Archiv der Kategorie: Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Wegschauen ist nicht

Theatertreffen 2018 – Elfriede Jelinek: Am Königsweg, Deutsches Schauspielhaus Hamburg (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Eine Bank vor dem eisernen Vorhang. Die Deutsche wird man sie später nennen. Zunächst ist sie aber einfach nur Ilses. Ilse Ritter, genau genommen, ja die, die in einem Stücktitel Thomas Bernhards vorkommt. Blind sei sie und sei es nicht, sagt sie. Wie wir alle. Es ist Elfriede Jelinek, die da spricht, und ist es nicht. „Autorin“ heißt sie in ihrem neuen riesenhaften Textflächenstück. Ein Alter Ego, eine Projektion, ein Experiment und eine Selbstbefragung. Die der ganze Text ist. Am Königsweg ist das Ergebnis und die Beschreibung einer Verstörung. Die einen Namen hat, die Jelinek in ihren fast 100 dichtbeschriebenen Seiten nicht benennt. Ihr Publikum kennt den Namen. Hier heißt er „König“. Ein gewählter wohlgemerkt. Aber wie konnte das eigentlich passieren, wer hat ihn gewählt und warum und wo stehen „wir“, die aufgeklärte Intelligent, die zivilisierte, liberale Mehrheit, für die „wir“ uns bislang hielten? Welche Schuld trifft „uns“ und was können „wir“ jetzt tun? Am Königsweg ist ein ratloser und wohl auch deswegen besonders rastloser Text, einer, der sucht und sucht und doch nicht findet. Eine Infragestellung von Gewissheiten, die immer wieder auch die „Autorin“ trifft, um ein Zentrum kreist, das sich nicht fassen lässt, nicht still steht aber auch nicht von der Stelle kommt.

Bild: Arno Declair

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Der Westen ist ein Hanswurst

Michel Houellebecq: Unterwerfung, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Am 7. Februar 2015 erschien in Frankreich ein Roman. Nein, nicht irgendeiner, sondern das neue Buch von Michel Houellebecq, zerrissenes Genie, Enfant terrible der internationalen Literatur, Provokateur, einer, der genüsslich Finger in Wunden legt, mit vermeintlichen Tabus spielt, Chronist des Lebens- und Weltekels des westlichen Intellektuellen, Endzeitprophet einer ob ihrer selbstgewählten Schwäche kollabierenden Gesellschaft. In Unterwerfung tut sie genau dies: Sie fällt in sich zusammen, kapituliert gegenüber einem klar umrissenen Wertesystem, einfachen Antworten, einer Weltsicht, die attraktiv scheint, weil sie das Unübersichtliche einer postmodernen Welt in ein leicht konsumierbares Erklärungskorsett presst. Dass es sich dabei um den Islamismus handelt, ist da beinahe zweitranging. Oder doch nicht. Der Roman wurde als Schreckensvision gelesen oder als Sehnsucht nach einer Rückkehr der Werte, als liebäugelnd mit einem „gemäßigten“ Islamismus und als islamophob. Zumal am 7. Febriar 2015 noch etas anderes passierte: Islamistische Attentäter ermordeten elf Menschen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, deren gerade erschienene Ausgabe eine Karikatur Houellebecqs zierte. Ein Angriff auf die offene westliche Gesellschaft und die Meinungsfreiheit.

Bild: Klaus Lefebvre

Bild: Klaus Lefebvre

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Eine weite Spielwiese

Theatertreffen 2016 – Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Theodor Fontane: Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk)

Von Sascha Krieger

Angenehm ist sie ja, diese warme, tiefe Stimme, die uns an die Hand nimmt und uns führt, hinein nach Großen-Cremmen, den Sitz der Familie von Briest, ins hinterpommersche Kessin, wo die Tochter des Hauses mit ihrem älteren Gatten lebt, und nach Berlin, zweites und letztes Heim des Paares, bevor es zur Katastrophe kommt, die am Ende zwei Menschen das Leben kosten wird. Man kennt die Geschichte der viel zu jung verheirateten Effi, der eine schon lange vergangene Liebe zum Verhängnis wird, vor allem aber natürlich die verknöcherten Moralkonventionen der wilhelminischen Zeit. Theodor Fontanes Effi Briest hat Schüler*innen-Generationen jahrzehntelang gequält und die Frage abverlangt: Was hat das alles mit uns zu tun. Bei den langjährigen Marthaler-Mitstreitern Barbara Bürk und Clemens Sienknecht ist die Antwort ebenso eindeutig wie unbefriedigend: erst einmal nicht viel. Und so muss die so angenehm klingende Stimme – es ist die Gert Westphals auf einer alten Aufnahme des Romans – einiges erleiden. Immer wieder wird die Nadel des Plattenspielers über die LP gejagt, Westphal von einem Satz in einen weit entfernten gezerrt, die Geschichte zu Soundbites reduziert, kurze Schnipsel, Remix-Material.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

