Archiv der Kategorie: deutsch

Im „Licht der Aufmerksamkeit“

Junges DT – Nach dem Roman von Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Wo geht er hin, der Blick? Ins Helle, ins Dunkle, ins Nichts? Oder nur auf die Wand, die sie einschließt, umfasst, Orientierung sein will und Grenze ist? Reglos mit dem Rücken zum Publikum stehen sie, aufgereiht vor den hölzernen Schulbänken, ein Tableau perfekter Ordnung, ein sprachloses Kollektivwesen in weißen Hemden, grauen Hosen und schwarzen Schuhen. Die Dunkelheit bezwungen und eingehegt. Wie auch an den Wänden: Unten Holzvertäfelung, oben weißgetüncht. Doch halt? Ist nicht das hölzerne Braun voller Wärme, Nuancen, Leben, das nüchterne Weiß antiseptische Abweisung? Regisseurin Nora Schlocker, Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und Kostümbildnerin Caroline Rössle Harper durchsetzen Peter Høegs Parabel von der totalitären Gewalt gleichmacherischer Ordnung, die Schlocker dem Programmheft zufolge in der normierten Leistungsgesellschaft unserer aufgeklärteren Zeit wiederzufinden meint, mit vielen solcher Zeichen, die zunächst klar erscheinen, sich aber zunehmend als ambivalent erweisen.

Bild: Arno Declair

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„Was ist der Wal?“

Nach Herman Melville: Moby Dick, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Anita Vulesica)

Von Sascha Krieger

„Was ist der Wal?“ Eine Schlüsselfrage in Herman Melvilles nicht tot zu kriegendem (aber warum sollte man auch?) Weltliteratur-Wälzer Moby Dick. In der Bearbeitung von Ex-DT-Schauspielerin Anita Vulesica wird sie mehrfach gestellt und jeweils mit mehrminütigen detailreichen Auslassungen behandelt, in denen sich Gier und Bewunderung, totalitäre Gewaltfantasien und wissenschaftliche Neugier, Kontrollzwang und Unsicherheit mischen. Das Verhältnis des Menschen zum Tier war immer ein ambivalentes und ist es geblieben. Vor allem aber ist es stets einer anderen Frage untergeordnet, steht nicht selten stellvertretend für dieses: Was ist der Mensch? Das ist auch an diesem Abend so, der sich für die gut 800 Buchseiten gerade 80 Minuten zeit nimmt, sich dabei aber mindestens doppelt so lang anfühlt. Fünf Studentinnen der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch pflügen und waten und schwimmen und rudern sich durch die action- und gewaltreiche Meditation über die menschliche Natur. Sie wechseln dabei immer wieder zwischen Ahab, dem besessenen Waljäger und diktatorischen Anführer und seiner mal skeptischeren, mal ergebenen Besatzung. Ist anfangs noch relativ klar erkennbar, wer gerade spricht, verschwimmen die Grenzen mit zunehmender Dauer.

Bild: Vincenzo Laera

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Vom Winde verweht

Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij: Der letzte Gast, Berliner Ensemble (Regie: Árpád Schilling)

Von Sascha Krieger

Um Fremdheit soll es gehen in Árpád Schillings neuem Stück. Ein Thema, mit dem der Ungar sich auskennt. In seiner Heimat zum Staatsfeind erklärt, lebt er mittlerweile im französischen Exil. Im eigenen Land zum Fremden gemachte, im fremden Land längst nicht heimisch. In Der letzte Gast, lässt er die „Fremden“ aufeinander stoßen. Die ehemalige Opernsängerin Klara nimmt spontan den Taxifahrer Blau mit nach Haus, zum Laubfegen zunächst, später soll er das Nachbarhaus renovieren. Blau ist so ein „Fremder“, seine Herkunft wird nie aufgeklärt, er schweigt sich aus. Überhaupt redet er nicht viel, ist kaum mehr als eine Projektion des westlichen Blicks auf das Andere. Die eine (Klara) betrachtet ihn mit der Faszination des Exotischen, die anderen – Familienfreundin Jutta und Tochter Berta – mit der Angst derer, für die alle, die vermeintlich nicht wie sie selbst sind, eine Bedrohung darstellen. Irgendwann wird deutlich: Klar ist selbst so eine „Fremde“, sie hat den nun tyrannisch dement im Rollstuhl sitzenden Professoren-Mann nur geheiratet und sich von ihm schwängern lkassen, um aus der DDR fliehen zu können. Auch sie gehört nicht in diese Villa. „Ich kenne diesen Gestank“, sagt sie einmal zu Blau. „Ich stinke doch selber.“

