Archiv der Kategorie: deutsch

„Wo ist da der Abgrund?“

Maja Zade: abgrund, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Zwanzig Jahre dauert sie bereits an, die Ära Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne. Ihre, seine ganz großen, legendenbildenden Momente sind lange Vorbei, die Zeiten, in denen seine eisig eleganten Bürgerlichkeits-Vivisektionen, vor allem seine Ibsen-Abende, Furore machten – seine Hedda Gabler von 2005 steht bis heute auf dem Spielplan. Die Abgründe des Bürgerlichen treiben ihn noch immer um, insbesondere die jener, die aufbrechen, die Erstarrungen bürgerlicher Konventionen zu durchbrechen und in ihren Fallstricken landen. Maja Zade ist seit Jahren Dramaturgin im Haus und hat dem „Chef“ jetzt ein Stück auf den Regisseursleib geschrieben. abgrund heißt es und sucht ganz unsubtil nach selbigem hinter der progressiven Oberfläche links-liberaler Bürgerlichkeit. Nina Wetzels Edelstahlküche hätte auch in die tödlich glatten Wohnwelten Jan Pappelbaums gepasst, nur fehlt ihr das Umfeld. Sie steht allein auf (gar nicht so) weiter Bühne, die heile Familienwelt um sie herum bleibt Illusion. Zade versammelt vier Freunde des die Küche besitzenden Paares zu einem Abendessen. Gutmenschen-Klischees und Prenzlauer-Berg-Ghetto-Stereotype. Alle irgendwie erfolgreich, alle sich eingerichtet habend im lebenslügenreichen Beziehungs- oder Singleleben, einander und sich ständig versichernd, das alles toll ist und man selbst so – wie sagt man heute? – „woke“?

Bild: Arno Declair

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„Was wäre, wenn…?“

Junges DT – Nach Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm: Verirrten sich im Wald. Eine Stückentwicklung von Robert Lehniger mit Virtual und Augmented Reality der CyberRäuber, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Robert Lehniger)

Von Sascha Krieger

Hänsel und Gretel? Klar, kennt man: Zwei Kinder, ausgesetzt im Wald, das Pfefferkuchenhaus, die Hexe, die am Ende ausgetrickst wird und im Ofen landet. Eingezwängt zwischen zwei Buchdeckeln, Ende der Geschichte? Oder? Denn die Buchdeckel können Geschichten heute längst nicht mehr unter Kontrolle halten. Sie wabern durch die Welt, die digitale, die virtuelle und landen vielleicht am Ende wieder in der so genannten wirklichen, bis zur (Un)Kenntlichkeit verändert. Und lassen sich nicht gerade Märchen auf unterschiedlichste Weisen interpretieren, führt das kindliche „Warum?“ nicht zwangsläufig zum „Was wäre, wenn?“ An diesem Punkt starten Robert Lehniger, das Junge DT und die CyberRäuber zu ihrer dichten einstündigen Reise durch die altbekannte Geschichte als Möglichkeitsraum. Das letzt genannte Duo ist im deutschsprachigen Raum Pionier in der Verknüpfung des realsten aller Kunsträume Theater und der virtuellen Realität, die erst nach und nach beginnt, ihr Potenzial zu öffnen. Nach einer Reihe spannender Versuche, virtuelle Welten zum Theaterraum zu machen, etwa mit einer Verlängerung von Kay Voges‘ Borderline-Prozession ins Digitale, versuchen sie nun umgekehrt, Techniken der Virtual (VR) und der Augmented Reality (AR) ins traditionelle, physische Theater zu integrieren und somit die Bühne selbst jenseits ihrer selbst zu erweitern.

