Archiv der Kategorie: deutsch

Im digitalen Regen

Junges DT – Nach dem Roman von John von Düffel: Klassenbuch, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Kristo Šagor)

Von Sascha Krieger

When it rains, it pours, sagt ein englischsprachiges Sprichwort. Man kennt das aus der Pubertät, wenn jede noch so kleine Krise, die schlechte Note, der erste Liebeskummer, der Streit im Freundeskreis, das verlorene Fußballspiel, apokalyptische Züge annehmen kann. Doch was, wenn der Regen nurmehr digital ist, im Zwischenraum des passend so genannten Inter(!)-Nets stattfindet? Was, wenn zur ohnehin schon unmöglich erscheinenden Identitätsfindung in der realen Welt eine solche, die eher einer Identitätserschaffung ähneln mag, im digitalen Raum hinzukommt, wenn sich die eigene Welt unendlich erweitert, die Echokammer, in der man sich befindet riesengroß und zugleich winzig klein wird? Im Laufe der Inszenierung von John von Düffels Roman Klassenbuch mit dem Ensemble des Jungen DT fällt er tatsächlich, der digitale Regen. Fahl und weiß ziehen seine Fäden über die Rückwand und bilden digitale Pfützen auf der angeschrägten Spielfläche, die eigentlich weiß ist, wie das Blatt, welches das junge Leben der Protagonist*innen dem Klischee nach darstellt? Diese Pfützen sind schnell laufende und sich multiplizierende Counter, Leben im digitalen Zeitalter werden zu Datenmengen reduziert, aus- und verwertbar.

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Bild: Arno Declair

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Himmel und Hölle

Chgefdirigent Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Lindberg, Berg und Bruckner

Von Sascha Krieger

Keine Angst vorm Kernrepertoire: Natürlich sollen Chefdirigent*innen ihre eigenen Akzente und Schwerpunkte setzen, aber wer am Pult eines deutschen Spitzenorchesters – welches das Deutsche Symphonie-Orchester ohne Zweifel ist – steht, muss sich auch im klassischen und romantischen Repertoire der deutsch-österreichischen Musiktradition zu Hause fühlen. Für den Engländer Robin Ticciati, seit Beginn dieser Spielzeit „Chef“ beim DSO, gilt das ohne Abstriche. Schon bei seinem ersten Auftritt an deren Pult hatte er Anton Bruckner auf dem Programm, die Vierte, ein mutiges Statement für einen Debütanten. Jetzt eröffnet er sein erstes volles Kalenderjahr in Berlin mit der Sechsten, jener, die „selten gespielt“ zu nennen, sich eingebürgert hat, aber mittlerweile kaum mehr als Koketterie ist. Ticciati, das ist jetzt schon klar, ist ein Freund thematischer Programmgestaltung. Und da Bruckner einmal sagte, der Gesang sei das Wesen der Musik, strickt er seinen Abend um das gesangliche.

Robin Ticciati am Pult des DSO (Bild: Kai Bienert)

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Lasst uns summen

She She Pop: Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Regie: She She Pop)

Von Sascha Krieger

25 Jahre gibt es sie jetzt schon. She She Pop sind längst eine Ikone der freien Theater- und Performanceszene im deutschsprachigen Raum, auch eine eines vor allem weiblichen Blickes auf gesellschaftliche Phänomene und Themen unserer Zeit. Was schenkt man sich da zum Vierteljahrhundert? Vielleicht eine Arbeit, für die so richtig Zeit bleibt, die man entwickelt, indem man zunächst durch die Welt reist, von Festival zu Festival, ein Work-in-Progress, dass auch nach seiner jetzt erfolgten offiziellen Premiere wieder hinauszieht in die Theaterwelten. Und vielleicht lässt man auch erst einmal das Publikum arbeiten. Tatsächlich bleibt es zunächst dunkel auf der Bühne. Eine Videowand spricht die Zuschauer*innen an, gibt ihnen wie ein Teleprompter Text, den sie sprechen sollen. Mal alle im Chor, mal Einzelne, mal einzelne Gruppen, die gleich zu Zugehörigkeitsentscheidungen des Publikums führen: Gehöre ich zum „Chor der reichen Erb*innen“ und wenn ja, will ich das zugeben? Bin ich ein „junger Mann ohne festes Einkommen“ oder vielleicht eine „Mutter ohne Absicherung“, definiere ich mich als „pragmatisch“, „skeptisch“ oder gar als „Klassenkämpfer*in“?