Bild: JR Berliner Ensemble

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Existenziell

Sir Simon Rattle kehrt mit Bachs Johannes-Passion zurück zu den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

So eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte ist eine heikle Sache. Man will nicht zu sehr in Nostalgie baden, aber doch die Ovationen seiner langen Tätigkeit auskosten. Zugleich gilt es, nicht den Nachfolger in den Schatten zu stellen und nicht als Ego-Monster zu erscheinen. Nachdem Sir Simon Rattle im vergangenen Sommer nach 18 Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker seinen Abschied nahm, ist er sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. So erfolgte sein erstes Berliner Dirigat nach dem Abschied nicht bei „seinem“ Orchester, sondern mit Daniel Barenboims Staatskapelle, noch dazu zunächst an deren Haus und danach erst in der Philharmonie. Eine Woche bevor er nun tatsächlich wieder am Philharmoniker-Pult steht, durfte der Nachfolger ran und in der Begeisterung des Publikums baden. Und für die Rückkehr hat er sich ein Programm ausgesucht, bei dem er so wenig im Mittelpunkt steht, wie es einem Dirigenten nur möglich ist, noch dazu einen „alten Hit“ aus der Spätphase seiner Amtszeit, ein bisschen Nostalgie, ein wenig Schön war’s“, mehr Besuch eines alten Freundes als triumphale Rückkehr. Dass dabei nur ein kleiner Teil des Orchesters vor ihm sitzt, hilft sicher auch, den Übergang in die neue Ära, in der er einmal im Jahr als Gastdirigent am Pult steht, so unspektakulär wie möglich zu machen.

Sir Simon Rattle (Bild: Oliver Helbig)

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Der Geist des Widerspruchs

Iván Fischer dirigiert das Budapest Festival Orchestra beim Festival Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn Iván Fischer sein Herzensprojekt, das von ihm vor über 35 Jahren gegründete und seitdem geleitete Budapest Festival Orchestra, dirigiert, gibt es so machen ungewöhnlichen Moment. Vor Jahren wohnte dieser Rezensent einmal einem der jährlichen Weihnachtskonzerte des Orchesters teil, bei dem sich der Maestro zu Ravels Boléro eine Tänzerin auf den Leib binden ließ. Auch beim Berliner Gastspiele ist so manches anders als sonst: Wenn Fischer das Podium betritt, spielt das Orchester bereits, das erste Stück ist passenderweise „Intrada“ betitelt. Später, bei einem Werk namens Tango, verwandeln zwei Spieler*innen der zweiten Geigen die Bühne in eine Tanzfläche und zur Zugabe spielt das Orchester nicht, sondern singt. Igor Strawinskys Ave Maria, schlicht und überaus berührend. Das gemeinsame Musizieren soll Spaß machen, einander und dem Publikum. Es soll eine lustvolle Entdeckungsreise sein, auf die jeder, der will, mitgenommen wird. Das ist das Credo von Dirigent und Orchester und das Konzert, mit dem Fischer sein sechstägoiges Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin beschließt, wird dem Anspruch voll uns ganz zurecht.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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„Die Technik ist die Natur des Menschen“

