Archiv der Kategorie: deutsch

„Ein Porno, in dem der Klempner wirklich nur die Spüle macht“

René Pollesch: Goodyear, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist nichts „normal“ an diesem Premierenabend, dem ersten in diesem Jahr, möglich gemacht durch das Pilotprojekt Testing des Berliner Senats. FFP2-Masken, gelichtete Zuschauer*innenreigen und ein ausgeklügerlter Einlass mit Ausweisvorlage und Schnelltestnachweis bürgen dafür, dass der Ausnahmezustand,d er gerade auch die Kultur seit Monaten lahmgelegt hat, noch nicht Geschichte ist. Und doch ist manches wie früher, wenn fünf Spielerinnen eine gute Stunde Lang René-Pollesch-Texte hin und her stoßen, als wären sie Billard Kugel. Weit ist der Himmel von Barbara Steiners Bühnenbild, unten glitzert der Asphalt. Eine Rennstrecke imagniert der Abend und steckt die Spiele*innen mal Rennfahreranzüge, mal in Witwenkleider. Leben und Tod sind allgegenwärtig und zugleich spielerische Abstrakta, Bälle, mit denen sich jonglieren lässt. Natürlich ist er reich an Zitaten, so manche Filmszee wird geplündert, die Formal-1-Geschichte dazu und ums Theater geht es eh immer.

Goodyear

Bild: Arno Declair

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„An Independent Creature“

Theatertreffen 2021 – SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP. Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś mit Musik von Kim Twiddle, schwere reiter, München – Aufzeichnung (Regie: Lucy Wilke und Paweł Duduś)

Von Sascha Krieger

Der Körper ist das Privateste, das wir haben – aber er ist und war stets auch politisch. Gesellschaftliche Normierungen wie Repressionen hatten immer auch und gerade den menschlichen Körper zum Ziel. Er ist Objekt von Unterdrückung, Mittel gesellschaftlichwer Gestaltung und Subjekt von Emanzipation. Befreiungsbewegungen haben fast immer auch mit seiner Sichtbarmachung zu tun. Voller Zuschreibungen ist der menschliche Körper, die stets auch gesellschaftliche Machtinstrumente sind. Darum und ihn aus diesen zu befreien, geht es in dieser kurzen intensiven Arbeit von Lucy Wilke und Paweł Duduś. Sie ist mit spinaler Muskelatrophie geboren, ihr Körper von der Gellschaft meist als „behindert“ gelesen. Er ist Tänzer, Körperarbeiter, queer und sich als solches auch markierend. Zwei, die aus der Norm fallen oder sich dieser verweigern.

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Bild: Martina Marini-Misterioso

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Die Macht des Namens

Theatertreffen 2021 – Marie Schleef: NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+, Ballhaus Ost, Berlin / Münchner Kammerspiele / Kosmos Theater, Wien – Aufzeichnung (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Ein Schlüsselmoment dieses Abends findet sich bereits im ersten Viertel: Da befasst sich Anne Tismer gerade mit der Barock-Komponistin Francesca Caccini. Soeben hat sie die Besonderheiten ihrer Musik skizziert, da lädt sie zur Hörprobe: „Das wollen wir uns mal eben anhören.“ Andächtig lauscht sie – der Stille. Denn die Werke Caccinis sind verschollen, die Italienerin eine Leerstelle der Musikgeschichte. Damit ist sie exemplarisch für das, worum es in diesen knapp sechs Stunden geht: die Frau als Leerstelle der Geschichte, der Geschichtsschreibung, Begriffe, die ironischerweise grammatisch weiblich sind – in der Praxis dagegen männlich. Männer schreiben und forschen über Männer, der männliche Blick bestimmt die kollektive Weltsicht, der Frau kommt dabei kaum mehr als eine Nebenrolle zu. Diesen weiblichen Blick einzubringen hat sich die Theatermacherin Marie Schleef auf die Fahnen geschrieben – und das tut sie nirgends so konsequent wie an diesem Abend.

