Archiv der Kategorie: deutsch

Brumm! Brumm!

Kai Ivo Baulitz: Die Bewerber, UNI.T – Theater der UdK Berlin (Regie: Enrico Stolzenburg)

Von Sascha Krieger

Das groß angekündigte und aufwändig beworbene Ensembleprojekt des dritten Schauspiel-Jahrgangs der Berliner Universität der Künste (UdK) in einem Jobcenter spielen zu lassen, erscheint zunächst nicht als die schlechteste Idee. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass die berufliche Zukunft der elf angehenden Darsteller*innen den einen oder anderen von ihnen durch einen solchen Warte- und Demütigungsraum führen wird – über die prekäre berufliche Situation vieler vor allem jüngerer Schauspieler*innen muss an dieser Stelle kaum gesprochen werden. Doch wenn dieser Abend über ein fehlgeleitetes Bewerbungstraining als Reflexion über die eigene Positionierung im Spannungsfeld zwischen religiöser Überhöhung von Arbeit und gleichzeitigem Selbstverwirklichungswahn – zwei sich zuweilen widersprechende Grundpfeiler des gesellschaftlichen Narrativs unserer Zeit – sein soll, wäre dieser Versuch ebenso gründlich gescheitert wie der praktische Wert des Projekts als Teil des Präsentations- und Bewerbungsprozesses der jungen Protagonisten auf ihrem Weg in den Schauspielberuf.

Bild: Daniel Nartschick

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Zum Licht

Mit Werken von Mozart und Bruckner: Herbert Blomstedt und Maria João Pires zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Wenn Dirigenten ein gewisses Alter erreichen tendieren sie zu einer gewissen Verengung ihres Repertoires. Das hat sicherlich auch praktische Gründe, aber nicht nur, denn eines ist auffällig: Es sind immer wieder bestimmte Komponisten, die bei Maestros, welche die 80 überschritten haben, auf der Liste stehen. Anton Bruckner ist einer davon. Vor einigen Tagen stand Bernard Haitink am Pult der Berliner Philharmoniker. Auch wenn er diesmal Gustav Mahler dirigierte: Anton Bruckner ist seit Jahren der Komponist, zu dem er immer wieder zurückkehrt. Das gilt auch für Herbert Blomstedt, der vor einigen Monaten seinen 90. Geburtstag feierte und jetzt in der Philharmonie gastiert. Der tiefgläubige Katholik Bruckner, ein musikalischer Spätzünder, einer, der stets an sich zweifelte, der die großen und vor allem die letzten Dinge verhandelte, der wie sein Nachfolger Mahler, Symphonien als musikalische Weltbilder begriff, in denen sich die menschliche Existenz in all ihrer Vergänglichkeit entfaltet. Und vielleicht ist es tatsächlich so, dass, wenn nicht mehr allzu viel Zeit zu bleiben droht, der universelle Blick zählt.

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)

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Mit klarem Blick in die Nacht

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Bernard Haitink spielen Mahlers neunte Symphonie

Von Sascha Krieger

Am Ende, da brandet der Jubel in der vollbesetzten Philharmonie auf, sind Bernard Haitink seine 88 Lebensjahre erstmals anzusehen. Erschöpft wirkt er, ein wenig unsicher auf den Beinen. Das ist kein Wunder: Hinter ihm und den Berliner Philharmonikern liegen gut 80 Minuten Höchstarbeit. Gustav Mahlers neunte Symphonie ist kein Leichtgewicht und so wie Haitink sie dirigiert vergleichbar mit einem Marathon. Oder vielleicht doch nicht: Denn da gibt es – so vermeint der eher unsportliche Rezensent zumindest gehört zu haben – Ruhephasen, Passagen, in denen der Läufer auf Autopilot schalten kann. Nicht so bei diesem Werk: Wer es ernst nimmt, muss jede Sekunde hellwach sein, ständig Entscheidungen treffen, in jedem Moment den richtigen Ausdruck und Klang finden – für das Detail wie für das Ganze. Und Bernard Haitink nimmt es ernst. In seiner späten Schaffensphase – davon darf man bei einem bald 90-Jährigen sicherlich sprechen – hat er sich vor allem auf den Kanon der deutschen Musikliteratur konzentriert. Neben Mozart, Beethoven und Schubert spielen dabei vor allem zwei Komponisten eine Schlüsselrolle: Anton Bruckner und Gustav Mahler. Haitink, der in den 1960er Jahren zu den Protagonisten der Mahler-Renaissance zählte, fühlt sich diesen Musik-Titanen besondern verbunden, diesen Am Ende einer Epoche Stehenden, diesen Verhandlern der größten und letzten Dinge, diesen Türöffnern in eine ihnen unbekannte Zukunft.

