Archiv der Kategorie: deutsch

Kein weites Feld

René Pollesch stellt sich als künftiger Intendant der Berliner Volksbühne vor

Von Sascha Krieger

Update: Das im Artiel zitierte und bei der Pressekonferenz in Teilen verlesene programmatische Bewerbungsschreiben René Polleschs ist hier dokumentiert und vollständig nachzulesen.

„Es ist nicht mein Lebenstraum gewesen, Intendant zu werden.“ Ungewöhnliche Worte für einen, der in den Augen mancher, wohl auch des neben ihm sitzenden Berliner Kultursenators Klaus Lederer,  nicht weniger sein soll als der Retter jenes ins Schlingern geratenen Theaterdampfers Volksbühne. Und nein, wie ein solcher, sieht der Mittfünfziger, der da auf dem Podium im Roten Salon sitzt, nicht aus. Sichtlich unwohl ob der ungeliebten Aufmerksamkeit hält er sich an den zuvor an die Journalist*innen ausgeteilten fünf Schreibmaschinenseiten fest, die er als sein Bewerbungsschreiben für den Posten bezeichnet und aus denen er Auszüge vorliest. Es ist ihm wichtig sich zu erklären, auch weil mit seinem Namen naturgemäß so manches verbunden ist, was für die einen Versprechen ist und für die anderen Last, immer jedoch eines: ein Rückgriff auf die Ära Frank Castorf, die vermeintlich so goldene jüngere Vergangenheit des Hauses. Mit der bleibt René Pollesch, Castorfs designierter Nach-Nach-Nachfolger verbunden. Fast zwanzig Jahre hat er hier gearbeitet, er gilt als eine der prägenden Gestalten dieser Zeit. Eine Entscheidung für ihn ist eine für die „alte Volksbühne“, ein logischer Schritt für einen Kultursenator, der im Wahlkampf aus seiner Ablehnung des Museumsfachmanns Chris Dercon, den der ob seiner Vergangenheit als Popmusik-Label-Manager ehemalige Kulturstaatssekretär in der Stadt stets verachtete Tim Renner als neuen Intendanten geholt hatte, nie einen Hehl machte. Auch in der Folge verweigerte Leder dem unglücklich agierenden und einer regelrechten Hasskampagne ausgesetzten Dercon die Rückendeckung.

René Pollesch bei der Vorstellung im Roten Salon (Bild: Christian Rakow / nachtkritik.de)

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Risse im Netz

Autorentheatertage 2019 – Die lange Nacht der Autorinnen am Deutschen Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Wer das Interview mit Steffi Kühnert, Schauspielerin, Regisseurin und in diesem Jahr Jurymitglied für die Lang Nacht der Autorinnen, traditionell Schlusspunkt der von Ulrich Khuons einst in Hannover gegründeten und mit ihm über Hamburg nach Berlin gewanderten Autorentheatertage, in der Berliner Zeitung gelesen hat, dem konnte Angst uns bange werden. Trotz aller Diplomatie war ihre Verdikt zur deutschsprachigen Gegenwartsdramatik eher niederschmetternd. „Auffällig für mich ist“, sagt sie da, „dass neue Stücke partout keine Dialoge mehr haben, dafür seitenlange Statements abgeben: Monologisieren.“ Keine ganz neue Erkenntnis, zugegeben, aber ein Statement, dass eine Eintönigkeit und Spielfeindlichkeit, eine Entdramatisierung behauptet, der häufige Zuschauer*innen und Leser*innen deutschsprachiger Theatertexte nicht leichtfertig widersprechen können. Zwischen Romanadaptionen und dialogfernen Textflächen scheint die deutschsprachige Dramatik in der Krise, ein Eindruck, den auch einschlägige Festivals von Mülheim bis Heidelberg nicht auszuräumen vermögen.

zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden (Bild: Arno Declair)

Weiterlesen

Das „Just-right-Gefühl“

Rimini Protokoll (Helgard Haug): Chinchilla Arschloch, waswas, Künstlerhaus Mousonturm / Schauspiel Frankfurt / HAU Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Rimini Protokoll/Helgard Haug)

