Archiv der Kategorie: Deutsches Theater

„Die Bretter, die den Wald bedeuten“

Junges DT – Nach Friedrich Schiller in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach: Die Räuber, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Joanna Praml)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht das Erschrecken: Sind die echt? Sind die wirklich da? Sind wir nicht allein? 15 junge Spieler*innen haben gerade die Bühne betreten, die Bretter, die später den Wald bedeuten werden (das Wortspiel fällt tatsächlich), um die Proben zu Friedrich Schillers Die Räuber zu beginnen. Allein, eigenverantwortlich, ohne den Blick der Eltern, der Lehrer, der Gesellschaft. Und dann sitzen wir da, das Publikum, beobachten, zweifeln, werten. In Die Räuber geht es um vieles: Freiheit, Rebellion, Generationenkonflikte, Familiäres, die Emanzipation von Erwartungen und Druck der Eltern, der Gesellschaft. Themen, die nicht wirklich an Aktualität verloren haben, gerade für Menschen, die soeben in das zu starten scheinen, was ihnen die Älteren als Leben vormachen. Klar sollen sie ihren Weg finden, aber welche zur Verfügung stehen, nach welchen Regeln zu spielen ist und welche Rollen zur Auswahl stehen, entscheiden gefälligst wir die Gesellschaft. Und da sitzen wir jetzt, menschengewordener Druck, Be- und Abwertung, Einengung. Klar könnt ihr euer Ding machen – solange wir es uns erlauben.

Bild: Arno Declair

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Aber bitte mit Sahne

Nach dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer: Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Clemens Maria Schönborn)

Von Sascha Krieger

Eine Frau findet sich in einer Berghütte wieder, durch eine Wand abgeschnitten vom Rest der Welt, der Familie, jeglicher Mitmenschen. Sie lernt, selbstbestimmt zu leben, autark, für sich, sich selbst – mit Hund und Kuh – die Welt zu sein. Zivilisationskritik unterstellte man Marlen Haushofers 1964 erschienenem Roman Die Wand sicher nicht zu unrecht – er ist aber, wie das schlanke Programmheftchen klar macht, auch eine Emanzoiationsgeschichte, die einer Frau, die zu sich, zu Frieden und Klarheit findet, weil und indem sie sich löst, von allem, was zuvor ihr Leben bestimmte, kontrollierte, einengte, Rollenerwartungen, gesellschaftlichen Zwängen, familiären Institutionen. Am Deutschen Theater ist Sophie Rois nun diese Namenlose – oder besser, sie liest und spielt und spricht sich hinein in sie. Zu Beginn steht das ein grauer Zweisitzer auf der Bühne, davor ein Kaffeetischchen mit zei Tassen. Rois kommt herein, setzt sich, trinkt, zündet sich eine Zigarette an und liest. Zunächst den Klappentext, dann Passagen aus dem Buch. Eine Annäherung, zunächst distanziert, etwas gelangweilt, wenig enthusiastisch.

Bild: Arno Declair

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Textprobe mit Fragezeichen

Elfriede Jelinek: Wolken.Heim., Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Martin Laberenz)

Von Sascha Krieger

Elfriede Jelinek zu inszenieren, ist bekanntlich keine einfache Aufgabe. Das theatrale Potenzial ist in ihren rollenlosen Textflächen bestenfalls tief verborgen, jede*r Regisseur*in muss es für sich suchen, finden, heben, umwandeln in Theaterrealität. Jelinek schreibt Assoziationsketten, inszeniert Sprache, lässt sie von der Leine und ihre eigene Wirklichkeit, vielleicht sogar Wahrheit suchen, scheinbar formlos, mäandernd, ergebnisoffen. Nicolas Stemann, einer der großen Protagonist*innen des postdramatischen Theaters und Jelinek-Experte, löst das oft durch performative Textarbeit, die den Suchprozess der Texte spiegelt und befragt, Falk Richter versucht es mit grellbunter Collagentechnik, anderen, am erfolgreichsten vielleicht Michael Thalheimer, gelingt es, die Textbefragung in ihre eigene Theatersprache zu übersetzen. Auch Martin Laberenz hat Jelinek schon inszeniert, hier am DT. Wut war ein einigermaßen hilfloses Ausprobieren und Zitieren theatraler Möglichkeiten, anderer Regiehandschriften, und landete im Nirgendwo der Belanglosigkeit.