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Europa im Spiegel

Nach Federico Fellini: Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Beier) – eingeladen zum Theatertreffen 2016

Von Sascha Krieger

Federico Fellinis Film E la nave va (deutsch: Fellinis Schiff der Träume) ist ein Abgesang auf das alte Europa, ein in Realitätsverweigerung und Selbstgerechtigkeit erstarrter Kontinent, der blinden Auges in die Katastrophe steuert und sich dabei auch noch auf der guten Seite wähnt. Fellinis Film spielt am Vorabend des ersten Weltkriegs: Eine bunte Künstlergesellschaft hat sich zur Seebestattung einer Operndiva versammelt, als das Schiff serbische Schiffbrüchige aufnimmt, die sich als fliehende Nationalisten entpuppen. Am Ende werden diese einem österreichisch-ungarischen Kriegsschiff übergeben und der Luxusdampfer geht unter. Nicht wenige meinen, dass Europa auch heute wieder am Scheideweg steht, der Kontinent, wie er in den letzten siebzig Jahren wieder aufgebaut wurde, dem Untergang geweiht sei. So ist es wohl zu erklären, dass so manches deutschsprachiges Theater Fellinis Film als Vorlage wiederentdeckt. Karin Beier hat am Deutschen Schauspielhaus den Anfang gemacht, was ihr eine wohlverdiente Einladung zum Theatertreffen eingebracht hat. Sie reinterpretiert Fellinis Weltkriegsparabel vor dem Hintergrund der so genannten Flüchtlingskrise und Europas Unfähigkeit, die behaupteten eigenen Werte zu verteidigen.

Gastiert im Mai beim Theatertreffen 2016: Schiff der Träume (Bild: Matthias Horn)

Gastiert im Mai beim Theatertreffen 2016: Schiff der Träume (Bild: Matthias Horn)

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Jesus in der Geisterbahn

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Henkel) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

In einen Betonbunker haben sie sich zurückgezogen, die Vergangenen, Zurückgelassenen: der gefallene Bankdirektor, seine sich in Fantasien unmöglicher Rettung verlierende Frau, ihre dem Sterben ins Gesicht blickende Schwester. Die massive Treppe, die Katrin Nottrodts Bühne noch enger, noch erdrückender erscheinen lässt, kennt nur ein Ziel: den Tod, das Verschwinden des scheinbar so bedeutenden, unersetzlichen Ichs, die Auflösung im Vergessen. Umtote sind sie bei Karin Henkel, Gespenster, längst unfähig zu leben, weil ihnen lange schon alles genommen wurde, was sie für Leben halten: die Jugend. Und so zittert sich Lina Beckmann grotesk als Ella über die Bühne, verwittert Josef Ostendorfs Borkman im Riesenstrampler, klammert Julia Wieninger als Gunhild mit einer Brutalität, die, wen sie nicht halten kann, doch zumindest in die eigene Dunkelheit mitzureißen entschlossen ist. Hegels Inszenierung könnte man, wenn man wollte, als Parabel auf den Jugendwahn unserer Zeit lesen. Jeder klammert sich an das Junge, will, so man selbst nicht mehr dazugehört, ihm das Lebendige aussaugen, um das eigene Leben zu füllen. Der Unterschied zwischen den Ellas und Gunhilds auf der einen und Fanny Wilton (Kate Strong) auf der anderen Seite liegt lediglich darin, dass letztere sich dem, was sie tut, vollkommen bewusst ist und dies auch verkündet. Und auch den Jungen geht es kaum besser: Wie ein bockiges Kind klammert sich Borkman-Sohn Erhart (Jan-Peter Kampwirth) ans eigene Jungsein als einzigem Lebensinhalt, sein „Ich will leben“ klang noch nie so leer und traurig.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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