Bild: Arno Declair

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In den Seilen

Molière: Der Menschenfeind, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Dass sich Gesellschaft mit ihren Regeln und Grenzen und Sanktionen bei deren Überschreitung als Gefängnis interpretieren und erfahren lässt, ist eine der banaleren Binsenweisheiten unserer Zeit. Für Alceste ist sie das in jedem Fall – nicht, weil sie ihn einengte, sondern weil sie einfach nicht zu dem Regelwerk passt, das er „seiner“ Welt selbst auferlegen möchte. Molières Antiheld kämpft seinen Kampf gegen Heuchelei und Unehrlichkeit mit windmühlenhafter Hartnäckigkeit und ebensolcher Effizienz und ist doch ein Teil dieser Welt, die auf Kontrolle – männlicher, versteht sich – auf Regeln, auf Einhegung abzielt. Wertesysteme sind dazu da einzugrenzen und eine Ordnung aufrecvhtzuerhalten, die Sinn vermitteln, weil sie alles schön in klar begrenzten Bahnen hält. In Anne Lenks Inszenierung von Molières Der Menschenfeind prallen die „Werte“ – Alcestes strenge Vernunftreligion und die libertinäre Gunstbezeugungsmechanik seiner Zeit – aufeinander. Und verbünden sich am Ende gegen den gemeinsamen wahren Feind: ein Denken, das die jeweiligen Grenzen sprengt, ein Handeln, das Vorgaben dehnt und bricht, wenn es dem eigenen Fortkommen passt, eine Freiheit, die den Namen verdient. Und die bei Anne Lenk ganz eindeutig eine weibliche ist.

Bild: Arno Declair

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„Noch ein wenig braune Soße?“

Nach Henrik Ibsen: Volksverräter!!, Schauspielhaus Bochum / Volksbühne Berlin (Regie: Hermann Schmidt-Rahmer)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Entschuldigung: Eva Hüster, in züchtig uniformen Grautöne gekleidet, tritt vor den Vorhang und wendet sich an AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider. Der hatte unter anderem im Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen Landespartei gefordert, Theater müsse zur Identifikation mit dem Land beitragen und solle nur Stücke spielen, die das auch täten. Hüster erklärt nun mit zerknirschter Miene, man habe lange ein solches Stück gesucht, aber nicht finden können. Also gibt man Ibsen, den Volksfeind natürlich, der in den letzten Jahren ohnehin landauf landab gespielt wird, weil er ganz gut in eine Zeit passt, in der „denen da oben“ immer unverhohlenere Verachtung entgegenschlägt und der Volkszorn sich in ganz unterschiedliche Richtungen zu bewegen vermag. Die Ambivalenz massenhafter Empörung ist ja im Stück angelegt, wo Badearzt Thomas Stockmanns Versuch, das Vertuschen einer unangenehmen Wahrheit zu verhindern, in totalitäre Demokratiefeindlichkeit umschlägt. Für Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer der ideale Ausgangspunkt, um sich dem schwierigen Verhältnis von Politik und Bevölkerung, Wahrheit und Demagogie, Demokratie und Populismus zu widmen. Bei dem Ibsen – der Titel deutet es schon an – bestenfalls Startpunkt, Folie und Steinbruch ist.

Bild: Karl-Bernd Karwasz

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Mit Liebe

Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Lachenmann und Schumann

Von Sascha Krieger

Bescheiden ist der Anspruch, den Helmut Lachenmann an sein Werk stellt, nicht gerade: „Es geht nicht um neue Klänge, es geht um neues Hören“, sagt er über My Melodies, ein im vergangenen Jahr uraufgeführtes Werk für acht Hörner und Orchester, das mit seinen gut 35 Minuten trotz Einsätzigkeit allein durch seinen Umfang den Anspruch untermauert. In seinen 16 Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat sich Sir Simon Rattle als großer Förderer zeitgenössischer Musik erwiesen. Nach einem ersten Berlin-Besuch bei der befreundeten Staatskapelle und die Wiedererweckung eines früheren Abends eröffnet er sein ersten neu einstudiertes Programm mit seinem ehemaligen Orchester mit dieser deutlichen musikalischen Ansage: Auch jetzt, als Gast, wird er weiter „sein“ Publikum neuen Hörerfahrungen aussetzen. Und die bietet My Melodies zur Genüge. Der mittlerweile 83-Jährige mag nicht mehr schockieren, Hörerwartungen zu unterlaufen, gelingt ihm nach wie vor mühelos. Wer bei acht Hörnern warme, satte, romantisch angehauchte Bläserfülle erwartet, wird enttäuscht. Kaum werden die Instrumente so gespielt, wie es gemeinhin gewohnt ist und wenn sie dann doch einmal in bewährter Weise zum Einsatz kommen, sind sie Teil des Orchesters, es trotz ihrer Zahl nie solistisch überstrahlend.