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle: Unheimliches Tal/Uncanny Valley, Münchner Kammerspiele (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Die Angst, dereinst von Maschinenwesen, Robotern, Androiden, was auch immer abgelöst zu werden, ist spätestens seit der industriellen Revolution eine der hartnäckigsten dystopischen Visionen der Menschheit – zumindest in dem Teil, der nicht tagtäglich mit Fragen des Überlebens zu kämpfen hat. Das Theater, der Ort, an dem mindestens seit Schiller die großen Menschheitsfragen erörtert werden sollen, ist ohnehin seit jeher mit Themen wie Authentizität und Künstlichkeit befasst, ist der Platz des Als-ob, der Illusion, des anderen etwas Vormachens. Dabei besteht sein USP, wie man in Beratersprech sagen würde, ja darin, die menschliche Präsenz, die Gleichzeitigkeit von Publikum und Spieler*innen im selben Raum, die Unmittelbarkeit und Flüchtigkeit gemeinsamer Gegenwart, die Anwesenheit des Menschen. Gewissheiten, die in den vergangenen Jahren – endlich – hinterfragt werden. Beginnend mit der Aufspaltung des gemeinsamen Raumes durch Castorfsche Live-Video-Eskapaden machen sich Theatermacher*innen wie Susanne Kennedy oder Kay Voges mit sehr unterschiedlichen Mitteln und aus verschiedenen Richtungen kommend, daran, den Grundkonsens, dass im Theater menschliche Spieler*innen und ebensolche Zuschauer*innen im gleichen Raum zusammenkommen, in Frage zu stellen und exponieren damit nicht weniger als das Kernparadoxon dieser Kunstform: die Gleichzeitigkeit von authentischer Präsens und illusorischem Als-ob (mit letzterem befasst sich bekanntlich die Postdramatik seit etlichen Jahren).

Bild: Gabriela Neeb

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Licht im Kopf, warm ums Herz

Iván Fischer, Emanuel Ax und das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam beim Festival „Absolut Strawinsky!“ im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

„Absolut Strawinsky!“ heißt „Absolut Iván Fischer!“. Nun gut, nicht ganz, aber beim sechstägigen „Orchesterfest“ im Konzerthaus Berlin dreht sich alles um den Mann, der hier sechs Jahre lang Chefdirigent war und das ansässige Orchester zurück in dei erste Liga brachte. Jetzt darf er das Haus noch einmal „besetzen“ und dabei drei Orchester dirigieren, die ihm, so die Pressemitteilung, besonders am Herzen lägen. Zwischen „seinen“ Klangkörpern, dem Konzerthausorchester und dem von Fischer gegründeten Budapest Festival Orchestra steht ein Auftritt mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Seit vielen Jahren steht er am Concertgebouwplein am Pult, nach dem ebenso abrupten wie unfreiwilligen Ende der Ära Daniele Gatti (den das Programmheft übrigens mal eben zum immer noch amtierenden Chefdirigenten erklärt) gehörte er zu den Auserwählten, die mit Gatti geplante Programme übernehmen durften. Wie sehr im Einklang er mit den Niederländern, spätestens seit Mariss Jansons‘ Ägide eines der besten Orchester der Welt, zeigt der Ungar jetzt auch im Berliner Konzerthaus, das sich nicht nur vom Namen her sondern auch baulich in der Traditionslinie des (was den Konzertsaal betrifft) deutlich älteren Pendants in der Grachtenstadt sieht.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Recyclinghof mit Schlagseite