Bild: Hendrik Lietmann

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Im Puzzle fehlen Teile

Theatertreffen 2021 – Rainald Goetz: Reich des Todes, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg – Livestream (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Ein Abend wie Karin Beiers Uraufführung von Rainald Goetz‘ erstem Theaterstück seit mehr als 20 Jahren ist eine ziemlich brutale Erinnerung daran, dass das diesjährige digitale Format des Theatertreffens nur ein Provisorium ist und sein kann. So stark das Onlinetheater zugelegt und so gut sich manche ursprünglich analoge Inszenierung in den digitalen Raum transportieren lässt: Es gibt Formen theatraler Ästhetik, welche die Kopräsenz von Ausführenden und Publikum brauchen, denen räumliche Distanz und Zweidimensionalität nicht gut tun und die zu anstrengenden Ausdauerproben werden, wo sie sich im realen Theaterraum wohl um Längen besser aushalten ließen. Beiers Inszenierung ist ein Beispiel par excellence: im gar nicht nur negativen Sinne kraftmeierisch, multilevel, überfordernd, eine Wiederauferstellung des zuletzt weniger dominanten Verausgabungs- und Brülltheaters, das hier auf wortlastige Sprachflut trifft – eine Verbindung, die sich nur im Verabredungsraum einer verschworenen Theatersaal-Zwangsgemeinschaft wirklich gut ertragen lässt. Und so kann diese Rezension diesem Abend nicht genüge tun, bleibt er ein Fremdkörper in diesem hoffentlich letzten rein digitalen Theatertreffen-Jahr.

Bild: Arno Declair

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„Ich bin das nicht“

Theatertreffen 2021 – Nach Euripides: Medea*, Schauspielhaus Zürich – Livestream (Regie: Leonie Böhm)

Von Sascha Krieger

Die Rächerin und Kindermörderin, die Migrantin und die Verstoßene, die Heimatlose und das Opfer des Patriarchats: Die Liste der Etikette, die der von Euripides verewigten Medea aufgeklebt wurden, ließe sich schier endlos fortsetzen. Die Geschichte der „Barbarin“, die dem Geliebten in ein fernes Land folgt, nur um dort für die Königstochter verlassen zu werden, und aus Rache ihre Kinder ermordet, ist eine jener mythischen, vielfach neuinterpretierten Frauenfiguren, in denen jede neue Zeit Anknüpfungspunkte zu finden scheint. In letzter Zeit kam so manche feministische Lesart hinzu, die sich jedoch meist mit dem Kulminationspunkt der Handlung, dem Kindermord,  schwertat, die sich denn doch nur schwer als emanzipatorische Handlung deuten lässt. Leonie Böhm löst das Problem in ihrer Zürcher Überschreibung damit, dass sie die schreckliche Tat nurmehr als Möglichkeit gelten lässt, als Zitat, als Zuschreibung der Rolle, die diese Figur zu spielen hat. Und genau um die geht es Böhm und ihrer Darstellerin Maja Beckmann: um das Herantasten an, das Umkreisen dieser nahen und fremden Frau. So wie im Theatertreffen-Livestream die einzelne Handkamera Beckmann umkreist, zurückweicht, wieder näher kommt, nie still steht, gilt das auch für de Auseinandersetzung mit der Rolle im doppelten Sinn – dem Part der Medea, wie der ihr als Stereotyp zugewiesenen Verhaltensmuster.