Bild: Arno Declair

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Wenn sich der Mensch aufbäumt

Sarah Kane: 4.48 Psychose, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Auch in seiner ersten Arbeit am Deutschen Theater ist alles wie immer bei Ulrich Rasche: Menschen auf Laufbändern, in unablässiger Bewegung nicht von der Stelle kommend, sie sprechen rhythmisch, mechanisch, abgehackt, Sprache, Bedeutung hinterfragend im Prozess des Sprechens, ein nicht enden wollender Marsch ohne Anfang, ohne Ziel, hinter, unter den Text, hin zu vermuteten Wahrheiten oder zumindest den Fragen, die man gemeinhin die „großen“ Sennt, nach Sinn, Bedeutung, Existenz, Menschsein. Und doch ist alles anders: Der maschinelle aufwand ist stark reduziert, die Laufbänder vergleichsweise klein, die heben und sehnen sich nicht, verschieben sich nicht gegen einander, keine Materialschlacht, sondern das Mindestmaß, das nötig ist, um Rasches theater zu betreiben. Und noch etwas ist anders: Es ist kein Klassiker der dramatischen Literatur, den der Regisseur bearbeitet, keine Geschichte um Macht, Ohnmacht, das Geworfensein des Menschen in eine feindselige Welt, in der und mit der er umgehen, in der er sich positionieren muss, sondern ein Stück, das nach innen gewandter nicht sein könnte. Sarah Kanes letzte Arbeit vor ihrem Suizid mit 28 Jahren ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst, der Depression, in deren Fängen sie sich befand, den Auswirkungen selbiger auf ihre Sicht auf die Welt und sich selbst, die Dunkelheit, die nicht Ruhe geben würde, bevor sie alles verschlungen hätte.

Bild: Arno Declair

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Ungelebtes Theater

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Hast la Westler, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Aus dem Kapitalismus haben sie schon eine Revue gemacht, aus dem Feminismus auch, jetzt ist also die Ost-West-Thematik dran, 30 Jahre nach der so genannten Wiedervereinigung. Passt ja. Und wie schon bei letzterem gelingt es dem kongenialen Duo aus mehr oder minder ernsthaftem Theatermacher und Theater-Radio-Videoschnipsel-Rampensau auch diesmal, ein hochkomplexes, wichtiges und höchst relevantes Thema zu wohlig humoresker Harmlosigkeit zusammenschnurren zu lassen. Dabei beginnt der Abend vor dem Eisernen Vorhang der Kammerspiele recht vielversprechend: Katrin Klein und Peter René Lüdicke sitzen sich als zwei Psychoanalytiker+innen – sie West, er Ost – gegenüber und tauschen ihre Einstellungen, Erfahrungen, Gefühle zur Trennung, die eine Einigung, die eine Trennung ist, aus. Er spricht über den Verlust von Machthabern, die über die Trauer angesichts 40 Jahre „ungelebter Leben“, beide vermuten, der jeweils andere Teil sei eine Art Komplementär des Eigenen, was nicht heißt, dass sie aus ihren Vor(gefertigten)urteilen und Klischees über den Anderen als das andere herauskämen. Auf die Ebene pseudoanalytischer Tiefe gehoben, wirken die Mauern in so manchem Kopf noch banaler und erschreckender.

Bild: Arno Declair

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Die Welt ist eine Scheibe

Nach Fjodor M. Dostojewski: Die Spieler, Théâtre National du Luxembourg / Ruhrfestspiele Recklinghausen / Staatsschauspiel Hannover (Regie: Frank Hoffmann) – Gastspiel am Deutschen Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Die Erde mag keine Scheibe sein, die Welt in Frank Hoffmanns letzter Inszenierung als Intendant der Ruhrfestspiele, ist es. eine schwarze, denn Gutes kommt hier nicht heraus, wenn sie sich drehr, die Roulettescheibe ge- und verspielter Leben. Wobei sie zunächst still steht. Die Spieler*innen – im doppelten Sinne – sind im Publikum verteilt oder kommen – Fußballmetapher! – aus der Tiefe des Raums. Sie sprechen über die Hinrichtung eines jungen Mannes in Paris, streiten über die Deutungshoheit und die Bedeutung persönlicher, unmittelbarer Erfahrung im Vergleich zu literarischer, reflektierter Verarbeitung. Das Leben ist nah und zugleich weit entfernt. Man bettelt das Publikum an um ein paar Münzen, hält Zuschauer*innen Ikonenbildchen ins Gesicht, sucht im Auditorium nach Heiratsmaterial, fleht stummen Blickes um Hilfe und/oder Erlösung. Diese Gestalten, kostümiert zischen billigem Traumbild pseudorussischer Klischeevorstellungen und Fundus-Resterampe, ein modisches Nirgendwo, passend zur fehlenden Verwurzelung dieser Gestalten, bewegen sich unter uns, aber dazu gehören sie nicht.

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„Ich bin kein Performer, ich bin Transformer!“

René Pollesch: (Life on earth can be sweet) Donna, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Das Theater des René Pollesch als „Diskurstheater“ zu definieren, ist schon so lange Konsens, dass es in den Kanon der Binsenweisheiten eingereiht werden darf. Gesellschaftliche, philosophische, soziologische Fragen mit den Mitteln des Theaters – dem Dialog, der physischen Kopräsenz von Darsteller*in und Publikum im selben Raum – zu verhandeln, ist so etwas wie sein Markenzeichen. Die Literaturlisten, auf denen seine Abende basierten, waren in der Vergangenheit fast länger als die Textfassungen. Das hat sich ein bisschen verschoben. Statt wissenschaftlichen Traktaten und Wälzern (die natürlich weiterhin eine rolle spielen), bedient sich Pollesch in letzter Zeit zunehmend in der Popkultur, vor allem beim Film, und auch thematisch findet eine gewisse Reduktion statt: Zuletzt ging es bei ihm oft um die Liebe, als Phänomen, Problem, gesellschaftliche Frage, Unmöglichkeit. Und ums Theater selbst, seine Begrenzungen, seine Freiheit, sein Illusionspotenzial. Mit (Life on earth can be sweet) Donna zieht er sich nun ganz in dien Raum zurück, der seit jeher sein Spielfeld war, hinterfragt ihn, zerlegt ihn, bespielt ihn.

