Archiv der Kategorie: deutsch

Die unerträgliche Länge des Moments

Susanne Kennedy und Markus Selg: ULTRAWORLD, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Irgendwo zwischen Kacheln und antiker Ornamentik sind die elemente angesiedelt, die das Portal bilden, auf das der Zuschauer zunächst starrt. Darin fließt und bewegt es sich wie in einem Ozean, einer Ursuppe, rot und lila und blau, bereit, daraus eine Welt entstehen zu lassen. Zuletzt musste man als Zuschauer*in ein solches Portal noch durchschreiten, um zur „Coming Society“, einer reichlich esoterisch angehauchten Gesellschaftsvision zu gelangen, nun darf man mehr oder minder bequem und zumindest gefühlt reichlich lang in den Volksbühnen-Sitzen verbleiben und passiver Zeuge einer Welterschaffung werden. Außer Kay Voges beschäftigt sich derzeit wohl keine andere deutschsprachige Theatermacherin so sehr mit der Frage, wie die digitalen Lebensrealitäten, in denen wir uns wiederfinden, nicht nur unsere Leben verändern sondern auch unser Menschsein. Kennedy hatte schon in früheren Arbeiten das Individuelle als Kern des Menschlichen hinterfragt und dekonstruiert – spätestens seit Women in Trouble interessiert sie primär die Vision einer Welt, in der Realitäten ebenso künstlich und produziert sind wie die Vorstellung eines Selbst. Dass das ins Esoterische zu kippen vermag, zeigte sie in Coming Society, einer Arbeit mit dem Künstler Markus Selg, mit dem sie auch jetzt wieder arbeitet.

Bild: Julian Röder

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Jenseits von John Wayne

Falk Richter & Ensemble: In my Room, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

„Mein Vater, dieses fremde Wesen“: Es sind einige der ersten Worte, die an Falk Richters neuestem Abend am Gorki fallen. Und sie beschreiben recht präzise, was in den folgenden fast zweieinhalb Stunden passiert: eine Annäherung an die Väter, die des Regisseurs, die des Ensembles und das Konzept des Vaters, Ernährers, Erziehers, Bestimmers allgemein. Jonas Dassler spricht sie, zu Beginn eines langen Monologs über einen Patriarchen, der nach der freiwilligen Frühverrentung nichts mehr mit sich anzufangen weiß, der sich als Familienoberhaupt inszeniert, keine Nähe zum Sohn aufbaut, auf dessen Homosexualität mit einer Gewalt antwortet, die spätere queerfeindliche Gewalterfahrungen vorwegnimmt. Und der Kriegstraumata mit sich führt, in einer sich steigernden Wutrrede vom „Sohn“ Besitz ergreift und die Wiederkehr derer anklagt, die im selbst die Jugend raubten. Die AfD und die Wiedererstarkung der Rechten sind bei Richter nie weit und das gilt auch an diesem Abend. Die Macht der Vergangenheit, sie findet sich im ewig währenden Kampf der Söhne mit den Vätern im Individuellen, aber eben auch im Gesamtgesellschaftlichen. Und so steigert sich der Vater hinein in seine Tirade wider die Wiederkehr des Bösen, wird ununterscheidbar vom sich von ihm emanzipierenden Sohn, ein Knäuel aus Freiheitskämpfen, die nie enden.

Bild: Esra Rotthoff

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Wenn die Statistik versagt

Rimini Protokoll: 100% Berlin reloaded, Hebbel am Ufer (HAU 1), Berlin (Regie: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel)