Bild: Gina Folly

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Kanalratten hinter Glas

Theatertreffen 2021 – Max Frisch: Graf Öderland, Theater Basel / Residenztheater, München – Aufzeichnung (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Nein, eine Parabel mit aktuellem Bezug wie Volker Löschs Dresdner Inszenierung von 2015, welche die Geschichte vom Staatsanwalt, der axtschwingend als mordender Anführer einer Bande Vegessener durch die Lande zieht, mit dem hasserfüllten Populismus der Pegida-Bewegung kurschloss, ist Stefan Bachmanns ausgrabung des selten gespielten Stücks von Max Frisch nicht. Dieser Öderland ist micht von dieser Welt, der Abend kein Kommentar der Gegenwart, eher ein zeitloses oder gar die Zeit negierendes Schauermärchen. Was im übrigen auch deswegen passt, weil die Inszenierung eine der letzten Premieren vor der Pandemie war, ein Relikt aus halb vergessner Zeit. Olaf Altmann hat dafür eines seiner postapokalyptisch minimalistischen Bühnenbilder geschaffen, welche die Spieler*innen zu Fredgeesteuerten, Getriebenen , Gefangenen von Schwerkraft und Raum machen.Ein trichterartiges Rohr erfüllt die Bühne, eine dunkle, fahl erhellte Kanalisation, in der die Mernschen wie Ratten – das Tier mit dem schlechten Ruf macht denn auch mehrfach seine Aufwartung – leben. Sie plumpsen durch ein Loch in der Rückwand hinein, werden vor wieder rausgespült, nur um zurück in den Kreislauf zu geraten.

Graf Öderland

Bild: Birgit Hupfeld

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Jenseits der Automatenwelt

Theatertreffen 2021 – Anna Gmeyner: Automatenbüfett, Burgtheater (Akademietheater), Wien – Aufzeichnung (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Abgefilmtes Theater: Nachdem die ersten beiden Einladungen zum diesjährigen Theatertreffen die Abwesenheit des gemeinsamen Live-Kunst-Erlebnisses in den Mittelpunkt rückten oder zumindest mitdachten und ästhetisch verarbeiteten, ist Barbara Freys  Automatenbüfett eine Erinnerung an selige Analogfestival-Zeiten. Eine jener 3Sat-Aufzeichnungen, die den Kartenlosen oder den Abwesenden ein wenig Theaterflair ins Wohnzimmer brachten oder ins Public Viewing, eine Draufschau von weitem, nicht mittendrin und nur halb dabei, nie behaptend, sie seien das das Erlebnis selbst. Heute, im Jahr zwei digitaler Theatertreffen, wirkt das wie aus der Zeit gefallen. Und passt damit zu diesem Stück und dieser Inszenierung. 1932 entstanden, Produkt einer Endzeit, stammt Anna Gmeyners Stück aus dem Kosmos jener Ödön von Horváths, aus der (post)apokalyptischen welt jener ganz unten, der Vergessenen und sich selbst vergessen Habenden, die die eigene Hoffnungslosigkeit sich in wölfischem (Selbst)Erhaltungstrieb, der schnell zu (Selbst)Vernichtungswille mutiert, entladen lassen. Und doch in bei Gmeyner selbst dieser brutale Drang zur Entmenschlichung, zum Überleben phne Ziel, bereits ermüdet, in Resignation erstickt, am Rande zur Farce balancierend.

Bild: Matthias Horn

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„Happy Birthday to Now!“

Theatertreffen 2021 – Gob Squad: Show Me A Good Time, HAU Hebbel am Ufer, Berlin – Livestream (Regie: Gob Squad)

Von Sascha Krieger

Zeit. Viel hatten wir von ihr in den letzten 14 Monaten. Aber wie viel davon war eine gute? Fragen, die viel, nun ja, Zeit bleibt zu umkreisen an diesem – Tag, Abend, Nachmittag, alles davon? Zwölf Stunden, eine Umrundung des Zifferblatt geben Gob Squad sich und uns in sihrer Corona-Erforschung, die im Juni 2020, zwischen erstem Lockdown und zwischenzeitlicher Theaterwiedereröffnung ihre Premiere hatte und sich jetzt, da der nicht enden wollende zweite Lockdown sich im Endspurt zu befinden scheint, noch einmal befragen lassen kann. Eine Live-Übertragung aus der stillstehenden Zeit ist diese Arbeit des deutsch-britischen Kollektivs, ein rastloser Loop, ein ständiges Déja vu, wie – so heißt es einmal – das Leben zu sein scheint.  Nichts kommt von der Stelle in diesem Wartezustand, in dem wir, in dem das Theater seit gut einem Jahr lebt. Leer ist es, nicht einmal ein Kameramensch begleitet die wechselnden einzenen Performer*innen, die sich auf die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele verirrt haben. Die Kamera folgt ihnen automatisch, im Hintergrund die leeren Zuschauerreihen. „Theatre is the temple of the here and now“, sagt Tatiana Saphir zu Beginn und setzt hinzu, das Hier und Jeetzt seien gerade „a little bit weird“. „Ich glaube nicht, dass es vollkommen verloren gegangen ist“, das Theater, hofft Berit Stumpf und mach sich auf, durch die Stadt, ein Publikum suchend.

