Archiv der Kategorie: deutsch

Schreiben, spielen, lesen

Édouard Louis: Qui a tué mon père (Wer hat meinen Vater umgebracht), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Am Ende, da geht der Schlussapplaus schon in die vierte oder fünfte Runde, kämpft er dann doch sichtbar mit den Tränen. Ein ganz „normaler“ Theaterabend ist das eben nicht, wenn ein Autor seinen eigenen Text, sein eigenes Leben sich selbst spielt. Édouard Louis ist so etwas wie der neue Superstar einer soziologisch-literarischen Mischform, einer autobiographischen Literatur, die sich als gesellschaftliches Analyseinstrument ebenso versteht wie als politische Waffe und die ihren Antrieb ganz aus der eigenen Erfahrung, die stets auch die Erfahrung einer ganzen vergessenen Schicht sein will, zieht. Der schwule Arbeiterschichtjunge, der seinem queerfeindlichen Umfeld entkommen ist und doch immer wieder zurück muss – zunächst zu seinen Traumata, später zu jenen seiner Eltern. Darum geht es in Qui a tué mon père, nach En finir avec Eddy Bellegueuil der dem Vater gewidmete zweite Teil seiner Familientrilogie (ein Buch über die Mutter erscheint im November). Es ist eine Annäherung an den Gegner, den vermeintlich Verhassten, das Angstobjekt, rassistisch, queerfeindlich, empathielos. Wenn Louis nun hier an der Schaubühne zu jener aussage gelangt, er hätte seinen Vater immer geliebt, ist die Verwunderung, das fast kindliche Erstaunen noch immer spür- und sichtbar, Spiel, performance, ja, aber durchlässig, hin zu dem, der diese Auseinandersetzung gewagt hat.

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Bild: Jean-Louis Fernandez

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Musik für diese Welt

Musikfest Berlin 2021 – Sir Eliot Gardiner, English Baroque Soloists und Monteverdi Choir mit Kantaten von Bach und Händel

Von Sascha Krieger

Nein, keine Zugabe. Ganz am Schluss, da steht das Publikum im alles andere als vollen großen Saal der Philharmonie bereits, wird es noch einmal ganz still. John Eliot Gardner hebt die taktstocklose Hand und erneut ertönt das ergreifend schlichte, andersweltlich und doch ganz hiesig schwebende „De torrente in via bibet“, der vorletzte Satz von Georg Friedrich Händels Kantate Dixit Dominus, geschrieben vom gerade einmal 21-Jährigen während seiner Italienreise. Ein mediativer Hoffnungsgesang, schlicht, still, von fragiler Kraft. Orchester und sitzender Chor geben dem Gesang eine unsichere Hand, fast brüchig, trocken die Streicher. Ein Gebet, ein wiederholtes, am Abgrund. Es ist das perfekte Ende eines großen Abends – das muss kaum dazugesagt werden bei einem Auftritt des Briten mit den von ihm gegründeten Ensembles, die seit jeher den Olymp der historisch informierten Aufführungspraxis bilden. Der manche bis heute eine gewisse akademisch museale Kälte vorwerfen. Eine Behauptung, die jede*r zurückweisen wird, die*der jemals das große Glück hatte, einer solchen Aufführung beiwohnen zu dürfen.

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Sir John Eliot Gardiner (Bild: Sim Canetty-Clarke)

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Die Wirklichkeit umkreisen

Édouard Louis: Das Ende von Eddy oder Wer hat meinen Vater umgebracht (Das Eddy-Projekt), WABE, Berlin (Regie: Alexander Weise)

