Archiv der Kategorie: deutsch

Maschine Menschheit

Friedrich Schiller: Die Räuber, Residenztheater, München (Regie: Ulrich Rasche) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Leben, so sagt man, sei ein Kreislauf. Leben, Tod, Leben und immer so weiter. Doch was wenn zum natürlichen ein menschengemachter zweiter Kreislauf tritt. Einer einer der Macht und Gewalt? Einer, den Friedrich Schiller lange vor dem Zeitalter beschrieb, das wir heute das „industrielle“ nennen und vor das wir mittlerweile das eine oder andere „post“ setzen. Kreisläufe sind seit damals viele dazugekommen, solche der Effizienz und Nützlichkeit, andere der Vernichtung. Das vergangene Jahrhundert erfand dafür das Fließband, den Kreislauf als physisches Prinzip und Werkzeug, an dem es Autos produzierte und Tote. Zwei riesige Exemplare stehen nun auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Ulrich Rasche, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, hat sie dort hingestellt. Dort erscheint zunächst Katja Bürkle, die derzeit die erkrankte Valery Tscheplanowa ersetzt, die wiederum für Bibiana Beglau einsprang, die lange vor der Premiere wegen „künstlerischer Differenzen“ das Handtuch warf. Auch das eine Art Kreislauf. Mit harter Stimme und herausforderndem Gestus, den Körper gespannt, als würde er gleich giftige Pfeile verschießen, proklamiert sie ihr Programm der Selbstermächtigung. Das Programm einer Macht, die sich aus radikalem Individualismus speist, sich selbst einziger Maßstab ist. Macht als absolutes Prinzip.

Bild: Andreas Pohlmann

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Der Störenfried als Exponat

Bertolt Brecht: Baal, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Sebastian Sommer)

Von Sascha Krieger

Einmal noch Brecht. Weil es ja sein muss an diesem Haus, das der Dramatiker aus Augsburg einst gründete, das ihm ein Denkmal vor dem Haupteinang gebaut hat, das bis heute mit seinem Konterfei wirbt. Bertolt Brecht ist der Schlüssel zum Selbstverständnis dieses Theaters, sein gemeinsamer Nenner, zuweilen auch sein Feigenblatt. Das war immer so, auch in den 18 Jahren Intendanz von Claus Peymann. Brecht hielt auch dieser Hausherr stets hoch, auch wenn er dessen Stücke meist anderen überließ. Manfred Karge zum Beispiel oder Philip Tiedemann. Auch die Regie-Großmeister Leander Haußmann und sogar Robert Wilson durften mal ran. Das galt auch für den Nachwuchs: Sebastian Sommer kommt der Position des Nachwuchsregisseurs an diesem nicht gerade dem Jugendwahn verfallenen Haus wohl a nächsten und ihm gebührt nun die Ehre, den Brecht-Rausschmeißer der Ära Peymann zu geben. Kein verstaubtes Leerstück soll es sein, Lieblingsstücke wie die Dreigroschenoper  oder die Mutter Courage waren schon vergriffen. Also darf der „Junge“ etwas vom jungen, durchaus wilden Brecht inszenieren. Den Baal, diese expressionistische Tour de Force, über die sich vor noch nicht allzu langer Zeit Frank Castorf – auch er ein Abschied nehmender, der womöglich bald an diesem Hause inszenieren wird? – mit den Brecht-Erben anlegte.

Bild: Barbara Braun

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„Wehe dem, der auf die Stufen kotzt!“

Nach Wenedikt Jerofejew: Reise nach Petuschki. Ein Delirium bzw. Kurzzeitodyssee per Bahn, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Sebastian Klink)