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Bernard Haitink dirigiert Mahlers Neunte bei den Berliner Philharmonikern (Bild. Monika Rittershaus)

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Die Heim-Kehrer

Albert Camus: Das Missverständnis, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Jürgen Kruse)

Von Sascha Krieger

Welch eine Albtraumhöhle! Düster ist es in der Herberge, die Mutter und Tochter an irgendeinem verwunschenen und versteckten Küstenort (am Anfang und am Ende kreischen die Möwen) betreiben. Wie weggeworfen die Mobiliarreste, vollgemüllt der verlebte Raum zwischen Uraltteppich und Flashenbatterien, Wäscheleinen voller Fragmente längst vergessener Existenzen, vom Gitarrenkorpus zum Babyoberteil, vom Topflappen bis zum Gold-Kruzifix – dass im Hintergrund drei größere Kreuze umgekehrt aufgehängt sind, ist in dieser Hölle natürlich auch kein Zufall (Bühne: Volker Hintermeier). Herrscherinnen dieser stets fahl beleuchteten Geisterwelt sind Barbara Schnitzler als staubtrockene Mutter von exquisiter Härte und Linda Pöppel als Tochter Martha – dauergrinsend, von infernalisch brutaler Freundlichkeit. Und doch nur blasse Projektionen. Denn Menschen verortet Regisseur Jürgen Kruse in Albert Camus‘ Familienhölle nicht. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der von Mutter und Schwester erkannt werden will, ohne zu ahnen, dass deren Hauptgeschäft mittlerweile das Töten männlicher Einzelreisender ist, und natürlich um die Ecke gebracht wird, bevor den Mordenden klar geworden ist, wen sie da vor sich hatten – bei Kruse wird sie zur fahl-grellen Geistermär längst zerfallener menschlicher Kommunikation.

Bild: Arno Declair

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Auf dem Recyclinghof

Jean Genet: Die Zofen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Es ist gut vier Jahre her, da starb Dimiter Gotscheff, der Reduzierer und Raumleerer, der meinster der stillen, existenzialistischen Clownerie. Das Zentrum auch einer einzigartigen Theaterfamilie, die sich mit ihm durch sein weites, nicht selten feindliches, ort- und zeitloses Universum begab. Sie hat überdauert. Ivan Panteleev, langjähriger Mitstreiter Gotscheffs, hat seinen Platz nicht eingenommen, aber agiert als so etwas wie sein Stellvertreter, Samuel Finzi und Wolfram Koch, diese postmodernen und zuweilen postdramatischen Valadimir und Estragon, lassen sich noch immer mit ihm treiben, mit Johannes Schütz ist jetzt sogar noch ein Bühnenbildner hinzu gekommen, der mit seinen minimalistisch assoziativen Arbeiten perfekt in den absurden Existentialismus Absurde der Gotscheff-Welt passt. Und so ist der Geist des Bulgarin stets spürbar an diesem Abend im Deutschen Theater, wo er so manchen seiner größten erfolge feierte. Insbesondere eine Arbeit ist in Erinnerung geblieben: seine Aischylos-Reduktion Die Perser mit der berühmt gewordenen gelben Wand, gegen die sich anrannten und mit der sie sich im Kreis drehten, die Spieler*innen, im ewigen Kreislauf aus Macht und Gewalt, die sich im Kampf stets aufs Neue zeugten.