Von Sascha Krieger

Wie, wer, was ist Berlin? Wie tickt die Stadt, wie lebt sie, was will sie? Fragen, die Statistiken beantworten. Kalte Zahlen, Diagramme, Grafiken auf Papier. Vor 12 Jahren haben Rimini Protokoll, die Realitätsschürfer*innen und -simulierer*innen des deutschsprachigen Theaters versucht, diese Ziffern und Prozente lebendig zu machen. 100% Berlin hieß das und brachte 100 Berliner*innen auf die Bühne des Hebbel-Theaters. Statistisch ausgewählt nach Kategorien wie Alter, Geschlecht oder Stadtbezirk sollten sie gemeinsam für 100 Prozent dieser Stadt stehen. Eine Erfolgsinszenierung damals, ein Exportschlager bis heute: In 36 weiteren Städten weltweit wurde die Idee seitdem umgesetzt, 2020 sollen vier weitere hinzukommen. Jetzt, 12 Jahre später, anlässlich des Jubiläumsprogramms zu 20 Jahren Rimini Protokoll, kommen Rimini Protokoll zurück an den Ort, wo alles begann. Und  fragen, wie die Stadt heute aussieht, wie sich sich verändert hat, zum Guten wie zum Schlechten. 37 der damals Teilnehmenden sind wieder dabei, darunter Julian, damals gerade wenige Tage alt, das 100. Prozent. Diese Rolle hat jetzt seine Schwester eingenommen, die heute bei der Neuaflage die jüngste Teilnehmerin ist. Ein schönes Bild.

Bild: Sascha Krieger

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Liebe in Plastikfolie

Julius Kirchner: Verlorene Könige – Ein dramatisches Gedicht, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Jan-Hendrik Hermann)

Von Sascha Krieger

Am Ende werden sie sie sich finden: die Könige, die einst die Erde verließen und auf dem Mond vermutet wurden. Jene, welche die Ordnung zusammenhielten, die sich seitdem auflöste, die Ordnung menschlicher Gemeinschaft im Großen wie im Kleinen, zu zweit oder zu vielen. Und die Chaos hinterließen, Verwirrung, Konkurrenz. Liebe ist zum Wettkampf geworden: Wer ist der Held, der das leben des anderen erfüllen kann, der Ritter in weißer Rüstung, der alle Sorgen verfliegen lässt? Zwischenmenschliches wird zur Casting-Show, in der klare Regeln gelten und das Recht des Stärkeren, des Selbstsicheren, des besten Heldendarstellers. Fünf junge Männer stellen sich diesem Spiel des Lebens, der Liebe und der Macht. im Theater unterm Dach. Sie umschmeicheln, umwandeln, umgarnen, umtanzen einander, stets versuchend, das Gegenüber davon zu überzeugen, dass man selbst derjenige sei, in den es sich lohne zu investieren.

Bild: Sven Serkis

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Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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In sicherer Entfernung

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, Salzburger Festspiele / Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Wer einen Wald auf die Bühne der Berliner Schaubühne stellt, weiß natürlich, welche assoziationen er bedient. Zu ikonisch ist das Birkenwäldchen aus Peter Steins legendärer Sommergäste-Inszenierung, zu unverbrüchlich verbunden mit der Geschichte nicht nur dieses Theaters, sondern der jüngeren deutschsprachigen Theaterhistorie überhaupt. Steins Nach-Nachfolger Thomas Ostermeier, einst an der DT-Baracke Protagonist eines kompromisslosen, den Finger in verdrängte Wunden einer sich als verlassen empfindenden jüngeren Generation legenden Gegenwartstheaters, später, zu Beginn seiner Schaubühnen-Zeit Vorreiter eines kalt-analytisch bürgerliche Befindlichkeiten sezierenden und dekonstruierenden Theaters, hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Regisseur entwickelt, der textnahes, Schauspieler*innen-zentriertes lineares Erzähltheater anstrebt, eine heute doch eher konservativ erscheinende Ästhetik, die sich aber natürlich auch und gerade am Aufbruch der ersten Schaubühnen-Generation orientiert, ihre Leichtigkeit, ihre lichtdurchflutete Klarsicht aber nur selten erreicht.