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Bild: Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst

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„Kein Recht auf Versöhnung“

Theatertreffen 2021 – Nach Jean-Luc Lagarce: Einfach das Ende der Welt, Schauspielhaus Zürich – Livestream (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Theater in der Corona-Zeit ist auch und zunächst einmal Selbstvergewisserung. Solange Spielende und Zuschauende zwar Zeit, aber nicht Raum teilen, ist erst einmal sicherzustellen, dass beide überhaupt da sind. Theater heißt auch auszuhalten, sagt Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, in sener Erffnungsrede des Theatertreffens. Sitzt das Publikum zuhause, ist es kein Problem, einfach auszuschalten, gilt diese Verabredung dann noch? Ist da noch jemand, zu dem man spricht? In der Eröffnungsinszenierung dieser erneut digital und damit irgendwie auch nicht stattfindenden Festivalausgabe blickt Benjamin Lillie erst einmal in die Kamera, sich zu vergewissern suchen, dass da auch jemand ist, nicht wissend, ob diesauch der Fall ist. Es ist ein Kern dieses Abends, den es zweimal gibt: als Publikumsversion – in Zürich dürfen bereits wieder jeweils 50 Zuschauende ins Theater – und als Livestream. Regisseur Christopher Rüping hat sich entschieden, beide zu trennen, sich zu fokussieren, zu wem man spricht und agiert, nicht so zu tun, als wäre das eine mit dem anderen zu verschmelzen. Digitales Theater ist nicht analoges – eine Erkenntnis, die auch nach über einem Jahr Pandemie noch nicht überall angekommen scheint.

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Bild: Diana Pfammatter

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Im ewigen Schneesturm

Nach Thomas Mann: Der Zauberberg, Deutsches Theater, Berlin – Livestream (Regie: Sebastian Hartmann) – eingeladen zum Theatertreffen 2021

Von Sascha Krieger

Stapfen sie durch den (imaginären) Schnee von Thomas Manns dystopischer Alpenlandschaft oder durch die Leere von Raum uns Zeit, die Linda Pöppel zu Beginn mit reichlich Rast- und Ratlosigkeit reflektiert? Eine geisterhafte Seilschaft hat Sebastian Hartmann da unsichtbar zusammengebunden auf fast leerer weißumwandeter Bühne. Hier ist alles Weiß: Die Wände, die Bodysuits (Kostüme: Adriana Braga Peretzki), die Gesichter, die Haare. Nur eine Art Gerüst ragt heraus – ein Ankerpunkt? Ein Galgen? Ein Kran? (Bühne: Hartmann) Es ist eine Art Danach, in dem die Spieler*innen, die Figurenfragmente agieren, aber eines, bei dem es kein Davor gibt. „Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich?“, fragt Pöppel dann auch zu Beginn. Lässt sich die Zeit erzählen, will sie wissen, wenn sie denn nicht enden solle. Gleiches gelte für den Raum. Und so gibt es beide hier nicht und natürlich sind sie zugleich vorhanden. Denn dieser Abend spielt in der messbaren Zeit (er dauert genau zwei stunden) und er findet in einem Raum statt, der Bühne des Deutschen Theaters. Die aber eben auch ein Nichtraum ist, geschlossen, von den Zuschauenden nicht physisch betretbar, nur noch virtuell zu erahnen, in der Rezeption individuell zu erschaffen.

Bild: Arno Declair

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