Bild: Arno Declair

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„Die Wahrheit der Kloaken“

Nach Victor Hugo: Les Misérables, Berliner Ensemble (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Das Erstaunlichste daran, dass Frank Castorf Victor Hugos Roman Le Misérables auf die Bühne bringt, ist, dass er es noch nicht längst getan hat. Das Riesenwerk ist ein Gesellschaftsbild, Weltentwurf, Menschheitspanorama, das in die dunkelsten Ecken, die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz führt, dorthin, wo der Mensch des Menschen Wolf ist und doch der eine oder andere stets versucht, Engel zu sein. Was eher selten klappt. Es ist ein Stoff wie gemacht für einen, der in die Untergründe will, sich dort verläuft, nur um an einer zuvor nicht geahnten Stelle wieder herauszukommen. Nun hat er sich diesen Stoff aufgehoben für einen besonderen Moment, den Beginn einer neuen Phase seines Regisseurslebens. Nach 25 Jahren Volksbühnenintendanz ist Castorf jetzt wieder ganz freier Regisseur, hat ein Plätzchen gefunden an einem Ort, der ihm nicht ganz fremd ist: dem Berliner Ensemble. 21 Jahre ist es her, da inszenierte er hier zuletzt. Martin Wuttke, einer seiner Lieblingsspieler, war damals Interimintendanz. Er ist nicht dabei an diesem Abend, denn Castorf ist kein Nostalgiker. Und so gehört er nicht zu denen, die ihre Lieblingsdarsteller*innen (mit Ausnahmen natürlich) von Spielstätte zu Spielstätte mitschleppen. Er arbeitet mit denen, die da sind. Und jenen, die da waren.

Bild: Matthias Horn

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Ein Traum vom Nichts

Susanne Kennedy: Women in Trouble, Volksbühne Berlin (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Es ist eine Zeit der Anfänge im Theater-Berlin. Während das Berliner Ensemble mit seinen ersten Malen schon ins Detail geht (der erste Castorf, der erste Mondtag), geht es an der Volksbühne noch um die Basics. Hier stand jetzt im Großen Haus die erste wirkliche Schauspiel-Premiere (alles andere war bereits zuvor einmal woanders zu sehen oder fand in Tempelhof statt) und gleichzeitig die erste Schauspiel-Uraufführung statt. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Apropos Klappe. Ach nein, dem widmen wir uns später. Zur Sache: Susanne Kennedy gab (endlich, mag so mancher Theater-Kenner hinzufügen) ihr Berlin-Debüt (noch so ein erstes Mal) und das auch noch mit einem Abend, der ganz allein von ihr konzipiert ist, ohne eine Vorlage zum Sich-Abarbeiten. Der Druck war groß: Würde Intendant Chris Dercon nach der von vielen als desaströs empfundenen Erföffnung das sprichwörtliche Ruder herumreißen? Nicht weniger als die Zukunft der Derconschen Volksbühne, so raunte es im Vorfeld, stand auf dem Spiel. Susanne Kennedy, die Retterin. Das kann nicht funktionieren und tut es auch nicht.

Bild: Julian Röder

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In der Komfortzone

Turbo Pascal: Böse Häuser, Sophiensaele, Berlin / Theater Rampe, Stuttgart

Von Sascha Krieger

Böse Häuser. So so. Wo mögen die wohl stehen und was an ihnen ist böse? Eine Frage, die schnell beantwortet ist: „Böse Häuser“, so raunt uns Hegel in der Stückankündigung zu, seien die Orte, an die man gelangt, „wenn das Denken über den gewöhnlichen Kreis der Vorstellungen hinausgehe“. Gedankengebäude also – so zumindest drückt es ein Performer von Turbo Pascal an diesem Abend aus. Sie stehen nicht irgendwo in der Landschaft, sondern in uns, unserem Denken, unserer Vorstellung. Dort wohnen die Ängste, der Hass, vielleicht aber auch die Hoffnung und die Fähigkeit, auf andere zuzugehen. Es ist der Ort des „Anderen“ in uns, der anderen Vor- und Einstellungen, der fremden, den eigenen womöglich diametral entgegen stehenden Gedanken. Hierhin wollen Turbo Pascal ihr Publikum (ent)führen, es einladen, sich hineinzuversetzen in andere, fremd erscheinende Gedankengänge, weniger liberale vielleicht, als man sie sich selbst – wir Aufgeklärten, Toleranten sind ja unter uns – zugestehen mag. Mal austesten, wie es sich anfühlt, sich „feindlichen“ Argumentationen anzuvertrauen. Mehr noch: Herauszufinden, wie leicht man vom eigenen Weg auf einen ganz und gar gegensätzlichen geraten könnte.

