Archiv der Kategorie: deutsch

Liebe als Flickwerk

Kirill Serebrennikov nach Motiven von Giovanni Boccaccio: Decamerone, Deutsches Theater, Berlin / Gogol-Center, Moskau (Regie: Kirill Serebrennikov)

Von Sascha Krieger

Am Ende stehen sie wieder da, Ensemble, Crew, alle in den weißen „Free Kirill“ T-Shirts, die man von jeder Premiere des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov außerhalb seines Heimatlandes in den letzten Jahren kennt. Auch wenn der Hausarrest, des – wohl zweifellos zu Unrecht – wegen Veruntreuung von Geldern seines Moskauer Theaters Gogol-Center vor Gericht stehenden Künstlers aufgehoben ist, das Land darf er nach wie vor nicht verlassen. Und so fand ein Großteil der Proben seines lang erwarteten und bereits mehrfach verschobenen DT-Debüts in Moskau statt, besorgten Assistent*innen die Einrichtung auf der Berliner Premierenbühne. Natürlich schwingt die Entstehungssituation mist und beeinflusst die berechtigte Sympathie für den seit Jahren Repressalien ausgesetzten Theatermachers auch seine Rezeption in Deutschland und trägt sicher zum lang anhaltenden Applaus an diesem Abend bei. Zumal das Sujet, Giovanni Boccaccios Zyklus um 10 junge Menschen, die sich (freiwillig) in einem Haus verbarrikadiert haben, um der grassierenden Pest zu entgehen, nicht ohne Berührungspunkte zum (nicht freiwilligen) Eingeschlossensein des Regisseurs ist. Die „Pest“ im Sinne eingeschränkter Kunst- und Meinungsfreiheit, eines Systems, das eingrenzt, beschränkt, mundtot machen will, bestimmt auch Serebrennikovs Leben. In seiner Inszenierung findet sich davon jedoch nichts.

Bild: Ira Polyarnaya

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Am Rand

Sir Simon Rattle, Jonathan Kelly und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven

Von Sascha Krieger

Das Schöne an Jubiläumsjahren ist, dass man auch einmal Werke zu Gehör bekommt, um die Dirigent*innen wie Orchester meist einen Bogen machen. Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge ist eines dieser Werke, das nun im Beethoven-Jahr mal wieder auf Spielplänen auftaucht. Die Berliner Philharminiker haben es in ihrer Geschichte nur einmal gespielt, im Jahr 1970. Nun erbarmt sich Ex-Chefdirigent Sir Simon Rattle und führt das frühe Werk gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin auf. Und siehe da: es langweilt nicht. Das liegt vor allem am Einsatz der Beteiligten: Rattle pumpt sein Ex-Orchester voll mit Energie. Jede dynamische Wendung, jeder Tempiwechsel, jede rhythmische Nuance ist klar ausgestellt, ohne effekthascherisch zu wirken, vielmehr arbeitet Rattle das Grundprinzip des auf dramatischen Kontrasten aufgebauten werkes klar heraus. Das gibt ihm Lebendigkeit und betont seine Anklänge an die Oper (theamatisch und motivisch bedient sich Beethoven ja auch vor allem bei Mozarts Musikdramatik).

Jonathan Kelly, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (Bild. Monika Rittershaus)