Von Sascha Krieger

Dass das Theater seit jeher ein Ort der Kontrolle, der einstudierten Wiederholung, der puren Absicht ist, fiel nicht erst in jüngerer Zeit so manchem (Post)Dramatiker auf. Auch, dass es darauf basiert, dass jeden Abend exakt das Gleiche passiert – und sich dies immer in einem Spannungsfeld mit der Unmöglichkeit dieses Ansinnens befindet, weil Theater es eben auch bedingt, sich in jeder Vorstellung neu zu erschaffen und präzise, vollständige, deckungsgleiche Wiederholung dem Menschen eben nicht gegeben ist. Versuche, dies zu hinterfragen, zu thematisieren oder auszunutzen, gab es so manche. Ein Großteil der Postdramatik – etwa die Arbeiten Nicolas Stemanns – basiert darauf, auch theatermacher wie Frank Castorf spielen immer wieder mit der Durchbrechung des Planbaren, Kay Voges etwa zielt in Arbeiten wie seiner Borderline-Prozession darauf ab, einmalige Theaterabende zu schaffen, die auf gemeinsamer Basis jedes Mal anders und neu sind. Rimini Protokoll’s Helgard Haug, seit jeher interessiert am Spannungsverhältnis zwischen Theater und Realität, stellt sich nun die Frage, was mit dem Theater passiert, wenn es einer absichtslosigkeit ausgesetzt ist, die eben nicht konzeptionell aufgestellt ist und tatsächlichen Kontrollverlust – der bei Stemann, Castorf oder Voges nie vollständig und mehr behauptet als wirklich ist, kontrollierter Zufall eben.

Bild: Robert Schittko

Weiterlesen

„Studieren oder frittieren“

Autorentheatertage 2019 – Nora Abdel-Maksoud: Café Populaire, Theater am Neumarkt, Zürich (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Besucher*innen des Berliner Maxim Gorki Theaters kennen Nora Abdel-Maksoud spätestens seit The Making-of als ebenso scharfzüngige wie unbarmherzige Entlarverin (post)moderner bürgerlicher Pseudo-Aufgeklärtheit und der Durchlässigkeit zwischen vermeintlich linker Toleranz und real rechtem Populismus. Dabei paart sie beste Unterhaltung mit schmerzenden Nadelstichen gegen ihr Publikum, heiter serviert, schonungslos ausgeführt. Das funktioniert nicht nur im politisch heißen Berlin, sondern auch im beschaulicheren Zürich, wie Café Populaire eindrucksvoll vorführt. Diesmal nimmt sich Abdel-Maksoud das Phänomen des Klassismus vor, der Abwertung vermeintlich „unterer“ Gesellschaftsschichten durch die, die sich für gebildet, zivilisiert und tolerant halten. Und natürlich der Meinung sind, Klassismus gäbe es zumindest bei ihnen überhaupt gar nicht. In kitschiges Rosa getaucht ist die Bühne, ein rechteckiger Kasten von so widerwärtiger Harmonieseligkeit, dass es gar nicht anders kann, als hier zu krachen. Das Rechteck ist YouTube-Screen und Varietébühne, ein Schlachtfeld der Deutungshoheiten, die schnell sehr viel düsterer werden als ihr bonbonfriedliches Umfeld.

Bild: Barbara Braun

Weiterlesen

Mein Freund, der Knacks

Autorentheatertage 2019 – René Pollesch: Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien), Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Die Zeit ist aus den Fugen in dieser Arbeit von Vielschreiber und -inszenierer René Pollesch. Haben die drei in rustikal theatraler Kostümierung  gerade eine Sechsstundenversion von Shakespeares Ein Sommernachtstraum hinter sich oder sind sie gerade erst auf die Bühne gekommen? Sie können sich nicht erinnern und wenn sie es könnten, vermochten sie sich ohnehin nicht darüber einigen woran. Denn waren es eigentlich „nur“ sechs Stunden oder gar 48? Je länger dieser, so weit der Rezensent das beurteilen kann, nicht zweistündige Abend fortschreitet, desto länger wird der, von dem er erzählt. Oder eben auch nicht, denn er lässt sich ja nicht erinnern, wenn es ihn denn gab. Die Kontingenz, die Gleichzeitigkeit und Gültigkeit des Gegensätzlichen, scheint derzeit Polleschs Kernthema zu sein, zusammen mit dem, das ihn ohnehin seit Jahren umtreibt: der Liebe. Auch sie ist in seinem Universum immer zugleich zwingend und unmöglich. Schrödingers Liebe sozusagen.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Eingebrannte Bilder