Yael Ronen & Ensemble: Third Generation – Next Generation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Das Maxim Gorki Theater ist so etwas wie das gute Gewissen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ethnisch divers, postmigrantisch, queer, feministisch macht es sichtbar, was und wen man auf anderen Bühnen auch im Jahr 2019 nicht tagtäglich findet. Auch wenn die Katalysatorwirkung der Bühne, deren Arbeit weit über die Berliner Grenzen hinausstrahlt, nicht zu bestreiten ist, lässt sich dem Eindruck, dass sich so manches andere Theater zurücklehnt im wohligen Wissen, „das Gorki“ mache das ja alles schon, dann müssen wir das nicht auch noch, nicht immer widersprechen. Nicht jedes Theater würde – wie im vorliegenden Fall – eine Premiere sausen lassen, damit die weiblichen Mitarbeiter*innen an einem „feministischen Streik“ teilnehmen können. Und weil das Gorki – Markenbildung kann man am Festungsgraben auch – immer vorn dabei ist, wenn es um gesellschaftliche Themen der Stunde geht, ist es auch besonders nachhaltig. Hier kommt nichts weg, was sich noch verwerten ließen. Das gilt auch für Inszenierungen.  In der letzten Spielzeit legte Nurkan Erpulat einen alten Hit vom Ballhaus Naunynstraße neu auf, jetzt tut es ihm Kollegin Yael Ronen gleich: Die dritte Generation an der Schaubühne war 2009 ihr erstes großes Erfolgsstück auf deutschsprachigen Bühnen.

Bild: Esra Rotthoff

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Auf dem Drahtseil

Der zukünftige Chefdirigent Kirill Petrenko und Patricia Kopatchinskaja zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Schönberg und Tschaikowsky

Von Sascha Krieger

Es ist ja fast schon beängstigend: Da ist Kirill Petrenko noch ein halbes Jahr gar nicht im Amt als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und schon wird er hier längst als Messias gefeiert, als Lichtbringer nach der alles andere als dunklen Rattle-Ära, bekäme er wohl bereits stehende Ovationen, wenn er sich einfach nur in den leeren Raum stellte. Aber was soll man machen, gerät doch jeder seiner bislang raren Auftritten am Pult seines zukünftiges Orchesters zum Triumph, zuweilen gar zur Offenbarung. Das ist auch bei seinem zweiten und letzten Programm dieser Spielzeit nicht anders. Klug programmiert wie immer: Zweite Wiener Schule gepaart mit russischer Hochromantik, Kernrepertoire und vermeintliches Nebenwerk, Deutsch(sprachig)es und Russisches. Am Ende steht das Publikum wieder, Petrenko lächelt scheu, beinahe ein wenig verlegen. Alles wie immer. Ein Vorgeschmack, eine Verjheißung.

Die Berliner Philharmoniker mit Patricia Kopatchinskaja und Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Fein gewebt

Iván Fischer, Renaud Capuçon und das Konzerthausorchester Berlin eröffnen das Strawinsky-Fest im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Die roten Rosen von der Dame im roten Blazer in der ersten Reihe gibt es immer. Eine für den Solisten, der Rest des Straußes für den Dirigenten. Man weiß am Gendarmenmarkt, was man an Iván Fischer, dem stets freundlichen Ungarn, hatte. In seinen sechs Jahren als Chefdirigent des Konzerthausorchesters hat er den Klangkörper hörbar vorangebracht, auf Augen- und Ohrenhöhe mit dem RSB, dem DSO, der Staatskapelle. Und er hat aus dem Konzerthaus einen  Ort musikalischen Lebens gemacht, der sich mit der übermächtigen Philharmonie messen kann, nicht zuletzt mit seinen innovativen Konzertformaten – vom Überraschungskonzert bis zur immersiven „Mittendrin!“-Reihe – und seinen Schwerpunkten und Festivals, den jährlichen Hommagen, die auch internationale Spitzenkünstler- und -ensembles ins Haus bringen. Das bleibt auch nach seinem Abschied so: Der heutige Ehrendirigent leitet auch zukünftig vier (!) Programme pro Spielzeit und kehrt jetzt einfach mal so mit einem sechstägigen Strawinsky-Festival zurück. „Absolut Strawinsky!“ heißt das – der Ungar liebt seine Ausrufezeichen – und sieht Fischer gleich dreimal am Pult – mit drei Orchestern, die ihm am Herzen liegen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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