Von Sascha Krieger

Zu jedem Abschied, so sagt man, gehört ein ordentliches Besäufnis. Nun, vielleicht sagt „man“ so nicht, die Tradition, das Abschiednehmen mit dem einen oder anderen Schluck mehr oder weniger  Hochprozentigem erträglicher zu machen, ist weit verbreitet. Nun boten die bisherigen Abschiedsabende der Castorfschen Volksbühne zwar großartiges Theater, viel Inhalt und ganz viele Gründe, das Haus in der Inkarnation der vergangenen 25 Jahre zu vermissen, eine wirkliche Abschiedsfeier war nicht dabei. Das holt Sebastian Klink, einer der wenigen jüngeren Regisseure am Haus – und langjähriger Regieassistent Castorfs – jetzt nach. Das russische Repertoire war hier stets stark vertreten und das Klischee spricht „dem Russen“ eine gewisse Neigung zu alkoholischen Getränken zu – was läge da näher als Wenedikt Jerofejews Besäufnis- und Bekenntniswerk Reise nach Petuschki, dem wichtigsten dieses Außenseiter-Schritstellers, der erst in der Spätphase der Sowjetunion verlegt wurde und kurz darauf starb, der in diesem „Poem“, wie er es nannte, seine Erfahrungen mit der realsowjetischen Wirklichkeit in einem sprachlichen Delirium verewigte, das nirgendwo anders hinführen konnte als in die Apokalypse?

Bild: Sascha Krieger

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Postfaktischer Schattenmann

Arthur Miller: Tod eines Handlungsreisenden, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Bastian Kraft)

Von Sascha Krieger

Wir leben, so sagt man, im postfaktischen Zeitalter. „Postfaktisch“ war 2016 das Wort des Jahres und das noch vor der Amtseinführung des ersten postfaktischen US-Präsidenten. Mittlerweile nennt man die Nichtanerkennung der Existenz beweisbarer Tatsachen oder zumindest deren Gleichsetzung mit „Meinungen“ gern in den hoffentlich sterblichen Worten einer Beraterin besagten Präsidenten „alternative Fakten“. Auch wenn es in Sphären angekommen zu sein scheint, die man kaum für möglich gehalten hätte – neu ist das Phänomen der Realitätsverweigerung nicht, nur fand man es früher vor allem im Privaten. „Lebenslüge“ nannte man es dann oder auch „Selbstbetrug“. Willy Loman ist so ein Selbstbetrüger und Lebenslügner. Einer, der Sätze sagt wie: „Halte mir keine Vorträge über irgendwelche Fakten!“, Einer, der in jede Zeit passt und erst recht in diese. Ein Realitätsleugner, ein Alternative-Fakten-Erfinder, ein postfaktischer Mensch.

Bild: Arno Declair

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Am Anfang war der Bierkasten

Leien des Alltags: Mutti muss nach Lichtenberg – Gentrification #2, Ballhaus Ost, Berlin / Ruhrtriennale

Von Sascha Krieger

Die Geschichte der Zivilisation muss neu geschrieben werden: Sie beginnt vor Hunderten von Jahren mit einem Bierausträger. Weil ihm der Transport einzelner Krüge zu mühselig erschien, erfand er den Bierkasten. Bald wurde der zum Zentrum menschlicher Gruppierungen, ließ man sich um ihn herum nieder, erfand die Bar (ein Akronym für „Bier im Raum“), aus dem später das Café und noch später die Kunst hervorging. Irgendwann gab es unterschiedliche Bars für unterschiedliche Geschmäcker, es gab welche für teures Bier und andere für billiges. So entstanden soziale Unterschiede und  am Ende auch die Gentrifizierung mit vielen unterschiedlichen dieser Orte. „Die Gesamtheit dieser Orte nennen wir heute Trendbezirk.“ Voilà. So die Kurzform. Die lange, vollständige bildet den Beginn des Gentrifizierungsabends der Berliner Gruppe Leien des Alltags, der im Rahmen der Ruhrtriennale entwickelt wurde und jetzt „zuhause“ angekommen ist.

