düster ist es in der Herberge, die Mutter und Tochter an irgendeinem verwunschenen und versteckten Küstenort (am Anfang und am Ende kreischen die Möwen) betreiben. Wie weggeworfen die Mobiliarreste, vollgemüllt der verlebte Raum zwischen Uraltteppich und Flashenbatterien, Wäscheleinen voller Fragmente längst vergessener Existenzen, vom Gitarrenkorpus zum Babyoberteil, vom Topflappen bis zum Gold-Kruzifix – dass im Hintergrund drei größere Kreuze umgekehrt aufgehängt sind, ist in dieser Hölle natürlich auch kein Zufall (Bühne: Volker Hintermeier). Herrscherinnen dieser stets fahl beleuchteten Geisterwelt sind Barbara Schnitzler als staubtrockene Mutter von exquisiter Härte und Linda Pöppel als Tochter Martha – dauergrinsend, von infernalisch brutaler Freundlichkeit. Und doch nur blasse Projektionen. Denn Menschen verortet Regisseur Jürgen Kruse in Albert Camus‘ Familienhölle nicht. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der von Mutter und Schwester erkannt werden will, ohne zu ahnen, dass deren Hauptgeschäft mittlerweile das Töten männlicher Einzelreisender ist, und natürlich um die Ecke gebracht wird, bevor den Mordenden klar geworden ist, wen sie da vor sich hatten – bei Kruse wird sie zur fahl-grellen Geistermär längst zerfallener menschlicher Kommunikation.

Bild: Arno Declair

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Auf dem Recyclinghof

Jean Genet: Die Zofen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Es ist gut vier Jahre her, da starb Dimiter Gotscheff, der Reduzierer und Raumleerer, der meinster der stillen, existenzialistischen Clownerie. Das Zentrum auch einer einzigartigen Theaterfamilie, die sich mit ihm durch sein weites, nicht selten feindliches, ort- und zeitloses Universum begab. Sie hat überdauert. Ivan Panteleev, langjähriger Mitstreiter Gotscheffs, hat seinen Platz nicht eingenommen, aber agiert als so etwas wie sein Stellvertreter, Samuel Finzi und Wolfram Koch, diese postmodernen und zuweilen postdramatischen Valadimir und Estragon, lassen sich noch immer mit ihm treiben, mit Johannes Schütz ist jetzt sogar noch ein Bühnenbildner hinzu gekommen, der mit seinen minimalistisch assoziativen Arbeiten perfekt in den absurden Existentialismus Absurde der Gotscheff-Welt passt. Und so ist der Geist des Bulgarin stets spürbar an diesem Abend im Deutschen Theater, wo er so manchen seiner größten erfolge feierte. Insbesondere eine Arbeit ist in Erinnerung geblieben: seine Aischylos-Reduktion Die Perser mit der berühmt gewordenen gelben Wand, gegen die sich anrannten und mit der sie sich im Kreis drehten, die Spieler*innen, im ewigen Kreislauf aus Macht und Gewalt, die sich im Kampf stets aufs Neue zeugten.

Bild: Arno Declair

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