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Am Haken

Florentina Holzinger: TANZ. Eine sylphidische Performance in Stunts, Tanzquartier Wien / Sophiensaele, Berlin / Münchner Kammerspiele / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main u.a. (Konzept, Performance, Choreografie: Florentina Holzinger) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Nein, leicht fällt es nicht hinzuschauen, wenn einer Performerin, dokumentiert in nichts verzeihender Nahaufnahme, drei Haken in den Rücken implantiert werden, das Blut fließt und sie sich später an selbigen in die Höhe ziehen lässt, lächelnd Pirouetten und Ballettfiguren vollführt, den Schmerz in erster Linie in der Vorstellung der Zuschauer*in platzierend. Es ist der drastische Höhepunkt dieses Abschlusses von Florentina Holzingers Körpertrilogie, in dem es um die Disziplinierung, die Abrichtung des menschlichen Körpers, ausgehend von jener Dressur-Tortur namens klassisches Ballett geht. Weit ist der Abend an diesem Punkt bereits gekommen, dessen erster Akt – wir erfahren später, dass hier die Struktur des romantischen Balletts mit einem ersten Akt in der Realität und einem zweiten in einer Fantasiewelt widerspiegelt – in einem Ballettstudio zu spielen scheint. Die legendäre Tänzerin Beatrice Cordua leitet eine Reihe jüngerer Kolleginnen an, freundlich streng, mit wachsender Begeisterung über die Dressur- und Leistungsfähigkeit des Körpers aber auch zunehmend übergriffig, bis hin zu sexueller Belästigung, wenn das Training der Ballettfiguren ansatzlos in „Vaginainspektionen“ übergeht.

Bild: Eva Würdinger

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„Die Bretter, die den Wald bedeuten“

Junges DT – Nach Friedrich Schiller in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach: Die Räuber, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Joanna Praml)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht das Erschrecken: Sind die echt? Sind die wirklich da? Sind wir nicht allein? 15 junge Spieler*innen haben gerade die Bühne betreten, die Bretter, die später den Wald bedeuten werden (das Wortspiel fällt tatsächlich), um die Proben zu Friedrich Schillers Die Räuber zu beginnen. Allein, eigenverantwortlich, ohne den Blick der Eltern, der Lehrer, der Gesellschaft. Und dann sitzen wir da, das Publikum, beobachten, zweifeln, werten. In Die Räuber geht es um vieles: Freiheit, Rebellion, Generationenkonflikte, Familiäres, die Emanzipation von Erwartungen und Druck der Eltern, der Gesellschaft. Themen, die nicht wirklich an Aktualität verloren haben, gerade für Menschen, die soeben in das zu starten scheinen, was ihnen die Älteren als Leben vormachen. Klar sollen sie ihren Weg finden, aber welche zur Verfügung stehen, nach welchen Regeln zu spielen ist und welche Rollen zur Auswahl stehen, entscheiden gefälligst wir die Gesellschaft. Und da sitzen wir jetzt, menschengewordener Druck, Be- und Abwertung, Einengung. Klar könnt ihr euer Ding machen – solange wir es uns erlauben.

Bild: Arno Declair

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Aus dem Glashaus

Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufe (HAU 2), Berlin, Kampnagel, Hamburg / Mousonturm, Frankfurt am Main (Inszenierung: Anta Helena Recke) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Vielleicht befindet sich die westliche Gesellschaft gerade in einer kollektiven Depression. Wie anders wäre es zu erklären, dass Siegmund Freud, der „Vater“ der Psychoanalyse, der „Entdecker“ des Unbewussten, der Hervorkramer des Verdrängten, gerade mal wieder Hochkonjunktur zu haben scheint. Theater inszenieren seine Traumdeutung, in Zeiten von Debatten darüber, wie sehr toxische Männlichkeit einen, wenn nicht den Kern der Sinnkrise der westlichen Zivilisation bildet, interessieren Freunds stark männlich fokussierte Verunsicherungsszenarien besonders. Auch Anta Helena Recke, eine Künstlerin, die weiße ethnozentrische Weltbilder hinterfragt – die immer auch männlich patriarchal geprägt sind – nimmt Freud in ihrer neuen Arbeit als Ausgangspunkt. Drei Kränkungen haben die Menschheit in der Moderne in die Krise gestürzt, war er überzeugt: die Erkenntnis, dass die Erde und damit der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums seien, die Abstammung des Menschen vom Affen und eben die Entdeckung des Unbewussten durch ihn selbst. Drei Ereignisse, die den Glauben an die Allmacht des Menschen erschütterten. Die immer eine Allmacht des weißen männlichen Menschen bedeutete. Weshalb Recke nun eine vierte Kränkung hinzufügt: die Erkenntnis des weißen Mannes, dass die Menschheit nicht nur aus ihm besteht, es die von Freud postulierte „Menschheit“ als Einheit gar nicht gibt.