Bild: Sascha Krieger

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Der Eigenwillige

Festtage 2017: Radu Lupu gastiert bei der Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Radu Lupu zählt längerem zu den wichtigsten und besten Pianisten unserer Zeit. Gleichzeitig ist er auch einer der eigenwilligeren. Glatte Interpretationen, an denen sich niemand reiben könnte, sind seine Sache nicht. Das Ergebnis kann magisch sein, aber auch ein Desaster. Zuweilen gelingt beides. Ein solcher Abend ist sein Gastspiel mit der Staatskapelle Berlin im Rahmen der diesjährigen Staatsopern-Festtage. Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 steht auf dem Programm. In der englischsprachigen Welt nennt man es gern das „kaiserliche“, passend zum vermeintlich heroischen Ton, der zweifellos an die „Eroica“ erinnert. Der Beginn lässt böses erahnen: Uneben, verwaschen, richtungslos umspielt, umspült eher, Lupu die eröffnenden Orchesterakkorde, breiig und überhastet klingt das. Dann hat das Orchester das Wort, das unter Daniel Barenboims Leitung äußerst zielstrebig zu Werke geht. Der Klang ist dicht, kompakt, schnörkellos und präzise, findet seine Kraft in sich selbst. Ein energischer, zuweilen muskulöser Beethoven, vorwärtsdrängend und klar strukturiert. Dann ist Lupu wieder dran und sie da, welch ein Unterschied: Glasklar der Anschlag, das Spiel eine wunderbare Mischung aus Detailschärfe und sanglichem Gestus, das Instrument singt und lauscht sich zugleich selbst hinterher. Besonders magisch ist der Effekt beim zart berührenden zweiten Thema des Kopfsatzes: Schon im Orchester ist es wie getupft, bevor ihm die Holzbläser gleichzeitig Körperlichkeit wie Licht verleihen. Bei Lupu sitzt jeder Ton, perlen die einzelnen Noten, ganz für sich stehen, fügen sich zusammen zu einem Gesang höchster Innigkeit, die in höchster Spannung steht zum zu größter Dringlichkeit verdichteten Orchester.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

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Im schwarzen Loch der Beliebigkeit

FIND 2017 – Romeo Castellucci frei nach dem Buch von Alexis de Tocqueville: Democracy in America, deSingel International Artcampus, Antwerpen / Wiener Festwochen (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Es ist ja immer wieder schön, wenn der geneigte Theaterbesucher etwas Neues lernt. Zum Beispiel über Glossolalie: Dabei handelt es sich um Fantasiesprachen, die keinerlei kodifizierte Bedeutung haben, aber wie „echte“ Sprachen klingen. Zuweilen wird sie in religiösen Zusammenhängen eingesetzt, sogar in der einen oder anderen christlichen Kirche. Dann gilt das Kauderwelsch als göttliche Sprache, dem, der sie „spricht“, von der höchsten Instanz eingegeben. Während  die Erklärung auf einem semitransparenten Vorhang erscheint, hört das Publikum Beispiele aus einer US-amerikanischen Kirche Anfang der 1980er-Jahre. Die Nähe zu Gotte, ja, der Glaube, „God’s own country“ zu sein, gehört bis heute zum Selbstverständnis des Landes, das sich nach wie vor als das großartigste der Welt sieht: die USA. Während sich diese aufmachen, wieder so großartig zu werden, wie sie immer schon gewesen zu sein glaubten, widmet sich der italienische Regisseur Romeo Castellucci der Demokratie in Amerika. Das gleichnamige, heute noch in den Vereinigten Staaten verehrte Werk des Franzosen Alexis de Tocqueville ist dabei wenig mehr als Namensgeber. Auch für den Zustand besagter Demokratie im Jahr eins der populistischen Ära interessiert sich Castellucci wenig. Nein, er schaut lieber zurück, zu den Wurzeln, zur Herkunft dieses Landes und seiner Überlegenheitsideologie (zumindest dies hat seine Arbeit mit der des Tocquevilles gemeinsam). Und er verortet sie in der Religion – auch das ist für einen Künstler, der sich viele Jahre als Lieblingsfeind der katholischen Kirche gefiel, kaum überraschend.

Bild: Luca Del Pia

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Trockenes Toilettenpapier? Danke, Merkel!

