Archiv der Kategorie: Dea Loher

Ein Traum vom Himmel

Dea Loher: Gaunerstück, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

„Ein Stück vom Himmel“ (um mit einem Herbert-Grönemeyer-Zitat zu beginnen): Das ist es, was Maria und Jesus Maria, Zwillinge eines weggelaufenen Vaters und einer alkoholkranken Mutter, wollen, und sei es auch noch so klein. In Alize Zandwijks Uraufführung des neues Stücks von Des Loher setzt Bühnenbildner Thomas Rupert die beiden in ein vage himmelblaues Zimmer. Doch der Raum ist, abgesehen von zwei Waschmaschinen und ein paar Matratzen leer, die Farbe schmutzig und längt in großen Fetzen abblätternd. Ein Wartesaal des einst versprochenen schönen Lebens, eine Vorhölle, aus der sie an diesem Abend nicht herauskommen werden. Und die bevölkert ist von so manchem seltsamen Personal: Da ist Porno-Otto, Macher und einst Darsteller entsprechender Filme, Madame Bonafide, Hellseherin mit unentscheidbarer Provenienz und Geschlechterzuordnung, und Herr Wunder, Juwelier mit unentschiedener Sinnfrage. Am Ende sind – wir sind schließlich bei Lohet – zwei der fünf tot und die Zwillingen stehen – im Wortsinn – am Anfang. Und doch ist da so etwas wie Hoffnung, scheint das meist ins Zwielicht getauchte dreckige Blau urplötzlich ein ganz klein wenig reiner.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Maschinerie der Verzweiflung

Dea Loher: Am Schwarzen See, Deutsches Theater Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Von Sascha Krieger

Dem Deutsches Theater wurde in den letzten Jahren des öfteren vorgeworfen, den Anschluss verpasst, die Führungsrolle in der Berliner Theaterlandschaft verloren zu haben, nur noch hinterherzulaufen, kein künstlerisches Profil zu haben, nicht mehr so richtig relevant zu sein. Fast scheint es, als setzte Intendant Ulrich Khuon in dieser Spielzeit alles daran, dies zu widerlegen. Zum Beispiel mit einem konsequent verfolgten Spielzeitmotto, das der Saison eine thematische Mitte gibt. Oder in dem sich das haus als Uraufführungstheater profiliert. Und dabei wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Mit Yasmina Reza war zunächst die derzeit wohl weltweit gefragteste Theaterautorin überhaupt an der Reihe, jetzt ist es Dea Loher, der diese Position im deutschsprachigen Raum wohl nur noch Roland Schimmelpfennig und Elfriede Jelinek streitig machen können. Am Schwarzen See ist Andreas Kriegenburgs zwölfte Uraufführung eines ihrer Stücke, die zweite am DT (nach Diebe), die dritte die hier im Repertoire ist (Das letzte Feuer hatten Khuon und Kriegenburg aus Hamburg mitgebracht). Beide Inszenierungen sind auch gute Referenzpunkte, um sich anzusehen, wie ein Loher-Abend funktionieren kann und wo seine Fallstricke liegen. Leider hat Am Schwarzen See nicht nur inhaltlich mehr mit Das letzte Feuer als mit Diebe gemeinsam – das gilt auch für die Inszenierung.

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Dea Loher: Unschuld, Deutsches Theater Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Der Saisonstart des Deutschen Theaters lässt sich programmatisch interpretieren: Mit Elfriede Jelinek, Dea Loher und Roland Schimmelpfennig stehen die vielleicht wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart im Mittelpunkt der DT-Premieren. Dabei kommt es nicht nur einmal zu ungewöhnlichen Autor-Regisseur-Paarungen. Nachdem Hausregisseur Andreas Kriegenburg kürzlich sein Jelinek-Debüt gab, versucht sich nun sein Vorgänger Michael Thalheimer mit Unschuld erstmals an einem Stoff von Dea Loher – ein Stück, dessen Hamburger Uraufführung Kriegenburg eins inszenierte. Thalheimer, der Klassiker-Komprimierer, der es wie kein anderer versteht, klassischen Stoffen so weit auf den Grund zu gehen, bis er ihren Kern offen gelegt hat – er ist zeitgenössischen Stoffen bislang weitgehend aus dem Weg gegangen. Nun soll es Loher sein, die sich selbst in der Tradition der antiken Tragöden sieht – da ist der Regisseur, der einst die Orestie auf fulminante 90 Minuten reduzierte, vielleicht genau der richtige. Und siehe an, es ist gelungen.

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Dea Loher: Das letzte Feuer, Thalia Theater Hamburg / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Die Bühne: eine kreisrunde Anordnung schäbiger, verlebter Räume, fast den ganzen Abend rotierend. Darauf die Figuren: von einem Zimmer in das nächste laufend, Türend öffnend und schließend, zuletzt auch zudrückend. Alles ist hier ständig in Bewegung, aber alle Bewegung geschieht sich im Kreis. Ausweglose, Versehrte, sie alle: ein aus dem Krieg zurückgekehrter Soldat, ein Paar, deren Kind tödlich verunglückt ist, eine Polizisten, die das Kind überfuhr, ein Autodieb, der vor der Polizistin floh und den Unfall verursachte, eine Frau, die der Krebs beide Brüste nahm.

Sie alle schleppen ein Trauma mit sich herum, die meisten mehrere. Sie bewegen sich, taumeln zwischen Schuld und Verzweiflung, Trauer und Wut. Dabei ist Lohers Theater kein Handlungstheater. Ihr Aktionsraum ist die Sprache. Das Stück wechselt zwischen Erzählung und Spiel, zwischen Erinnertem und vermeintlicher Gegenwart. Hauptakteur ist die Vergangenheit, alles ist schon geschehen, die Figuren fest in ihrem Griff.

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Dea Loher: Diebe, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Kriegenburg und Loher, das ist eine dramatische Liebesbeziehung, die Kriegenburgs Umzug von Hamburg nach Berlin überstanden hat und das Potenzial hat die des viel zu früh verstorbenen Jürgen Gosch mit Roland Schimmelpfennig zu ersetzen. „Diebe“ ist die erste gemeinsame Uraufführung am DT und es ist eine untypische – für Loher wie für das DT dieser Spielzeit: Denn was an dieser Inszenierung vor allem anderen auffällt, ist ihre Leichtigkeit. Das gilt für das Stück, das intelligent, durchaus vielschichtig, überraschend unterhaltsam und humorvoll geschrieben und dramaturgisch sehr gut strukturiert ist, ohne streng zu wirken.

Das gilt auch für die Inszenierung: Kriegenburg hat eine Bühne in Form einer rotierenden Mühle geschaffen. Das ist bildlich stark und stringend, drängt sich aber sich nie auf. Das Bühnenbild bestimmt und strukturiert die Aufführung und bleibt trotzdem im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Figuren, zu wechselnden Tableaus aufgereht, aber nie statisch, leblos. Kriegenburg akzentuiert die komischen Momente, ohne die tragischen zu verraten, auch in der Komik scheint immer eine gewisse Melancholie auf, ohne erstere zu erdrücken. Es ist eine leicht, fein nuancierte und angenehm ruhige Inszenierung, die berührt und unterhält – und vor allem trotz ihrer Länge nie langweilt.