Bild: Gabriela Neeb

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Liebe als Ware

Ester Roth und Luise Thiele: Grillade Grande 666, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Ester Roth und Luise Thiele)

Von Sascha Krieger

In einer Art Sommercamp sollen wir uns wohl befinden, zumindest behauptet das der Andigungstext auf der Volksbühnen-Website. Unterschiedliche Gruppen bevölkern es: Schwarzgekleidete ständig deprimierte Goths, die „Sea Roses“, bunt gekleidete dauerlächelnde Romantiker*innen und weißgewandete 90er-Jahre-Überbleibsel zwischen Love Parade und Gaming. Alles fein säuberlich getrennt und kategorisiert, denn schließlich befinden wir uns – wie die per Video in tristem Ambiente erzählten Unternehmerstories am Anfang und am Ende klar machen – im Herzen des Kapitalismus. Das Sommercamp ist Produkt und Marketinginstrument von „White Pillow“, irgendwas zwischen Konzern und Kult, weswegen Daunenkissen und ihre Inhalte an diesem Abend auch eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Apropos Rollen: Natürlich sind alle in den vorgegebenen ihrer jeweiligen „Gruppe“ gefangen – und fühlen sich zunehmend unwohl. Die Feier der Schwarzträger*innen anlässlich des Geburtstags von Cure-Frontmann Robert Smith endet abrupt, als sie feststellen, dass „der depressivste Mensch der Welt“ sich eben nicht umgebracht hat. Es sei Zeit, sich von romantischen Fantasien zu befreien. Sagen sie und umranden sich die Augen mit schwarzem Make-up.

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An Schnüren in die Welt

William Shakespeare: Hamlet, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

„Es ist etwas faul im Staate Germany.“ Moment, Germany? Ja, bei Christian Weise spielt sich das Drama um den Dänenprinzen in einem expressionistisch abstrahierten Deutschland statt, das durchgängig in der nicht gerade akzentfrei verzerrten englischen Variante benannt wird. Das ist „unser“ Land und ist es nicht, sind wir und sind es natürlich nicht. Ein lustvolles Spiel der Ebenen, das die drei Stunden recht kurzweilig erscheinen lässt – bei einem so bekannten und durchgenudelten Stoff an sich schon eine bemerkenswerte Leistung. Julia Oschatz hat eine mehrzimmrige Bühne geschaffen in blaugrau verzerrter Mischung aus Realismus und Expressionismus, ein Cartoon-Land moderner Einrichtungshölle, ein Spielplatz für Fantasien und theatrales Ausprobieren. Svenja Liesau, die einmal damit kokettiert, eigentlich die geborene Nebendarstellerin zu sein, ist Hamlet. Oder ist, die Hamlet spielt. Oder die spielt, dass sie Hamlet spielt. Oder so. Und sie tut es in jedem ihr zur Verfügung stehenden Modus. Immer wieder weist sie Musiker Jens Dohle an, jetzt doch bitte das Genre zu wechseln. Dann wird Horrorfilm gegeben oder hohe Tragödie oder Musical.