Bild: Sascha Krieger

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Wider die Eindeutigkeit

Nach „Franziska“ von Frank Wedekind: Betrunken am Highway, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Charlotte Brandhorst)

Von Sascha Krieger

Willkommen in der Zeitkapsel. P14, die Jugendtheatergruppe der Volksbühne, ist ja so etwas wie das Gallische Dorf des Hauses. Ganz Volksbühnenland ist von den „Neoliberalen“ besetzt? Nein, eine Enklave harrt aus, lässt die Fahne der viel beweinten und vermissten guten alten Castorf-Zeit flattern, wenn auch ein wenig versteckt im 3. Stock („Wir wussten gar nicht, dass das hier existiert“ ist ein Satz, der vor gefühlt jeder Vorstellung zu hören ist). Und Caesar alias Chris Dercon? Der hat gar keine Absicht, auch diesen letzten Winkel zu erobern, lässt P14 die gleiche Autonomie wie Castorf. Gut fürs Feindbild ist das nicht. Dafür umso besser fürs Spiel, ohne das Theater ja bekanntlich nicht kann. Wo an anderen Häusern Jugendliche eingeladen werden zum Theatermachen, laden sie sich hier selbst ein, schreiben ihre Stücke, führen Regie, machen Bühne, Kostüme und Licht. Unterstützung gibt es, wenn sie sie wünschen. Sie haben das Sagen und das macht diesen Ort so besonders. Mitunter auch besonders anstrengend.

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Kippfiguren

Thomas Melle: Versetzung, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Brit Bartkowiak)

Von Sascha Krieger

Eigentlich läuft bei Ronald alles großartig: Der Lehrer ist beliebt, sein Schulleiter, der kurz vor der Pensionierung steht, eröffnet ihm, ihn zu seinem Nachf0lger machen zu wollen, seine Frau ist schwanger. Und doch steht er draußen. Brit Bartkowiaks Uraufführungsinszenierung beginnt er vor dem Eisernen Vorhang, seinen unsichtbaren – nicht anwesenden? – Schülern über die Benutzung des Wortes „Opfer“ als Schimpfwort dozierend, was in den Worten „Ich bin ein Opfer.“ kulminiert. Ein Monolog ins Leere hinein. Wenn der Eiserne hochgeht, eröffnet sich der Blick auf eine angehobene Spielfläche. Biederes Holz à la Gelsenkirchener Barock und dröger blauer Teppichboden. Die anderen Protagonist*innen, derer Schulapparat samt Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen versammelt sich darauf – Ronald bleibt draußen. Alles scheint gut, normal, und doch ist irgendetwas nicht ganz richtig. Klar, bekommt er gleich die Fischfutterdose fürs Aquarium überreicht, das Zepter eines spießigen Schulleiters, aber sein Besuch auf dem Podium des Dazugehörens scheint von Beginn an temporär angelegt. Hinzu kommt Daniel Hoevels‘ immer leicht verkrampfter, angespannter Duktus als Ronald. Nein, hier steht etwas im Raum. Nicht greifbar, vielleicht nur eine Illusion des überwachen Zuschauers.

Bild: Arno Declair

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Das errungene Wir

Elfriede Jelinek: WOLKEN.HEIM. Und dann nach Hause, bat-Studiotheater, Berlin (Regie: Branko Janack)

Von Sascha Krieger

„Wer ist ‚wir‘?“ So beginnt eine Passage aus Thomas de Maizières Gatbeitrag zum Thema einer „deutschen Leitkultur“, erschienen auf Zeit Online im April 2017. In der Folge definiert de Maizière das deutsche „Wir“ über die, die alle nicht dazugehören. Gar nicht, wie jene, die sich „nur“ eine gewisse Zeit im Land aufhielten. Oder nicht vollständig wie die, „die seit langer Zeit hier leben, ohne Staatsbürger zu sein.“ Auch diese, so der Innenminister weiter, gehörten zu „unserem Land“, Teil des „Wir“ seien sie jedoch nicht. Elfriede Jelinek weiß das schon länger. Bereits vor 30 Jahren schrieb sie WOLKEN.HEIM, das, ersten Beispiel von Jelineks assoziativen Textflächen fürs Theater, um eben dieses „Wir“ kreist. Zunächst freundlich, Gemeinschaft konstituierend. Doch schnell kommt jene andere Seite des Wir dazu: das Ihr, die die nicht dazugehören und damit das Wir-Sein erst möglich machen. Ohne Abgrenzung vom „Anderen“ keine Identität. Keine individuelle und erst recht keine kollektive. Von Hölderlin bis zur RAF reicht das Textmaterial, das Jelinek aufschüttet. Von Identitätsromantik über Heldenpathos bis zu ideologisch grundierter Gewalt. Angesichts des Weges, den der deutsche Nationalismus von 1848 bis 1933 zurücklegte, kein unpassendes Spielfeld.