Sir Simon Rattle dirigiert My Melodies von Helmut Lachenmann bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

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Die Stunde der Mikrobrigade

Rimini Protokoll (Stefan Kaegi): Granma. Posaunen aus Kuba, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Wer ins Theater geht, kann etwas lernen. Zumindest, wenn eine Arbeit von Rimini Protokoll auf dem Spielplan steht. Zum Beispiel, was eine Mikrobrigade ist. So nennt man in Kuba Gruppen von Menschen, die gemeinsam ein Haus bauen. Laien, die so etwas noch nie gemacht haben, angeleitet von einem Profi. So begegnete man einst der Wohnungskrise im vom US-Embargo gebeutelten Land. Auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters kommt nun auch eine solche zum Einsatz. Ein Haus muss sie nicht bauen, das steht ja schon länger. Stattdessen lernt sie Posaune zu spielen. Profi-Musikerin Diana Sainz Mena hat ihre vier Mittstreiter*innen Milagro Àlvarez Leliebre, Daniel Cruces-Pérez und Christian Paneque Moreda angeleitet und jetzt, kurz nach der Premiere, klingt das schon ganz gut. Mit der Kuba-eigenen Mischung aus Zuversicht und Improvisation blasen und pusten sie sich durch 60 Jahre kubanische Revolution. Benannt ist der Abend nach der legendären Jacht, auf der Fidel Castro und Genossen 1956 von Mexiko übersetzten, um die Revolution zu starten. Was mit einem Massaker begann – von den 82 Gelandeten schafften es nur 22 durch den blutigen Empfang der Regimetruppen – endete mit der Machtübernahme vor ziemlich genau 60 Jahren.

Bild: Esra Rotthoff

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Im „Licht der Aufmerksamkeit“

Junges DT – Nach dem Roman von Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Wo geht er hin, der Blick? Ins Helle, ins Dunkle, ins Nichts? Oder nur auf die Wand, die sie einschließt, umfasst, Orientierung sein will und Grenze ist? Reglos mit dem Rücken zum Publikum stehen sie, aufgereiht vor den hölzernen Schulbänken, ein Tableau perfekter Ordnung, ein sprachloses Kollektivwesen in weißen Hemden, grauen Hosen und schwarzen Schuhen. Die Dunkelheit bezwungen und eingehegt. Wie auch an den Wänden: Unten Holzvertäfelung, oben weißgetüncht. Doch halt? Ist nicht das hölzerne Braun voller Wärme, Nuancen, Leben, das nüchterne Weiß antiseptische Abweisung? Regisseurin Nora Schlocker, Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und Kostümbildnerin Caroline Rössle Harper durchsetzen Peter Høegs Parabel von der totalitären Gewalt gleichmacherischer Ordnung, die Schlocker dem Programmheft zufolge in der normierten Leistungsgesellschaft unserer aufgeklärteren Zeit wiederzufinden meint, mit vielen solcher Zeichen, die zunächst klar erscheinen, sich aber zunehmend als ambivalent erweisen.

Bild: Arno Declair

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„Was ist der Wal?“

Nach Herman Melville: Moby Dick, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Anita Vulesica)