Von Sascha Krieger

„Was es jetzt bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Jonathan Berlin* hat das zentrale Oktagon, das an diesem Abend als Bühne dient, bereits verlassen, den Rucksack übergeworfen, hält er vor der Ausgangstür noch einmal inne und spricht den Schlusssatz. Er formt jedes Wort für sich, stellt es skulpturengleich in den Raum, lässt es nachklingen, wirken, in die Zusehenden einsinken. Ein ungeheuerlicher Satz, mit kältester Ruhe vorgetragen. Ein Fazit, eine Schlussfolgerung, die einzig mögliche. In zwei Teilen widmet sich dieser dreieinhalbstündige Abend der Geschichte des Eddy und seines Vaters, basierend auf den autobiografischen Werken von Édouard Louis, seiner Auseinandersetzung mit Kindheit und Jugend als schwuler Junge in einer Arbeiterklassefamilie, mit der systematischen Verdrängung Armutsbetroffener aus der Gesellschaft, mit einer Familie zwischen toxischen Männlichkeitsidealen, politischer Manipulation und Überlebenswillen. Der Abrechnung seines Erstlings Das Ende von Eddy folgte die Versöhnung mit dem Vater, das Eingeständnis, dass der wahre Feind ein gemeinsamer ist, litaneihaft aufgezählt in den Namen französischer Politiker aller vermeintlichen Richtungen.

Bild: BERTA PR

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„Ein Porno, in dem der Klempner wirklich nur die Spüle macht“

René Pollesch: Goodyear, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist nichts „normal“ an diesem Premierenabend, dem ersten in diesem Jahr, möglich gemacht durch das Pilotprojekt Testing des Berliner Senats. FFP2-Masken, gelichtete Zuschauer*innenreigen und ein ausgeklügerlter Einlass mit Ausweisvorlage und Schnelltestnachweis bürgen dafür, dass der Ausnahmezustand,d er gerade auch die Kultur seit Monaten lahmgelegt hat, noch nicht Geschichte ist. Und doch ist manches wie früher, wenn fünf Spielerinnen eine gute Stunde Lang René-Pollesch-Texte hin und her stoßen, als wären sie Billard Kugel. Weit ist der Himmel von Barbara Steiners Bühnenbild, unten glitzert der Asphalt. Eine Rennstrecke imagniert der Abend und steckt die Spiele*innen mal Rennfahreranzüge, mal in Witwenkleider. Leben und Tod sind allgegenwärtig und zugleich spielerische Abstrakta, Bälle, mit denen sich jonglieren lässt. Natürlich ist er reich an Zitaten, so manche Filmszee wird geplündert, die Formal-1-Geschichte dazu und ums Theater geht es eh immer.

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Bild: Arno Declair

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„An Independent Creature“

Theatertreffen 2021 – SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP. Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś mit Musik von Kim Twiddle, schwere reiter, München – Aufzeichnung (Regie: Lucy Wilke und Paweł Duduś)

Von Sascha Krieger

Der Körper ist das Privateste, das wir haben – aber er ist und war stets auch politisch. Gesellschaftliche Normierungen wie Repressionen hatten immer auch und gerade den menschlichen Körper zum Ziel. Er ist Objekt von Unterdrückung, Mittel gesellschaftlichwer Gestaltung und Subjekt von Emanzipation. Befreiungsbewegungen haben fast immer auch mit seiner Sichtbarmachung zu tun. Voller Zuschreibungen ist der menschliche Körper, die stets auch gesellschaftliche Machtinstrumente sind. Darum und ihn aus diesen zu befreien, geht es in dieser kurzen intensiven Arbeit von Lucy Wilke und Paweł Duduś. Sie ist mit spinaler Muskelatrophie geboren, ihr Körper von der Gellschaft meist als „behindert“ gelesen. Er ist Tänzer, Körperarbeiter, queer und sich als solches auch markierend. Zwei, die aus der Norm fallen oder sich dieser verweigern.