Yael Ronen und Exil Ensemble: Winterreise, Maxim Gorki Theater (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Warum ist deutsches Toilettenpapier so trocken? Warum nennen diese Demonstranten die deutsche Kanzlerin auf ihren Plakaten Fatima? Und warum hat der Bus eine von ausgestattete Küche, wenn man sie nicht benutzen darf? Es ist ein seltsames Land, in dem sich diese sechs wiederfinden. Künstler, Schauspieler*innen aus Syrien, Afghanistan, den palästinensischen Gebieten. Sogar ein palästinensischer Syrer – oder ist er syrischer Palästinenser? – der schon im „eigenen“ Land nicht verständlich machen kann, wer er ist. Überhaupt: verstehen. Einfach ist das nicht, wenn so vieles auf den ersten Sinn keinen Sinn zu ergeben scheint. Wie dieser Deutsche, auch Schauspieler, Niels heißt er. Deutsch, sich ängstlich an Regeln haltend, aber immer zu spät kommend. Seltsam. Winterreise ist die erste Arbeit des Exil Ensembles. Zu diesem hat das Maxim Gorki Theater professionelle, nach Deutschland geflüchtete Schauspieler*innen verpflichtet, die gemeinsam als Gruppe und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Künstlern in den kommenden mindestens zwei Jahren  Theater machen werden. Das erste feste Ensemble aus Geflüchteten an einem deutschsprachigen Stadttheater – allein dafür gebührt dem Gorki und den unterschiedlichen Förderern, denen Intendantin Shermin Langhoff am Ende der Premiere dankt, Bewunderung und Anerkennung.

Bild: Esra Rotthoff

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Mehr wollen dürfen

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2017 mit einem Wiener Programm

Von Sascha Krieger

Tradition und die Wiener Philharmoniker – das gehört zusammen. Kein Orchester der Welt fühlt sich seiner Vergangenheit so verpflichtet wie dieses, keines pflegt seinen überlieferten Klang so sorgfältig, kaum eines ist Neuerungen gegenüber so skeptisch. Traditionen sind ihnen wichtig, die verbinden das Gestern und das Heute und ermöglichen, so der Traditionalist, erst das Morgen. Auch in Berlin hat dieses Traditionsbewusstsein des Klangkörpers jetzt Wurzeln geschlagen: Zum vierten Mal in Folge eröffnet er jetzt die alljährlichen Festtage der Staatsoper. Zu verdanken haben wir diese neue Tradition Daniel Barenboim, musikalischer Leiter der Staatsoper und seit vielen Jahren einer der Lieblingsdirigenten der Wiener. Mit ihnen teilt er den Fokus auf klangliche Brillanz auf Einheit, auf die Gesamtwirkung des Werks. Er ist kein analytischer Dirigent, keiner, der das Werk erst auseinandernimmt, um es dann neu zusammenzusetzen. Er betont seine Einheit und will diese zum Leben erwecken – eine Einstellung, die ihn fest mit diesem Orchester verbindet.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

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Revolution in der Halbdistanz

FIND 2017 – Gary Owen: Iphigenia in Splott, Sherman Theatre, Cardiff (Regie: Rachel O’Riordan)

Von Sascha Krieger

„Powerful“ ist ein Begriff, der in Rezensionen zu Gary Owens preisgekröntem Stück Iphigenia in Splott immer und immer wieder auftaucht. Als es 2015 in Cardiff uraufgeführt und wenige Monate später am National Theatre in London zu sehen war, überschlugen sich die englischsprachigen Kritiker, vergaben reihenweise fünf Sterne, Andrew Haydon sah im Guardian sogar den Beginn einer Revolution. Jetzt ist die damals als bestes neues Stück ausgezeichnete Produktion in Berlin zu sehen und der Rezensent reibt sich verwundert die Augen. Auch, wenn am Ende der Schlussapplaus aufbraust. Was, so fragt sich (nur?) der Autor dieser Zeilen, habe ich in den letzten gut 70 Minuten verpasst? Um es gleich vorweg zu nehmen: Iphigenia in Splott in der Uraufführungsregie ist keine Theaterkatastrophe. Es ist ein gut gemachtes Ein-Personenstück, unterhaltsam geschrieben und ohne Längen inszeniert – und phänomenal gespielt von einer nichts zurückhaltenden Sophie Melville. Aber eben auch nicht mehr als das.

Bild: Mark Doeut

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