Bild: Arno Declair

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Stuhltanz ums Böse

Nach dem Roman von Albert Camus: Die Pest, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

In Albert Camus‘ Roman Die Pest breitet sich die längst überwunden geglaubte Seuche in einer algerischen Stadt aus. Zunächst negiert, bald unaufhaltsam, tödlich, alles verschlingend. In Sigi Colpes Bühnenbild in der Box, der kleinsten Spielstätte des Deutschen Theaters, sind es schwarze Fetzen verbrannten Papiers, die sich über, auf, in alles legen, verkrallen, sich überall festsetzen. Diese Pest ist keine bakterielle Krankheit, sondern eine geistige, gesellschaftliche. Das ist bei Camus bekanntlich angelegt, für den es hier um den Kampf gegen das Böse ging, der Feldzug des Doktor Rieux gegen die teufliche Krankheit wurde denn auch oft genug mit der Résistance, dem französischen Widerstand gegen die Nazis verglichen. So stellt auch Regisseur András Dömötör, ein oppsitionell der antidemokratischen Tendenz in seinem Heimatland Ungarn gegenüberstehend, den Widerständler Tarrou besonders prominent heraus. Im widmet er einen langen Monolog über die Pest, die in uns allen ist, die wir alle sind, die Gewalt und Tod als Mittel politischer Auseinandersetzung, gar gesellschaftlichen Fortschritts begreifen, die glauben, töten zu dürfen, wo sie bessern wollen.

Bild: Sascha Krieger

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Ein Fall fürs Archiv

Nach dem Roman von Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

In ikonischem Schwarz-weiß erzählt, schreibt, erinnert sich Kathleen Morgeneyer in den Abend hinein. Gerade hat sie die riesige Papierrolle, einziger permanenter Teil von Wolfgang Menardis Bühnenbild, ausgerollt, und beginnt sie, mit der Projektion ihres Videobildes, sinnierend in die Ferne schauend, die Zigarette in der Hand, zu beschreiben. Morgeneyer spielt Franziska Linkerhand, Titelfigur von Brigitte Reimanns posthum erschienenem kritischen DDR-Roman, eine junge Frau, die gegen die Familie rebelliert und später gegen die ideologische Verengung des Freiheitsraums im halben Deutschlad, als Mensch, Frau und Architektin. Eine, die außerhalb der Normen denkt, die das Mögliche erweitern will, Tabus bricht und daran scheitert. Eine Geschichte, lang her, weit weg, wie das sorgfältig konstruierte Schwarz-Weiß der Videobilder. Die Franziska zeigen oder ganz am Ende ihre große Liebe Ben. Wie ein Zeitzeuge einer lange vergessenen Dokumentation berichtet Felix Goeser da über einen Lebensweg, der von derUnterstützung zur Hinterfragung des Bestehenden ins Gefägnis und in die Resignation führt, die angestaute Wut hinter der ruhigen, fast versteinerten Fassade hör- und spürbar. Der Theaterraum wird zum Papier des Romans und in ihm entsteht eine vergessene, verlorene, ersonnene Welt.

Bild: Arno Declair

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Voneinander lernen

Junges DT – 30.nach.89. Talking About Your Generation, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

30 -jährige Jubiläen geschichtsträchtiger Ereignisse sind etwas Besonderes: Das Erinnerte ist weit genug weg, um es aus der Distanz betrachten und reflektieren, die Folgen ebenso abschätzen zu können wie die Ursachen – und gleichzeitig noch nahe genug, um lebendige Erinnerungen griffbereit zu haben, eigene oder die der Eltern, vielleicht auch schon der Großelterngeneration. Das dritte trinationale Projekt des Jungen DT hat gegenüber seinen Vorgängern diesen Vorteil der distanzierten Nähe: Befasste sich das erste mit dem zweiten Weltkrieg und bewegte sich damit bestenfalls noch am Rand lebendiger Zeitzeugenschaft, spannte das zweite einen weiten Bogen von Martin Luther zu gegenwärtigem Widerstand, ein Rahmen, der allein schon für ein gewisses Maß an Abstand und Abstraktion sorgt. Nun, bei der dritten Ausgabe, wird es konkret. Es geht um das Jahr 1989, in allen drei beteiligten Ländern ein Schlüsseldatum der jüngeren Geschichte: In Deutschland fiel die Mauer, in Polen ein ganzes System und im heutigen Russland zersetzte sich ein Weltreich. 1989 steht in allen drei Nationen für massive Umbrüche, für Geschichtswenden, für Eingriffe ins nationale wie individuelle Selbstverständnis, die bis heute nachwirken.

Bild: Arno Declair

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