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Musik, die lebt

Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Werken von Schumann und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons mag einer der meisten gefeierten Dirigenten der Gegenwart sein, einer, der das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit sucht, ist der Lette nicht. Dabei hätte er gerade allen Grund dazu: Nicht nur gilt er als der besten seiner Zunft, hat von ihm geleitete Klangkörper – allen voran das Royal Concertgebouw Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – in ungeahnte neue Höhen geführt, der bescheidene Maestro wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt und gerade mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Philharmoniker. Doch Jansons ist keiner, der sich im Mittelpunkt stehend gefällt. Dorthin gehören für ihn andere. An diesem Abend zum Beispiel Daniil Trifonov. Der 26-Jährige gilt bereits als der große neue Tastenstar. Nicht zu unrecht: Der Russe ist ein begnadeter Virtuose und einer der leidenschaftlichsten Pianisten unserer Zeit. Technische Perfektion paart er mit Mut zu emotionalem, ausdrucksstarken Speil, und es gelingt ihm auch bei den schwersten Werken, beide Aspekte kongenial miteinander zu verknüpfen.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons (Bild: Bayerischer Rundfunk)

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Black Box Beethoven

Rudolf Buchbinder und die Sächsische Staatskapelle mit zwei Klavierkonzerten von Ludwig van Beethoven in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Das Berliner Gastspiel von Rudolf Buchbinder und der Sächsischen Staatskapelle Dresden ging auf Nummer sicher: einer der wichtigsten Beethoven-Spezialisten unserer Zeit, zwei populäre Werke des Meisters, ein Spitzenorchester, das wie kaum ein anderes zu Hause ist im klassischen und romantischen deutschen Repertoire. Was kann da schief gehen. Nichts. Und alles. Natürlich ist der Applaus warm, wenn auch nicht übermäßig enthusiastisch, lächeln die Gesichter, geht man mit dem wohligen Gefühl nach Hause, die knapp zwei Stunden nicht verschwendet zu haben. Man wirft Dirigenten und Orchestern zuweilen vor, populäre Komponisten als „Crowdpleaser“ aufs Programm zu setzen, um das Publikum in den Konzertsaal zu locken und sie mit einem positiven Gefühl wieder nach Hause zu schicken. Dieser Abend ist 100 Prozent „Crowdpleaser“ und die „Crowd“ ist zufrieden. Das kritische Ohr ist es nicht, denn was Buchbinder und die Staatskapelle hier bieten, ist zwei Stunden in der Komfortzone. Risikofrei, routiniert und sterbenslangweilig.

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„Ich lenke, also bin ich“

andcompany&Co.: COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Es soll ja immer noch Leute geben, die überzeugt sind, dass sich dieses Internet nicht durchsetzen wird. Vielleicht sollte es das auch gar nicht. Denn irgendwie ist es ja längst außer Kontrolle geraten, hat seine Mitte verloren, Sender und Empfänger sind nicht mehr zu unterscheiden, aus Kommunikation wurde ein rauschen. Das vielleicht wir selbst geworden sind? In ihrer neuen Arbeit begeben sich andcompany&Co. – diesmal tatsächlich nur das dreiköpfige Kernteam aus Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma – auf die Spuren eines Absturzes. Exkommuniziert seien sie, berichten sie zu Beginn, aus der Kommunikation ausgeschlossen, hinweggerafft von einer Datenflut, die unkontrollierbar wurde. Draußen tobt jetzt ein Datensturm, der alles hinwegfegt. Die Rache von Big Data. Zuflucht bietet ein, nun ja, Kontrollraum. Nachempfunden ist er dem, den der chilenische Präsident Salvador Allende bauen ließ. Von hier aus sollte Cybersyn gesteuert werden, ein vom britischen Kybernetiker Stafford Beer konzipiertes Netzwerk, das die gesamte chilenische Wirtschaft steuern sollte. Nach Pinochets Putsch und Allendes Ermordung wurde das Programm aufgegeben.

Bild: Sascha Krieger

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