Bild: Esra Rotthoff

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Der Glanz des Authentischen

Zelal Yesilyurt: GO Baby GO, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte von Jeremiah „Terminator“, kurz JT, LeRoy ist eine so abenteuerliche, dass sie sich nur im literarischen Umfeld abspielen konnte. Ein Shooting Star der US-Literaturszene der 1990er-Jahre sorgte der autor für Aufsehen mit semibiografischen Romanen und Kurzgeschichten über eine Jugend und Kindheit zwischen Armut, Verlassenwerden, Prostitiution, Gealt und Missbrauch. Sohn einer Prostituierten folgte der Teenager seiner Mutter schon sehr jung in ihrem Beruf, bevor er „gerettet“ wurde, sein Leben aufschrieb und zum Star wurde, der – was seinen Ruhm und seine Faszination nur noch verstärkte – Phantom blieb, nicht greifbar, sich lange der Öffentlichkeit entzog, bevor er zuweilen auftauchte, verkleidet mit Perücke und Sonnenbrille, zumeist das Wort abtretend an seine Sprecherin „Speedie“. Eine Geschichte, die unmöglich wahr sein konnte – und es auch nicht nicht war. LeRoy war eine Erfindung der eigentlichen Autorin, Laura Albert, die hinter Speedie steckte und deren Schreiben Resultat telefonischer Therapiesitzungen war und die das Alter Ego brauchte, um das zu Sagende aussprechen oder eben aufschreiben zu können. Und JT wurde gespielt von Alberts Schwägerin. Am Ende gab es Enthüllungsstories und einen Prozess, den Albert verlor. Für die Geschichte hat sie noch nicht die Folmrechte erteilt. Schade eigentlich.

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Aber bitte mit Sahne

Nach dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer: Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Clemens Maria Schönborn)

Von Sascha Krieger

Eine Frau findet sich in einer Berghütte wieder, durch eine Wand abgeschnitten vom Rest der Welt, der Familie, jeglicher Mitmenschen. Sie lernt, selbstbestimmt zu leben, autark, für sich, sich selbst – mit Hund und Kuh – die Welt zu sein. Zivilisationskritik unterstellte man Marlen Haushofers 1964 erschienenem Roman Die Wand sicher nicht zu unrecht – er ist aber, wie das schlanke Programmheftchen klar macht, auch eine Emanzoiationsgeschichte, die einer Frau, die zu sich, zu Frieden und Klarheit findet, weil und indem sie sich löst, von allem, was zuvor ihr Leben bestimmte, kontrollierte, einengte, Rollenerwartungen, gesellschaftlichen Zwängen, familiären Institutionen. Am Deutschen Theater ist Sophie Rois nun diese Namenlose – oder besser, sie liest und spielt und spricht sich hinein in sie. Zu Beginn steht das ein grauer Zweisitzer auf der Bühne, davor ein Kaffeetischchen mit zei Tassen. Rois kommt herein, setzt sich, trinkt, zündet sich eine Zigarette an und liest. Zunächst den Klappentext, dann Passagen aus dem Buch. Eine Annäherung, zunächst distanziert, etwas gelangweilt, wenig enthusiastisch.

Bild: Arno Declair

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Flickwerk Mensch

Nach Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel, Berliner Ensemble (Regie: Robert: Borgmann)

Von Sascha Krieger

Antiseptisch ist sie, die Zukunft, die Robert Borgmann in Michel Houellebecqs Roman Die Möglichkeit einer Insel gefunden hat, antiseptisch und künstlich. wiße Wände, darunter gelegentlich auch eine physische vierte, definieren den Raum, fahren mitunter auf und ab und geben den Blick doch nur frei auf kitschig dilettantische Naturbilder, Erinnerungen aus fünfter, sechster Hand an eine einstige echte Welt. In Houellebecqs Buch ist die Menschheit längst ersetzt durch so genannte Neo-Menschen, Klone, die nach dem Tod durch den nächsten ersetzt werden. Den Komiker Daniel etwa, Hauptfigur des Romans, gibt es jetzt schon zum 25. Mal – und es tat ihm nicht gut. Wolfgang Michael spielt ihn zu Beginn als seltsames Hybrid-Wesen, halb Cyborg, halb Zombie, weniger perfektioniert als heruntergekommen in zerrissenem Hemd, eine „schöne neue Welt“ als amateurhaftes Flickwerk. Er etabliert den „neuen Menschen“ als liebesunfähiges, nicht fühlendes, nicht des Glücks fähiges Konstrukt, das seine Unsterblichkeit erkauft hat durch das Abstreifen des Menschlichen.

Bild: JR Berliner Ensemble

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