Archiv der Kategorie: deutsch

Wenn der Leberkäse-Engel kommt

Nach Wilhelm Busch: Max und Moritz. Eine Bösebubengeschichte für Erwachsene, Berliner Ensemble / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Man behält es im Ohr, dieses vier- bis fünfsilbige meckernde Lachen, mit dem Stefanie Reinsperger ihr Publikum immer wieder in diesen gut 100 Minuten quält wie verzaubert. Und – anarchisch und ordnungstörend wie ihre Figur – schon mal eine Popkultur-referenz in die Runde wirft, die sogar manche*n gestandene*n Kritiker*in überfordert. Denn auch wenn sie und Annika Meier von Victoria Behr originalgetreu kostümiert und frisiert auf der Bühne stehen, irritieren sie doch in dem Moment, in dem sie den Mund auf machen. Denn die Töne und Klänge, die aus ihnen kommen, stammen nicht von Wilhelm Busch, sie sind viel jünger. Sie gehören kleinen gelben Publikumslieblingen aus einer Reihe populärer Animationsfilme, den Minions, frech anarchischen Unruhestiftern, Chaosverbreitern, Durcheinanderbringern. Doch wo diese harmlos liebenswürdig bleiben, eigentlich nur spielen wollen, sind ihre Vorgänger ganz andere Kaliber: Sachbeschädiger, Körperverletzer, Diebe, Tierquäler. Max und Moritz waren eigentlich schon immer zu brutal, zu disruptiv, zu anarchistisch – und damit perfekte Kinderliteratur im Grimmschen Sinne.

Bild: JR Berliner Ensemble

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Der Neugierige

Herbert Blomstedt und Yefim Bronfman zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Kurz vor Spielzeitende haben die Berliner Philharmoniker noch einmal einige gute alte Freunde zu Gasst, wobei das „alt“ durchaus wörtlich zu nehmen ist. Nachdem mit seinen 83 Jahren geradezu jugendlichen Zubin Mehta gastierte zuletzt der 90-jährige Bernard Haitink, gefolgt von Herbert Blomstedt, der im Juli seinen 92. Geburtstag feiern wird. Und doch wirkt der stets freundlich lächelnde Schwede wie der jüngste der drei, verzichten auf den unterstützenden Hocker, erklimmt die Stufen zum Podium mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die auch sein Konzertprogramm auszeichnet. Altersweise sind seine Interpretationen durchaus, aber auch von einer erstaunlichen Frische, einer geradezu optimistischen Lebendigkeit. Und Neugier: Auch mit über 90 treibt es Blomstedt noch um, seinem Publikum Werke und Komponisten nahe zu bringen, die diesem bislang vollkommen unbekannt waren. Erst mit Mitte 80 hat er begonnen, die zweite Symphonie seines Landsmanns Wilhelm Stenhammar, ein Zeitgenosse und Freund von Jena Sibelius und Carl Nielsen, seinerzeit eher als Dirigent verehrt, zu dirigieren. Jetzt erlebt das mehr als 100 Jahre alte Werk seine später Erstaufführung bei den Berliner Philharmonikern.

Herbert Blomstedt (Bild: Peter Adamik)

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Beethovens Museale

Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy und Strauss

Von Sascha Krieger

Wie lange Vladimir Jurowski noch am Pult des RSB zu erleben sein wird, steht in den Sternen. Der 47-Jährige ist derzeit auf dem besten Wege, sich in die Riege der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit zu arbeiten. In zwei Jahren wird er Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper beerben und spätestens dann wird der gebürtige Russe den Geheimtipp-Status abgestreift haben. Auch weil es ihm in seinen knapp zwei Spielzeiten mit dem RSB gelungen ist, sich einen Ruf als mutiger Programmgestalter, waghalsiger Interpret und kühner Forscher, der sich dem vermeintlichen Konsens gern verweigert und Beethoven-Symphonien schon mal in ihren nicht ganz zu Unrecht weniger geschätzten Mahler-Bearbeitungen spielen lässt, wenn nicht zu erarbeiten, dann doch zumindest zu festigen. Seine Konzerte werden mittlerweile auch in der Hauptstadt auf beinahe messianische Weise gefeiert. Das sollte man mitdenken, wenn man sich seinem aktuellen Programm widmet – denn nichts von all diesen Vorschusslorbeeren wird auch der geneigteste Zuhörer hier wiederfinden.

Vladimir Jurowski (Bild: Kai Bienert)

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Leihbonbons an Salatsoße

Theatertreffen 2019 – PeterLicht nach Molière: Tartuffe oder das Schwein der Weisen, Theater Basel (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende das eine oder andere Buh durch den riesigen Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele hallt, weiß die Theatertreffen-Jury meist, dass sie etwas richtig gemacht hat. Eine Festival-Ausgabe ohne leidenschaftlich gespaltene Publika wäre eine triste Veranstaltung. Die Parade der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen eines Theaterjahr ist auch deshalb so bedeutend geblieben, weil sie immer wieder Kontroversen, Streit, Debatten ausgelöst hat, weil sich über nichts so trefflich diskutieren lässt wie darüber, ob die gerade erlebten zwei, drei, vier, zehn Stunden das Großartigste war, was man je sehen durfte – oder der letzte Sargnagel für das deutschsprachige Theater. Nach diesen Kriterien ist Claudia Bauer und PeterLichts Molière-Überschreibung ein würdiger Theatertreffen-Kandidat. Die Gefahr, Zuschauer*innen kalt oder indifferent zu lassen, besteht kaum. Im Guten wie im Schlechten.