Von Sascha Krieger

„Was ist der Wal?“ Eine Schlüsselfrage in Herman Melvilles nicht tot zu kriegendem (aber warum sollte man auch?) Weltliteratur-Wälzer Moby Dick. In der Bearbeitung von Ex-DT-Schauspielerin Anita Vulesica wird sie mehrfach gestellt und jeweils mit mehrminütigen detailreichen Auslassungen behandelt, in denen sich Gier und Bewunderung, totalitäre Gewaltfantasien und wissenschaftliche Neugier, Kontrollzwang und Unsicherheit mischen. Das Verhältnis des Menschen zum Tier war immer ein ambivalentes und ist es geblieben. Vor allem aber ist es stets einer anderen Frage untergeordnet, steht nicht selten stellvertretend für dieses: Was ist der Mensch? Das ist auch an diesem Abend so, der sich für die gut 800 Buchseiten gerade 80 Minuten zeit nimmt, sich dabei aber mindestens doppelt so lang anfühlt. Fünf Studentinnen der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch pflügen und waten und schwimmen und rudern sich durch die action- und gewaltreiche Meditation über die menschliche Natur. Sie wechseln dabei immer wieder zwischen Ahab, dem besessenen Waljäger und diktatorischen Anführer und seiner mal skeptischeren, mal ergebenen Besatzung. Ist anfangs noch relativ klar erkennbar, wer gerade spricht, verschwimmen die Grenzen mit zunehmender Dauer.

Bild: Vincenzo Laera

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Vom Winde verweht

Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij: Der letzte Gast, Berliner Ensemble (Regie: Árpád Schilling)

Von Sascha Krieger

Um Fremdheit soll es gehen in Árpád Schillings neuem Stück. Ein Thema, mit dem der Ungar sich auskennt. In seiner Heimat zum Staatsfeind erklärt, lebt er mittlerweile im französischen Exil. Im eigenen Land zum Fremden gemachte, im fremden Land längst nicht heimisch. In Der letzte Gast, lässt er die „Fremden“ aufeinander stoßen. Die ehemalige Opernsängerin Klara nimmt spontan den Taxifahrer Blau mit nach Haus, zum Laubfegen zunächst, später soll er das Nachbarhaus renovieren. Blau ist so ein „Fremder“, seine Herkunft wird nie aufgeklärt, er schweigt sich aus. Überhaupt redet er nicht viel, ist kaum mehr als eine Projektion des westlichen Blicks auf das Andere. Die eine (Klara) betrachtet ihn mit der Faszination des Exotischen, die anderen – Familienfreundin Jutta und Tochter Berta – mit der Angst derer, für die alle, die vermeintlich nicht wie sie selbst sind, eine Bedrohung darstellen. Irgendwann wird deutlich: Klar ist selbst so eine „Fremde“, sie hat den nun tyrannisch dement im Rollstuhl sitzenden Professoren-Mann nur geheiratet und sich von ihm schwängern lkassen, um aus der DDR fliehen zu können. Auch sie gehört nicht in diese Villa. „Ich kenne diesen Gestank“, sagt sie einmal zu Blau. „Ich stinke doch selber.“

Bild: JR Berliner Ensemble

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Existenziell

Sir Simon Rattle kehrt mit Bachs Johannes-Passion zurück zu den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

So eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte ist eine heikle Sache. Man will nicht zu sehr in Nostalgie baden, aber doch die Ovationen seiner langen Tätigkeit auskosten. Zugleich gilt es, nicht den Nachfolger in den Schatten zu stellen und nicht als Ego-Monster zu erscheinen. Nachdem Sir Simon Rattle im vergangenen Sommer nach 18 Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker seinen Abschied nahm, ist er sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. So erfolgte sein erstes Berliner Dirigat nach dem Abschied nicht bei „seinem“ Orchester, sondern mit Daniel Barenboims Staatskapelle, noch dazu zunächst an deren Haus und danach erst in der Philharmonie. Eine Woche bevor er nun tatsächlich wieder am Philharmoniker-Pult steht, durfte der Nachfolger ran und in der Begeisterung des Publikums baden. Und für die Rückkehr hat er sich ein Programm ausgesucht, bei dem er so wenig im Mittelpunkt steht, wie es einem Dirigenten nur möglich ist, noch dazu einen „alten Hit“ aus der Spätphase seiner Amtszeit, ein bisschen Nostalgie, ein wenig Schön war’s“, mehr Besuch eines alten Freundes als triumphale Rückkehr. Dass dabei nur ein kleiner Teil des Orchesters vor ihm sitzt, hilft sicher auch, den Übergang in die neue Ära, in der er einmal im Jahr als Gastdirigent am Pult steht, so unspektakulär wie möglich zu machen.

Sir Simon Rattle (Bild: Oliver Helbig)

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