Nach dem Roman von José Saramago (Fassung von Kay Voges, Bastian Lomsché und Matthias Seier): Die Stadt der Blinden, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Um das Sehen geht es in den Arbeiten des Regisseurs Kay Voges eigentlich immer. Um unseren Blick auf und in die Welt, seine Beschränktheit, seine Beliebigkeit, seine Konditioniertheit, seine Unmöglichkeit. Was sehen wir, wenn wir in die Welt blicken und vor allem was nicht. Was sich unserem Blick darbietet und was sich verbirgt. Und die Entscheidungen, die wir treffen, wenn wir unseren Blick auf etwas richten, um den Preis, anderes zu ignorieren. Spätestens seit der schon längst legendären Borderline Prozession stellen Voges’ Inszenierungen immer wieder solche Fragen nach der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Welt, des Lebens, des Menschlichen. Da ist es vielleicht wenig überraschend, dass der Dortmunder Noch-Intendant irgendwann bei José Saramagos Roman Die Stadt der Blinden landen würde, jenem Buch, in dem eine rätselhafte Epidemie Menschen reihenweise mit Blindheit schlägt, die Welt also buchstäblich schrittweise und zunehmend unsichtbar wird. Dabei ist das Sehen und Nicht-Sehen nicht zuletzt Anlass für eine Untersuchung, die Literat*innen, Philosoph*innen und Leser*innen seit Jahrhunderten umtreibt: Was passiert, wenn gesellschaftliche Verabredungen plötzlich an Bedeutung verlieren, sich die Menschen auf sich und die Notwendigkeit bloßen Überlebens zurückgeworfen sehen? Oder anders gefragt: Wie kommt das Böse in die Welt und wie dünn ist der Firnis der Zivilisation. Und vor allem: Was liegt darunter?

Bild: Marcel Urlaub

Weiterlesen

Unterkühlte Gespenster

Frank Wedekind: Lulu, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Die Aufgabe, die sich Stefan Pucher gestellt hat, ist nicht gerade trivial: Frank Wedekinds Lulu, diese düster morbide Feier befreiter Sexualität mit der Frau als einer Art personifiziertem Lustprinzip bietet sich nicht unbedingt für eine emanzipatorische, gar feministische Lesart an. Zumal, wie das Programmheft zugibt, das Kernteam – inklusive längst totem Autor – vollständig männlich ist. Was also tun, um das Objekt Frau, das auch Wedekinds Lulu immer bleibt, aus ihrer Rolle, ihren Rollen zu befreien, oder diese zumindest als durchdring- und damit überwindbar deutlich zu machen? Puchers Antwort: Lulu muss sterben, um neu anfangen zu können. Also zwängt er sie zu Beginn in ein enges Rechteck in dem fünf Männer aufgereiht sind. Einer erwählt sie, das Objekt, und bringt sie um.Sie rutscht die gerade entstandene Treppe herunter, leblos, ausgenutzt, weggeworfen. Barabara Ehnes‘ Bühne besteht aus in einander geschobenen und verschiebbaren Rechtecken, eine Art Matrjoschka zunehmend engerer Einhegungen, die mal eine wand bilden, mal eine Treppe, mal bedrohlich gen Rampe drücken. Befreit werden kann die Frau aus diesem Gefängnis nur durch den Tod, wiederauferstehen als Gespenst, als Spuk, als Heimsuchung.

Bild: Julian Röder

Weiterlesen

Abfahrt ins Belanglose

Autorentheatertage 2019 – Elfriede Jelinek: Schnee Weiss (Die Erfindung der alten Leier), Schauspiel Köln (Regie: Elfriede Jelinek)