Bild: Priska Ketterer

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Menschheit im Nebel

Theatertreffen 2019 – Nach dem Roman von Fjodor Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zu Beginn schälen sie sich aus dem Nebel: Figurenbruchstücke, Satzfestzen, Haltungsfragmente, Geschichtensplitter. Sie tauchen auf aus der Unsichtbarkeit und wieder in sie herab. Eine Unsichtbarkeit, die selbst produziert ist: Die Flutung der Bühne mit dem Nebel ist der erste Akt dieses Abends. Um zu wirken, muss sich das theater erst einmal erschaffen. Wie es das tut – auch das macht Sebastian Hartmann zu seinem Thema. Da ist es kein Zufall, dass die ersten Worte nicht Fjodor Dostojewskis hier zu spielendem Roman Erniedrigte und Beleidigte, sondern Wolfgang Lotz’ Hamburger Poetikvorlesung, in der der Dramatiker seine Idee eines neuen Theaters entwarf, eines, das Realismus neu definieren sollte, als von der Wirklichkeit ausgehend und diese transformierend, als eines, das keine Zukunft kennt sondern nur Gegenwart, nur das Hier und Jetzt, im Schreiben wie im Spielen, und gerade dadurch in die Zukunft wirken könne, eines, bei dem der „Sound“ wichtiger sei als die Handlung. Bei einem Stück sei, so Lotz, „totale Aufgeregtheit wichtig“. Realismus erfordere Offenheit und diese sei „unaufhörliche Aktivität“. Ums „Überwinden“ gehe es, presst Yassin Trabelsi in Lotz‘ Worten in höchster Erregung von der Rampe. Immer wieder verschränkt Hartmann seine Inszenierung mit Lotz‘ Thesen, macht letztere zu ihrem Gradmesser und erstere zu deren Experimentierfeld.

Bild: Sebastian Hoppe

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Theater als Klappentext

Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura: Schwarze Ernte, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

„Was, wenn das Öl etwas will?“ Wenn es ein Ziel verfolgt, womöglich gar die Vernichtung der Menschheit? Lajos Talamonti stellt diese Frage in den ersten Minuten von Hans-Werner Kroesinger und Regine Duras neuester Arbeit, die sich der Macht des Öls widmet – oder genauer der Position Saudi-Arabiens in der Welt, dem schwierigen Verhältnis des Westens zu dem diktatorisch beherrschten Wüstenstaat, seiner Bedeutung für den militanten Islamismus weltweit. Es ist ein überraschend philosophischer Einstieg, der zweite schon, nachdem eine Ruferin von der Brüstung die Geschichte beider Regionen – Europas und Arabiens – proklamierte und ominös raunte: „Arabien blieb unbekannt.“ Das Bemühen, dem oft spröden und trockenen Dokumentartheater der beiden einen theatraleren Anstrich zu geben, es einzubetten in einen sich an menschliche Grundmythen und -narrative anlehnenden Rahmen, ist dem Abend von Beginn an anzumerken. Und bleibt doch wenig mehr als Fassade. Denn die Eingangsfrage verfolgt er nicht weiter. Stattdessen tut er, womit sich Kroesinger und Dura stets am wohlsten fühlen: Er doziert Fakten, zitiert aus Dokumenten, präsentiert Recherche.

Bild: Sascha Krieger

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Baustelle Bruckner

Bernard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Das Berliner Konzert Publikum ist als sehr kritisch bekannt, aber es weiß auch Lebensleistungen zu schätzen und Respekt zu zollen, wo dieser gerechtfertigt ist. Wenn sich am Ende von Bernard Haitinks Konzertprogramm mit den Berliner Philharmonikern die Zuschauer*innen erheben, hat das weniger mit den vorangegangenen und eher durchwachsenen gut zwei Stunden zu tun als mit dem Lebenswerk des stillen Holländers, der vor wenigen Wochen seinen 90. Geburtstag feierte. Sichtlich erschöpft und auf einen schwarzen Gehstock gestützt, steht er auf dem Podium, die Spannung ist von ihm abgefallen, ein alter Mann, der alles am Pult gelassen hat. Auch an diesem: 55 Jahre lang war er den Berliner Philharmonikern eng verbunden, ist mittlerweile deren Ehrenmitglied. Es sieht nach Abschied aus: In der kommenden Spielzeit wird Haitink eine Pause einlegen, will danach wieder dirigieren. Aber dann wäre er 91. Dass er zum letzten Mal vor diesem Orchester steht, ist alles andere als unwahrscheinlich.