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Bild: Martina Marini-Misterioso

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Die Macht des Namens

Theatertreffen 2021 – Marie Schleef: NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+, Ballhaus Ost, Berlin / Münchner Kammerspiele / Kosmos Theater, Wien – Aufzeichnung (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Ein Schlüsselmoment dieses Abends findet sich bereits im ersten Viertel: Da befasst sich Anne Tismer gerade mit der Barock-Komponistin Francesca Caccini. Soeben hat sie die Besonderheiten ihrer Musik skizziert, da lädt sie zur Hörprobe: „Das wollen wir uns mal eben anhören.“ Andächtig lauscht sie – der Stille. Denn die Werke Caccinis sind verschollen, die Italienerin eine Leerstelle der Musikgeschichte. Damit ist sie exemplarisch für das, worum es in diesen knapp sechs Stunden geht: die Frau als Leerstelle der Geschichte, der Geschichtsschreibung, Begriffe, die ironischerweise grammatisch weiblich sind – in der Praxis dagegen männlich. Männer schreiben und forschen über Männer, der männliche Blick bestimmt die kollektive Weltsicht, der Frau kommt dabei kaum mehr als eine Nebenrolle zu. Diesen weiblichen Blick einzubringen hat sich die Theatermacherin Marie Schleef auf die Fahnen geschrieben – und das tut sie nirgends so konsequent wie an diesem Abend.

Bild: Hendrik Lietmann

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Im Puzzle fehlen Teile

Theatertreffen 2021 – Rainald Goetz: Reich des Todes, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg – Livestream (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Ein Abend wie Karin Beiers Uraufführung von Rainald Goetz‘ erstem Theaterstück seit mehr als 20 Jahren ist eine ziemlich brutale Erinnerung daran, dass das diesjährige digitale Format des Theatertreffens nur ein Provisorium ist und sein kann. So stark das Onlinetheater zugelegt und so gut sich manche ursprünglich analoge Inszenierung in den digitalen Raum transportieren lässt: Es gibt Formen theatraler Ästhetik, welche die Kopräsenz von Ausführenden und Publikum brauchen, denen räumliche Distanz und Zweidimensionalität nicht gut tun und die zu anstrengenden Ausdauerproben werden, wo sie sich im realen Theaterraum wohl um Längen besser aushalten ließen. Beiers Inszenierung ist ein Beispiel par excellence: im gar nicht nur negativen Sinne kraftmeierisch, multilevel, überfordernd, eine Wiederauferstellung des zuletzt weniger dominanten Verausgabungs- und Brülltheaters, das hier auf wortlastige Sprachflut trifft – eine Verbindung, die sich nur im Verabredungsraum einer verschworenen Theatersaal-Zwangsgemeinschaft wirklich gut ertragen lässt. Und so kann diese Rezension diesem Abend nicht genüge tun, bleibt er ein Fremdkörper in diesem hoffentlich letzten rein digitalen Theatertreffen-Jahr.

Bild: Arno Declair

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„Ich bin das nicht“

Theatertreffen 2021 – Nach Euripides: Medea*, Schauspielhaus Zürich – Livestream (Regie: Leonie Böhm)

Von Sascha Krieger

Die Rächerin und Kindermörderin, die Migrantin und die Verstoßene, die Heimatlose und das Opfer des Patriarchats: Die Liste der Etikette, die der von Euripides verewigten Medea aufgeklebt wurden, ließe sich schier endlos fortsetzen. Die Geschichte der „Barbarin“, die dem Geliebten in ein fernes Land folgt, nur um dort für die Königstochter verlassen zu werden, und aus Rache ihre Kinder ermordet, ist eine jener mythischen, vielfach neuinterpretierten Frauenfiguren, in denen jede neue Zeit Anknüpfungspunkte zu finden scheint. In letzter Zeit kam so manche feministische Lesart hinzu, die sich jedoch meist mit dem Kulminationspunkt der Handlung, dem Kindermord,  schwertat, die sich denn doch nur schwer als emanzipatorische Handlung deuten lässt. Leonie Böhm löst das Problem in ihrer Zürcher Überschreibung damit, dass sie die schreckliche Tat nurmehr als Möglichkeit gelten lässt, als Zitat, als Zuschreibung der Rolle, die diese Figur zu spielen hat. Und genau um die geht es Böhm und ihrer Darstellerin Maja Beckmann: um das Herantasten an, das Umkreisen dieser nahen und fremden Frau. So wie im Theatertreffen-Livestream die einzelne Handkamera Beckmann umkreist, zurückweicht, wieder näher kommt, nie still steht, gilt das auch für de Auseinandersetzung mit der Rolle im doppelten Sinn – dem Part der Medea, wie der ihr als Stereotyp zugewiesenen Verhaltensmuster.