Bild: Arno Declair

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Die Welt ist eine Scheibe

Nach Fjodor M. Dostojewski: Die Spieler, Théâtre National du Luxembourg / Ruhrfestspiele Recklinghausen / Staatsschauspiel Hannover (Regie: Frank Hoffmann) – Gastspiel am Deutschen Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Die Erde mag keine Scheibe sein, die Welt in Frank Hoffmanns letzter Inszenierung als Intendant der Ruhrfestspiele, ist es. eine schwarze, denn Gutes kommt hier nicht heraus, wenn sie sich drehr, die Roulettescheibe ge- und verspielter Leben. Wobei sie zunächst still steht. Die Spieler*innen – im doppelten Sinne – sind im Publikum verteilt oder kommen – Fußballmetapher! – aus der Tiefe des Raums. Sie sprechen über die Hinrichtung eines jungen Mannes in Paris, streiten über die Deutungshoheit und die Bedeutung persönlicher, unmittelbarer Erfahrung im Vergleich zu literarischer, reflektierter Verarbeitung. Das Leben ist nah und zugleich weit entfernt. Man bettelt das Publikum an um ein paar Münzen, hält Zuschauer*innen Ikonenbildchen ins Gesicht, sucht im Auditorium nach Heiratsmaterial, fleht stummen Blickes um Hilfe und/oder Erlösung. Diese Gestalten, kostümiert zischen billigem Traumbild pseudorussischer Klischeevorstellungen und Fundus-Resterampe, ein modisches Nirgendwo, passend zur fehlenden Verwurzelung dieser Gestalten, bewegen sich unter uns, aber dazu gehören sie nicht.

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Die Lächerlichkeit des Seins

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Bertolt Brecht ist an diesem Abend wenig mehr als ein altes dickes Buch, von dem mehrfach demonstrativ der Staub geblasen wird. Und eine Stimme, die aus dem Off in herrischem Duktus und mit rollendem „R“ Regieanweisungen gibt, die dann gleich mit höchstem Lächerlichkeitseffekt umgesetzt werden. Dass sich Regisseur Peter Kleinert und die Spieler*innen der Ernst-Busch-Hochschule dem vielgespielten Stoff ironisch nähern, machen sie gleich von Beginn an klar. Schwarz gekleidet und behaubt stimmen sie dissonant dilettantische Klänge auf dem Bandpodium auf der linken Bühnenseite an. Dass die Parabel von der Dienstmagd Grusche, die das Kind der Gouverneurin nach deren egoistischer Flucht rettet und aufzieht und am Ende vom korrupten Stadtrichter Azdak recht bekommt, weil Dinge – oder, etwas kontroverser aber nicht weiter beachteter Gedanke, Menschen – zu denen gehören sollten, die sich um sie kümmern und sorgen, hier nicht ernst genommen wird, setzt das Ensemble gleich zu Beginn.

Bild: Gianmarco Bresadola

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Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

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Die alte Geschichte

Kay Voges und Ensemble, frei nach Tschechow: ►PLAY: Möwe | Abriss einer Reise, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Er hat die großen Fragen, die eine zunehmend digitalisierte Wirklichkeit stellt, ins Theater gebracht, sich und es und uns gefragt, wie wir Welt erleben, wahrnehmen, leben, wenn alles zu viel, alles nah, nichts mehr wirklich zu verarbeiten ist. Wenn sich die Bilder ebenso überlagern wie die Informationen, die Welterfahrungen, die Realitäten, virtuelle, „reale“, sonstige. Wenn traditionelles Erzählen mit der Erfahrung der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat, der Loop das Lineare ersetzt, weil er es „da draußen“ schon längst getan hat. Zehn Jahre lang haben sich Kay Voges, sein Team und Ensemble am Schauspiel Dortmund solchen Fragen gestellt, sie auf die Bühne gezerrt und in ganz einzigartige Erzähl- und Bilderwelten übersetzte, versucht, eine theatrale Sprache zu finden, in der sich über diese Realität(en) sprechen lässt. Und ganz nebenbei das Dortmunder Haus auf die Landkarte des deutschsprachigen Theaters gebracht, auf der es seine Nachfolgerin Julia Wissert hoffentlich belassen wird. Da kann man schon mal Bilanz ziehen, und Voges tut das am einzigen Ort, der ihm dafür sinnvoll erscheint: der großen Bühne (noch) seines Hauses.

Bild: Birgit Hupfeld

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