Bernard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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„Babba zahlt die Wurscht“

Nora Abdel-Maksoud: The Making-of, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Eine Riesensache sei das, das Projekt des Jahrhunderts: Stella Hilb grinst angestrengt von der Rampe, als sie das sagt, aus dem schwarzen Rechteck, das nicht zufällig an einen Bildschirm oder eine Filmleinwand erinnert und sich mit Hilfe eines herunterziehbaren Streifens in einen analogen Splitscreen verwandeln lässt. Wir befinden uns mitten in der Marketing-Hölle der modernen Filmwirtschaft: dem Making-Of, jenem Extra, das einen „Blick hinter die Kulissen“ und eine heile Welt harmonisch gemeinsamer künstlerischer Arbeit vorgaukeln soll. Ein Gottesdienst der Authentizität. Hier ist, wie man heute sagt, alles fake. Vier Darsteller*innen sitzen in ihren Rollen als Regisseurin und Stars einer in Bottrop spielenden Batman-Bearbeitung vor einer imaginären Kamera und spielen sich – oder genauer: ihre Rollen, wie diese sich selbst spielen. Oder so ähnlich. Authentizität, das weiß man im Geschäft, ist harte Arbeit. Da darf keiner aus der Reihe tanzen und vom Script abweichen. Deutungshoheit ist das Kapital, das zum anderen, echten, dem Geld führt, um das hier alles geht. Und so lächeln sie aggressiv von der Rampe und erzählen die ihnen vorgegebene Sicht der Dinge. Mit einem Fingerschnipsen erstreiten sie sich das Rederecht und schneiden dem Anderen das Wort ab. Der „ehrliche“ Blick hinter die Kulissen ist ein brutaler Machtkampf, ausgetragen über die tödlichste Waffe von allen: den Schnitt, für den Regisseurin Nora Abdel-Maksoud hier eine geniale analoge Entsprechung findet.

Bild: Esra Rotthoff

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Welt aus Nebel

Theatertreffen 2019 – Thom Luz: Girl from the Fog Machine Factory, Gessnerallee Zürich / Théâtre Vidy-Lausanne / Kaserne Basel / Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg / Theater Chur / Südpol Luzern (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wir weisen darauf hin, dass bei der Vorstellung genebelt wird.“ Bei Kennern der Arbeiten von Thom Luz rufen die Hinweisschilder im Haus der Berliner Festspiele einiges Schmunzeln hervor. Weiß man doch, dass Nebelmaschinen und Trockeneis zu den liebsten Mitteln gehören, die der Schweizer Theatermacher einsetzt. Und doch ist an diesem Abend einiges anders: Die fragile temporäre Undurchsichtigkeit is nicht mehr nur theatrales Instrument und erzählerisches Mittel, sondern das Thema dieses weniger als eineinhalbstündigen Abends selbst. Bei Thom Luz hängen fast immer Nebelwände in der Welt, schaffen Übergänge in und aus flüchtigen Wirklichkeiten, zu Traumwelten, Erinnerungsräumen, Gespensterreichen. Die Realität ist kein Ort, dem zu trauen ist, die zerbrechlichste aller Erfahrungsdimensionen des Lebens, die engste auch, die einschnürendste. Nebel macht sichtbar, indem er verdeckst und die physische Welt dem Blick entzieht. Er eröffnet andere Räume, solche des Traums, des  Denkens, der Imagination, der Erinnerung, der Trauer, er dehnt die Zeit, hält sie an, wie er Räume, Welten, Realitäten verschwinden und aus dem Nichts, im Nichts und als Nichts neu entstehen lässt.

Bild: Sandra Then

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Wenn der Kopf explodiert

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar, Deutsches Theater, Berlin / Salzburger Festspiele / Burgtheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

„So, jetzt bin ich e bissele müde“: Mit diesem Satz beendet Samiel Finzi seine fast solistische Tour de Force, die bei der Berliner Premiere immerhin 20 Minuten früher endet als noch in Salzburg. Auch das Publikum mag so fühlen, auch wenn es Abende gibt denen man eine mehr als zweistündige Dauer deutlich mehr anmerkt als diesem. Vor allem weil Finzi Dov Grinstein ist, der Alleinunterhalter und Comedian aus David Grossmans preisgekröntem Roman – und als Solo Act vermutlich um einiges besser und erfolgreicher als seine Figur. Grinstein ist ein scheiternder Stand-up-Artist, der in der vor allem als Standort zahlreicher Unternehmen bekannten israelischen Stadt Netanja gestrandet ist, und sich auf der Bühne durch sein Leben und seine Erinnerung fräst, die mit der kollektiven seines Landes und dessen Traumata eng verwoben ist. Dušan David Pařízeks Inszenierung setzt ganz auf die Abbildung dieser Bühnensituation: Sein Grinstein steht vor seinem Publikum, wie Finzi vor seinem – und dem seiner Figur steht – es direkt anspricht und damit immer „Doveles“ meint. So fallen seine Provokationen und Beleidigungen ins Leere – und auf ihn zurück. Ungebremst aufprallend auf den geborstenen Panzer des vermeintlichen Menschenhassers, seine Wunden sichtbar machend.

Bild: Arno Declair

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