Von Sascha Krieger

2018 war ein Jahr, das den österreichischen Skisport zu erschüttern schien. Zum Teil Jahrzehnte zurückreichende Missbrauchsfälle kamen ans Tageslicht, eine „Kultur“ systemischer sexueller Gewalt insbesondere gegenüber jungen Sportlerinnen, patriarchale Machtmanifestationen, in die auch große Namen involviert waren. Das Heiligste des österreichischen Sports schien erschüttert. Doch nicht lange, die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Dementi, gegenteilige Zeug*innenaussagen, das übliche Dauerlamento des „Ich habe nichts gesehen und gehört“ mit einer reichlichen Dosis „Warum haben sie denn nichts“ gesagt überschwemmte die Debatte und verhinderte schnell jegliche ernsthafte Auseinandersetzung. Was zu einem Nachdenken über die immanente Gewalt männlich geprägter und definierter Machtstrukturen hätte führen können und sollen, verzwergte zu einem „She said, they said“. Wer dachte, die alten Macht- und Diskursverhältnisse wären in der Folge der MeToo-Bewegung ins Wanken geraten, dem rief Österreich zu: Aber nicht bei uns!“

Bild: Tommy Hetzel

Weiterlesen

Im Zirkus des Größenwahns

Autorentheatertage 2019 / Radar Ost – Kirill Serebrennikov nach einem Gedicht von Nikolai Nekrasov: Who Is Happy in Russia, Gogol Center, Moskau (Regie: Kirill Serebrennikov)

Von Sascha Krieger

Nikolai Nekrasovs ab 1869 erschienenes Gedicht Кому на Руси жить хорошо? ist mit seinen ca. 500 Seiten nicht nur einer der längeren Genrebeiträge der Literaturgeschichte und gilt vielen als Hauptwerk von Dostojewskis Zeitgenossen, sondern auch ein Schlüsselwerk russischer Literatur auf der Schwelle zu einer Moderne, die für viele nur Versprechen blieb. Verfasst kurz nach der Abschaffung der Leibeigenschaft lässt der Autor eine Gruppe Bauern durch ihr Land ziehen auf der Suche nach einem glücklichen Menschen. Spoiler Alert: Sie werden ihn nicht finden. Der große Zivilisationssprung des Endes faktischer Sklaverei entpuppt sich als Illusion, als Strohfeuer in einem Land, das sich von althergebrachten Machtstrukturen, religiös verbrämter Leidensmoral und einem daraus resultierten tief verankerten Pessimismus nicht zu lösen vermag. Als sich alles änderte, änderte sich nichts. Auch der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der sich dieses Riesenwerks angenommen hat, hat wenig Grund zum Optimismus. Der unbequeme Künstler ist dem zunehmend autoritären Putin-Regime schon länger ein Dorn im Auge. Gerade wurde er aus mehr als zweijährigem Hausarrest entlassen – der nach Meinung fast aller Beobachter fingierte Vorwurf der Veruntreuung und das damit verbundene Verfahren stehen weiterhin im Raum.

Bild: Sascha Krieger

Weiterlesen

Wenn der Leberkäse-Engel kommt

Nach Wilhelm Busch: Max und Moritz. Eine Bösebubengeschichte für Erwachsene, Berliner Ensemble / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Man behält es im Ohr, dieses vier- bis fünfsilbige meckernde Lachen, mit dem Stefanie Reinsperger ihr Publikum immer wieder in diesen gut 100 Minuten quält wie verzaubert. Und – anarchisch und ordnungstörend wie ihre Figur – schon mal eine Popkultur-referenz in die Runde wirft, die sogar manche*n gestandene*n Kritiker*in überfordert. Denn auch wenn sie und Annika Meier von Victoria Behr originalgetreu kostümiert und frisiert auf der Bühne stehen, irritieren sie doch in dem Moment, in dem sie den Mund auf machen. Denn die Töne und Klänge, die aus ihnen kommen, stammen nicht von Wilhelm Busch, sie sind viel jünger. Sie gehören kleinen gelben Publikumslieblingen aus einer Reihe populärer Animationsfilme, den Minions, frech anarchischen Unruhestiftern, Chaosverbreitern, Durcheinanderbringern. Doch wo diese harmlos liebenswürdig bleiben, eigentlich nur spielen wollen, sind ihre Vorgänger ganz andere Kaliber: Sachbeschädiger, Körperverletzer, Diebe, Tierquäler. Max und Moritz waren eigentlich schon immer zu brutal, zu disruptiv, zu anarchistisch – und damit perfekte Kinderliteratur im Grimmschen Sinne.

Bild: JR Berliner Ensemble

Weiterlesen

Werbeanzeigen