Bild: Gina Folly

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Kanalratten hinter Glas

Theatertreffen 2021 – Max Frisch: Graf Öderland, Theater Basel / Residenztheater, München – Aufzeichnung (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Nein, eine Parabel mit aktuellem Bezug wie Volker Löschs Dresdner Inszenierung von 2015, welche die Geschichte vom Staatsanwalt, der axtschwingend als mordender Anführer einer Bande Vegessener durch die Lande zieht, mit dem hasserfüllten Populismus der Pegida-Bewegung kurschloss, ist Stefan Bachmanns ausgrabung des selten gespielten Stücks von Max Frisch nicht. Dieser Öderland ist micht von dieser Welt, der Abend kein Kommentar der Gegenwart, eher ein zeitloses oder gar die Zeit negierendes Schauermärchen. Was im übrigen auch deswegen passt, weil die Inszenierung eine der letzten Premieren vor der Pandemie war, ein Relikt aus halb vergessner Zeit. Olaf Altmann hat dafür eines seiner postapokalyptisch minimalistischen Bühnenbilder geschaffen, welche die Spieler*innen zu Fredgeesteuerten, Getriebenen , Gefangenen von Schwerkraft und Raum machen.Ein trichterartiges Rohr erfüllt die Bühne, eine dunkle, fahl erhellte Kanalisation, in der die Mernschen wie Ratten – das Tier mit dem schlechten Ruf macht denn auch mehrfach seine Aufwartung – leben. Sie plumpsen durch ein Loch in der Rückwand hinein, werden vor wieder rausgespült, nur um zurück in den Kreislauf zu geraten.

Graf Öderland

Bild: Birgit Hupfeld

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Jenseits der Automatenwelt

Theatertreffen 2021 – Anna Gmeyner: Automatenbüfett, Burgtheater (Akademietheater), Wien – Aufzeichnung (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Abgefilmtes Theater: Nachdem die ersten beiden Einladungen zum diesjährigen Theatertreffen die Abwesenheit des gemeinsamen Live-Kunst-Erlebnisses in den Mittelpunkt rückten oder zumindest mitdachten und ästhetisch verarbeiteten, ist Barbara Freys  Automatenbüfett eine Erinnerung an selige Analogfestival-Zeiten. Eine jener 3Sat-Aufzeichnungen, die den Kartenlosen oder den Abwesenden ein wenig Theaterflair ins Wohnzimmer brachten oder ins Public Viewing, eine Draufschau von weitem, nicht mittendrin und nur halb dabei, nie behaptend, sie seien das das Erlebnis selbst. Heute, im Jahr zwei digitaler Theatertreffen, wirkt das wie aus der Zeit gefallen. Und passt damit zu diesem Stück und dieser Inszenierung. 1932 entstanden, Produkt einer Endzeit, stammt Anna Gmeyners Stück aus dem Kosmos jener Ödön von Horváths, aus der (post)apokalyptischen welt jener ganz unten, der Vergessenen und sich selbst vergessen Habenden, die die eigene Hoffnungslosigkeit sich in wölfischem (Selbst)Erhaltungstrieb, der schnell zu (Selbst)Vernichtungswille mutiert, entladen lassen. Und doch in bei Gmeyner selbst dieser brutale Drang zur Entmenschlichung, zum Überleben phne Ziel, bereits ermüdet, in Resignation erstickt, am Rande zur Farce balancierend.

Bild: Matthias Horn

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