Bild: Janina Janke

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Die Unscharfen

Simon Stephens: Heisenberg, Renaissance Theater, Berlin (Regie: Antoine Uitdehaag)

Von Sascha Krieger

Ein älterer Mann, eine deutlich jüngere Frau, eine zufällige Begegnung auf einem U-Bahnsteig. So beginnt normalerweise leichte Fernsehunterhaltung oder seichter Boulevard. Oder eben ein Stück von Erfolgsautor Simon Stephens. Dass der Anspruch ein anderer ist, zeigt schon der Titel: Heisenberg  verweist auf den berühmtesten Träger dieses Namens, Werner, Physiker, Nobelpreisträger. Und seine berühmteste Theorie, die von der Unschärfe. Georgie Burns, Stephens‘ Protagonistin, beschreibt sie einmal anhand der gescheiterten Beziehung zu ihrem erwachsenen Sohn: Sie habe ihn so sehr beobachtet, dass sie keine Ahnung hatte, wohin er sich bewegte. Denn beides, sagt uns Heisenberg, ginge nicht.Auf dem Gebiet der Teilchenphysik. Oder eben der Ebene des Zwischenmenschlichen. Sagt Simon Stephens. Dem es genau um diese Unschärfen geht. Wie viel können wir vom anderen wissen und wie sicher können wir uns sein, dass das, was wir zu erkennen glauben, auch das ganze Bild ist? Oder zumindest aufschlussreich genug, um dem anderen näherzukommen. Oder verlieren wir ihn eher aus den Augen, je genauer wir hinschauen?

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Bild: Renaissance Theater

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Im Schweinesystem

Film – Nature Theater of Oklahoma: Germany Year 2071, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: Pavol Liska, Kelly Copper)

Von Sascha Krieger

Es waren seltsame Szene, die sich im Juli letzten Jahres vor dem Haus der Berliner Festspiele abspielten: Wild schreiend und gestikulierend, die Gesichter in Panik verzerrt rannten dutzende Menschen durch die Schaperstraße, immer und immer wieder. Nebenan lief gerade die letzte Ausganbe des Festivals „Foreign Affairs“, da passten die apokalyptischen Szenen gut. Die natürlich auch dazugehörten: Nature Theater of Oklahoma, vor einigen Jahren Schwerpunkt beim Festival drehten Szenen für einen dystopischen Science-Fiction-Film namens Germany Year 2071, ein (letztes) Projekt des Festivals, gemeinsam mit dem Kölner Performance-Festival „Impulse“. Ein Filmdreh als Festival-Programmpunkt: Das ist kein kreativer Weg, Subventionen zu bekommen, sondern Teil des partizipativen Oklahoma-Konzepts. Die Gruppe befasst sich seit jeher mit der schwierigen und oft spannungsreichen Beziehung zwischen Kunst und dem, was wir flapsig Leben zu nennen gelernt haben.   So sind ihre Theaterarbeiten oft Aufeinandertreffen von Spielarten der Realität mit vollkommen unpassend erscheinenden Genreüberstülpungen. In ihren filmischen Projekten hat die „Wirklichkeit“ noch eine ganz andere Möglichkeit einzudringen: Da wird das Publikum zum Mitspieler und Miterschaffer, verschwimmen die Grenzen zwischen Kreation und Rezeption, ist das Drehen des Films zumindest nicht weniger wichtig als das Ergebnis. Der Weg ist das Ziel. Da wundert es nicht, dass der Andrang teilzunehmen groß war, der Saal bei der Berliner Premiere jedoch halbleer blieb. Oder dass die Filmproduktion wesentlicher Teil eines Festivalprogramms war, seine Vorführung sich jedoch an einem Sonntagnachmittag im HAU2 versteckte.

Bild: Sascha Krieger

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